Gefährlicher Sommer (Teil 31; Text 1)

von Annelie Kelch
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Es kann die Ehre dieser Welt
Dir keine Ehre geben,
Was dich in Wahrheit hebt und hält,
Muss in dir selber leben.

Wenn 's deinem Inneren gebricht
An echten Stolzes Stütze,
Ob dann die Welt dir Beifall spricht,
Ist all dir wenig nütze.

Das flücht'ge Lob, des Tages Ruhm
Magst du dem Eitlen gönnen;
Das aber sei dein Heiligtum:
Vor d i r bestehen können.
(Theodor Fontane; Bekenntnisse)

Zurück auf Lachau …

Wir saßen zu viert auf der abendrotwarmen Veranda; mein Köfferchen stand noch neben dem großen Korbsessel, darin ich mich erschöpft hatte fallen lassen. Die Aktion in Altona hatte mich einige Nerven gekostet, liebe Christine. Mutti war gewiss stinksauer auf mich, und mein Vater, der ihre geballte Wut über meine Rückkehr nach Lachau würde zu spüren bekommen, tat mir jetzt schon leid.

Hannes hatte mich auf seinem Weg vom Krankenhaus ins Dorf am Lübecker Busbahnhof überrascht, wo ich, in Gedanken versunken, auf einer der Aluminiumbänke kauerte: Pläne für meine letzten Tage auf Lachau schmiedend … wie die Arbeit auf dem Gut von vier Halbstarken und Oskar, dem Vielfraß, am effizientesten zu bewältigen wäre.

Nachdem wir in den Bus nach Lachau geklettert waren, blickte Hannes mich immer wieder von der Seite an, als sei ich ein guter Geist, den Gott ihm über den Weg geschickt habe, damit er, Hannes, die Geschehnisse der letzten Tage besser verarbeiten könne. Als ich ihm jedoch mitteilte, weshalb ich zurückgekehrt sei, wurde er zusehends nüchterner.

„Das schaffen wir nie, Katja“, war alles, was er zu meinen sorgfältig ausgeklügelten Plänen beizusteuern hatte. Ich versuchte ihn davon zu überzeugen, dass wir, sofern wir nur fleißig genug wären, sehr wohl die tägliche Arbeit auf dem Gut schaffen könnten; aber Hannes überschlug sich fast mit Worten, die wie Gift aus seinem Mund hervorquollen. Man hätte meinen können, ich wäre ihm mit dem Vorschlag gekommen, an der „Invasion in der Schweinebucht“ teilzunehmen; dabei ging es lediglich darum, die Tiere auf dem Gut zu versorgen, um den landwirtschaftlichen Betrieb einigermaßen aufrechtzuerhalten, bis sein Vater wieder gesund war.

Axel Kröger hatte das Attentat schwer verletzt überlebt. Es würde einige Monate dauern, bis er wieder in der Lage wäre, sich mit Leib und Seele der Arbeit auf dem Hof zu widmen. Sein Vater könne froh sein, dass sein Bein nicht habe amputiert werden müssen, hatte Hannes mir im Bus anvertraut. Die Kugel hätte auch die Schlagader unterhalb des Leistenbandes treffen und weitere Gefäße zerstören können.

***

Ich hörte nicht auf Hannes' Gestöhne, was die Arbeit auf Hof Lachau anging …, Argumente, die sich dermaßen egoistisch anhörten, dass ich mir am liebsten beide Ohren zugehalten hätte.

„Das kannst du dir aus dem Kopf schlagen, Katja Kleve“, dröhnte Hannes, der auf der Veranda neben mir Platz genommen hatte, in mein Ohr, „i c h werde das dusselige Hühnervieh nicht füttern.“

„Das sollst du auch gar nicht, Hannes“, entgegnete ich mit sanfter Stimme. „Die Hühner übernehmen Kora und ich. Du wirst mit Konny für die Kühe sorgen … inklusive Ausmisten der Kuhställe.“

Kora und Konny kicherten, während Hannes mir unmissverständlich einen Vogel zeigte.

„Es geht leider nicht anders, lieber Hannes“, klärte ich ihn auf und erinnerte ihn an die Augiasställe, riesige, 30 Jahre lang nicht ausgemistete Rinderställe des Königs Augias von Elis, die Herkules an einem Tag reinigte, indem er zwei Flüsse hindurchfließen ließ.
„Lass dir etwas einfallen, Hannes“, beendete ich meine Rede. „Was Herkules konnte, kannst du schon lange.“

Konny warf mir einen amüsierten Blick zu, der Bände sprach. Ich hatte den Nagel auf den Kopf getroffen, auf Hannes' Kopf nämlich, hinter dessen Stirn es zu arbeiten begann. Wahrscheinlich dachte er darüber nach, wie er es anstellen könne, als Held aus der unappetitlichen Sache „Kuhstallausmisten“ hervorzugehen.

Die Gnädigste wusste noch nichts von ihrem Glück; aber Oma, die bislang auch noch nicht mitbekommen hatte, wer nach Lachau zurückgekehrt war, um das Gut zu retten, stand plötzlich im Rahmen jener Tür, die von der Veranda ins Herrenzimmer führt, und starrte mich an, als sei ich Circe und würde sie sogleich in ein Schwein verwandeln. Ich hegte mitnichten diese Absicht. Schweine gab es nämlich drüben im Stall wie Sand am Meer, und ich hatte keineswegs vor, uns mit einem weiteren Schwein namens „Oma Anita“ zusätzliche Arbeit aufzuhalsen.

„Katja“, stieß sie schließlich hervor, nachdem sie mich in einer Art und Weise fixiert hatte, die mich unbehaglich wie selten zurückließ. „Was hat das zu bedeuten? – Weshalb bist du hier? – Hast du hier etwas vergessen? – Möglicherweise dein eigenwilliges Köpfchen?" –
Nette Begrüßung, dachte ich.

„Katja, mein Engelchen“, ließ sich plötzlich eine hohe Altweiberstimme aus der Küche vernehmen. „Ich wusste, dass du nach Lachau zurückkehrst. Du lässt es nicht zu, dass wir hier alle vor die Hunde gehen!“
Leni stürzte auf die Veranda und drückte mich an ihren wogenden Busen. Ich atmete den Grüne-Bohnen-Dunst ein, der dem Latz ihrer nicht mehr frisch gestärkten Küchenschürze entströmte.

„Endlich jemand, der zu schätzen weiß, dass ich erwachsen geworden bin“, sagte ich und warf Oma einen herausfordernden Blick zu, während mir eine winzige Träne aus dem Auge floss.

„Und keine Angst, Omi, ich werde bei Tante Selma nächtigen, das ist optimal für unseren Rettungsplan, insbesondere, was die verbale Verständigung betrifft. Kora, Konny, Hannes und ich werden nämlich das Gut verwalten und die nötige Arbeit erledigen, solange Herr Kröger im Krankenhaus weilt.“

„Und die Schule …?“, fragte Omi und vergaß, nach diesem in Anbetracht der Umstände unwichtigen Halbsatz ihren Mund zu schließen, wie es unter normalen Menschen üblich ist, nachdem sie ihre Reden beendet haben.

„Kann warten ...“, warf ich ihr lässig vors Wohlstandsbäuchlein.
„Es gibt Wichtigeres im Leben. Und jetzt muss ich unbedingt die Gnädigste sprechen. Falls sie sich einverstanden erklärt, dass w i r die Arbeit übernehmen bis Hannes' Vater aus dem Gröbsten raus ist, können wir morgen Nachmittag beginnen.“

„Weshalb erst morgen Nachmittag?“, erkundigte sich Hannes, der seine Sprache wiedergefunden hatte.

„Weil ich morgen Vormittag deinen Vater im Krankenhaus besuchen werde“, gab ich ruhig zur Antwort, als sei es die natürlichste Sache der Welt, dass ich dem Herrn Gutsverwalter meine Aufwartung machte. Ihr könnt selbstverständlich bereits frühmorgens anfangen. Das wäre sogar das Beste – nachdem ihr Oskar von unserem Rettungsplan überzeugt habt.“

„Die Gnädigste ist in den Park gegangen, Katja“, klärte Leneken mich auf. Ihre Unterlippe zitterte verdächtig, und in ihren ultramarinblauen Augen sammelten sich Tränen. „Sie hat bereits daran gedacht, das Gut und den Wald zu verpachten und in die Stadt zu ziehen … rede ihr das bitte aus, allein schon wegen Ulla. Sie hängt doch so sehr an unseren Tieren und würde es nicht verkraften, wenn sie in fremde Hände kämen.“

„Ich werde sehen, was sich machen lässt, Leni“, versprach ich und wandte mich an Konny. „Frag du bitte Tante Selma, ob ich bei ihr übernachten darf, Konny. Wenn es dir nichts ausmacht, kannst du auch schon meinen Koffer mitnehmen. Abendessen brauche ich heute nicht mehr. Aber mein Papa will Kost- und Logiergeld an Tante Selma überweisen, solange ich mich bei euch einquartieren muss.“ Oma schnappte scharf nach Luft.

„Du kannst bei uns essen, Katja“, sagte sie. Es klang wie ein Befehl; aber nach ihrer frostigen Begrüßung von vorhin war mir jedwede Lust auf gemeinsame Mahlzeiten mit Oma vergangen.

***

Am nächsten Morgen saß ich um halb neun im Bus nach Lübeck … nachdem ich Konny und Hannes geholfen hatte, die Kuhställe auszumisten. Diesmal überstand ich die Prozedur ohne Übelkeit. Ich würde mir den Luxus einer verwöhnten Göre nicht mehr leisten können, nachdem ich der Gnädigsten in die Hand versprochen hatte, den Gutsbetrieb mithilfe von Konny, Kora, Hannes und Oskar über Wasser zu halten.
Sie hatte sich mächtig gefreut, von Verkauf oder Verpachtung war keine Rede mehr, und ich musste ihr versprechen, fortan nur noch in der Gutsküche zu speisen. Bei Leni … hoffentlich nimmt das kein böses Ende, liebe Christine, denn Oma wird über kurz oder lang dahinterkommen. Vielleicht sollte ich vorsichtshalber schon mal alle Mistforken in Sicherheit bringen.

***

Eine Station vor dem Kreiskrankenhaus, wohin man Kröger transportiert hatte, nachdem die Gewehrkugel aus einem Hinterhalt im Schatten der Viehställe von Helge oder einem der anderen aus dem Gefängnis geflüchteten Strafttäter abgefeuert worden und in seinen rechten Oberschenkel gedrungen war, stieg ich aus, um ein paar Blumen zu kaufen.

Vor einem Floristikgeschäft standen mehrere Kübel mit rosa Nelken. „Pissnelken“, fiel mir sofort ein. Oma gebrauchte dieses Wort oft: „ O nein, wie diese Pissnelken heute wieder stinken!“ Sie meint diejenigen in Tante Agnes' Blumenbeet, das vor dem Zaun zu ihrem und Opas Gärtchen liegt, liebe Christine. Pure Übertreibung mal wieder.
Aber nein, die kamen dann wohl doch nicht für Kröger in Frage. Schließlich wollte ich nicht sein Krankenzimmer verpesten.

Ich entschied mich nach langem Zögern für einen Bund Gazanien, auch Mittagsgold genannt, ganz hübsch, aber völlig unverfänglich. Angesichts dieser Blumen konnte der Herr Gutsverwalter weder freche Sprüche kloppen noch irgendwelche falschen Schlüsse ziehn, sofern er dazu überhaupt schon in der Lage wäre.

Als ich vor der Tür seines Krankenzimmers stand, die Stiele der Blumen mit der rechten Hand fest umklammernd, schlug mir das Herz wie ein Hammer in der Brust, und ich hätte am liebsten auf der Stelle kehrtgemacht. Was mutest du dir jetzt schon wieder zu, Katja?, fragte ich mich. Das Leben ist kein Abenteuerspielplatz.

Während ich noch mit mir kämpfte, wurde die Tür geöffnet und Tante Selma stand vor mir. Mir wurde augenblicklich klar, weshalb nur Tom zugegen gewesen war, nachdem ich, von Konny und Hannes von der restlichen Arbeit im Kuhstall befreit, zum Duschen das Haus von Tante Selma betreten hatte – nach einem beachtlichen Sprint, um den Bus noch zu bekommen, der ja nur alle zwei Stunden nach Lübeck fährt. Tom hatte im Garten unter einem Johannisbeerstrauch gelegen und geschnarcht.

„Katja“, staunte Tante Selma, „warst du nicht vorhin noch mit Konny und Hannes im Kuhstall?“

„Ja, schon“, stammelte ich. „Ich wollte auch nur mal kurz fragen, wie es Ihrem Bruder geht.“

„Ach, das ist aber lieb, dass du ihn besuchst; er hat bereits gefragt, ob du und deine Mutter gut nach Hause gekommen seid“, sagte Hannes' Tante. „Und als ich ihm erzählte, dass du nach Lachau zurückgekehrt bist, wurde er deutlich zuversichtlicher, was die Arbeit auf dem Gut betrifft. Wahrscheinlich langweilt er sich bereits zu Tode, und zweifellos macht er sich große Sorgen um den Hof. Aber ich muss jetzt dringend nach Hause. Tom ist ganz allein im Garten. Hoffentlich hat er inzwischen nicht wieder mal jemanden ins Bein gebissen oder sonstigen Unsinn angestellt. Der Briefträger kommt ja auch gleich. Und den hasst er wie die Pest. Sieh mal, Bruderherz, wer zu Besuch gekommen ist. Da staunst du aber, was?“

Sie riss die Zimmertür weit auf, und ich betrat mit gemischten Gefühlen den kleinen Krankensaal.

Fortsetzung folgt am kommenden Montag.

Collage zu Gefährlilcher Sommer, Teil 31, Text 1, Copyright: annelie kelch
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Kommentare

01. Mai 2018

Die Geschichte, sie bleibt lesenswert -
Wie man das Leben hier erfährt!

LG Axel

01. Mai 2018

Dank, lieber Axel, Dir, für Deinen Kommentar.
Das Schreiben mir heut ein Vergnügen war.

LG Annelie

01. Mai 2018

Eine weitere spannende Fortsetzung Deines Jugendkrimis, liebe Annelie, und die Collage - wieder wunderschön, nur die Blume mit dem Namen Gazanie war mir bisher unbekannt ...

liebe Grüße - Marie

01. Mai 2018

Danke für Deinen lieben Kommentar, Marie. "Gazanien" sind Korbblütler, aus Afrika importiert. Sie werden auch "Sonnentaler" genannt und sind ein wenig graziler als Sonnenblumen, ihnen sonst aber ähnlich.

Liebe Grüße,
Annelie