Ruth - Page 4

von Lou Andreas-Salomé
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etwas zünden und wirken könnte. Es gibt nur das Volk, zu dem wir weder sprechen dürfen noch können, – und ein Publikum, das sich amüsieren will.«

Er hatte sich in Eifer gesprochen. Erik antwortete nicht. Die Pferdebahn hielt, und beide stiegen aus.

»Nun haben Sie noch neue Stunden an der Mädchenschule übernommen?« nahm sein Begleiter das Gespräch wieder auf, und wie er jetzt langsam einherschritt und das Straßenpflaster durch seine Brille fixierte, sah er ebenso schwerfällig und schläfrig aus, wie vor hin hastig und zerfahren, »ja, da möchte man Sie am liebsten für alles ausnutzen! Sie hatten diese Klasse ja erst im Herbst zu übernehmen.«

»Es war aber Not am Mann. Auch wollt ich die Mädchen kennen lernen, Fühlung gewinnen, eh ich sie im Herbst ganz übernehme.«

»Nun, Sie werden es satt kriegen. Wissen Sie, dieses Geschlecht ist entsetzlich! Und nicht das geringste Talent für Mathematik unter ihnen. Auch nicht das geringste. Rechnen können sie alle nicht.«

»Gott sei Dank!« sagte Erik.

»Nein, nehmen Sie es nicht humoristisch. Als Mädchenlehrer verlernt man das Lachen. Unmöglich gefallen Ihnen die Backfische in Ihrer Klasse?«

»Hübsche Mädels!« entfuhr es Erik beinahe; als er aber die fast bekümmerte Mine seines Begleiters gewahrte, verschluckte er es noch recht zeitig und erwiderte nur: »Sie bringen doch Anregung, Abwechslung. Sehen Sie, hier in meiner Lederrolle: ein ganzer Stoß Aufsatzhefte. Das kurioseste Zeug. Sie gehen noch auf meinen Vorgänger zurück; ich ließ sie mir nur geben, um mich zu orientieren. Auch hab' ich eine wirkliche Merkwürdigkeit darunter gefunden.«

»Da bin ich nicht neugierig!« versicherte der Kollege von der Mathematik und kniff die Augen zu, »wahrhaftig nicht. Aber Sie sind ein beneidenswerter Mensch. Von Ihrem Vorgänger weiß ich, daß diese blauen Aufsatzhefte ihm bisweilen noch des Nachts Albdrücken verursachten.«

»Das war nur eine gerechte Strafe!« meinte Erik lachend, während sie einen hohen Torbogen durchschritten und in das Schulgebäude eintraten, »warum gab er auch Aufsatzthemata wie zum Beispiel das letzte hier: ›Über das Glück‹. Arme Mädels, die da in schönem Deutsch beschreiben sollen, was sie doch noch gar nicht genossen haben.«

Sie blieben vor dem breiten steinernen Treppenhaus stehn, das von der Flurhalle zu den Klassen hinaufführte.

»Deutsch schreiben lernen könnten sie doch jedenfalls dran, und das ist ja wohl der Zweck,« bemerkte der Kollege steif, denn die letzte Bemerkung hatte ihm höchlich mißfallen, »Ihr Vorgänger hat gewiß an kein Glück gedacht, wozu man die Schule verlassen haben muß. – Aber hier trennen sich wohl unsre Wege. Ich meine: wörtlich.«

»Also auf Wiedersehen!«

»Wünsche beste ›Anregung‹.«

Erik stieg hin auf und ging durch den hohen Hallengang, an dem die Klassenzimmer lagen. Er öffnete eines davon und blickte auf seine Uhr. Noch war die Frühstückspause nicht vorüber. Die meisten Mädchen hatte der Maisonnenschein in den großen Schulhof gelockt; man konnte sie durch das offene Fenster unten paarweise umhergehn und spielen sehen. Dicht unter dem Fenster, an das er sich setzte, stand der Brunnen mit einer Holzbank; dort machte es sich eine Gruppe halberwachsener Mädchen bequem, – das Kichern und Schwatzen drang deutlich bis zu Erik herauf.

In den umliegenden Klassen und auf dem Gang war es ganz still; selten nur klappte eine Tür, oder wurde ein Ruf laut. Auf den zur Hälfte niedergelassenen Fensterrouleaus brütete die Sonne, und einzelne Brummfliegen surrten um ein paar Brotkrumen auf den staubigen Pulten.

Erik hatte die blauen Hefte hervorgezogen und blätterte darin, wobei er jedoch von Zeit zu Zeit einen Seufzer ausstieß. Im Grunde waren dies wirklich recht langweilige Schulhefte. Solch ein Backfisch ist interessant, ohne Zweifel, er ist als Mensch, als Weib, als Backfisch interessant, und eine Welt für sich; aber von alledem kommt in den Schulaufsatz nichts hinein. Kein Wunder! Ist es nicht schließlich ebenso mit allen geschriebenen Büchern der Welt? Ist nicht der kleinste Ausschnitt des wirklichen Lebens tausendmal reicher, aufschlußgebender?

Er stand auf und warf einen Blick auf die lachende, schwatzende Mädchengruppe am Brunnen. Die, die er von seinem Standort sehen konnte, gehörten sicher seiner neuen Klasse an, hatten also die langweiligen Aufsätze auf dem Gewissen. Er verzieh sie ihnen, während er sie so anblickte, – diese frischen Geschöpfe, die noch das Vorrecht besaßen, ohne Schönheit schön zu sein. Es waren unter ihnen ganz bestimmte Typen leicht zu unterscheiden, obgleich sie verschiedenen Nationalitäten angehörten. Drei Sprachen schwirrten durcheinander. Er unterschied am deutlichsten den mehr hausfraulichen und den mehr weltlichen Typus. Beide besaßen etwas Anziehendes, – sowohl dieser schelmische Blick, der so weiblich ahnungsvoll unter den sorgfältig gekrausten Stirnlöckchen hervorlugte, als auch der sanfte, sittsam stille Augenaufschlag unter dem Madonnenscheitel. Das eigentlich kindliche Genre war unter diesen Backfischen fast gar nicht mehr vertreten. Und vielleicht deshalb auch so wenig Untypisches im ganzen, so wenig Individuelles, – man konnte sie schon klassifizieren, sie waren schon fest geprägt durch die Umgebung, in der sie erzogen wurden, wo es aber keine geborenen Erzieher und Menschenfischer nach Eriks Ideal gab, sondern nur gewöhnliche Amts- und Standespersonen.

Unwillkürlich suchte seine Hand unter den Heften, als wünsche er sich selbst Lügen zu strafen. Ja, hier stand die »Merkwürdigkeit« unter den Aufsätzen, – etwas höchst Individuelles jedenfalls.

Anstatt des vorgeschriebenen Titels »Über das Glück« trug er die Überschrift »Seligkeit!« – und wie ein Sehnen und Jauchzen klang etwas von dieser Überschrift dem Lesen den aus jeder Zeile entgegen. Er war nicht in vernünftiger, oder doch wenigstens korrigierbarer Prosa geschrieben, sondern in Versen, in gänzlich unkorrigierbaren und wilden Versen, in denen die Sprache Reißaus genommen hatte. Trotzdem wirkten diese Verse, so fehlerhaft sie hingeschrieben waren. Oder vielmehr: hinge träumt. Denn im Grunde glich dieses einem unklaren Traum, einem bloßen Gedankenstammeln, einem Sichauflehnen gegen Wort und Logik, aber es steckte unleugbar eine Gefühlsmacht darin. Man wurde im höchsten Grade ungeduldig bei der Lektüre, aber man wurde auch vom ungeduldig drängenden Wunsche überfallen, dem, der hier träumte und stammelte, mit Gewalt die Zunge zu lösen, daß er Aufschluß gäbe über seine Seele. Solche Verse mochte die heilige Therese als Kind gedichtet haben, ehe sie ihre Visionen auf Gott bezog, dachte Erik. Welche von denen im Hof mochte das sein?

Einzelne Worte tönten laut und erregt zu ihm her auf und brachten ihn aus dem Lesen. Er hörte eine von den Mädchenstimmen mit

Veröffentlicht / Quelle: 
Verlag der J. G. Cotta'schen Verlagsbuchhandlung Nachfolger, Stuttgart, 1895

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