Fenitschka - Page 2

von Lou Andreas-Salomé
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mit herzhaftem Druck. Einige Augenblicke lang standen sie da und lächelten einander an wie Schwestern, während alle verblüfft, interessiert, amüsiert um die beiden herum saßen. Dann entfernte sich das Mädchen mit einer Kopfneigung gegen die andern und verschwand im vorüberhastenden Menschenstrom.

Man lachte über das kleine Drama, man scherzte über Fenias »Erfolg« und neckte sie nicht wenig. Sie selbst war sehr einsilbig geworden.

Eine der Damen mißverstand ihren ernsthaften Gesichtsausdruck und bemerkte:

»Ja, chérie, eine ziemlich unerbetene und unbequeme Freundschaft! Sie könnte Ihnen eines schönen Tages recht peinlich werden, wenn dies Wesen Sie irgendwo auf der Straße wiederfindet und Sie auf das intimste begrüßt, — zur Ueberraschung derer, die vielleicht mit Ihnen gehen.«

»Das brauchen Sie nicht zu fürchten,« widersprach Max Werner rasch, »ich wette darauf, daß dieses Mädchen ohne merkbaren Gruß an Ihnen vorübergehen wird, falls es Ihnen je begegnet. Anderswo würden Sie vielleicht von ihrer Dankbarkeit verfolgt werden, — die Französin würde es für eine schlechte Dankbarkeit halten, Sie eventuell dadurch zu kompromittieren. Das ist der französische Takt, — der Takt einer alten Kultur, die allmählich bis in alle Schichten eines Volkes durchdringt und ihm seine fast instinktive Intelligenz giebt.«

»Ich würde sie aber gern wiedersehen!« sagte Fenia leise.

»Um was zu thun?«

»Ich weiß es nicht. Aber was mich vorhin so entsetzte, das war das Gefühl, als ob diese Mädchen gleichmäßig sowohl von den Männern wie von den Genossinnen preisgegeben würden, — als ob sie gradezu wie in Feindesland lebten. — Ich habe noch nie so viel höhnische Verachtung gesehen, wie in den Mienen der Männer, — so viel höhnische Schadenfreude wie in den Blicken der andern Mädchen. — Und das ist hier im Lokal, wo sie sozusagen bei sich ist, unter den Ihrigen. — Außerhalb nun erst! — O ich denke mir, ein solches armes Ding muß nach einer freundlichen, einfach menschlichen Berührung lechzen.«

»Das ist richtig. Manchmal sind sie sehr dankbar dafür. Ich hab es mitunter auch schon bestätigt gefunden.«

»Sie?« Fenia heftete voll Interesse ihre hellbraunen Augen auf ihn. Sie war ganz und gar bei der Sache.

»Warum nicht ich?«

»Weil ich mir vorstelle, daßsolche Mädchen einem jeden Mann mit Mißtrauen begegnen, — müssen sie nicht annehmen, er wolle von ihnen etwas ganz andres als ihr Vertrauen?«

»Donnerwetter!« dachte er und sah sich Fenia genauer an. Dieser Grad von Unbefangenheit, womit sie über so heikle Dinge mit einem ihr ganz fremden Manne sprach, hier, in Paris, in der Nacht, in diesem Café, — und dabei ein Ausdruck in ihren Mienen, als unterhielten sie sich über fremdländische Käfer.

Waren Grisetten, junge Männer, Nachtcafés und Liebesabenteuer ihr wirklich dermaßen fremdländische Käfer?

»Diese Annahme würde ihr Vertrauen dem Manne gegenüber vermutlich gar nicht beeinträchtigen,« entgegnete er inzwischen Fenia auf ihre Frage, »denn daß er neben seiner menschlichen Anteilnahme vielleicht auch von ihnen als — als Frauen etwas empfangen will, das halten sie für ganz natürlich. Das Gegenteil würde wohl gar ihre Eitelkeit kränken und keinesfalls ihr Selbstbewußtsein heben.« Er blickte bei seinen Worten um sich, ob der kleinen Gesellschaft, die längst zu andern Gesprächsstoffen übergegangen war, die Unterhaltung vernehmbar sei, und beugte sich näher zu Fenia, um mit gedämpfterer Stimme fortfahren zu können.

»Es ist auch gar nicht so verwunderlich, wie es Ihnen vielleicht scheint,« bemerkte er, »denn Sie dürfen nicht vergessen, daßes sich dabei nur um eine diesen Wesen ganz geläufige Verkehrsform handelt, — um eine so gewohnte und geläufige, daß sie in ihr unwillkürlich alles und jedes zum Ausdruck bringen, auch Seelenregungen der Freundschaft, Dankbarkeit oder Sympathie, die in die sinnliche Aeußerungsform nicht genau hineinpassen. Es ist eben ihre Art von Sprache geworden.«

Auch die vertrauliche Nähe, in der er das zu Fenia sagte, und sie gleichsam mit sich isolierte, störte sie augenscheinlich nicht; sie senkte den Kopf und schien nachzudenken.

Nach einer kurzen Pause fragte sie lebhaft:

»Sie meinen also, auch diese Mädchen hegen oft rein kameradschaftliche Gesinnungen Männern gegenüber und äußern sie nur — nur — sozusagen nur falsch? Das kann ich mir schwer vorstellen. Denn wenn es auch die ihnen gewohnteste Sprache ist, worin sie alles und jedes ausdrücken, — alle Menschen haben doch verschiedene Bezeichnungen für total verschiedene Dinge.«

»Glauben Sie? Ich meinerseits glaube viel eher, daß auch in unsern Ständen sich eine ganz ähnliche Beobachtung machen läßt. Unsre Mädchen und Frauen werden so daran gewöhnt, mit den Männern ihrer Umgebung eine rein konventionelle, ganz unsinnliche Verkehrsform zu üben, daß sie in dieser Sprache auch das noch ausdrücken, was ganz und gar nicht so abstrakt gemeint ist. Wie manches Mädchen meint mit einem Mann nichts als Geistesinteressen und Seelenfreundschaft zu teilen, während sie, — oft unbewußt, — nichts andres begehrt als seine Liebe, seinen Besitz. — Für eine kleine Grisette ist die menschliche Anteilnahme eines Mannes das bei weitem seltenere, gewissermaßen ausgeschlossene, — für die Dame unsrer Gesellschaft ist es die rücksichtslose Auslebung des Weibes.«

Kaum hatte er diese Tirade vorgebracht, als unglücklicherweise die Gesellschaft aufbrach. Mitten im Stühlerücken und Durcheinanderreden faßte eine von den Damen Fenia unter den Arm und schnitt ihm ihre Antwort ab. Es kam nicht mehr über ein höchst uninteressantes Geschwätz aller mit allen hinaus.

Dennoch flanierte er neben ihnen her durch die nächtlichen Straßen, machte im »Chien qui fume« das unvermeidliche Nachtessen von Zwiebelsuppe und Austern mit, und beschaute sich mit den andern in der Frühdämmerung durch die breiten Spiegelfenster des Restaurants das großartig malerische Bild der Wareneinfuhr in die Hallen. Dabei erfuhr er von einem russischen Journalisten, der Fenias Eltern gekannt hatte, wenigstens etwas vom äußern Umriß ihres Lebens. Von Geburt war sie Moskowitin, begleitete aber schon früh ihren erkrankten Vater, einen ehemaligen Militärarzt, nach Süddeutschland und der Schweiz, wo sie ihre Universitätsstudien begann, — und nach seinem Tode mit Hilfe von mühsamem Nebenerwerb, Stundengeben und Uebersetzungen aller Art hartnäckig fortsetzte. In Zürich schien sie mit lauter ihr befreundeten Männern zusammen zu studieren, — einer von ihnen hatte sie in den Herbstferien auch hierher, nach Paris, begleitet, war dann aber nach Rußland abgereist.

Kam daher dieser merkwürdig schwesterliche, geschlechtslose Anstrich, den sie sich gab, als gäbe es für sie auf der Welt nur lauter Brüder? Oder war es nicht viel wahrscheinlicher, daß dies unendlich unbefangene Betragen nur

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