Gefährlicher Sommer; Teil 20; Text 2 - Page 2

von Annelie Kelch
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Ich wurde übrigens während der gesamten Sitzung den Eindruck nicht los, dass ich wieder mal am tiefsten in die Taschen greifen soll. Mit einer alleinstehenden, wehrlosen Frau darf man sich anscheinend alles erlauben, Axel! Wie soll ich denen bloß die Stirn bieten, damit sie mich nicht ausnehmen wie eine Weihnachtsgans? Wenn Helge doch nur schon den Hof übernehmen könnte! Dann hätten die nichts mehr zu lachen.“
Ehrlich jetzt, Christine, das konnte ich mir mühelos vorstellen.
Ich musterte mit verstohlenem Blick Krögers Gesicht. Er saß mir gegenüber und war plötzlich sehr blass geworden.
„Alleinstehend, ja! Aber wehrlos, Karla? Außerdem kann man aus dem Lachauer Forst beträchtlich mehr herauswirtschaften, als es derzeit der Fall ist“, sagte er mit ernster Miene. „Und im Übrigen dürfte der finanzielle Anteil nach der Größe des jeweiligen Waldbesitzes bemessen werden, und der Lachauer Forst ist nun einmal, wie du sehr wohl weißt, das größte Waldgebiet im Dreieck ,Lübeck-Ratzeburg-Elmshorn'.“
Ich verschluckte mich an einem Stück Fleisch, und Leni, die neben mir saß, verabreichte mir ein paar rabiate Hiebe auf dem Rücken. Herr Ecker mampfte ungerührt vor sich hin. Wahrscheinlich bekam er von dem Gespräch zwischen Kröger und der Gnädigsten nicht das Geringste mit.
„Es stellt sich meines Erachtens sogar die Frage“, fuhr Kröger fort, „ob nicht sogar drei Förster mit einem dermaßen riesigen Waldgebiet völlig überfordert sein dürften.“
Frau Brandner stieß einen sorgenvollen Seufzer aus und sagte: „Nur zu, Axel. Für die nächste Versammlung stelle ich dir eine Vollmacht aus, damit DU dich statt meiner mit den Herren auseinandersetzen und selber feststellen kannst, was das für Sturköpfe sind.“
„Liebend gern, gnädige Frau“, grinste Kröger.
Leni füllte den Nachtisch in Kompottschalen, nachdem sie Herrn Ecker, der verschämt um einen vierten Nachschlag vom Bohneneintopf nachsuchte, unmissverständlich erklärt hatte, es müsse für den nächsten Tag auch noch etwas übrig bleiben. Frau Brandner freute sich, dass ich mich der Stachelbeeren im Park erbarmt hatte, „die sonst völlig in Vergessenheit geraten und vergammelt wären.“
„Das Hühnerhaus kannst du morgen wieder ohne Gasmaske betreten, Lene“, lachte Kröger.
„Das wurde aber auch allerhöchste Zeit“, warf die Gnädigste ein. Ich konnte ihr nur beipflichten.
„Wo steckt denn eigentlich unser Heiner?“, wollte Kröger wissen und rieb an seinem unrasierte Kinn herum.
„Ach so, Heiner, ja, Gudrun war so lieb und hat ihm sein Essen im Henkeltopf auf das Feld mitgenommen. Sie hat einen Termin beim Zahnarzt in Sickum und ist die Abkürzung über die Süderweide gefahren“, gab Leni zur Antwort.
„Vielen Dank, das hat super geschmeckt, Leni“, sagte ich. „Soll ich dir beim Abwasch helfen?“
„Heute nicht, Katja“, mischte sich Kröger ein. „Wir treffen uns in einer Viertelstunde am Hühnerhaus. Lass dich vorher ruhig noch mal bei Anita blicken, sonst wird sie auch noch auf mich wütend, weil ich dich in meine Arbeit eingespannt habe.“
„Rendezvous am Hühnerhaus“, kicherte Leni. „Wie romantisch!“
„Läuft da was zwischen dir und Katja, Axel“, erkundigte sich die Gnädigste lächelnd.
Ich sah zu, dass ich da raus kam. Als ich im Herrenzimmer war, hörte ich Kröger erwidern: „Sie kann mich eigentlich nicht ausstehen, Karla; aber dafür vertragen wir uns ganz ausgezeichnet. Heute hat sie mir jedenfalls tatkräftig geholfen. Morgen miste ich mit ihr den Kuhstall aus.“
„Das könnte dir so passen, Armleuchter, ohne mich“, hätte ich am liebsten zurückgerufen. Der wird von Tag zu Tag frecher, liebe Christine. Knut war ganz anders. Seine Witze waren auch bedeutend besser.
Als ich nach zwanzig Minuten aus der Veranda kam, stand Kröger bereits am Hühnerhaus, sog wie ein Baby an seiner Pfeife und produzierte heftig jenen süßlichen Tabakduft, der Leni in fuchsteufelswilde Ekstase versetzen konnte.
„Hast du dir was zu lesen mitgebracht, Katja?“, fragte er. „Ich muss den Hühnerkot zum Misthaufen fahren und abladen. Das dauert mindestens eine halbe Stunde. Du kannst hier warten – ich meine nur, damit du dich nicht langweilst." Ich lief ins Haus zurück und zog mir „Effi Briest“ aus Opas Bücherschrank.
Ich war bereits auf Seite 98, als er endlich wiederkam, liebe Christine.
Der Trecker, den er vors Hühnerhaus parkte, hatte auf dem Anhänger frische Einstreu geladen, eine Mischung aus Haferstroh, Weizenspreu und Torfmull, die die Feuchtigkeit außerordentlich gut aufsauge, was sich wiederum günstig nicht allein auf die Atemwege des Federviehs, sondern auch auf die der guten Leni auswirke, wie er mir augenzwinkernd erklärte.
Wir schafften die neue Innenausstattung in den vor Sauberkeit strotzenden Hühnerpalast und verteilten sie sorgfältig in alle Winkel und Ecken, wobei mir Krögers ausgeprägter Sinn für Ausgewogenheit auffiel.
Die Hühner schienen sich in der Zwischenzeit damit abgefunden zu haben, dass wir sie ausquartiert hatten, vermutlich aber herrschte nach eingehender Beratung Einigkeit darüber, dass eine Renovierung ihres Wohn- und Schlafplatzes unumgänglich sei, wollten sie, wie bisher, gesund bleiben und überdurchschnittlich große Eier legen. Jedenfalls staksten sie nunmehr gemächlich über Hof und Gras, ohne uns auch nur im Geringsten zu beachten. Einige erweckten allerdings immer noch den Eindruck, als seien sie zerrupft und zerzaust aus einer wüsten Schlacht mit „blauen Augen“ davongekommen.
Es war bereits kurz nach vier, als wir mit scharfen Klingen die letzten Schmutzspuren von Stangen und Gebälk gekratzt, sämtliche Spinnweben entfernt und den Boden ausgefegt hatten. Endlich hielt das Hühnerhaus Krögers Vorstellun­gen von einer gepflegten Eier-Produktions-Stätte stand. Der Gutsinspektor verabschiedete sich von mir mit einem Au­genzwinkern und den Worten: „Na, Effi, dann will ich mal nachschauen, wo ich unseren verfressenen neuen Großknecht finde. Hoffentlich hast du dich nicht zu sehr mit mir gelangweilt. Vergiss dein Buch nicht. Es liegt noch auf der Bank.“
Er warf einen letzten püfenden Blick auf den Hühnerauslauf, grinste mich an, und bevor ich antworten konnte, war er auf und davon.
Mir kam mit einem Mal der alberne Gedanke, Hannes zu fragen, ob sein Vater und die Gnädigste inein­ander verliebt seien. Es war das erste Mal, dass ich gehört hatte, wie Kröger Frau Brandner beim Vornamen nannte: Karla! Aber wenn man auf so engem Raum zusammenarbeitet, ist es wohl einfacher, wenn man sich duzt, findest du nicht auch, liebe Christine?! Knut war ja schließlich auch nicht nur mit allen Tieren, sondern auch mit allen Menschen, die auf dem Hof und im Dorf leben „per Du“ gewesen. Und außerdem kann mir das

Collage aus Pixabay- und privaten Fotos

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Kommentare

20. Okt 2017

Fein Leben ward hier eingehaucht -
Weshalb Dein Leser gern eintaucht!
(Hausangestellter - faul, dick, groß:
An wen erinnert der mich bloß?!)

LG Axel

20. Okt 2017

O. Ecker lässt an Krause dich wohl denken,
auch er - arbeitet ungern, lässt sich lieber
100 Euro schenken.

LG Annelie

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