Gefährlicher Sommer (Teil 21; Text 2) - Page 3

von Annelie Kelch
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die Treppe hinuntersteigen sehen.
„Musst du mir denn auch immer alles nachmachen?“, stöhnte Hannes mit gespielter Ver­zweiflung.
„Alles nicht“, grinste Konny. „Aber einiges, das Spaß macht.“
„Wo ist denn eigentlich Kora?“, fragte ich.
„Na, wo wohl? In der Küche natürlich! Wo sie hingehört!“, feixte Konny. Hannes lachte. Ich schob Konny, der mitten im vorderen Hausflur stand, zur Seite und betrat die Küche. Kora stand vor einem riesigen Berg Geschirr, das offenbar schon abgewaschen war, denn sie schrubbte mit einem Geschirrhandtuch voller Hingabe und nahezu verbissener Ener­gie auf einem glänzenden Teller herum.
„Frag mich bitte nicht, ob du helfen kannst, Katja Kleve“, fauchte Kora ge­reizt, noch bevor ich den Mund aufmachen konnte.
„Tu es ein­fach! Hinter der Tür hängt ein Handtuch!“ Ich öffnete nun doch meinen Mund und hob zur Erwiderung an.
„Und frag bitte nicht, weshalb ich schlechte Laune habe“, fuhr Kora un­beirrt fort. „Konny und Hannes haben nämlich gestern das praktiziert, was zivilisierte Men­schen ,kochen' nennen, und ich frage mich die ganze Zeit, wer sie auf diese Idee gebracht haben könnte.“ Sie blitzte mich wütend an.
„Aber ich habe es doch nur gut ge­meint“, stammelte ich. „Weil Hannes gesagt hat, dass ihm und Konny dein Essen ...“ Ich brach erschrocken ab und biss mir auf die Lippen.
„Aha, das hätte ich mir doch gleich denken könnnen. Aus dieser Ecke weht der Wind“, zischte Kora. „Wie die Küche gestern aussah, kannst du dir möglicherweise vorstellen.“
Ich senkte schuldbewusst den Kopf und sah mich vorsichtig um. Das größte Chaos hatte sie offenbar schon beseitigt.
***
Binnen einer Stunde brachten Kora und ich die Küche auf Hochglanz, deckten den Kaffeetisch und schoben einen mit Pflaumen belegten Kuchenteig in den Ofen. Hannes steckte neugierig seinen Kopf durch den geöffneten Tür­spalt und woll­te wissen, was denn da so lecker dufte.
„Halt deinen Mund und verschwin­de, Hannes Kröger. Möglichst weit weg!“, keifte Kora aufgebracht und ergriff wutschnaubend den nassen Feudel. Er ver­fehlte Hannes, der sofort abtauchte, um nur wenige Zentimeter.
„Jetzt sitzen sie vermutlich draußen auf der Treppe und fragen sich, was sie Schlimmes verbrochen hätten. Onkel Axel ist auch nicht viel besser. Der braucht sogar eine Haushälterin, obwohl er ganz selten zu Hause ist, höchstens mal am Wochen­ende. Ist dir eigentlich schon mal aufgefallen, wie er Leni manchmal be­handelt?“
„Also ich finde, dass dein Onkel im Großen und Ganzen ganz nett zu Leni ist“, hörte ich mich zu meinem Erstaunen zur Verteidung des neuen Gutsverwalters antworten.
„Manchmal vielleicht. Aber nicht, wenn er schlechte Laune hat. Dann kippt er sogar ihren Kaffee in den Ausguss, egal, ob er ihm geschmeckt hat oder nicht. Ich finde das richtig fies.“
„Vermutlich hast du Recht“, gab ich nach kurzem Zögern zu. „Wir sollten uns dafür einsetzen, dass Lenis Arbeit auf dem Gut entsprechend gewürdigt wird. Wie wäre es, wenn wir deinen Onkel beim Kaffeetrinken in aller Diplo­matie darauf hinweisen, worum Leni sich trotz ihres hohen Alters küm­mern muss und dass sie am späten Abend todmüde ins Bett sinkt.“ (... und schnarcht wie ein marodes Sägewerk, das in den letzten Zügen liegt, fügte ich in Gedanken und inwendig lächelnd hinzu.)
„Allein, was das Federvieh angeht: Leni macht sich nämlich die größten Sorgen um das Wohlergehen der Hennen“, fuhr ich, einmal in Fahrt gekommen, fort. „Was für ein Kraft- und Gedankenaufwand, der eigentlich nichts mit ihren Aufgaben als Haushälterin zu tun hat! Wenn brutrünstige Hennen nämlich ...“
„Wie bitte?“, fragte Kora entgeistert. „Blutrünstige Hennen? Worauf sind die denn erpicht? Etwa auf Re­genwürmer?“
„Vielleicht“, sagte ich. „Aber ich meine nicht ,blutrünstig', sondern ,brutrünstig'. So bezeichnet man Hennen, die ununterbrochen brüten wollen. Es erfordert einen immensen Aufwand, sie davon abzubringen.“
„Bravo!“, unterbrach Kröger meinen Geflügel-Vortrag. Mein Lobspender klatschte sekundenlang Beifall. „Wir sind ja schließlich keine Barbaren und lassen unsere Glucken tagelang in dunklen Kisten oder Körben dahinvegetieren, um ihnen das Brüten auszutreiben. Übrigens, ich wusste ja gar nicht, dass du dich dermaßen eingehend mit den Belangen unseres Feder­viehs befasst, Katja“, staunte er.
„Eigentlich geht es auch mehr um Leni“, steu­erte ich geradewegs und völlig undiplomatisch auf das Thema zu und zwinker­te zu Kora hinüber, die bei meinen Worten aufhorchte und mir ihr Gesicht zu­wandte, während sie mit dem heißen Kuchenblech herumhantierte. „Wir, Kora und ich, sind nämlich der Meinung, dass man Lenis Arbeit auf dem Gut nicht genug würdigt, obgleich sie trotz ihres fortgeschrittenen Alters Haus und Hof geradezu vorbildlich ver­sorgt.“
„Und sehr guten Kaffee kocht, den manche Leute einfach weg­schütten“, fügte Kora wütend hinzu.
„Also manchmal ...“, begann Kröger verlegen, „manchmal schmeckt Lenis Kaffee wirklich zum ... Ich finde, manchmal ist Lenis Kaffee wirklich ungenießbar“, grinste er und zog heftig an seiner Pfeife.
„Wie wäre es, Katja, wenn du eine Gewerkschaft gründest – für all jene bedauernswerten Geschöpfe, die ungeachtet aller Missgunst und heftigen Un­danks innerhalb der übrigen Bevölkerung, ja, sogar trotz der oftmals hochmü­tigen Ignoranz einiger Politiker, den naturverbundenen Tätigkeiten in Land- und Forstwirtschaft die Treue halten?“
„Gute Idee, Herr Kröger. Aber das wäre wohl eher Ihre Aufgabe“, stimmte ich halbwegs zu. Etwas schnippisch vielleicht, weil er nicht eingeräumt hatte, dass Leni auch nur ein Mensch ist und dass seine Reaktionen auf zeitweilig versehentlich verminderten Kaffeegenuss unstreitig zu drastisch ausfallen.
„Ich habe übrigens etwas gefunden“, wechselte Hannes' Vater eilig das Thema, das ihm offensichtlich nicht besonders zu behagen schien.
„Er hing im Zaun am Ende des Parks“, lachte er und zog Harrys Brief aus seiner Hemdtasche. Ich spürte, wie mir das Blut in die Wangen schoss; vermutlich war ich ähnlich rot wie der Kamm des Goldenen Brakels geworden, der unbestreitbar den Rang eines wüsten Casanovas unter den Lachauer Hähnen einnahm.
„Ach, sind Sie auch ...?“, begann ich verlegen.
„Nein“, sagte Kröger. „Ich bin nicht über den Zaun geklettert, falls du das meinst. Der Brief fiel mir lediglich auf, weil ich den unbefestigten Weg neben dem Teich aus­nahmsweise und zur Feier des heutigen Tages zu Fuß gegangen bin, statt ihn, wie sonst, reitend und etwas unaufmerksamer als sonst zu passieren. Ich wollte nämlich bei dieser Gelegenheit prüfen, ob und in welchem Umfang das Drahtgeflecht erneuert werden muss. Nachdem uns die Kälber den Hafer

Collage, copyright: Annelie Kelch

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Kommentare

03. Nov 2017

Da läuft ein Film, der Leser bleibt -
Gern dabei, wenn man so schreibt!
(Auch Krause fühlt sich STARK "unterdrückt" -
Drum war sie von jenen Passagen entzückt ...)

LG Axel

03. Nov 2017

Dank, lieber Axel, dir, für deinen Kommentar.
Dank - ebenfalls - an Berthken - für ihr Entzücken.
Schon bald wird die Geschichte weniger harmlos sein.
Das dürfte deine Krause fast noch mehr beglücken.

LG Annelie

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