Kino - Page 4

Bild von Weltenbruch
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mein Gesicht.
Ich stolperte zurück und fiel in den Dreck. Was war das? Diese ganze Welt... alles wirkte irreal, ich wollte, dass es vorbei ist, ich wollte, dass es vorbei ist! Und dann spürte ich etwas, Blicke auf mir.
Ich drehte meinen Kopf etwas nach oben und sah eine Gestalt. Sie war groß, stand in einer weißschimmernden Robe da. Ihr Gesicht war verdeckt von einer Pestmaske, wie man sie aus Venedig oder von Tattoos kannte.
Ich zuckte zusammen. Sie stand einfach nur da und starrte mich an, sie schien nicht zu atmen, nicht wirklich zu leben und irgendetwas irritierte mich besonders. Dann fiel es mir auf. Die Brise, die die Zweige in Bewegung hielt, schien die Robe der Gestalt nicht im mindesten zu bewegen, obwohl der Stoff dünn und leicht zu sein schien. Der Mensch oder die Kreatur starrte mich einfach an.
Ich stand auf, stolperte ein paar Schritte zurück, die Kreatur noch immer im Blick. Dann sah ich wieder auf den Kopf, den ich ausgegraben hatte, der Kopf, der meiner sein musste und musste mich fast erbrechen, als er die Augen öffnete und den Mund langsam mit einem Knacken aufsperrte, was ihn extrem anzustrengen schien.

Ich stolperte wieder, meine Gedanken vermischten sich ungelenk, während ich beobachtete, wie dieser Mund, mein Mund, sich langsam weiter aufsperrte, unnatürlich weit und ohne sich zu bewegen, kam eine Stimme aus dem Hals. „Keine gute Idee hier zu sein. Keine gute Idee hier zu sein“, sagte der Kopf, schüttelte sich, klappte den Mund wieder zu.
Ich sah wieder hoch zu der Kreatur mit der Pestmaske und schluckte. Ihre Hände waren von schwarzen Handschuhen umhüllt, wirkten merkwürdig groß. Langsam, schlurfend, schien sie auf mich zuzukommen. Hastig kletterte ich aus der Grube, die sich vergrößert zu haben schien. Der Kopf starrte mir nach und die Kreatur mit der Pestmaske kam immer näher. Immer wieder rutschte ich an der Erdwand ab, aber schaffte es dennoch nach oben.
Ein Wind pfiff durch den Wald und plötzlich schienen von überall her typische Waldgeräusche zu kommen. Knacken von Zweigen, Rascheln von Blättern, in einer solchen Intensität und Häufigkeit, dass ich Angst hatte jeden Moment angegriffen zu werden. Ich sah mich um, versuchte irgendeine Geräuschquelle auszumachen, aber da war nichts. Meinen Blick von der Pestmaske abzuwenden, war keine gute Idee gewesen, die Kreatur mit der Pestmaske stand nun direkt vor mir und ihre leere Augen schienen mich durch die Maske beinahe aufzufressen.
Ich lief langsam rückwärts, die Kreatur im Blick, vom Steinkreis weg, sie stand nur da, sah mich durch die Maske an, ausdruckslos, doch gleichzeitig unendlich höhnisch.
Ich stolperte, schloss für einen Moment meine Augen und dann stand sie wieder vor mir. Was war das? Das musste nun ein Ende finden! Ich griff nach der Maske und zerrte auch an der Robe der Kreatur, doch kaum einen halben Gedanken später, packte sie mich und schleuderte mich durch die Luft auf den Waldboden. Ich gab einen erstickten Schmerzensschrei von mir. Erst nach einigen Sekunden konnte ich mich wieder aufrappeln. Ich musste zurück, zurück durch die Leinwand. Das hier war kein Ort für mich.
So schnell ich konnte, rannte ich wieder zurück nach unten, versuchte zur Leinwand zu gelangen. Ich drehte mich nicht um, ich wusste, dass die Kreatur dastehen würde. Ich rannte und rannte und rannte. Meine Lunge schien sich zusammenzupressen und Schmerzen durchdrangen jeden Winkel meines Körpers. Die Leinwand war keine 20 Meter mehr entfernt. Ich spurtete noch einmal, ich würde es schaffen. Die Leinwand war keine 20 Meter mehr entfernt. Noch einmal. Keinen Millimeter kam ich näher. Keinen Millimeter. Die Leinwand war keine 20 Meter mehr entfernt.
„Gib's auf, gib's auf“, hörte ich meinen Kopf von oben rufen, doch nicht so weit entfernt, wie er hätte sein müssen. Die Waldgeräusche wurden immer intensiver. „Gib's auf, gib's auf!“
Ich hatte keine Chance. Es würde hier und jetzt enden.
Ich stoppte abrupt. Ich spürte den Griff auf meinen Schultern und sackte in mich zusammen. Vor meinen Augen war der Weg in meine Welt. So nah. So unendlich weit weg. Keine 20 Meter mehr entfernt.

Ich wachte auf der Straße auf. Neben dem Eingang zum Kino. Es war späte Nacht. Der Kirchturm läutete. Drei Uhr. Ich sah mich um. Die Straße rein und leer, die Kinotür nicht im mindesten beschädigt.
Der Display meines Handys verkündete mehrere Nachrichten; Marvin, der fragte wo ich war.
Ich dachte nicht, dass es eine gute Idee wäre, ihn jetzt anzurufen, aber ich wollte mit irgendwem sprechen. Was war hier passiert? Was?
Ich kam eine gute Stunde später bei ihm zu Hause an, öffnete die Tür mit dem Zweitschlüssel unter der Fußmatte und legte mich direkt schlafen. Ich versuchte es zumindest. Es ging nicht. Was war passiert?
Ich hatte keine Verletzungen nichts, aber trotzdem, das war alles so real gewesen.
Als Marvin aufstand saß ich immer noch auf der Couch und starrte einfach ins Leere.
„Was war los gestern?“ Ich schüttelte nur den Kopf. „Hast du die Nummer von David?“ Laura wäre die Antwort. Sie war dabei gewesen, zumindest am Anfang. „Klar, Moment.“ Er diktierte die Nummer und ich ging nach draußen, um David anzurufen. „Hey David, hast du einen Moment?“ „Es ist 10 Uhr – ist's wichtig?“ „Nur ganz kurz.“ „Was gibt’s?“ „Laura, das Mädchen, welches du gestern mit zur Kneipe genommen hast, hast du ihre Nummer?“ „Welche Laura? Ich hab gestern niemanden mitgebracht.“ „Hast du sie nicht eingeladen?“ „Nein, ich kenne keine Laura, also, keine mit der ich irgendwann was zu tun hatte. Ist alles ok? Du klingst ganz schön fertig.“
Ich legte einfach auf, sprach noch einmal mit Marvin, ob denn ihm dieses Mädchen aufgefallen war, aber eine Laura kannte er nicht. Laura gab es nicht. Alles existierte eigentlich gar nicht. Was war das für ein scheiß Zeug gewesen, was mir Pascal gegeben hatte?
Ich ging nach Hause und wollte dort versuchen ein wenig zu schlafen. Ich fühlte mich sicherer und fand dann tatsächlich ein paar Stunden Schlaf.
Am nächsten Morgen wurde ich von meinem Vater geweckt, der durch die Tür rief.
„He, steh auf, du hast Schule... Michael, steh auf!“ Es war Montag. „Ja, ja.“ Schule schien mir auch so irreal, aber alles wirkte schon wieder geregelter, nicht mehr absurd. Irgendwelches Dreckszeug; ziehen würde ich bestimmt nicht mehr. Keine Ahnung, was es gewesen war, Speed jedenfalls nicht, davon halluzinierte man nicht, so viel wusste ich.

Ich duschte, zog mich an, packte meine Tasche und ging nach unten, schlüpfte in meine Schuhe.

Die Bushaltestelle war keine 5 Minuten entfernt. Normalerweise wäre ich müde gewesen, aber der Gedanke an das Kino und was passiert war, hielt mich wach. Immer wieder fragte ich mich, ob das real gewesen war, ob das wirklich passiert war. Was war in diesem Wald geschehen, wer war Laura?
Der Bus bog schon in die Straße, als ich mich entschied statt zur Schule zurück zum Kino zu gehen.
Alles war normal. Alles war in Ordnung. Ein dummer Traum, ein mieser Trip, sonst nichts; das wollte ich begreifen.
Es dauerte fast eine halbe Stunde bis ich vor dem Seiteneingang des Kinos stand. Die Glastür war immer noch ganz und war abgeschlossen. Nachdem ich mich kurz umgesehen hatte, trat ich zu.
Diesmal war es schwieriger, aber nach einiger Zeit zersplitterte das Glas doch und ich lief die Treppen nach oben. Bei der Tür hatte ich Angst, dass sie sich wieder schließen würde und klemmte deswegen meine Schuhe in den Spalt unter der Tür. Ich kam mir lächerlich vor; als würde das irgendetwas ändern.

Die Lichter waren an, der Vorhang offen.

Ich ging langsam an den Sitzreihen vorbei und stellte mich vor die Leinwand, wartete ab. Wartete, dass irgendetwas passierte. Trat näher heran, wollte sehen, dass sich irgendetwas ändert, doch die Leinwand blieb leer. Was hatte ich erwartet? War das alles eine Halluzination gewesen, alles irreal und falsch?

Langsam ging ich vor der Leinwand auf und ab, suchte etwas, einen Beweis oder Gegenbeweis, meine Augen huschten über den Stoff, den Boden, die Stühle.

Ich hatte es längst aufgegeben, als ich eine winzige Unregelmäßigkeit auf dem Boden ausmachen konnte. Ein Schritt darauf zu. Ich hob es auf. Eine Tannennadel.

Alles war real gewesen. Alles. Mein ganzer Körper verkrampfte sich, als ein zweiter Gedanke mich ereilte. Diese Tannennadel war nicht zufällig dort. Jemand hatte gewusst, dass ich sie finden würde; dass ich hierherkommen würde, alles absuchen würde und dann schließlich diese Tannennadel auf dem Boden finden würde. Jemand hatte gewusst, dass ich mit Laura mitgehen würde, dass ich warten würde, geil und dumm, dass ich in die Leinwand treten würde.

Irgendjemand hatte all das gewusst.

Alles war geplant gewesen.

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