Die Blinde und der Taubstumme

von Johanna Ambrosius
Aus der Bibliothek

Im kleinen Städtchen ist es Jahrmarkt heut‘,
Die Sonne lacht vom blauen Himmel droben;
An einem Brunnen stand ich lange Zeit
Und schaute in das wilde, wüste Toben.
Hier Peitschenknallen, barscher Kutscherton,
Im Sammetpolster wiegen sich die Reichen,
Dort drückt ein abgelumpter Putzensohn
Die Sporen seinem Gaule in die Weichen.
Hier Kinderlachen hell aus voller Brust,
Dort zornig Weinen unter tollem Fluchen,
Hier ein Begrüßen, Wiedersehenslust,
Dort ein Verlieren und ein hastig Suchen.
Ein Laut schlug an dem Lärmen an mein Ohr
Herüber von den altersgrauen Linden,
Er übertönte oft den wilden Chor:
„Erbarmt, erbarmt euch einer armen Blinden;
„Ich hab‘ verloren meinen höchsten Schatz,
„Den köstlichsten des ganzen Erdenlebens,
„Geht nicht vorüber kalt an meinem Platz,
„Und lasst nicht flehen heute mich vergebens!
„Ich kann nicht sehn das liebe Himmelslicht,
„Kann meinem Kinde nicht ins Auge schauen,
„Und bist der Tod einst meinen Körper bricht,
„Ist’s um mich ew’ge Nacht und finst’res Grauen!“
Und in der Blinden ausgestreckte Hand
Ist mancher Nickel eingeliefert worden
Von Leuten, schlicht von Herzen und Verstand,
Nur solche rührte sie mit flehn’den Worten.
Ich freute mich, je mehr sie ward bedacht;
Doch einer stand und sah mit scheelen Blicken
Dazu; auf seine Hand gab selten jemand acht,
Ihm wollt‘ es nicht, wie jenem Weibe glücken.
Zwar läutet er sein Glöcklein ohne Ruh,
Und seine großen Augen deutlich sprechen:
„Warum gebt ihr der Blinden immerzu,
„Ist kleiner, von uns beiden, mein Gebrechen?
„Bin ich der süßen Sprache nicht beraubt?
„Und ist mein Ohr nicht tausendfach verriegelt?
„Warum wird dieser Blinden nur geglaubt
„Was Leiden heißt? Weil ihr Gesicht versiegelt?
„Sie schreit ihr Weh in alle Welt hinaus,
„Ich muss in tiefster Seele es verschließen,
„Sie hat erbettelt heut zu einem Schmaus,
„Und kann dadurch ihr Elend sich versüßen!“
So denkt der arme Schlucker und legt gleich
Das bisschen „Haben“ auf die Leidenswaage;
Das Zünglein neigt der Blinden; nur wer reich,
Wer mehr hat, der ist glücklich ohne Frage.
Und wie der blasse Neid schon Krallen macht
In seinem Herzen fest sich einzufangen,
Ihm lieb sein Töchterlein in’s Auge lacht
Und winkt und grüßt mit feinen Kinderaugen.
Da wird auf einmal seine Seele hell,
Dass dennoch ihm ein bess’res Los gefallen,
Zur Blinden geht er eilends hin zur Stell‘,
Lässt einen Groschen in den Schoß ihr fallen;
Hebt hoch sein Kind und drückt es heiß an’s Herz
Und schaut es an und schaut es immer wieder,
Er ist doch s e h e n d ! Welch ein Glück im Schmerz!
Und brennend fallen seine Tränen nieder.
Geht festen Schrittes dann – und schaut nicht um –
Vorüber an den altersgrauen Linden;
Doch fleht sein Blick, ist auch die Lippe stumm:
„Erbarmt, erbarmt euch einer armen Blinden!“

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