Zwiegespräch mit Immanuel

von marie mehrfeld
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Sonniger später Märznachmittag auf dem großen Friedhof, der geschichtsträchtigsten und geheimnisvollsten Region meiner Stadt. Wieder einmal bin ich unterwegs in dieser grünen Oase mit ihrem vielfältigen alten Baumbestand und fülle meinen Energietank auf. Der Geist vieler Tausender menschlicher Schicksale scheint leise summend über dem riesigen Totenacker zu schweben. Ich spüre ihn an diesem Ort überall, diesen energetischen Geist. Durch viele Länder bin ich gereist, ihre Friedhöfe habe ich mir stets mit besonderem Interesse betrachtet. Die Art und Weise, Tote zu bestatten, hat mir Auskunft gegeben über das Wesen und die Kultur der Menschen unterschiedlichster Regionen, Religionen. Ohne es begründen zu können, bleibe ich heute wie angewurzelt vor einer verwahrlosten Grabstätte stehen. Efeu überwuchert die graue eingesunkene Marmorplatte. Wenige noch entzifferbare goldene Lettern blinken im gebrochenen Schein der späten Sonne. Immanuel. Nachname nicht mehr lesbar. Gestorben, als ich geboren wurde. Nur drei Jahrzehnte hast du gelebt. Warst du mit diesem ungewöhnlichen Rufnamen besonders intelligent und hast den kategorischen Imperativ deines berühmten Namensvetters Immanuel Kant gekannt und verstanden? Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde? Oder hat man dir deinen Vornamen nur wegen des schönen Klangs verliehen? Wie sahst du aus, welche besonderen Begabungen hattest du? Wie ist es dir während des ersten Weltkrieges gegangen, den du als kleiner Junge erlebt hast? Was könntest du mir über die Zeit der großen Inflation erzählen, über Deutschland im Umbruch, im Elend? Hast du dich jemals unsterblich verliebt? Das alles frage ich dich und weiß sogleich, dass ich es nie erfahren werde. Vor deinem Grab stehend fühle ich mich dir auf unerklärliche Weise nahe. Alle negativen Mutmaßungen über deinen Lebenslauf verdränge ich. Stelle mir lieber vor, dass du ein kluger, fröhlicher und viel geliebter Mensch warst, aus deiner Mitte heraus gelebt, Glück empfangen und weiter gegeben hast. Ich wünsche mir, dass du mit liebevollen Eltern, fröhlichen Geschwistern und vielen Freundinnen und Freunden aufgewachsen bist. Dein früher Tod kam überraschend, du musstest beim Sterben nicht leiden. Bei deiner Beerdigung sind ehrliche Tränen geflossen. Du hast deinen Lieben noch lange Zeit gefehlt. Vermutlich bin ich der letzte Mensch, der an dich denkt und um dich trauert, denn um deine letzte Ruhestätte hat sich sichtbar seit langer Zeit niemand mehr gekümmert. Vielleicht sitzt deine Seele in der Amsel, die im Gebüsch über deinem Grab ihr Liedchen flötet und du hörst mir zu? Wo auch immer sie grade herumschwirrt, deine Seele, ich wünsche ihr und damit dir das Beste. Gebe dir einen Spruch mit auf alle Reisen, die noch vor dir liegen: Quando corpus morietur, fac, ut anima donetur paradisi gloria. Wenn der Körper gestorben ist, soll der Seele die Herrlichkeit des Paradieses zuteil werden. Diese lateinischen Worte kenne ich als früheres Chormitglied aus dem „Stabat Mater“ Text in der von Joseph Haydn vertonten Version. Mit diesen guten Gedanken verabschiede ich mich von dir, Immanuel. Seltsam beglückt über unsere Begegnung trete ich den Heimweg an.

Immanuel Kant wurde am 22. April 1724 in Königsberg, Preußen geboren und starb dort am 12. Februar 1804. Er war ein deutscher Philosoph der Aufklärung und zählt zu den bedeutendsten Vertretern der abendländischen Philosophie. Sein Werk Kritik der reinen Vernunft kennzeichnet einen Wendepunkt in der Philosophiegeschichte und den Beginn der modernen Philosophie. Kant schuf eine neue, umfassende Perspektive in der Philosophie, welche die Diskussion bis ins 21. Jahrhundert maßgeblich beeinflusst. Dazu gehört nicht nur sein Einfluss auf die Erkenntnistheorie mit der Kritik der reinen Vernunft, sondern auch auf die Ethik mit der Kritik der praktischen Vernunft und die Ästhetik mit der Kritik der Urteilskraft. Zudem verfasste Kant bedeutende Schriften zur Religions-, Rechts- und Geschichtsphilosophie sowie Beiträge zu Astronomie und Geowissenschaften. Der kategorische Imperativ ist im System Immanuel Kants das grundlegende Prinzip der Ethik. Wie war Kant als Mensch? Er legte größten Wert auf ein gepflegtes Äußeres und modische Kleidung. Mit nur 1,57 Meter Körpergröße war er eher unauffällig. Sein Knochenbau soll sehr zart und die Muskulatur überaus schwach gewesen sein. Die Brust war eingefallen, so dass er bisweilen über Herzbeklemmungen und Luftmangel klagte. Seine Nerven waren anfällig, und er soll so empfindlich gewesen sein, dass ihm schon ein frisch gedrucktes Zeitungsblatt einen allergischen Schnupfen verursachte. Ernsthaft krank war er jedoch nie.

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Kommentare

17. Mär 2017

Schön, dass du wieder "da" bist, Marie. - Merkwürdig, auch ich bin früher gern auf Friedhöfe, bevorzugt auf jüdische Friedhöfe, gegangen. Und du hast - wie immer - recht: "Animam constat animal esse", Seneca, Epistulae morales (Es steht fest, dass die Seele ein Lebewesen ist). Fast vergessen zu schreiben: Wunderschöner, berührender Text.

Liebe Grüße
Annelie

17. Mär 2017

Dein Echo freut mich, Annelie. Diese Gedanken kamen mir nach einem großen Spaziergang über den Frankfurter Hauptfriedhof, einen wirklich friedlichen Ort, an dem ich öfter Zwiegespräche mit Toten führe, wobei ich mich sehr lebendig fühle.
LG Marie

17. Mär 2017

Viel Leben hält sich dort VERSteckt -
Schön, wenn man es so entdeckt!

LG Axel

17. Mär 2017

Für diesen Zuspruch dank' ich dir.
Spendier "im Geist" dafür ein Bier ...
LG Marie

17. Mär 2017

Welch Entdeckerfreude auf einem Friedhof möglich ist, wenn man nur genau hinschaut, fasziniert mich an dieser Geschichte. Ein ungebräuchlicher Vorname auf einem Grabstein, und es wird eine Kette von Assoziationen ausgelöst. Immanuel! Mein Rat, selbst lesen. Die Geschichte ist es wert.
LG Monika

17. Mär 2017

Danke, Monika. Ja, man kann viel entdecken auf den Friedhöfen der Welt, man kann den Alltag ausblenden und seinen Gedanken freien Lauf lassen. Fremde Friedhöfe - stimmen mich heiter.
LG Marie

17. Mär 2017

Beneidenswert. Daran muss ich noch arbeiten.
Liebe Frühlingsgrüße und noch ausgiebige und anregende Friedhofsgänge wünscht Monika

17. Mär 2017

Liebe Frühlingsgrüße zurück - und, übrigens, ich verbringe nur einen sehr kleinen Teil meiner freien Zeit auf Friedhöfen ...
LG Marie