Ruth - Page 6

von Lou Andreas-Salomé
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ihm aufschauten. Obgleich er erst zum zweitenmal auf diesem Platz und seinem jungen Auditorium gegen überstand, fühlte er doch schon sehr deutlich die Stimmung der Sympathie, die ihm aus allen diesen Augen entgegenleuchtete. Er verdankte sie seinem eignen Entgegenkommen. Denn die da merkten recht wohl das tatsächliche Interesse, das er ihnen als Lehrer zubrachte, – den Blonden wie den Braunen, den Klugen wie den Dummen, den Willigen wie den Widerspenstigen. Welche Fehler er auch besitzen mochte, einen wenigstens besaß er nicht: seinen Unterricht wie eine leblose Pflichtmaschine zu absolvieren.

Erik schob die blauen Hefte an den Rand des Kathederpultes und sagte, sich niedersetzend: »Die Hefte können wieder verteilt werden. Sie sind zum größern Teil recht bedauerlichen Inhalts. Hoffentlich lautet die Fortsetzung viel besser. In bezug auf einen Aufsatz möcht' ich aber eine Erkundigung einziehen.«

Er schlug den Deckel des obersten Heftes zurück und fragte, den Namen ablesend: »Wer ist Ruth Delorme?«

Die Aufgerufene schien diese Frage erwartet zu haben, sie hatte sich erhoben, eh ihr Name von seinen Lippen gefallen war.

Er richtete einen bestürzten Blick auf sie. Es war der Bacchusknabe aus dem Schulhof.

Jetzt freilich machte sie nicht mehr so ganz den kuriosen Eindruck. Das ordentlich zusammengenommene Haar und der »Klassenernst« auf ihrem Gesicht störten ihn, – vielleicht auch, daß sie die Augen niedergeschlagen hatte. Am liebsten wäre ihr Erik mit der Hand über das Gesicht gefahren, wie um eine Maske abzustreifen, damit er darunter die wirkliche Ruth zu sehen bekäme. Aber das wäre dann der mutwillige, lachende Junge von vorhin gewesen, – und das deckte sich so wenig mit der Vorstellung, die der Aufsatz von ihr weckte. Das wunderliche Geschwätz der Mädchen am Brunnen fiel ihm ein.

»Unmöglich!« entfuhr es ihm.

Sie sah verwundert auf.

»Doch!« sagte sie.

»Das kann sie! sie kann Verse machen!« riefen einige Stimmen. Man konnte es ihnen anhören, wie stolz sie auf diese Schwarzkunst waren und wie interessant sie das unerwartete Intermezzo fanden.

»Verse, – das ist ja möglich,« gab Erik zurück, »auch sind sie keineswegs schön. Ganz das Gegenteil davon. Aber ein Schulmädchen –«

Er brach etwas verlegen ab und ärgerte sich. Die Bemerkung war auch gar zu einfältig. Schulmädchen waren sie ja alle, und eine von ihnen mußte es doch gewesen sein. Mußte? Da kam ihm der Gedanke: vielleicht ist es gar kein selbständiger Aufsatz?

Er blätterte im Heft zurück. »Es ist noch ein früherer Aufsatz drin. Etwas Literarhistorisches. Der fällt stark dagegen ab. Lauter mühsam nachgezogene Linien – und falsche Linien. Es geht die Sage, daß bei den Aufsätzen nicht immer fremde Hilfe verschmäht wird. Sollte das nicht die Lösung des Rätsels sein?«

Während er aber noch sprach, war er schon überzeugt, daß er sich irrte und daß sie sogleich auftrotzen und mit beleidigtem Stolz behaupten werde, ihr habe niemand geholfen.

Jetzt schüttelte sie auch wirklich den Kopf und sagte: »Mir hilft niemand.«

Aber wieder schaute er betroffen auf. Wie klang das! Grade so, als habe sie unter Tränen gesagt:

»Ich bin ja so mutterseelenallein!« Ein stiller Ton war darin, der ihn rührte, – etwas so ganz Neues, Unerwartetes, was er wie der mit dem übrigen nicht zusammenreimen konnte.

Es litt ihn plötzlich nicht mehr auf dem Katheder, in der ruhigen Haltung des Lehrers. Ein zwingendes Gefühl von Interesse fand gleichsam seinen Ausdruck darin, daß er herabstieg und zu ihr hintrat an die Bank, in die Mitte der übrigen.

Als er dicht vor ihr stand, ward er sich einer Übereilung bewußt und kehrte, wenn nicht zum Platz, so doch zur Rolle des Lehrers zurück.

»In der Änderung des Titels und der Anwendung von Versen liegt eine auffallende Abweichung vom Vorgeschriebenen; hier galt wohl eine Ausnahme, die mein Vorgänger machte?« fragte er.

»Er zog sie vor! sie durfte tun, was sie wollte!« schrien einige.

»Sie gehört nicht mehr zur Schule! Sie kommt nur zu einigen Stunden!« riefen andre.

»Ich gehe bald fort,« sagte Ruth.

»Fort? Vom Ort?« fragte er, und ein brennendes Bedauern überfiel ihn.

Sie hob die Augen.

»Nein. Nur aus den Stunden.«

Wie bei der Blicke sich trafen, sah er ihr Gesicht aufleuchten. Nicht nur die Augen taten's, das Leuchten ging über Stirn und Augen wie ein Lächeln, obschon sie ernst blieb. Der »Klassenausdruck« fiel von ihren Zügen wie ein vorgehaltener Schleier.

Er gab ihr einen Wink, sich zu setzen.

»Das ist sehr schade,« meinte er dann, ein paarmal auf und abgehend, und es war ihm selbst nicht klar, für wen es eigentlich schade sei, ob für den Lehrer, oder für die Schülerin, oder für alle beide. Doch setzte er rasch hinzu: »Es ist zu früh. Ein Zeichen von Reife ist der Aufsatz nicht.«

Dann richtete er, mit dem Aufnehmen des Unterrichts, keine Bemerkung mehr an sie, vermied es auch während der Stunde, ihren Namen aufzurufen, obgleich es ihn beschäftigte, daß sie fortgehn wollte. Aber er begriff, daß dies lebhafte Interesse für ein merkwürdiges Kind, wenn es auch ausschließlich den Erzieher in ihm reizte, von ihm selbst erst völlig beherrscht werden und in ihm selbst sich erst völlig geklärt haben mußte, ehe daran zu denken war, ihm vor einigen Dutzend neugieriger Mädchenaugen nachzugeben. Er kannte sehr wohl die üblichen Schwärmereien für den Lehrer, zweifelte auch nicht daran, daß auch er bereits Gegenstand solcher Schwärmereien sei, hielt aber doch möglichst daran fest, sich nicht durch sein Benehmen zu verraten, wenn einmal eine kleine Schülerin Eindruck auf ihn machte, – was doch unvermeidlich geschah unter Menschen von Fleisch und Blut.

Ruth saß still auf ihrem Platz und folgte seinen Worten und Bemerkungen mit verträumten Augen. Sie war eine ziemlich zerstreute Schülerin, und so nahm sie auch jetzt im Grunde nichts von dem auf, was er vortrug, sondern merkte sich nur die Art, wie er vortrug, und die ihm eigentümliche Gebärde der Hand dabei. Daß er schmale, nervige Hände von edler Form besaß, daß sie aber leicht gebräunt waren, wie bei einem, der sich viel der Luft und Sonne ausgesetzt hat, merkte sie, – und es kam ihr wie ein Widerspruch vor, der sie beschäftigte. Die gerade, etwas steile Linie seiner Schultern prägte sich ihr ein wie ein Bild, und dann, daß ihm das Haar beim Sprechen in einem straffen kleinen Büschel in die Stirn fiel, und er es stets mit

Veröffentlicht / Quelle: 
Verlag der J. G. Cotta'schen Verlagsbuchhandlung Nachfolger, Stuttgart, 1895

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