Gefährlicher Sommer; Teil 20; Text 2 - Page 4

von Annelie Kelch
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kühn aus dem braungebrannten Gesicht, und das schwarz-weiß karierte Hemd, das er trug, kroch verwegen aus dem Bund seiner schwarzen Shorts.
„Unser Hannes, wie er leibt und lebt“, hörte ich Lenis Stimme hinter mir, die mal wieder vor Rührung zu zittern schien.
„Wo bleiben verdammt nochmal das Begrüßungskommitée, der rote Teppich und die Blumen?“, fragte Hannes und sah uns mit gespieltem Vorwurf in der Miene der Reihe nach an.
„Pah!“, motzte Leni, „deren Rührseligkeit ebenso schnell verging, wie sie gekommen war.
„Das könnte dir so passen, junger Herr Kröger.“
„Hallo, Hannes, da bist du ja endlich“, sagte ich schnell und lächelte ihn an. “Ich habe dich wirklich sehr vermisst.“
„Du scheinst die Einzige auf diesem fürstlichen Anwesen zu sein, die derart herzerwärmende Gefühle für mich hegt, meine Liebste und Schönste“, sagte Hannes und umarmte mich etwas umständlich, weil er sein Fahrrad dabei umklammert hielt.
„Oho, mich will just dünken, mein teurer Filius habe die schönen Künste, sprich, die Versdichtungen dieses Shakespeare, in der Stadt studiert, anstatt seinen Geist für die hohe Wissenschaft der Arithmetik zu schärfen“, deklamierte Kröger, der sich in der kühlen Veranda mit Buchhaltung beschäftigt hatte und aus der Veranda getreten war.
„Das wird noch ein böses Ende mit dir nehmen.“ Er drohte Hannes scherzhaft mit erhobenen Zeigefinger und sagte: „Zeige mir doch bitte mal die Mathematikbücher vor, die du aus der Stadt mitbringen wolltest, Sohn.“
„Mensch, Axel, du kannst vielleicht geschwollen daherreden“, warf Leni ein und sah Kröger bewundernd an. Ich enthielt mich jeden Kommentars und dachte: Womöglich ist ihm das saubere Hühnerhaus zu Kopf gestiegen. Womöglich war es sogar das erste Mal, dass es überhaupt von ihm gereinigt wurde. Mit meiner Hilfe. Womöglich hat Kröger damit bis zu den großen Ferien gewartet, damit eine gewisse Katja Kleve, die im Sommer auf Lachau einzutrudeln pflegt, ihm dabei helfen konnte.
„Und ich brauche jetzt dringend ein heißes Bad und ein gutes Abendessen von Tante Selma. Danach findet eine etwa zweistündige Konferenz in Oma und Opa Franzens Laube statt – ausschließlich zwischen Katja und mir –, und last but not least wünsche ich sämtliche Mitglieder unserer Clique vor dem Hühnerhof zu treffen. Capito?“
Hannes blickte erst Kora und dann Konny an.
„Da hast du dich aber gründlich verrechnet, alter Junge“, grinste Konny. „Erstens musst du dir dein Abendbrot selber zubereiten, denn unsere Mutter liegt im Krankenhaus, und zweitens haben Kora und ich für heute Abend schon etwas anderes vor.“
„Tante Selma im Krankenhaus? Weshalb?“, fragte Hannes verblüfft und sah mich Hilfe suchend an.
„Bis nachher in der Laube“, stieß ich hastig hervor und machte, dass ich wegkam.
Im Herrenzimmer ließ ich mich in den schweren Chippendale-Sessel der Gnädigsten fallen und fragte mich unablässig, wie Hannes die Nachricht vom Überfall auf Tante Selma aufnehmen würde. Mir stand absolut nicht der Sinn danach, seine erste Reaktion aus nächster Nähe mitzuerleben. Es ist nicht meine Schuld, betete ich mir unablässig vor. Hannes trägt mindestens fünfzig Prozent Mitschuld. Nein, es ist wahrhaftig nicht allein meine Schuld ...
„Katja, hast du Oskar Ecker gesehen?“ Kröger stand plötzlich vor mir und sah lächelnd auf mich herab.
„Nein, aber Hannes ist wieder zurück“, sagte ich wie in Trance. (Als ob er das nicht längst wüsste! Schließlich hatte ich vor drei Minuten noch neben ihm gestanden und mich über seine Begrüßungsworte an Hannes mehr gewundert als amüsiert.) Gleichzeitig versuchte ich vergeblich, meine Gedanken zu ordnen. Meine Stimme hatte sich gewiss angehört, als sei ein kleines Kind aus einem Traum aufgeschreckt, denn Hannes' Vater fragte erschrocken: „Was ist los mit dir, Katja? Bedrückt dich irgendetwas? Du ziehst ein Gesicht, als plagten dich tausend Sorgen.“
„Nicht so wichtig“, winkte ich ab und rang mir ein Lächeln ab.
„Liebeskummer?“ Kröger ließ sich nicht abwimmeln. Er sah mich aufmerksam an und setzte sich in den gegenüberstehenden Sessel. Ich wurde dermaßen rot, als hätte ein wild gewordener Bienenschwarm meine Wangen traktiert (so fühlte es sich wenigstens an, Christine), schüttelte heftig den Kopf und stammelte: „Herr Ecker saß vor ein paar Minuten noch bei Leni in der Küche. Das Letzte, was ich von ihm hörte, war ein Rülpser.“
„Na gut“, gab sich der neue Gutsverwalter endlich zufrieden, nachdem wir uns eine Weile schweigend gegenübergesessen hatten. „Ich will nicht neugierig oder gar aufdringlich erscheinen.“ Er nickte mir zu, schlug den Weg zur Küche ein, und ließ mich noch um einiges verwirrter zurück, als ich es vorher ohnehin schon gewesen war. Liebeskummer, Christine!? So ein Blödsinn!
Als ich Schritte im Saal hörte, erhob ich mich endlich aus dem kostbaren uralten Möbelstück. Oma wartete gewiss schon mit dem Abendbrot. Ich hatte sie vorhin im Garten beim Salatpflücken überrascht, und es war allgemein bekannt, dass Omas grüner Salat unbeschreiblich edel schmeckte, in frischer Sahne, Zucker und Zitronensaft gewälzt. Oma war eine fantastische Köchin.

Nach dem Abendessen verkroch ich mich in den dunklen Schatten der Laube und wartete länger als eine geschlagene halbe Stunde ebenso vergeblich wie ungeduldig auf Hannes. Gegen acht kam er endlich um die Hausecke gehetzt.
„Was für eine üble Sache, das mit Tante Selma“, keuchte er, als er sich neben mir auf die Bank fallen ließ. „Hast wenigstens du eine Ahnung, wer meine Tante überfallen hat?“
„Meiner Meinung nach war es als Helge, der momentan in Kiel weilt, weil er angeblich ein paar wichtige Vorlesungen nicht versäumen darf“, sagte ich mit einer gehörigen Portion Sarkasmus in der Stimme.
„Obwohl Heiner ihm ein handfestes Alibi für den Überfall auf Tante Selma gegeben hat.“
„Wer weiß, was Helge ihm dafür versprechen musste“, warf Hannes geringschätzig ein und machte eine wegwerfende Handbewegung.
„Aber Heiner schläft manchmal bei der Feldarbeit ein“, fuhr ich unbeirrt fort, „weil er nämlich bis tief in die Nacht vor der Glotze hockt. Er kann nicht genug von dem Flimmerkram bekommen. Hat Knut mir letztes Jahr jedenfalls erzählt.“
„Und stell dir nur vor, Katja, „der ,gute' Helge ist sogar im Besitz eines Alibis in ,Sachen Knut'“, stieß Hannes wütend hervor. „Es ist wirklich nicht zu fassen.“
Ich war einen Moment lang sprachlos.
„Du hast die Akte tatsächlich gefunden, Hannes?“, flüsterte ich aufgeregt und sah mich nach allen Seiten um.
„Na klar. Deshalb bin ich doch schließlich nach Lübeck gefahren.“
„Wie um alles in der Welt hast du das angestellt?“ Ich sah ihn erwartungsvoll an.
„Du, da war ein unheimlich netter Gerichtsdiener, oder wie heißen die Typen, die mit diesen Vehikeln, die aussehen wie riesige, mit Akten beladene Teewagen durch die endlos langen Korridore zuckeln?! Ich habe einen von denen gefragt, ob er mir die Registratur zeigen könne, worin die Strafsachen gelagert werden. Ich sei Jurastudent und wolle unbedingt Staatsanwalt werden“, sprudelte es aus Hannes heraus. „Du wirst es nicht glauben, aber der war vor Freude ganz aus dem Häuschen und hat mich bereitwillig in den Aktenraum geführt. Ich habe mir natürlich den Weg dorthin genau gemerkt. Kein einziger Raum war abgeschlossen. Fast alle Türen standen sperrangelweit offen. Was für ein Leichtsinn! Danach fragte ich den Teewagen-Schieber ...“
„Justizangestellte heißen die; manchmal sind es auch Beamte, Rechtspfleger oder Assessoren, Hannes“, warf ich ein.
„Ach, deshalb sind die so langsam und bedächtig. Mensch, die haben vielleicht die Ruhe weg! Aber nett! Wirklich, Katja! Ganz extrem nett sogar!“
„Willst du damit sagen, dass Landwirte schneller arbeiten?“, fragte ich skeptisch. „Müssen, liebe Katja, müssen“, ereiferte sich Hannes. „Sonst steigt uns Gevatter Frost aufs Schindeldach oder der große Regen lässt grüßen. Ja, ja wir Landwirte sind ein vitales Otterngezücht.“
Ich unterließ es vorsichtshalber, mich zu erkundigen, seit wann er, Hannes, denn Landwirt sei.
„Bist du etwa in Shorts und Holzfällerhemd ins Gericht?“, fragte ich statt dessen ungläubig.
„Quatsch“, sagte Hannes. „Selbstverständlich mit Schlips und Kragen von Vatern und mit eine Fuhre ,Brix' in den Haaren, nach hinten gekämmt, damit meine hohe Stirn zur Geltung kommt. Aber wo war ich stehengeblieben? Ach ja! Nachdem ich also wusste, wo die Strafakten aufbewahrt werden, fragte ich diesen Teewagen, äh, den Justizangestellten, ob ich auch einer Verhandlung beiwohnen dürfe. Ja, beiwohnen sagte ich!“ Hannes nickte eifrig. „So edel habe ich mich ausgedrückt, liebe Katja. Das muss ihn unheimlich beeindruckt haben. Jedenfalls hat er mich in einen Saal geführt, darin über einen Verkehrsunfall verhandelt wurde. Ich hab jedoch immerfort nur an die muffige Aktenkammer denken müssen und so gut wie nichts mitbekommen. Wahrscheinlich war die Sache auch nicht allzu spannend. Sei mal still, Katja! (Ich hatte eh die ganze Zeit geschwiegen, Christine.) Hat da nicht eben etwas geraschelt?“
Hannes reckte hektisch seinen Kopf aus der Laube und spähte ängstlich um die Ecke.
„Nein, Hannes. Das waren nur Gespenster“, sagte ich. „Erzähl bitte weiter.“
„Vielleicht war das Gespenst unser Knut, dem Totenreich entkommen oder ,stante pede' aus diesem gruseligen Fluss gesprungen. Wie heißt der doch noch gleich?“
„Lethe“, klärte ich ihn ungeduldig auf. „Das ist ein Strom in der Unterwelt, aus dem die Seelen der Verstorbenen Vergessen trinken. Knut kann dort gar nicht herausgesprungen sein, weil er nämlich niemals drin war, und schon gar nicht ,stante pede'; denn er weilt längst nicht mehr unter den Lebenden, wie du dich erinnern solltest. Außerdem ist es nicht seine Art, in einen Fluß zu springen. Er schubst höchstens andere Leute in modrige Teiche.“
„Woher willst du das wissen, Katja?“, fragte Hannes und legte unwillig seine angeblich hohe Stirn in Falten.
„Das weiß ich aus eigener Erfahrung, Hannes“, sagte ich.
„Jedenfalls wurde die Sitzung irgendwann vertagt, weil ein Zeuge nicht erschienen ist und dann bin ich raus. Und als ich so den Flur entlangstromere, um in den Aktenraum zu gelangen – der Ausgang befindet sich glücklicherweise in derselben Richtung – da höre ich doch plötzlich enorm viele Stimmen durcheinanderreden. Im übernächsten Zimmer entdeckte mein kühnes Auge dann mindestens die Hälfte des munteren Gerichtvölkchens an einer Kaffeetafel aus zwei langen, zusammengestellten Tischen, auf denen die leckersten Torten darauf warteten, vernascht zu werden. Der nette Teewagen... äh, Justizangestellte, war auch da und erkannte mich natürlich wieder. Er winkte mir dermaßen freundlich zu, dass ich ein schlechtes Gewissen bekam."
„Dort ist gewiss jemand befördert worden“, warf ich ein. „Oder irgendeiner hatte Geburtstag oder sich aus einem anderen Grund nicht lumpen lassen.“
„Ich also rein zu den Akten“, fuhr Hannes unbeirrt fort. „Mir wurde zuerst ziemlich mulmig beim Anblick der riesigen Masse von bedrucktem Papier, aber mir war auch klar, dass ich mich beeilen musste, wenn ich dort nicht die ganze Nacht verbringen wollte. Ich forschte also nach dem Jahrgang 1963 und zog irgendeine Akte heraus. Du wirst es nicht glauben, Katja, aber sie enthielt eine Straftat aus dem Monat Oktober. Um welches Delikt es sich gehandelt hat und wer sie begangen haben soll, erzähle ich dir nicht. Das bleibt Amtsgeheimnis.“
„Ist ja gut, Hannes. Das will ich überhaupt nicht wissen. Mir reicht das Geheimnis um Knuts Tod völlig aus“, murmelte ich genervt.
„Na dann, ich dachte, wo Oktober 1963 herumhängt, kann logischerweise November 1963 nicht weit sein“, fuhr Hannes ungerührt und mit unverhohlenem Triumph in der Stimme fort. „Es dauerte keine fünf Minuten, bis ich die Akte ,Knut Knudsen' in der Hand hielt. Natürlich hatte ich nicht die Zeit, alles zu lesen. Aber den Namen des Typs, der Helge ein Alibi gegeben hat, habe ich mir natürlich aufgeschrieben.“
„Hoffentlich auch die Anschrift“, warf ich ein.
„Was dachtest du denn?“, fragte Hannes. „Übrigens will er zur Tatzeit hinter Helge gesessen haben.“
Ich sah ihn fragend an.
„In der Uni natürlich, Katja. Wo denn sonst wohl? Etwa im Omnibus oder womöglich auf einer Jägerkanzel?“, grinste Hannes. „Daraus folgt, Katja, ich höre ...?“ Er warf mir einen seiner dymamischen Sherlock-Humbug-Blicke zu und, als stünde ich unter Hypnose, ergänzte ich: „... dass dieser sonderbare Kommilitone lügt oder dass Helge einen Komplizen hat."
„Heiner!“, stieß Hannes blitzschnell hervor und ließ sich erschöpft, als habe er soeben einen stundenlangen Gedankenmarathon bewältigt, gegen die Rücklehne jener gemütlichen Laubenbank fallen, die nicht allein Opa, sondern auch die Lachauer Weiber längst blankgescheuert hatten. –
„Heiner? Nie und nimmer! Er kann Knut gar nicht ermordet haben. Er war mit ihm befreundet“, gab ich empört zur Antwort.

Collage aus Pixabay- und privaten Fotos

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Kommentare

20. Okt 2017

Fein Leben ward hier eingehaucht -
Weshalb Dein Leser gern eintaucht!
(Hausangestellter - faul, dick, groß:
An wen erinnert der mich bloß?!)

LG Axel

20. Okt 2017

O. Ecker lässt an Krause dich wohl denken,
auch er - arbeitet ungern, lässt sich lieber
100 Euro schenken.

LG Annelie

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