Gedanken, Gedichte im ersten Corona-Halbjahr - Page 2

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Stern in Südwest
eine Straßenlaterne im Kosmos.
Der Weg schleicht sich in die Dämmerung
der Spiegel des Sees ist nach innen gewendet
als könnte man fast des Frühlings irdische Düfte einatmen
als könnte man fast seine Lungen mit Sehnsucht füllen
nicht zur Venus hoch dort oben
aber zu einem näheren Abstand
der sich auch in der Quarantäne
der Liebe befindet.

Abstand halten

Auf der ganzen Welt denkt man die gleichen
Gedanken, alles beginnt gleichsam auf's Neu,
Fragen, auf die niemand antworten kann,
und Fragen, die scheinbar abgelegen
sowie notwendig sind; dieser Frühling brauchte
sich sich nicht mit dem Schnee beschäftigen
und die Blumen kümmerten sich zumeist
um das Licht, das wir eine Stunde nach vorn
gedreht hatten. Dass wir uns gegenseitig
helfen, war eine Überraschung,
aber wir halten Abstand, wir niesen
in die Achselhöhle und spritzen
Hand-Desinfektionsmittel über die Finger.
Anstatt der vier letzten Ziffern der
Personnummer ist es unsere Postleitzahl,
die uns unsere Identität zuteilt, wir alle
wurden Schuster, die bei ihren Leisten
bleiben müssen. Eine Stunde vor der
Eröffnung öffnen die Geschäfte
die Hintertür für die über Siebzigjährigen,
die die fertig gepackten Einkaufstüten
abholen. Längs des Weges Rand versuchen
Huflattiche die Stellung zu halten,
es ist windig, und in der Nacht
zeigen sich Minusgrade. Es gibt mehr
hinter den Bergen und den Blumen ... -
und der Gesundheitsbehörde, denn er wird
kommen, er wird kommen, der Lenz.

("Es gibt mehr hinter den Bergen ..." - Aus dem Gedicht "Omkring tiggarn från Luossa" von Dan Andersson.
literatpro.de/gedicht/030317/um-den-bettler-von-luossa )

Der ungreifbare Tag

Der ungreifbare Tag, der unbegreifbare Tag, der wartende -
leer und gefüllt mit nichts, wie der Wind, der vorbeizieht
und die Zweige der Birke in Bewegung setzt,
Blütenkätzchen, wie senkrechte Wiegen für die kleinsten
Gedanken; ist es eine neue Zeit, in die wir hineinsteigen,
befinden wir uns im Korridor zwischen zwei Epochen,
werden wir eines Tages von "davor" und "danach" sprechen?
Unsere Gefühle flattern augenscheinlich in uns, aber
ebenso unsichtbar wie das, das dieses herbeigeführt hat,
das, worüber alle reden mit Bangen und Verwunderung.

Vorsichtiger Aprilmorgen

Es scheint ein vorsichtiger Aprilmorgen zu sein,
wie eine Empfehlung von höherem Ort.

Sal-Weide und Weide, Buschwindröschenkühle und
ein schwebendes Eichenlaub über dem morschen Stock

auf dem Weg in das Ende. Die Kraniche feuern ihre
ungeschmierten Scharnierfanfaren, wenn sie genug

Luft zum Aufstieg gesammelt haben. Sie fliegen und
haben Überblick, doch was sie sehen, wissen wir nicht.

Früher war Nähe erstrebenswert, nun gilt es, Abstand
zu halten. Keine Probleme, denken wir - wir, die das

Leben sehr lange mit gutem Spielraum lebten.
Die Skala zeigt 1:1000, welches bedeutet:

2 m auf dem Medborgarplatz in Stockholm entsprechen
2 km hier im bockigen Inneren Entwicklungsgebiet.

Wir sind verschont vom Bus- und Untergrundbahn-
gedränge, sowie von sonnigen Außenbewirtungen.

Wenn wir einem einsamen Wesen auf dem Wald-
spaziergang begegnen, rufen wir laut: JACKPOT,

so jubelnd laut, dass der Windbruch den Halt verliert,
und damit ist das Ansteckungsrisiko eliminiert.

In unserem Zukunftsoptimismus können wir
uns nicht täuschen: Das Plastik rettet die

Menschheit vor der Coronafontäne, während sie
gleichzeitig für den Klimawandel in der kommenden

Phase bettet. Oder, wie es hinten
auf den indischen Bussen steht:

BLOW THE HORN! KEEP DISTANCE!

Jeden Morgen

Denk, man steht auf! Jeden Morgen. Aus dem Bett, vielleicht aus einem Traum. Man wacht auf, dreht sich von der Seite auf den Rücken, streckt den Rücken und die Gelenke, so wie wir es von der Katze lernten. Dann erhebt man sich, setzt sich auf die Bettkante.
Und kurz darauf steht man auf.

Tag für Tag stellt man sich auf die Füße, um zu beweisen, dass man ein Mitglied im Team Homo erectus ist. Es ist eine alte Tradition, zweifüßig zu agieren, der Gedanke schwindelt und man muss sich wieder setzen. Aber Homo erectus ist ja bereits vor cirka 50 000 Jahren ausgestorben. Diese Art Zeitlineal hat man nicht so richtig im Griff. Jahrmillionen, Mammute, fliegende Rieseneidechsen ...

Wir gehören zu der Gattung Homo sapiens, der Menschenart, die begann Feuer zur Zubereitung von Essen zu benutzen. Nun ist es höchste Zeit, den Morgenkaffee aufzusetzen. Es ist Zeit für einen neuen Tag, die Zeit, da die Hohltaube im Wald oben gurrt und das Kranichpaar vom Baumstumpf des Vorjahres schwärmt.

Die Sonne ging auf und wir mit ihr. Etwas Platz für Dankbarkeit ist vielleicht trotz allem angebracht in diesen Tagen, da ein Virus die Welt mit Furcht umwickelt. Die Natur um uns herum wird Jahr für Jahr ihren beharrlichen Kreislauf entsprechend einer sorgfältig geplanten Zeittabelle fortsetzen.

Bald beginnt das Moos zu grünen. Bald schlägt es aus, das Birkenlaub.

Buschwindröschenzeit

Buschwindröschenzeit, Reisighaufen wachsen auf Feld und Flur.
Noch ist es das Stoppelfeldgrau, das die Farbskala dominiert.

Die weißglitzernden Grabenränder stehen im Staub, die Jahreszeit häutet sich,
dieses Jahr ohne das frisch gebügelte Leichentuch des Wirbelschnees.

Der Sandweg ist auf der einen Seite geebnet, ein Unterfangen,
das in eine andere, noch nicht asphaltierte Zeit gehört.

Nachmittag in der Sonne mit einer Apfelsine, Wind, der am Ärmel zerrt,
als wollte er mich mitnehmen, aber ich bin schon meine fünf km gegangen.

Und das Trockene aus dem Garten gekarrt, noch sehr wenig Grün, aber
Nachbar Boris hat seinen Rasenmäherroboter in Gang bekommen, seufz.

Vor fünf

Wache auf vor fünf mit quellklaren Gedanken. Träumte frisch heute Nacht, etwas wie ein Standardtraum: fand nicht das richtige Lokal in einem öffentlichen Milieu. Es ist herrlich, bei Licht aufzuwachen, diesem Licht, das mich lockt, ein Tabuadjektiv zu verwenden: betörend! Und die Luft außen kühl und voll von frischen Düften - der Boden, das Grün, das was lebt und wächst keimt. Erhaben, betörend! Die Sonntagszeitung im Kasten bekam Gesellschaft von der Montagszeitung. Ich nehme sie heraus und lege sie auf den Küchentisch, neben dem Schwedenmilchteller und der Kaffeetasse. Das Radio kommt dazwischen mit einer Neuigkeit: eine Wahnsinnstat in Nova Scotia im östlichen Kanada. Ein Mann in einem Polizeiauto fuhr umher und schoss auf Passanten. Er kommt von einer kleinen Ortschaft. Nach den ersten, unsicheren Informationen soll er ein normaler, netter Mensch gewesen sein. Was fasst nicht alles in einen Mensch, in uns.
Herdenimmunität heißt das neue Wort. Ich weiß nicht, was es bedeutet, aber es hört sich freundlich an. Åsne Seierstad schreibt unbehaglich lebendig von einem Erlebnis in China: Auf einem Markt verkaufte man lebende Tiere zum Verzehr.
Vielleicht zeigt dies einen Zusammenhang zwischen dem, was wir den Tieren antun und der Rache der Natur in Form von Viren und Pandemien: Die Tiere hinterlassen Viren als eine Art Rückerstattung für unseren Handel und Wandel.
Doch trotzdem: wir leben! Hier und jetzt öffnet das Dämmerlicht unsere Augen und schenkt uns einen neuen Tag.
Wir müssen zwei Waagschalen hantieren - eine gefüllt mit

Übersetzung aus dem Schwedischen: © Willi Grigor, 2021
© Bengt Berg, 2020

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Interne Verweise

Kommentare

21. Jun 2021

Deine Gedichte und alles, was Du schreibst - werde ich mit am meisten vermissen. Wo stellst Du zukünfig ein, damit ich Deine Texte weiterhin lesen kann?
Herzliche und betrübte Grüße -
Marie

22. Jun 2021

Hallo, liebe Marie!

Leider erhält man nun auch keine Kommentar-Benachrichtigungen mehr - und die Privatnachrichten sind ja ohnehin schon längere Zeit weg ...
Das ist natürlich sehr schade - und macht es nicht leicht, die Kontakte irgendwie zu erhalten.

FB bietet da lediglich einen äußerst dünnen Ersatz - diese permanente, laute Massen-Flutung erweist sich als reichlich anstrengend und dafür wenig kunstfreundlich ...

LG Axel

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