Ruth - Page 2

von Lou Andreas-Salomé
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Willen noch mehr Schulstunden hineinstopfen könntest?«

Ein Zug von Pein ging über sein Gesicht. Er antwortete nicht, sondern kehrte sich ab und lehnte sich in das breite Fenster des Wohnzimmers. Jonas war aus dem Garten hereingekommen, blieb neben dem Vater stehn und blickte hinaus.

Draußen kämpfte der letzte Nebel gegen die Maisonne; man konnte in der Tiefe des Gartens einzelne Obstbaumgruppen unterscheiden, in deren Mitte ein zusammengebrochener Springbrunnen stand. Im Hintergrunde schloß ein kleines Gehölz von Birken, Pappeln und Weiden, an denen noch die Kätzchen niederhingen, die Aussicht ab. Näher zum Hause streckten ein paar mächtige Ulmen ihre Zweige bis über das Dach.

Süß und laut schlug den beiden am Fenster die erste Nachtigall des Jahres entgegen. Einen Augen blick lauschten sie stumm.

Wie die Gesichter von Vater und Sohn einander so nahe gerückt waren, fiel die Ähnlichkeit zwischen ihnen auf; sie trat noch stärker dadurch hervor, daß Erik sich bartlos trug. Derselbe blonde Kopf, breit ausgebaut in Stirn und Schädelform, die selbe ein wenig stumpf abschließende Nase und der selbe große, im Sprechen und Lachen sehr ausdrucksfähige Mund. Aber diese ein wenig groben Züge bedurften sichtlich mancher Jahrzehnte, um durchgeistigt und fesselnd zu wirken. Eriks Züge waren beredt geworden in all jenen feinen Linien und Schatten, die ihnen erst seelischen Reiz verliehen, als die Jugend von ihm ging. Jonas dagegen besaß noch ein frisches Apfelgesicht, das in seiner vollendeten Harmlosigkeit ihn oft minder geweckt erscheinen ließ, als er wirklich war. Schön konnte man an ihm nur die großen Blauaugen der Mutter finden und deren blendende Haut, die nur das Krankenlager an ihr entfärbt hatte.

Klare-Bel lag still und blickte auf ihre beiden liebsten Menschen. In ihren Gedanken sah sie Jonas schon herangereift zu der hochgewachsenen Gestalt ihres Mannes; sie glaubte im Knaben ihn wie der zu erkennen, so wie er damals war, als sie ihn kennen lernte und er um sie warb. Es war ja auch gar keine so bedeutende Anzahl von Jahren, die ihn damals von Jonas' Alter unterschied, – einundzwanzig Jahre zählte Erik erst, als ihm sein Knabe geboren wurde. Sie fühlte jedesmal eine kleine Regung von Stolz, wenn sie daran dachte. Hatte er sich doch toll genug in sie verliebt, um sie mitten in seiner leichtlebigen Pariser Studentenzeit frischweg vom Fleck zu heiraten! Er, der begabte, ehrgeizige, früh weltmännisch geschulte Mann, band sich an sie, das einfache Kinderfräulein, das nur der Glücksfall einer günstigen Stellung aus ihrer kleinen holländischen Vaterstadt Haarlem in die vornehmen Gesellschaftskreise von Paris geführt hatte. Die fremden Kinder an der Hand, hatte sie bewundernd in den Salon gespäht, wo er verkehrte. Später gingen sie von Paris nach Deutschland und nach England und lebten ein paar Jahre von dem geringen Vermögen, das schnell verbraucht war. Eriks Studien waren breit angelegt gewesen, sie sollten Geistes- und Naturwissenschaften gleichmäßig umfassen, aber als Jonas zwei Jahre alt wurde, da galt es, sich mit eisernem Fleiß zu konzentrieren und abzuschließen, um Brot zu erwerben. Eine kleine Lehrstelle bot sich ihm, ganz aus der Welt, weit draußen im Meer auf einer friesischen Insel. Klare-Bel freute sich im Grunde, daß ihre verrückte glückliche Studentenehe in so stille, geordnete Verhältnisse mündete, aber für Erik tat es ihr leid. Denn erstens war er sicherlich zu viel Größerem berufen als zu diesem abhängigen Stilleben für Weib und Kind, und dann konnte sie ihn sich auch gar nicht anders vorstellen als im ungeheuren Rahmen einer Weltstadt und im vollen Verkehr mit einer gebildeten, raffinierten Gesellschaft, die ihn fortriß und die er fortriß. Wie sie ihn zuerst unter den einfachen Menschen des Volkes dastehn sah, kam er ihr vor wie ein verzauberter Prinz.

Aber sie kannte ihn und zweifelte nicht: irgendwie werde er auch schon die Leute verzaubern, bis sie seinen prinzlichen Ansprüchen besser entsprächen.

Zu ihrer Verwunderung kam es jedoch ganz anders. Erik lehrte niemand seine Art, wohl aber nahm er die der Leute an. Bald sah man ihn ebenso oft im Schifferwams und in Lederhosen wie in seiner frühern Kleidung. Seine Umgebung färbte so stark auf ihn ab, daß er geradezu echt in der Farbe erschien. Aber die Folge war, daß er seine Umgebung beherrschte. Er gab sich nicht, wie Bel gefürchtet hatte, Grübeleien über seine weitausschauenden, ehrgeizigen Wünsche hin, vielleicht war es eine zu aktive Natur dazu.

Was es nur gab, raffte er zusammen, um sich in der Gegenwart voll zu betätigen, und an die Zukunft – an die glaubte er so fest wie ein Kind an Gott.

Klare-Bel richtete sich ein wenig höher auf in ihren Kissen und stützte den Kopf in die Hand. Weiter als bis hierher dachte sie niemals.

Ein Glanz froher Erinnerung lag auf ihrem Gesicht, der es verjüngte. Die kunstvoll geordneten Locken, die statt jeder festen Frisur dies Gesicht umrahmten, trugen noch dieselbe wunderhübsche Goldfarbe wie damals. Nur am Hinterkopf waren sie durch das lange Liegen dünn geworden, ja dort hatte sich sogar eine ganz kleine verheimlichte Glatze gebildet.

»Jetzt müssen wir in die Schule wandern, Jonas,« bemerkte Erik und wandte sich vom Fenster.

»Gehst du heute zu den Mädchen, Papa?« fragte der interessiert.

»Ja. Aber deshalb brauchst du nicht wieder am Torweg der Mädchenschule auf mich zu warten und dort herumzulungern,« versetzte Erik mit einem Seitenblick, der Jonas verlegen machte. Ohne ein Wort zu erwidern, trollte sich dieser aus der Stube.

»Jonas fängt früh an! Er artet dir nach, Erik!« sagte Klare-Bel lächelnd, und als stünd' es mit ihren Worten in irgend einer Gedankenverbindung, griff sie unter allerlei Sachen, die auf einem niedrigen Tischchen neben ihrem Ruhebett standen, einen geöffneten Brief heraus. »Hier liegt noch die Einladung. Wenn du wirklich absagen willst, vergiß es nicht heute in der Stadt, oder gehst du persönlich vor?«

Er streckte die Hand nach dem Brief aus und überflog ihn flüchtig. Es war eine kurze Einladung, unterschrieben: Warwara Michailowna. Erik kniff das Papier zerstreut in kleine Falten und warf es auf den Tisch.

»Ich möchte dich wohl was fragen, Erik.«

»Ja, Bel?«

»Sage mir: gehst du vielleicht nur deshalb nicht mehr in diesen ganzen Kreis, weil sie dir gefährlich geworden ist?«

Er fing an zu lachen.

»Nein, Bel, darüber kannst du ruhig sein.«

»Aber hat sie dich nicht doch einen Augenblick

Veröffentlicht / Quelle: 
Verlag der J. G. Cotta'schen Verlagsbuchhandlung Nachfolger, Stuttgart, 1895

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