Ruth - Page 8

Bild von Lou Andreas-Salomé
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man denn von denen? Sie amüsieren uns nur, weil man uns eingesperrt hält!«

Über ihrem Hin- und Herreden beachteten sie es gar nicht, daß sie an Ruths Wohnung am Isaaksplatz angelangt waren, das heißt, daß die meisten von ihnen sich recht beträchtlich von ihrem eignen Heim entfernt hatten. Sie liefen gewohnheitsmäßig mit wie eine Hammelherde, Ruth selbst aber war gradeswegs nach Hause gegangen. Jetzt blieb sie zaudernd stehn und kämpfte zwischen der Lust, in eine Seitenstraße einzubiegen, und der Notwendigkeit, zur gewöhnlichen Stunde bei ihren Verwandten einzutreten. Bis zu Tisch blieb noch viel Zeit, einen Vorwurf zog sie sich nicht zu, und was ihr jetzt vorschwebte, war süß und lockend gleich einem Frühlingsmärchen.

Aber es gab da etwas andres, was sie zurückhielt: wenn sie jetzt hineinging, so blieb sie, wie immer, gänzlich unbemerkt und unbeachtet im ganzen Hauswesen; wenn sie dagegen bis zum späten Mittagessen fortblieb, so wurde sie vielleicht bemerkt, befragt, belästigt. Und das entschied.

Wie eine jener kleinen Insekten, die zum Schutz vor feindlichen Mächten die Farbe des Holzes oder Laubes annehmen, auf dem sie sitzen, so verhielt sich, halb unbewußt, auch Ruth gegenüber ihrer Umgebung. Es war ihre Art, sich zu wehren.

Ruth löste sich aus der schwatzenden Mädchengruppe und verschwand hinter den hohen Türflügeln eines umfangreichen steinernen Gebäudes, vor dem ein Soldat Wache stand. Eine Abteilung des Kriegsministeriums lag darin, nebst mehreren großen Kronswohnungen, wovon Ruths Onkel, der Staatsrat war, eine innehatte.

Ihr Verschwinden gab das Signal zum allgemeinen Aufbruch. Jetzt erst erschraken manche über die lange Versäumnis und suchten laufend eine Pferdebahnlinie zu erreichen oder unterhandelten mit den Droschkenkutschern, die sich sofort um sie sammelten und laut schreiend einander nach Möglichkeit unterboten.

Bis morgen vermißten sie Ruth nicht mehr, sie hatten sich ausgezeichnet unterhalten, sich ordentlich echauffiert! Morgen, wenn sie nach neuer Nahrung begierig waren, kam sie wieder.

*

Erik war den Mädchen nur einen kleinen Teil des Weges gefolgt, denn er hatte noch in einem Knabengymnasium und in einer Privatschule Stunden zu geben. Dann ging er in seine Stadtwohnung hinauf, die geräumig und freundlich, aber vier Treppen hoch lag: dafür konnte man aus den Fenstern die Newa überschauen, durch deren mächtige blaue Wogen der Ladogasee noch seine letzten Eisschollen trieb. Sie schimmerten durchsichtig im blendenden Maisonnenschein. Über seine Aussicht freute sich Erik täglich von neuem.

Nach Schulschluß pflegte er hier vorzusprechen, allerlei zu erledigen und eingelaufene Briefe mit zunehmen, denn die Landpost galt als unzuverlässig. Heute war er kaum eingetreten, als es klingelte.

Er öffnete die Tür und blieb mit einem Lächeln daneben stehn.

»Warwara Michailowna!« sagte er.

»Was ist denn das?« fragte sie, rasch um sich blickend, »schon auf dem Lande? umgezogen? allein hier? Ich wußt' es nicht! Dann haben Sie also meinen Brief – –?«

»Ich hab' ihn gestern hier vorgefunden,« versetzte er, sie in die angrenzende Wohnstube führend, wo die Polstermöbel schon ihre Sommertoilette empfangen hatten und in ihren weißen Leinwandhülsen gleich Gespenstern herumstanden. Unter dem runden Sofatisch war der Teppich entfernt worden, und ein leichter Geruch von Kampfer schwebte in der Luft.

»Ich wollte mir Ihre Antwort lieber selbst bei Ihnen holen – oder bei Ihrer Frau!« sagte Warwara Michailowna und ließ sich in einen der weißbezogenen Sessel sinken, »trotz Staub und Sonne bin ich also da. Ich muß wissen, weshalb Sie nicht kommen wollen.«

Sie sah wunderhübsch aus in der gewählten Einfachheit ihrer Frühjahrskleidung, mit ihrem reizenden Mund und mit der Melancholie in den tiefdunkeln Augen, die einen so pikanten Gegensatz zu ihrem muntern Wesen bildete.

»Ich danke Ihnen!« erwiderte Erik und blickte sie an, »aber Sie nehmen mir in der Tat die Antwort schon von den Lippen: ich wollte wirklich nicht kommen. Mich eine Zeit lang ganz auf dem Lande vergraben. – Dort können wir ja, wenn Sie erst hinausgezogen sind, so poetisch Fangball spielen und Krocket. – Ich bin diesen Winter gar zu stark ins Gesellschaftstreiben geraten.«

»Und was schadet das? Fragen Sie nur Klare-Bel, ob sie Sie nicht auch am liebsten im Gesellschaftsrock sieht? Der Salon ist Ihr natürliches Milieu. Sie sind nun einmal kein solcher deutscher Bär und Philister, wie sie mitunter mit goldenen Brillen und blonden Vollbärten zu uns kommen! Erst seit ein paar Generationen hat sich Ihre Familie dort niedergelassen, – irgendwo an der friesischen Grenze, – französische Emigranten, – weiß ich's nicht gut?«

»So weit wollen Sie den Beweis herholen, daß ich in Gesellschaft gehn soll?«

Sie lachte und stieß belustigt den Elfenbeingriff ihres Sonnenschirms gegen die Tischplatte.

»Sie sind ein Spötter. Ich wollte nur sagen: bilden Sie sich nicht ein, daß Sie zum Schulmeister geboren sind. Trotz der blauen Uniform da, die Sie noch anbehalten haben, – die Ihnen übrigens gut steht, weil es ein Frack ist. Sie sind zum Weltmann geboren. Wenn Sie uns – mondains – meiden, tun Sie sich selbst weh. – – Ich weiß es. Lachen Sie nicht.«

»Ich lache ja nicht. Sie sind sehr scharfsichtig, Warwara Michailowna. – Vielleicht zu sehr –?« Sie schüttelte den Kopf.

»Sie würden unsrer verwöhnten Gesellschaft nicht so gut gefallen, wenn Sie nicht selbst ein wenig von ihr berauscht würden. Hab' ich nicht recht?«

»Nun, nehmen wir also an, ich will nicht berauscht werden,« sagte Erik und kreuzte die Arme; »daß grade Sie als Versucherin kommen, ist freilich schlimm für mich. Ein Glück, daß die Saison zu Ende geht.«

Sie machte einen schmollenden Mund.

»Ich weiß schon. Mich halten Sie für die Inkarnation weltlicher Oberflächlichkeit.«

Er widersprach nicht.

Einige Augenblicke lang schwiegen sie beide, und zwischen ihnen lag, unmöglich zu überhören, Warwaras stumme Frage: »Bin ich es, die dich berauscht?«

»Sie sind ein Egoist,« sagte sie dann aufblickend, »sonst hätten Sie bemerken müssen, daß Sie sich irren. Wissen Sie nicht, weshalb ich Sie so gern da habe, mitten unter den Menschen? Weil ich grade ebensogut fühle wie Sie, daß dieses Treiben im Grunde eitel und hohl ist, – inhaltsleer, – und es mich dennoch berauscht, – wie Sie. Ihre Anwesenheit war also die eines Leidensgenossen für mich. Hand aufs Herz! sind wir nicht so etwas wie Leidensgenossen? Wir haben eine gemeinsame Versuchung.«

Er blickte sie fest an. Sie sprach rasch, ein wenig erregt, mit dem weichen, klingenden Tonfall, den er an den Slawen so einschmeichelnd fand. Ihr selbst war es

Veröffentlicht / Quelle: 
Verlag der J. G. Cotta'schen Verlagsbuchhandlung Nachfolger, Stuttgart, 1895

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