Ruth - Page 9

von Lou Andreas-Salomé
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in diesem Augenblick nicht ganz klar, ob sie mit ihm kokettierte, oder ob sie nicht vielleicht ehrlicher mit ihm sprach, als je mit sich allein. Es schien ihr wirklich manchmal – und besonders in den seltenen Stunden des Alleinseins, – als triebe sie ein verwandter Zug zueinander. Und dann war ihr Erik interessant: als Mensch. So, wie unter lauter Satten ein Hungriger interessant ist. Unter den Gesellschaftsmenschen ihrer Umgebung kam er ihr vor wie einer, der ungeduldig auf Beute ausgeht, und weil er die ihm gemäße dort nicht findet, seinen Hunger mit Naschwerk zu betäuben sucht.

»Also: Kameradschaft in einer gemeinsamen Versuchung!« sagte Erik wegblickend – »vielleicht – ein Wettkampf, wer ihr besser erliegt?«

Sie erhob sich, um zu gehn.

»Sie haben vielleicht recht zu spotten, und es würde nur sentimental klingen, wenn ich antworten wollte: nein! mehr als das, – eine gemeinsame Sehnsucht,« entgegnete sie, dicht neben ihm, der ebenfalls aufgestanden war, »Sie haben tausendmal recht. Wir habe ja nie ein ernstes Wort miteinander gesprochen. Und ein Mann braucht keinen Bundesgenossen. Er kann's allein.«

Sie sprach ganz erst, es klang beinah echt, und was sie sprach, stimmte so eigentümlich zu der Schwermut der dunkeln Augen. Eine Minute, – eine verschwindende Minute lang fühlte Erik, wie ihm seine Phantasie etwas vorgaukelte. Eine Sehnsucht brach heiß in ihm auf, über die der Verstand lachte, – und ein wilder herrischer Wunsch, den lachenden Verstand unter die Füße zu treten und einen schönen Selbstbetrug wahr zu machen.

Ohne genau zu wissen, was er tat, hatte er die Hand ausgestreckt, es war eine fast befehlende Bewegung, wie ein: »Bleib!« Er sah nichts mehr deutlich, er empfand nur die Nähe dieser schmiegsamen Gestalt, dieser Augen, von denen Sehnsucht ausging.

Und plötzlich küßte er sie mit geschlossnen Augen auf den Hals und die Wange. Nicht tändelnd, versuchend. Rasch, heftig, fast gewalttätig.

Er murmelte halb unverständlich: »Mach es wahr! mach es wahr! laß mich nicht aufwachen! Suchtest du mich?«

Bei seinen bewußtlosen Küssen überfiel Warwara ein plötzlicher Schreck. Sie war selbst berauscht gewesen, einen Augenblick lang, aber die Wucht, womit er darauf einging, ernüchterte sie ebenso rasch. Durch die momentane Erregung seiner Sinne hindurch spürte sie etwas von dem tiefinnersten Hunger und der Sehnsucht in ihm, an die sie unvorsichtig gerührt hatte. Nicht wie eine Dreistigkeit, die erstaunt oder verletzt, empfand sie seinen Kuß, sondern wie eine lähmende Gefahr für Leib und Seele, die zu verschlingen droht, was ihr zu nahe gekommen ist.

Mit einer heftigen Bewegung hatte sie sich freigemacht.

Ihr Blick lief über ihn hin. Eigentlich sollt' er ihr wie ein Kind vorkommen, das so erfüllt ist von Lebensverlangen und ungeduldiger Erwartung, daß es nicht mehr zu spielen vermag. Es zerbricht gewaltsam das dargebotene Spielzeug, um zu sehen, was dahinter ist, und bleibt mit enttäuschtem Gesicht stehn.

Das wollte sie nicht. Lieber noch gespielt haben, als zu ernst genommen werden, – so ernst, daß ihr Inneres bloßgelegt und an unmöglichen Illusionen gemessen würde. Sie fürchtete sich vor dem enttäuschten Gesicht.

Erik mißverstand die Heftigkeit ihrer Bewegung. Aber sie weckte auch ihn. Er hatte ja nur einen Augenblick vergessen, daß sie spielte. – Seine Erregung verflog sofort. Nur etwas Spott blieb in den Augen und um den Mund zurück. Spott über sich selbst.

Die Luft im Zimmer war zum Ersticken schwül. Fast ungehindert schien die Sonne durch die dünnen weißen Fenstervorhänge, und mißtönend klang von der Straße der Lärm der Droschken und Pferdebahnen herauf.

Warwara war langsam in den Vorflur gegangen, und Erik geleitete sie an die Haustür. Sie wechselten kein Wort miteinander.

Erst an der Tür wandte sie sich um zu ihm und maß ihn mit einem sonderbaren Blick, den er nicht verstand. Bedauern lag darin, aber auch Ablehnung, eine kleine Überlegenheit über ihn, den Mann, und dann noch etwas, wie ein ganz leises Eingeständnis: »Ich möchte wohl die sein, die du brauchst, und die dich sättigen könnte, du Wilder. Aber ich bin's nicht.«

»Ich nehme an: Sie kommen nicht,« bemerkte sie dabei zerstreut.

»Mit Ihrer Erlaubnis: nein!« entgegnete er und sann dem Blick nach.

Die Tür fiel ins Schloß.

*

Ruth war pünktlich um vier Uhr, zur festgesetzten Mittagsstunde, im Speisesaal erschienen, der, hoch und groß, mit dunkeln Mahagonimöbeln ausgestattet, in der Mitte einer Flucht von Gemächern lag. Sie hatte ihren äußeren Menschen so glatt gebürstet und gestriegelt, wie der Onkel, die Tante und die Cousine sich zu tragen pflegten, und saß schweigsam auf ihrem Platz am Tisch, den ein Diener in weißbaumwollenen Handschuhen geräuschlos bediente. Während des Essens, das die Beteiligten in ausgiebigster Weise beschäftigte, blieb die Unterhaltung recht einsilbig. Der Onkel liebte keine langen Tischgespräche, und seine Frau hatte genug damit zu tun, ihn mit den richtigen Stücken zu versorgen.

Erst als die Mundspüler von grünem Glas, die kein Mensch benutzte, vor jeden einzelnen niedergesetzt waren, und vor der Tante die silberne Kaffeemaschine stand, auf der sie den Kaffee immer eigenhändig bereitete, wurde es ein wenig lebhafter bei Tisch. Darauf schien Ruth nur gewartet zu haben. Sie erhob sich leise von ihrem Sitz und wollte verschwinden.

»Gehst du schon auf dein Zimmer, mein Kind?« fragte die Tante, »dann sieh dich mal darin um. So unordentlich, so wenig zierlich sollt' es bei keinem jungen Mädchen im Zimmer aussehen.«

Ruth machte eine Armesündermiene. »Ich will wunderschön aufräumen,« sagte sie eilig; »darf ich dann bis zum Tee noch einmal fortgehn?«

»Bis zum Tee? Ist es denn etwas so Dringendes?«

»Es ist etwas Dringendes,« sagte Ruth. Der Onkel sah auf.

»Zu wem willst du denn gehn? Es ist wohl jemand aus der Schule?«

»Ja,« erklärte Ruth und rieb ungeduldig den Türgriff, den sie schon in der Hand hielt.

»Sage dem Diener, daß er dich begleitet und dort auf dich wartet.«

Der Onkel blickte ihr nach, wie sie leise die Tür hinter sich schloß.

»Ein merkwürdig bequemes Ding ist sie doch,« meinte er dann, seine Zigarette anzündend, »ich kenne niemand, der weniger verlangt und sich weniger bemerkbar macht als sie.«

»Weil man ihr alles gewährt,« ergänzte die Tante mit ihrer etwas hohen Stimme, die den baltischen Akzent noch deutlicher hervortreten ließ. Sie war eine Baronesse aus Livland.

»Alles? nun weißt du, ein andres Kind würde nicht so zurückhaltend sein. Sie weiß zum Beispiel: dies ist die Stunde des intimsten,

Veröffentlicht / Quelle: 
Verlag der J. G. Cotta'schen Verlagsbuchhandlung Nachfolger, Stuttgart, 1895

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