Gefährlicher Sommer (Teil 21; Text 2) - Page 4

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niedergetrampelt haben, geben Heiner und ich vermehrt auf alle Zäune acht, die sich uns mehr oder weniger in den Weg stellen, damit schadhafte Stellen sofort ausgebessert wer­den können. Ich habe wirklich nichts gegen Abkürzungen, Katja, aber unsere Zäune werden dadurch gewiss nicht stabiler.“
„Jaaaa, Herr Kröger“, sagte ich. „Ich werde mir Mühe geben, daran zu denken.“ Er lächelte verlegen und verließ die Küche.
„Mensch, Katja“, sagte Kora und sah mich bewundernd an. „So demütig habe dich ja noch nie erlebt.“
„Einmal ist immer das erste Mal“, gab ich mit lakonischem Achselzucken zur Antwort.
„Ich glaube übrigens, dass deine Mutter soeben vorgefahren ist.“
Wir schauten aus dem Küchenfenster: Der Krankenwagen versuchte gerade, auf der schmalen Dorfstraße zu wenden, und Tom, der sein Frauchen so sehr vermisst hatte, dass er kaum noch fressen wollte, gebärdete sich noch um ein Vielfaches verrückter als Luchs bei der Ankunft von Tante Sarah und Onkel Ludwig.
Kora stürzte sofort nach draußen und rief aufgeregt: „Komm doch rein, Mutter! Wir haben Pflaumenkuchen gebacken!“ Offenbar wollte sie verhindern, dass sich Tante Selma im Garten umsah, denn auf den Rosen­beeten sproß das Unkraut mittlerweile beträchtlich höher als die edlen Gewächse selbst, und ich fragte mich, ob es Hannes' Einfluss zu verdanken war, dass sich Konny während ihrer Abwesenheit nicht darum gekümmert hatte.

„Was für ein wunderbarer Empfang!“, schwärmte Tante Selma, die längst nicht mehr so blass wie bei meinem letzten Besuch in Krankenhaus war, und setzte sich an den festlich gedeckten Kaffeetisch.
„Und wie sauber und ordentlich hier alles ist!“ Sie sah sich zufrieden in der blitzblanken Küche um. Gut, dass sie nicht zwei Stunden früher hereingeschneit ist, dachte ich. Sie hätte vermutlich eine Herzattacke erlitten und wäre stante pede zurück ins Krankenhaus transportiert worden.
Nachdem Kröger zwei Tassen Kaffee getrunken und drei Stück Pflaumenkuchen hinuntergeschlungen hatte, warf er einen besorgten Blick auf die Küchenuhr.
„Ich würde euch ja gerne noch länger Gesell­schaft leisten“, bedauerte er. „Aber es gibt auf dem Hof noch eine Menge für mich zu tun: Das Heu auf den Wiesen ist trocken und muss dringend gewendet werden, die Ballenpresse in der Scheune scheint nicht nur total hinüber zu sein, sondern darüber hinaus dermaßen alt, dass sie glatt für antik durchgehen würde. Auf den Feldern mit den Futterrüben müssten Unkraut und Kümmerlinge gehackt werden und, was am allerschlimmsten ist: die Melkmaschine streikt seit heute Morgen. Wahrscheinlich ist sie wieder mal kaputt. Ich weiß beim besten Willen nicht, wie ich das Karla beibringen soll. Ach, da fällt mir noch ein, dass ich die Außenzäune abreiten muss.“ Er lachte kurz auf, aber diese spontane Fröhlichkeit konnte die Sorgenfalten in seinem wettergegerbtem Gesicht nicht verscheuchen.
„Melkmaschine! Neumodisches Zeug! Schnickschnack!“, donnerte Tante Selma. „Sooo viel Milchvieh hat der Hof doch gar nicht, dass sich die An­schaffung dieses monströsen Dings, das noch dazu nach jedem Melken gerei­nigt werden muss, tatsächlich gelohnt hat. Ich habe mir sagen lassen, dass man die Zitzen ohnehin waschen und kurz mit der Hand anmelken muss, bevor das Melkgeschirr angelegt wird. Sonst fließt die Milch nicht gut. Ergo kann man auch gleich mit der Hand melken.“
„Dieses ,monströse Ding', liebe Selma, ist eine echte Errungenschaft und erspart uns eine Menge Zeit, trotz nachträglicher Reinigung. Allerdings tut sich unser Heiner mit der Handhabung etwas schwer.“
„Ja, und Helge?“, fragte Tante Selma ahnungslos. Ich hielt den Atem an und blickte zu Hannes hinüber, der während des Kaffeetrinkens auffallend still gewesen war und sich auch jetzt mit keiner Silbe in das Gespräch mischte. Er erwiderte meinen Blick und verdrehte die Augen.
„Helge hält sich wieder einmal in Kiel auf. Er habe an der Uni wichtige Vorlesungen, die er unter gar keinen Umständen versäumen dürfe, sagt Karla.“ Kröger seufzte und erhob sich langsam von seinem Platz. Er stand einen Moment lang unschlüssig im Türrahmen und sah nach draußen.
„Der Frühling war dieses Jahr dermaßen kalt und nass, dass wir nicht früher als Mitte März auf die Felder konnten. Und jetzt ... Einerseits könnte das Wetter ja so fortdauern, aber andererseits …“, „... macht es Opa mittlerweile ganz krank“, ergänzte ich den Satz. Alle lachten darüber, dabei meinte ich es todernst, liebe Christine.
***
Am nächsten Morgen scheuchte mich Hannes vom Frühstückstisch. „Wie geht es Ihnen bei diesem tropischen Klima, Herr Franzen?“, fragte er Opa mit besorgter Miene.
„Nicht so gut, mein Junge. Hoffentlich schickt uns Petrus bald ein kräftiges Gewitter. Diese Hitze wird langsam unerträglich“, stöhnte Opa.
„Ich werde gleich mal ein ernstes Wörtchen mit diesem Herrn reden“, sagte Hannes unter allgemeinem Gelächter und zog mich in den Saal.
„Tante Selma ist mit Kora und Konny zum Einkaufen nach Sickum gefahren, um unseren leeren Kühlschrank und die geplünderte Speisekammer aufzufüllen“, stieß er aufgeregt hervor. „Sogar Tom ist mit von der Partie. Ich bin schon wahnsinnig gespannt darauf, was er im Dorf alles anstellen wird. Oder Konny muss jedes­mal draußen bleiben und auf ihn aufpassen. Das geschähe ihm recht.“ Er kicherte schadenfroh.
„Was du gleich tun wirst, Katja, weißt du sicher schon?“
„Na klar“, sagte ich. „Ich pflücke Pflaumen im Obstbaumgarten.“
„Ganz falsch“, klärte Hannes mich auf. „Du rufst gleich diesen merkwürdigen Studiengenossen an und fragst ihn, was er von Helge hält.“
„Das kann nicht dein Ernst sein?“, gab ich zur Antwort. „Damit er es Helge weitererzählt und wir hier in Zukunft die Hölle auf Erden haben oder was?“
„Katja, du verfügst doch über Menschenkenntnis, nicht wahr?“, schleimte Hannes herum. Ich zuckte mit den Schultern.
„Lausche nur aufmerksam seiner Stimme und höre gut zu, was er von sich gibt. Plaudere ein wenig mit ihm“, fuhr Hannes unbeirrt fort und dirigierte mich zielbewußt über den Hof zum Haus seiner Tante.
„Hier“, sagte er, nachdem wir auf Tante Selmas Couch neben dem Telefon Platz genommen hatten. Er drückte mir den Hörer in die Hand und schob mir einen kleinen Zettel hin.
„Heribert Wegener, Bredstedt“, las ich.
„Ich kenne den Namen“, grinste Hannes und drehte ungeduldig den Papierfetzen um.
„Hier, Katja, hier steht die Telefonnummer.“
„Was soll ich denn sagen?“, fragte ich hilflos.
„Irgendetwas wird dir schon einfallen. Nur Mut!“ Hannes wählte die erste, die zweite und schließlich die dritte Zahl der Telefonnummer, aber ich knallte voller Panik den Hörer auf die Gabel.
„Wo liegt dieses Bredstedt eigentlich?“, versuchte ich Zeit zu gewinnen.
„Och, irgendwo bei Husum, ganz oben, in Nordfriesland“, sagte Hannes und wurde immer zappeliger.
„Am grauen Strand, am grauen Meer, und seitab liegt die Stadt, der Nebel drückt die Dächer schwer, und durch die Stille braust ...“, begann ich versonnen, Storms berühmtes Gedicht zu rezitieren.
„Mensch, Katja, lass die Mätzchen“, unterbrach Hannes meinen lyrischen Vortrag mit scharfer Stimme. „Ruf diesen Typen endlich an.“
Ich seufzte. „Und wozu soll das gut sein, Hannes?“, fragte ich in einem Tonfall, vor dessen Mutlosigkeit ich beinahe selbst erschrak.
„Nun, wir wollen doch herausfinden, ob dieser feine Heribert mit dem fleißigen Helge unter einer Decke steckt. Du wirst das augenblicklich am Klang seiner Stimme checken. So gut kenne ich dich bereits.“
„Pah“, machte ich. „Dazu braucht man übersinnliche Fähigkeiten. Was, wenn dieser Heribert erkältet ist und seine Stimme ganz anders klingt als normalerweise?“
„Blödsinn. Niemand ist im Sommer erkältet. Und eine Veränderung der Stimme im Krankheitsfall bewirkt keine Veränderung im Charakter, Katja. Nun sei mal nicht so bescheiden. Ich vertraue auf deine Menschenkenntnis. Die hast du, unter Garantie!“
Hannes ließ nicht locker.
„Wenn man charakterliche Eigenschaften an der Stimme erkennen könnte, gäbe es bald keine unaufgeklärten Verbrechen mehr“, gab ich mit einem geringschätzigen Lächeln zu bedenken.
„Versuch es doch bitte wenigstens. Wir brauchen doch nur zu erfahren, ob er vom gleichen Kaliber wie Helge ist“, bettelte Hannes.
Ich wählte schließlich die Nummer, die auf dem Zettel stand. Meine Hand zitterte ein wenig dabei, worüber sich Hannes köstlich amüsierte.

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Kommentare

03. Nov 2017

Da läuft ein Film, der Leser bleibt -
Gern dabei, wenn man so schreibt!
(Auch Krause fühlt sich STARK "unterdrückt" -
Drum war sie von jenen Passagen entzückt ...)

LG Axel

03. Nov 2017

Dank, lieber Axel, dir, für deinen Kommentar.
Dank - ebenfalls - an Berthken - für ihr Entzücken.
Schon bald wird die Geschichte weniger harmlos sein.
Das dürfte deine Krause fast noch mehr beglücken.

LG Annelie

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