John Flowrew

von Michael Dahm
Mitglied

Jeffrey Clearwater und Hank Norman, ihres Zeichens Deputies, saßen im Büro des Sheriffs und versuchten, die letzten vier Stunden bis zum Feierabend totzuschlagen. Der vierte Schreibtisch neben ihren und dem des Sheriffs war seit Tagen blankpoliert und erstrahlte in jungfräulichem Glanz. Auf ihm befand sich ein weißes Schild, auf dem in großen Druckbuchstaben geschrieben stand: „John Flowrew”.
Der ausgedehnte, jedoch spartanisch eingerichtete Raum bestand weiterhin aus einem mächtigen eisernen Waffenschrank, der leicht angerostet, in einer Ecke direkt neben dem einzigen kleinen zugegitterten Fenster sein Dasein fristete.
Eine Kaffeemaschine röchelte altersschwach auf einer schlecht eingekachelten Arbeitsplatte. Monoton summte eine mittelgroße Neonröhre und warf ihr gelbes Licht in die Runde.
In einer anderen Ecke des Raumes befand sich ein Feldbett, das mit seiner akkurat gefalteten Decke einlud, dieser Triste zu entfliehen.
Hinter einem grauen, ewig nicht gewaschenen Vorhang, erkannte man die Schatten dicker Gitterstäbe und die Umrisse einer menschlichen Gestalt.
Jeffrey brach als Erster das Schweigen. >Mann, das ist ja nicht zum Aushalten, wann kommt dieser Flowrew denn endlich, und überhaupt, was ist das eigentlich für ein bescheuerter Name? Seit Wochen geht uns der Sheriff auf den Geist mit dem neuen Kollegen und wir wissen nichts über ihn. Warum wird nur so ein Geheimnis um seine Person gemacht?<
Er stand auf, und der Schreibtisch ächzte unter dem Gewicht des massigen Mannes, als der sich auf ihm abstützte.
Jeffrey Clearwater war ein Mittvierziger mit schütterem schwarzem Haar, dem man ansah, dass er es färben ließ. Einen Meter fünfundneunzig groß und einhundertdreißig Kilo schwer, war es nicht leicht, diese Erscheinung zu ignorieren. Lebhafte braune Augen blickten aus einem gepflegten Gesicht.
Er bewegte sich zum Fenster und öffnete es. Dicke Schneeflocken stiebten mit dem Wind herein und brachten etwas Frische in die muffige Situation. Clearwater nahm sich eine Zigarette, blickte aus dem Fenster und rauchte gedankenvoll, während sein Kollege neugierig in den Polizeicomputer sah.
Norman war von ganz anderer Natur als Clearwater. Klein und drahtig, fast dünn, rutschte er ungeduldig auf seinem Stuhl umher, wenn sich die Seiten nicht schnell genug öffneten. Seine blonden Haare standen wirr vom Kopf ab, weil er sie sich alle paar Minuten raufte. Aus unruhigen, nervösen und wässrig blauen Augen starrte er in den bläulichen Schein des Bildschirmes.
>Hey Jeffrey<, rief er seinem Kollegen zu, >ich hab da was gefunden, wenn auch nicht viel.<
Behäbig warf Clearwater die Kippe aus dem Fenster, schloss es, und blies die letzte Lunge voll in den Raum. Er goss zwei Tassen Kaffee ein, warf zehn Stücke Zucker hinein und ging mit ihnen zu Hank. Nach einem tiefen Schluck und einem Hustenanfall sprach er mit erstickter Stimme >Na, was hast du denn gefunden – du Hacker?< Er gab Hank einen freundlichen Klaps auf die Schulter, holte seinen Stuhl und setzte sich neben ihn. Es war eine vertraute Situation, und so unterschiedlich die beiden Männer auch waren, sie mochten sich, und es verband sie eine tiefe Freundschaft, die sie im Laufe vieler Jahre immer mehr verschweißt hatte. Blind konnten sie sich vertrauen und der eine wusste immer, was der andere gerade dachte. Diese Gemeinsamkeit war ihrem Berufsleben förderlich und hatte auch dazu geführt, dass der Mann hinter dem Vorhang hinter Gittern saß.
Nun hockten sie beide im blauen Schimmer des Bildschirmes und versuchten etwas aus dem Leben ihres künftigen Partners zu erfahren.
>Sieh mal hier, Jeffrey, das ist ja ganz interessant. Unser neuer Kollege hat gar kein Geburtsdatum. Hier steht, er wurde am 24. Januar 1977 von einem jagenden Farmer namens Karl Kepler, in den Rocky Mountains, im Unterholz des Waldes, in der Nähe von Jasper gefunden. GEFUNDEN. Kannst Du Dir vorstellen, wie kalt es um diese Jahreszeit dort oben ist? Der Junge war nackt und hatte eine dünne Körperbehaarung, ansonsten aber war er bei bester Gesundheit. Noch viel seltsamer ist, dass der Junge etwa vier Jahre alt war, aber immer noch auf allen vieren lief. Er hatte alle Gebaren eines Wolfes, er fletschte die Zähne und biß Kepler in die Hand, woraufhin dieser sich nicht anders zu helfen wusste, als den Kleinen zu fesseln. Als er ihn sich über die Schultern werfen wollte, um ihn zu seinem Wagen zu bringen, wurde er von einer Wölfin angegriffen, die ganz außer sich war, so als handelte es sich um ihr Junges. Kepler mußte sie erschießen. Er lieferte den Jungen in der Polizeistation in Jasper ab, damit war für ihn die Sache erledigt.
In den darauf folgenden Jahren, in denen er erstaunliche Fortschritte machte, lebte er in unterschiedlichen Familien. Hier steht, weil er sich sehr merkwürdig und ungewöhnlich benahm, näher erläutert wird das hier nicht, wollten sie ihn alle sehr schnell wieder loswerden. Dabei ist er ein sehr intelligenter Mann. Seine Collegenoten sind außergewöhnlich gut, er ist eine überdurchschnittliche Sportskanone, seine Physis ist herausragend. Dennoch ist er ein Einzelgänger, es gibt irgendetwas, das ihn von den Menschen fernhält, oder die Menschen von ihm<.
Stumm betrachteten sie eine Weile das einzige Foto in der Computerakte. Es zeigte einen jungen Mann in den Zwanzigern mit einer bereits grauen Haarpracht. Diese Haarpracht wucherte auch in seinem Gesicht und verlieh ihm etwas Animalisches. Aus all diesen Haaren stachen zwei hellblaue Augen hervor, ähnlich der von Huskys. Obwohl es nur ein Foto war, mußten die Männer ihre Blicke senken, um diesen Augen zu entgehen. Eine Ahnung stieg in ihnen auf, trugen die Augen dazu bei, dass Flowrew Einzelgänger war?
Jeffrey räusperte sich: >Es steht nur noch hier, dass er mit zwanzig Jahren in den Polizeidienst ging, und dass dann das FBI die Schirmherrschaft übernahm. Seitdem ist alles Weitere über John Flowrew streng geheim.<
Einen Augenblick herrschte Schweigen im Raum, dann ertönte eine Stimme hinter dem Vorhang. >Glaubt mir, John Flowrew ist kein Mensch.<
Hank wirbelte herum, sprang auf und riß mit einem Ruck den Vorhang zur Seite.
Auf einer Pritsche lag lässig ein etwa fünfunddreißigjähriger Mann, ungepflegt und mit gelben Zähnen. Er grinste den Deputy wissend an. Hank sah ihn an: >Paul, ich weiß ja, dass du dich bei uns wie zu Hause fühlst und dass du dich gern an unseren Gesprächen beteiligst, aber was zum Teufel willst du uns damit sagen?<
Paul grinste noch etwas breiter, deutete auf Clearwaters Schreibtisch und erwiderte: >Ich gebe erst etwas preis, wenn mir der gute Jeffrey etwas von seinem Zaubertrank gibt.<
Es war ein offenes Geheimnis, dass Jeffrey sich ab und zu mal einen genehmigte, seit seine Ehe in die Brüche gegangen war, und Paul war so oft in seiner Stammzelle, dass er bereits alle Gepflogenheiten der Männer kannte. Wortlos ging Clearwater, holte zwei Gläser und goss sich und Paul etwas ein . >So, und jetzt mach's Maul auf<, knurrte er. >Was weißt du?<
Der Gefangene kippte den Scotch mit einer gewohnten Bewegung in den Rachen und seufzte selig. >Der ist wirklich gut<, entfuhr es ihm.
>Jetzt mach schon<, drängte Hank.
Paul setzte sich auf und lehnte sich an die Wand. >Es war etwa im Jahr zweitausendundzwei, als ich mit ihm zu tun hatte. Damals lebte ich in Montreal und hielt mich mit Gelegenheitsdiebstählen über Wasser.<
>Du wirst immer ein kleiner Fisch bleiben<, platzte Jeffrey heraus.
Unbeeindruckt fuhr Paul fort. >Es war in einer Nacht, gegen 23 Uhr, als ich die Schaufensterscheibe eines Juweliergeschäftes einschlug. Die Alarmanlage ging los und ich sackte so schnell ich konnte etwas aus der Auslage zusammen. Ich stopfte mir die Taschen voll, nahm meine Beine in die Hand und rannte so schnell ich konnte davon. Wir hatten in dieser Nacht Vollmond und man konnte sehr weit sehen, es war eigentlich ein schlechter Zeitpunkt für einen Bruch, aber ich war wie immer blank.
Plötzlich hielt etwa dreihundert Meter von mir ein Wagen, zwei Männer stiegen aus, und einer rief: Halt, bleiben Sie stehen, FBI. Da ich damals schon allergisch gegen gesiebte Luft war, gab ich noch etwas mehr Gas. Ich sah, wie sie aus ihrem Fahrzeug ein Tier herausholten, und der eine Kerl brüllte >Hol ihn dir, John!<. Ich war damals wirklich sehr gut trainiert, aber dieses Ding kam näher und wurde immer größer. Ich sah glühende Augen, messerscharfe Krallen und entsetzliche Zähne. Diese Vieh hatte innerhalb von zehn Sekunden die dreihundert Meter überbrückt und war an mir dran. Es riß mich zu Boden und war über mir. Das Letzte, woran ich mich erinnere, sind diese stechenden blauen Augen, dann wurde ich besinnungslos.
Als ich wieder zu mir kam, saß ich mit einer blutenden Fleischwunde am Hals im Auto des FBI, das außer mir mit drei weiteren Männern besetzt war, und einer davon, das werde ich nie vergessen, hatte die gleichen Augen wie das Ungeheuer, das mich zur Strecke brachte. Er saß neben mir und ich spürte regelrecht das Außergewöhnliche, Unbekannte, das meine Härchen am ganzen Körper aufrecht stehen ließ. Diese Augen musterten mich mit kalter Überlegenheit. Er gab mir seine mit leichtem Flaum bewachsene Hand und sagte mit kehliger Stimme, >Hey, mein Name ist John Flowrew, tun Sie das nie wieder, sonst kann ich für nichts garantieren.< Paul zitterte am ganzen Körper. >Glaubt mir, Flowrew ist kein Mensch!<
Die Männer zuckten zusammen, denn in diesem Augenblick flog die Tür auf, und in ihr stand, umgeben von wirbelnden Schneeflocken, eine hünenhafte Gestalt. Huskyblaue Augen stachen aus einem bärtigen Gesicht, das wettergegerbt und ledrig wirkte. Erkennend ruhte ihr Blick auf dem Gefangenen und glitt dann über die geöffnete Seite des Polizeicomputers hinüber zu den Deputies, die erschrocken mit offenen Mündern dasaßen.
Die kehlige Stimme übertönte den Wind; >Hallo, mein Name ist John Flowrew.<

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