Eine Weihnachtsgeschichte für Mitgefangene, Gitterstäbe und andere Gewohnheiten

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Wohl gibt es eine lange Zeit die Wanne volllaufen zu lassen, mit den vorzüglichsten Gewohnheiten, in ihnen wieder und wieder heiß zu baden, während Liebe und Geist bereits wehrlos dem Schrumpeln meiner und deiner Haut zusehen müssen. Egal, denkst du da voraussichtlich, Hauptsache warm und sauber! Klingt es doch zutiefst menschlich, wenn es heißt, bloß nicht den Stöpsel ziehen, solange es einem einigermaßen geht. Und mal ehrlich, wer will denn schon absichtlich frieren, ich nicht, du nicht - zumindest doch wohl jetzt noch nicht; so oder so ähnlich denkt da wohl erfahrungsgemäß ein „Jederman(n)“!

Dennoch! Es kann jederzeit, überall, auch heutzutage noch passieren, das Unvorstellbare, eine unheimliche Begegnung vielleicht oder gar die Entdeckung, in der Alles und Nichts gefährlich lange mit den Grenzen unserer Deutungen auskommen mussten, bis wir erstmals in besonderen Herausforderungen auf Wahrheiten stoßen, in denen solcherlei Grenzen sich lediglich als Übergänge erweisen. Bedauerlich, dass seit jeher der Mensch in all‘ seiner Einfalt für derartige Erkenntnisse zumeist leider immer erst ein außergewöhnliches Erlebnis oder eine möglichst tief aufrüttelnde Krise benötigt. Hinzu kommt, dass erhellende Begebenheiten, wie sie beispielsweise seinerzeit in der Weihnachtsgeschichte dem alten Ebeneza Scrooge nachgesagt werden, in unserer modernen, zunehmend Natur fernen Welt leider immer weniger zu finden sind. Zu weit hat sich der Mensch bei zunehmendem Gebrauch seiner Steckdose verabschiedet von der Vorstellungskraft gegenüber einer Wirklichkeit, die für unsere modernen Sichtweisen „unsichtbar“ und „unfassbar“ bleibt. Um so wundersamer daher die Begegnung, die Jul, dem auserkorenen oder vielleicht doch eher bedauernswerten Opfer in folgender kleinen Geschichte, ebenfalls an einem denkwürdigen Heiligen Abend, widerfahren ist. Wann auch sonst sollten derartige Begegnungen stattfinden , wenn nicht an diesem ganz besonderen Tag, einmal im Jahr. Ist es doch der einzige Tag, an dem wir es gestern wie heute in seltener Mehrheit ausnahmsweise mögen, wenn sich die Dinge um uns herum geheimnisvoll mit viel Gefühl entwickeln, der Tag, an dem uns so wunderbar gerecht und freigiebig ums Herz ist; der Tag, an dem das gewohnte wirtschaftswachstums - gierige Anschaffen einmal im Jahr durchbrochen zu sein scheint von der ewigen Sehnsucht nach einer über dem Menschen stehenden, uneigennützigen „Bedeutung“ und "Liebe", der Tag, an dem noch jede Schneeflocke, jede Träne die festlich – traditionelle Vorstellung von einer edlen geistvollen Gesinnung im Menschen ausschmückt...

Jul, Alter so ca. Ende fünfzig, gut situiert, hatte gerade sein einlaufendes Badewasser abgedreht, sich zeitgemäß in den weihnachtlichen Farben wechselnder Lichteffekte in seinem neuen Spiegel präsentiert, bevor er sich lustvoll in eines seiner alltäglichen Bäder hineinzubegeben gedachte. Insbesondere an diesem Tag sollte es betont duftvoll und ausführlich ausfallen; als eine von den vielen perfekten Inszenierungen, wie sie nun mal für einen gut vorbereiteten, festlich harmonischen Weihnachtsabend unerlässlich sind… als es zu besagter Begegnung kam!
Anfangs war es ja nur ein beklemmendes Gefühl; so, wie in einer der typischen Bedrohungen in Lauerstellung, wie man sie durchaus häufiger mal empfindet innerhalb der Nachlässigkeiten moderner Lebensweisen, kaum sichtbar, eher eine Ahnung oder zumindest doch ein kalter Hauch; eine störende Unannehmlichkeit halt, die dann jedoch von einem Moment auf den anderen deutlich an Gestalt zunahm. Ungeschickt und orientierungslos manövrierte sie anfangs noch in einer Art Erscheinung im Raum herum, bis sie sich endgültig entschied, Jul in erschreckender Weise ihren eisigen Atem entgegen zu schlagen. Völlig geschockt wich der erst einmal zurück und duckte sich reflexartig hinter seinen Wannenrand. Schließlich versuchte er sogar abzutauchen in dem Moment, als die Erscheinung sich als ausgewachsener Geist in Montur und Verschleierung mit atemraubender Umarmung zu erkennen gab. Seiner Tradition folgend, hatte der es sich offensichtlich wohl noch einmal zur Aufgabe gesetzt, leichtfertige Räume dunkel und geheimnisvoll auszufüllen. Auf seiner verzweifelten Suche nach Gewissen, Selbsterkenntnis und spiritueller Entwicklung rüttelte er in kompletter Ausstattung seiner geistigen Gegenwart“ zunehmend ungeduldig und frustriert nun ausgerechnet an Juls Wannenrand. Zwischen den wild aufsteigenden Strudeln in seiner Wanne im Vergleich zu Juls von Natur aus ja sonst eher wenig angespannter Flüssigkeitsmoleküle versuchte der Arme nun hilflos, wie so oft in unkontrollierbaren Erregungen, sich unauffällig und still zu verhalten, abzuwarten, so wie es nun mal einer weit verbreiteten menschlichen Gewohnheit zuspricht, sich möglichst aus allem „raus zu halten“ und sich abzulenken; nicht selten auch durch häufiges Essen gehen, mit verträglichen Worten oder wie beim Sex in der hohlen Hand...

Diesmal allerdings sollte sich die Erwägung, einem Konflikt durch einfaches Ignorieren aus dem Wege gehen zu können, nicht erfüllen; auch nicht aus dem Grund, da die Erscheinung weiter eine stattliche Ausdehnung vornahm zu einem der wohl letzten Weihnachtsgeister zwischen all' den betont bunten Seifenbläschen. Außerdem schwebte der bereits viel zu eindringlich mit seinem Gewissen ausmessenden, Welt- und Menschen rettenden Bewusstsein direkt über Juls Wanne; bedrohlich erhaben über alles, was sich an Abgründen in Juls Augen widerspiegelte. Natürlich übernahmen sofort Juls Ängste reflexartig – wie in derlei Geschichten üblich – die Oberhand. Obwohl juristisch mit allen Wassern gewaschen, erkannten selbst sie bereits klar und deutlich eine nur schwer zu widerlegende Anklage und Strafverfolgung innerhalb einer Art jüngsten Gerichts auf sich zukommen. Doch was dann geschah, geschah zumindest anfangs völlig anders und unerwartet.
Jul hielt nämlich inne…Völlig überrascht fühlte er entgegen aller Befürchtungen eine sonderbare Wandlung in sich aufsteigen, spürte, wie sie in ihm Platz schuf, um einer ungewohnt seltenen, fast erotischen Energie den Weg zu ebnen. Auf wundersame Weise wich das Treiben seiner Ängstlichkeiten einem nie erlebten Hochgefühl, in das er sich sonderbar geistvoll eingeatmet und mitgerissen fühlte. Wie in einem Sog und erstaunlich schwindelfrei konnte er sich jetzt spüren inmitten ungelebter, hell aufscheinender tiefer Horizonte, so, wie er es sich immer erträumt hatte, unabhängig, stark, herrlich ausgelassen und lebendig. Darin verwandelte er alles in einen Schauer von Lust… Lust an Hingabe... Lust an den großen erhellenden Abenteuern, aus deren Kostproben Jul sonst ja nur in den feierabendlichen Freigängen beim Fernsehen, im Kino oder eben bei Weihnachtsmann, Kitsch und Co zwischen Werbung und Unterhaltung in kollektiver Lebensansprache und in Form dürftiger Klischeehäppchen schnappen durfte. Woher allerdings in ihm so plötzlich das Verlangen nach Wesentlichem und nach Gestaltung kam, lässt sich auf die Schnelle aus den allzu bekannten Alltagsbeständen menschlicher Erlebnisträume natürlich nicht

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