Ruth - Page 5

von Lou Andreas-Salomé
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größter Energie sagen: »Er muß unglücklich sein. Ich will es so. So unglücklich wie nur möglich. Sonst tu ich es nicht.«

»Nein, nein, dagegen bin ich ganz!« rief eine andre in mitleidigem Ton.

»O, ich wäre schon dafür,« suchte eine dritte zu vermitteln, »wenn es nur für eine Weile ist. Denn später, da heiratet sie ihn ja dafür.«

»Heiratet?« fragte die erste Stimme erstaunt, »nein, ich denke nicht daran! Er ist und bleibt unglücklich, sag ich euch. Ein für allemal. Aber heiraten werd' ich ihn nicht.«

Erik fiel das Heft aus der Hand. Er stützte sich auf das Fensterbrett und sah vorsichtig hinab. Er hätte gern gewußt, wie das grausame Geschöpf aussah, das den Unglücklichen lebenslang gemartert wissen wollte und ihn nicht einmal heiratete.

Aber sie saß offenbar dicht an der Hausmauer und war von den andern so umstellt, daß sich Erik nicht tiefer hinabbeugen konnte, ohne von unten her gesehen zu werden. Er erblickte nur zwei schmale, weit vorgestreckte Füße in ausgeschnittenen Schuhen und dunkeln Strümpfen.

Jetzt zwitscherten alle so durcheinander, daß man nichts verstand.

Dann sagte ein bildhübscher dunkelhaariger Backfisch, während er herzhaft in einen Apfel hinein biß: »Ich find' es wirklich komisch von dir. Denn wozu haben wir ihn sonst mit so vielen und besondern Eigenschaften ausgestopft, wenn du ihn doch nicht nimmst? Er hat doch das Allerbeste abbekommen. Wenn er nur edel und unglücklich sein soll, so hätt' er auch gewöhnlicher bleiben können, – meint ihr nicht?«

»Laß sie doch, Wjera, du sollst sehen, sie hat im stillen schon wieder etwas Neues vor, – vielleicht was viel Schöneres,« meinte ein kleines blondes Mädchen in zierlich gestickter Latzschürze, »und wenn ihr sie nicht in Ruhe laßt, so sagt sie es uns am Ende nicht.«

»Hast du was? Hast du was? Ist es schön?« schrien sie erwartungsvoll.

»Es ist nichts für euch! Aber von allen die allerschönste Märchengeschichte!« erklärte die Angeredete an der Hausmauer, »kennt ihr die Verse von Uhland?« Und sie begann mit einer weichen Stimme zu deklamieren:

»In Liebesarmen ruht ihr trunken,
Des Lebens Früchte winken euch;
Ein Blick nur ist auf mich gesunken,
Doch ich bin vor euch allen reich.

Das Glück der Erde miss' ich gerne,
Und blick', ein Märtyrer, hinan,
Denn über mir, in goldner Ferne,
Hat sich der Himmel aufgetan.«

Sie lauschten mit ganz feierlichen Gesichtern, bis die letzten Worte gedämpft, in einer Art von schwärmerischer Andacht verklangen.

»Hu!« sagte die hübsche dunkle Wjera, ordentlich ergriffen, und eine zweite fügte besiegt hinzu: »Ja, dann freilich –«

Aber die, welche deklamiert hatte, lachte nur. Sie lachte so von innen heraus, so frisch und mit so überzeugen den Trillern in der Kehle, daß Erik oben an seinem Fenster beinah angefangen hätte, mitzulachen, und sich plötzlich mit ihr wie im Bunde fühlte. Auch von den Mädchen begannen einige zu kichern. Aber die meisten verstimmte es.

»Du hast gar keinen Lebens ernst!« sagte die Erste der Klasse strafend, eine andre aber behauptete sogar: »Sie hat kein Herz. Sie verlacht ihre eigne Sache, und uns mit.«

Nur das blonde niedliche Mädchen schien sich zärtlich an die Lachende zu schmiegen und erinnerte sie: »Du hast doch versprochen, uns den ›Unglücklichen‹ endlich zu zeigen. Willst du es heute auf dem Heimweg tun?«

»Ja, das will ich. Denn ich will ihn euch überlassen. Macht ihn so glücklich, wie ihr wollt.«

»Also denkst du an einen andern?«

Die Glocke, die zum Klassenbeginn läutete, unterbrach das Geplauder in diesem kritischen Augenblick. Arm in Arm schlenderten sie gemächlich ins Schulgebäude hinein. Die schmalen Füße aber lagen noch ausgestreckt in der Sonne.

»Jetzt muß ich sie sehen können,« dachte Erik und beugte sich mit ernstem Gesicht vor. Das Gespräch der Mädchen hatte ihn ganz betroffen gemacht.

Und er sah sie.

Gegen die grau getünchte Hausmauer nachlässig zurückgelehnt, die Arme hoch über dem Kopf verschränkt, saß sie auf einem umgestülpten Regenfaß, das in diesem beliebten Brunnenwinkel gelegentlich als Sitzbank benutzt wurde. Sie trug das entschieden aschblonde glanzlose Haar offen, so daß es ihr weich und lockig in einiger Verwirrung über Brust und Schultern fiel. Das tiefrote Bändchen, wodurch es am Hinterkopf zusammengehalten werden sollte, war hinabgeglitten und bewegte sich leise im Luftzug. Es war der einzige bunte Punkt und Schmuck am Bilde. Denn die ganze schmächtige Gestalt steckte in einem losen graublauen Gewande, das keinerlei Ähnlichkeit mit den hübsch gearbeiteten Kleidern, Miedern, Schleifen und Schürzen der andern aufwies. Über den schmalen Hüften durch einen einfachen Ledergürtel kittelartig geschlossen, ließ es zwischen den weichen Falten kaum den zarten Ansatz der Brust erkennen und verlieh dem Mädchen etwas sonderbar Knabenhaftes. Aber darüber erhob sich ein unregelmäßiges Gesichtchen, das gradezu ansteckend in seinem ausgelassenen Übermut wirkte. Wie sie so dasaß, den Oberkörper zurückgebogen, die ziemlich dunkeln Augen leuchtend erhoben, die Lippen wie in beginnendem Gelächter oder verlangendem Durst halb geöffnet, so daß unter der zu kurzen und stark geschweiften Oberlippe die weißen Zähne hervorschauten, – da machte sie den Eindruck, als bäume sie sich auf in überschäumender Lebenslust, bereit, jeden Augenblick jauchzend über alle Stränge zu schlagen, – fast unwillkürlich dachte man sich einen Thyrsusstab in die hinaufgestreckten verschlungenen Hände, – und der Bacchusknabe war fertig.

Als sie sich rasch und unvermittelt aufrichtete und ins Haus sprang, erhob sich Erik aus seiner vorgebeugten Stellung am Fenster und raffte hastig seine Hefte zusammen. Während er den Weg in seine Klasse antrat, kam ihm ein Lachen über seine eigne Verdutztheit. Zwei Lämmer in seiner Herde gehörten jedenfalls nicht dem langweiligen Durchschnitt an: die heilige Therese, und dann dieser arge Schlingel und Taugenichts.

Im Hallengang war es inzwischen von allen Seiten, in allen Ecken lebendig geworden, und einige Minuten lang schwirrte es dort durch einander gleich einem Mückenschwarm in der Maisonne. Dann schwächte sich der Lärm ab, die Klassentüren fielen ins Schloß; hie und da eilte noch ein Nachzügler an seinen Platz; einzelne Lehrer, sämtlich in dunkelblauem Frack, der für diese Schulen vorgeschriebenen Uniform, schritten grüßend aneinander vorüber oder blieben, ein paar Worte wechselnd, im Gange stehn. In Eriks Klasse war alles schon mäuschenstill und in schönster Ordnung beisammen, als er mit belebtem Gesichtsausdruck hereintrat. Einen Augenblick lang ließ er, auf dem Katheder stehend, seinen Blick über die blonden und braunen Mädchenköpfe schweifen, die fast alle mit lebhaften und aufmerksamen Augen zu

Veröffentlicht / Quelle: 
Verlag der J. G. Cotta'schen Verlagsbuchhandlung Nachfolger, Stuttgart, 1895

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