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AU 2010 04 "Aboriginal Tent Embassy" in Canberra - Page 2

Bild von Willi Grigor
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nur noch ein Museum ist. Hinter diesem pompösen Gebäude kommt eine weitere große Rasenfläche und dahinter - dann auf einem flachen Hügel - das neue Parlamentsgebäude mit dem charakteristischen Flaggenmast mit der australischen Flagge, der von überall zu sehen ist.
Wenn man sich umdreht, sieht man die Parade-Straße "ANZAC Parade", die zum Kriegerdenkmal führt, und hinter dem den Berg Mount Ainslie, von dem aus wir mehrfach die Aussicht über genau diese Szenerie bewunderten. Alles befindet sich auf einer Linie. Canberra wurde auf dem Reißbrett geplant.
Wir gingen die Treppe hinauf und durch die Tür.
Bei der anschließenden, interessanten Führung zeigte und erläuterte eine nette Dame uns alles, was wichtig war. Unsere Gruppe war klein, nur sechs Personen, was diesem Rundgang einen privaten Anstrich gab.

Hier einige interessante Fakten über das alte Parlamentsgebäude in Canberra:
Als 1901 sechs britische Kolonien sich zum "Australischen Bund" zusammenschlossen, war die Rivalität zwischen Melbourne und Sydney so groß, dass keine der Städte es akzeptiert hätte, wenn die andere Hauptstadt geworden wäre. Man einigte sich schließlich darauf, dass irgendwo zwischen Melbourne und Sydney eine neue Hauptstadt gebaut werden sollte. 1909 einigte sich das Parlament auf den Standort der neuen Hauptstadt, das heutige Canberra. Das "Australian Capital Territory" wurde geschaffen und 1913 begannen die Bauarbeiten. Nach dem Ersten Weltkrieg beschloss die zuständige Planungsbehörde in Canberra ein „provisorisches“ Parlamentsgebäude zu errichten, um die Zeit bis zum Bau eines „permanenten“ Gebäudes zu überbrücken. Die Bauarbeiten begannen im August 1923 und am 9. Mai 1927 wurde es eingeweiht. Am selben Tag wurde Canberra die neue Hauptstadt Australiens. Nun hatte man ein Parlamentsgebäude aber eigentlich noch keine Stadt drumherum. Parlamentarier und Staatsangestellte waren nicht sonderlich begeistert, da sie den Komfort in Melbourne aufgeben und in ein ihrer Meinung nach abgelegenes, kaltes und staubiges Mini-Städtchen umziehen mussten. Während 61 Jahren diente das Gebäude als „Dauerprovisorium“. Es wurde aber schließlich zu eng und zu klein. In einem Gebäude, das ursprünglich für 300 Personen gedacht war, drängten sich zuletzt bis zu 4.000. Aus Angst vor den hohen Kosten zögerten verschiedene Regierungen den Entscheid für einen Neubau immer wieder hinaus. Die Bauarbeiten am neuen Parlament begannen schließlich 1981 und 1988 wurde wurde es eingeweiht
Erst 1962 wurde ein ziviler Flughafen eröffnet. Direktflüge ins Ausland sind bis heute nicht im Angebot.

Nach der Führung gingen wir noch einmal zurück zur "Aboriginal Tent Embassy". Rechts neben dem Willkommen-Schild stand ein kleiner Tisch, auf dem einige aboriginische Handarbeiten (augenscheinlicher Krimskrams) angeboten wurde. Da ich eine gewisse Sympathie für dieses zerstörte, andersartige und sechzigtausend Jahre alte Volk habe, das bis zum Einzug der Europäer vor 200 Jahren nichts anderes brauchte als das, was sie in der kargen Natur zum Essen fanden, schaute ich mir die Dinge an, um etwas zu kaufen. Preise waren angegeben und eine kleine Geldbüchse lag auch da. Auf der runden Feuerstelle kohlte ein etwas zu dicker Holzklotz.

Da kam ein kleinwüchsiger Aborigine (vielleicht ein hochrangiger Zelt-Botschafter?) auf uns zu, der etwas nach Alkohol roch, und wir unterhielten uns. Er hieß George und er erzählte uns, dass das Feuer u. a. von seinem Großvater entzündet wurde und seit 1998 hier ununterbrochen brennt. Eine wechselnde Gruppe von Aborigines wohnt seit 1992 in Zelten auf dem Rasen vor dem alten Parlament. Sie dürfen Dusche und Toilette im Parlamentsgebäude benutzen und leben von Spenden und Dingen, die sie verkaufen. Ich sagte, dass ich etwas kaufen wollte, aber nichts von dem, was auf dem Tisch liegt. Er führte uns zu seinem Zelt etwas abseits vom Lager und zeigte uns T-shirts. Einige andere Aborigines lagen im Schatten und schauten interessiert. Ich kaufte ein nichtssagendes - offensichtlich zu kleines - T-Shirt zu Überpreis und wir verabschiedeten uns. Ich fand trotzdem, dass es eine interessante Begegnung war.

Das neue Parlamentsgebäude "Parliament House"
Wir beschlossen, auch das neue Parlamentsgebäude zu besichtigen. Es liegt nur ca. 500 Meter vom alten entfernt. Von außen ziemlich unscheinbar, was man sieht, ist hauptsächlich ein vierfüßiger, von überall sichtbarer Mast mit der Nationalflagge. Die Räumlichkeiten des 1988 eröffneten Gebäudes befinden sich zum größten Teil auf einem Hügel oberhalb des alten Parlamentsgebäudes. Der Bau des Gebäudes erforderte die Entfernung der oberen Hälfte des Hügels. Nachdem der Rohbau fertiggestellt war, wurde dieser mit der zuvor entfernten Erde wieder überdeckt. Das Dach des Parlamentsgebäudes ist mit Rasen bewachsen.
Um die großzügige Anlage führen zwei Ringstraßen mit einem Durchmesser von 1000 bzw. 700 Metern.

Wir gingen durch den Haupteingang und standen in einer imposanten, nicht übermäßig großen Marmorhalle. Verglichen mit dem futuristischen Äußeren erinnerten die Innenräume eher an ein Lustschloss mit edlen Holzpanelen an den Wänden und Decken.
Im Parlament war eine Debatte zwischen Regierung und Opposition im Gange, die wir uns anhören wollten. An der Garderobe musste man eventuelles Gepäck, Kamera, Schlüssel und andere Waffen abgeben, bevor man durch die Sicherheitsschleuse mit Leibesvisitation gehen durfte. Vor uns ging ein Paar mittleren Alters. Die Sicherheitsbeamten wurden fündig. Der Mann hatte ein kleines, rotes Taschenmesser in der Hosentasche. Das wurde ein Aufstand. Soviel Abwechslung haben die Beamten sicher nicht jeden Tag bei ihrer Arbeit. Das Paar wurde zur Seite genommen, damit wir und einige andere Personen hinter uns nicht warten mussten.
Der Parlamentsraum und die Form der Debatte erinnerten an das, was man im Fernsehen vom englischen Parlament gesehen hat. Die englische Königin ist übrigens Australiens Staatsoberhaupt und wird von einem Generalgouverneur vertreten.
Der damalige Premierminister Kevin Rudd war nicht anwesend, was aber den Oppositionsführer Tony Abbott nicht daran hinderte, ihn ordentlich zu beschimpfen. Es war ein härterer Ton als der, den wir bei uns gewöhnt sind. Nach einiger Zeit setzte sich ein Paar neben uns. Es war das mit dem Messer. Der anfängliche Terroristverdacht hatte sich anscheinend verflüchtigt. Nach einer guten halben Stunde reichte es uns. Wir verließen den Saal und das Gebäude.

Zufrieden mit unserem Ausflug nahmen wir den nächsten Bus nach Hause. Am Abend saßen wir noch lange auf der Terrasse. Gegen acht Uhr waren es immer noch 30 Grad, ungewöhnlich warm, auch für australische Verhältnisse.

Die Reise geht weiter
Am 14. Februar 2010 waren wir kurz vor acht Uhr bereit zur Fahrt zum Flugplatz. Wir sahen durch unser Fenster, wie Nachbar Jerzy und Frau Olivia mit dem Auto aus der Garage fuhren. Olivia saß am Steuer und es wurde eine rasante Fahrt durch die regennassen aber sonst leeren Straßen zu dem kleinen Flugplatz der Hauptstadt Australiens, von dem aus keine Auslandsflüge möglich sind. Canberra ist eine etwas andere Hauptstadt. Auf der anderen Seite muss man bedenken, dass das nächste Ausland (Neuseeland) 2000 km, und das zweitnächste (Papua-Neuguinea) 3000 km entfernt ist. Auslandsflüge sind nur von den großen Metropolen wie Sydney, Melbourne und Brisbane möglich.

Wir verabschiedeten uns im Regen und gingen in die Abflughalle. Gullan verursachte einen Piepton
beim Durchschreiten der Sicherheitsschleuse. Sie kannte das schon, zog die Schuhe aus, legte sie auf das Band durch die Röntgenanlage und ging dann ungehindert durch die Schleuse. Nach 50 Minuten landeten wir in Sydney. Wir hatten nur 35 Minuten bis zum Start der Maschine nach Auckland, der größten Stadt Neuseelands. Zum Glück brauchten wir uns nicht um unsere Koffer zu kümmern, und den Weg zum Auslandsterminal hatten wir schon beim Warten auf den Bus von hier nach Canberra ausgekundschaftet. Trotzdem wurde es knapp. In letzter Minute enterten wir die Air-New-Zealand-Maschine. Der Kapitän war ungewöhnlich gesprächig und unterhielt seine Passagiere mit munteren Plaudereien auf dem dreistündigem Flug über das Tasmanische Meer. Das Bordpersonal war locker und freundlich. Wir spürten eine deutliche Spannung und Vorfreude auf diesem ersten Flug nach Neuseeland.
Bei der Landung in Auckland war der Himmel bewölkt, die Temperatur war 26 Grad. Schilder ermahnten alle Ankommenden, keine Früchte oder sonstiges Essbares einzuführen, da dies streng verboten ist. Wir warfen Bananen und ein restliches Butterbrot in einen Mülleimer. Bei der Personenkontrolle gleich darauf kam ein beruflich im Einsatz befindlicher Hund auf mich zu und begann an meinem Handgepäck herumzuschnüffeln. Der zugehörige Hundeführer fragte uns, ob wir Früchte in der Tasche hatten. Wir erklärten, dass wir dies bis vor Kurzem hatten aber der Aufforderung der Schilder nachgekommen sind. Wir durften weiter zur Gepäckausgabe. Dort wurden wir gefragt, ob wir Lebensmittel in den Koffern hätten. Ich sagte "nein", Gullan sagte "doch, ein kleines Glas mit Nescafé". Ok, das war erlaubt.
Unsere halb volle Plastikflasche mit flüssiger Zahncreme mussten wir jedoch abgeben. Es sind nur 100 ml Flüssigkeit erlaubt. Auf der Verpackung stand aber 125 ml. Dass sie halb leer war spielte keine Rolle.
Nun musste noch die letzte Hürde genommen werden: Passkontrolle. Hier muss man auch ein ausgefülltes Einreiseformular abgeben. Das kennen wir ja schon von Singapur und Australien. Diese kann man schon im Flugzeug bekommen und Gullan hat solche schon oft ausgefüllt. Es sind viele Fragen zu beantworten bzw. anzukreuzen. Mit schöner Regelmäßigkeit wird irgendetwas falsch. Diesmal sieht der Kontrollant, dass Gullan eine wichtige Frage in meinem Formular nicht angekreuzt hatte: "Haben Sie in den letzten 12 Monaten im Gefängnis gesessen?" Sehr peinlich. Das holte sie schnell nach, der Beamte stellte keine weiteren Nachfragen und wir waren endlich in Neuseeland.

Die Ortszeit hier war 16:30, zwei Stunden später als in Sydney. Ein pakistanischer Taxifahrer fuhr uns zu unserem neuen Zuhause für zwei Wochen auf der Blockhouse Bay Road 397. Es war Sonntag und wenig Verkehr auf den Straßen der Millionenstadt Auckland.

Fortsetzung siehe AU 2010 05 Auckland, NZ

© Willi Grigor, 2010 (Rev. 2017)

Gedichte und Prosa:
https://www.literatpro.de/willi-grigor

O: Das alte Parlament, im Hintergrund das War Memorial und der Mount Ainslie UL:"Zelt-Botschaft" UR: Mit "Botschaftsangehörigem" vor dem "ewigen Feuer"

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Interne Verweise