Hans-Hellmut rief an

von Willi Grigor
Mitglied

Ein ehemaliger Schulfreund von der Realschule Wersten für Jungen in Düsseldorf, Hans-Hellmut Esser, rief mich vor gar nicht so langer Zeit an.
Ich war sehr überrascht. Wir sind nach der Schule verschiedene Wege gegangen und unser Kontakt hat sich im Laufe der Jahre verlaufen.
Damals, Ende der fünfziger Jahre, war das anders. Wir waren viel zusammen und hatten Spaß miteinander. Wir waren die Lustigmacher in der Klasse. Er war diesbezüglich der begabtere, aber wir ergänzten uns gut. In den Pausen auf dem Schulhof unterhielten wir manchmal einen Großteil der Schüler (-innen gab es nicht an unserer Schule) mit einer Debatte zwischen uns, in der die meterlangen und unbegreiflichen Sätze aus Wörtern bestanden, die keinen Sinn ergaben. Die "Kunst" bestand darin, dass der unsinnige Redefluss, der nicht zu schnell abreißen durfte, dem "Publikum" durch Mimik, Gestik und Stimme dennoch Assoziationen gab.

Lustige, nicht selten hintergründige, Pointen kamen bei Hans-Hellmut - ohne Vorwarnung von einer entsprechenden Gehirnwindung geschickt - über seine Lippen.
Nie werde ich den kurzen, klaren Satz von ihm vergessen, den er während eines Diktats in der Klasse deutlich hörbar vor sich hin murmelte. Er saß auf einer Schulbank rechts hinter mir. Der Deutschlehrer, Werner Reiring, diktierte den Text langsam und gut verständlich, nannte jeden Punkt und jedes Komma mit Namen. Wir hörten viele Punkte und Kommas. Da kam - in einer der stillen Pausen, in denen wir schrieben und der Lehrer schwieg - der langsam gemurmelte Satz von Hans-Hellmut, der wohl vor allem an den Lehrer gerichtet war: "Komma kürze ich ab." In der Klasse breitete sich ein lächelndes Raunen aus, an dem Herr Reiring nicht unbeteiligt war.

Dieser Hans-Hellmut, dieser wunderbare Typ, der seine berufliche Zeit bei der Kriminalpolizei verbrachte, dessen Vater als Fechter Olympiateilnehmer 1952 in Helsinki war, rief mich also überraschenderweise an.

Dass sein Vater an der ersten Olympiade Deutschlands nach dem Krieg teilnahm - Deutschland bekam 1948 in London keine Einladung - erzählte er uns erst, als wir 1957 einen neuen Sportlehrer bekamen, der 1956 nach dem Volksaufstand aus Ungarn geflüchtet war. Dieser Sportlehrer war auch ein Teilnehmer in Helsinki, als Turner. Hans-Hellmut erkletterte damit die oberste Sprosse unserer klasseninternen "Statusleiter".

Wie das Telefongespräch zwischen zwei älteren Herren, die seit ihrer Jugendzeit keinen Kontakt mehr hatten, ablief, kann sich wohl jeder vorstellen. Zum Schluss stellte Hans-Hellmut mir die Frage, die vielleicht der Grund seines Anrufs war:
"Du, Willi, ich habe gehört, du bist Dichter geworden!" Oh, dachte ich und überlegte kurz.

Was soll man denn sagen, wenn man vor einigen Jahren als Rentner und ohne ersichtlichen Grund anfing auch in Reimen zu denken. Ich betrachte mich nicht als einen Dichter. Ich bin ein "ausrangierter Ingenieur", der begonnen hat, seine Gedanken zu sortieren und aufzuschreiben, nach dem Motto:
"Ich schreibe nicht Gedichte, ich schreibe auf Gedanken. Ich schreibe und berichte und will mich so bedanken, dass man es mir gegeben, dass ich doch denken mag, was ich - so ist das Leben - nicht auszusprechen wag."

Dann fand ich eine Antwort, aus der man nicht viel herauslesen konnte, glaubte ich:
"Lieber Ha-He, ich bin weder Dichter noch dichter geworden, aber vielleicht ein bisschen weniger undicht."
Er antwortete, ohne nachzudenken: "Aha, nun weiß ich endlich, warum du damals so oft zur Toilette gelaufen bist."
Dieser kurze Schlagabtausch, der als Beispiel dienen kann, wie wir vor mehr als 60 Jahren miteinander redeten, beendete unser Gespräch. Es war ein gutes.
Ich danke dir, Hans-Hellmut!

Ich versuche mich zu erinnern, wann er anrief. Leider kann mir meine Erinnerung diesbezüglich keine Angabe machen. Aber ich weiß, dass ich oft an ihn denke und mit ihm gerne noch einmal sprechen wollte.
Vielleicht habe ich ihn angerufen, vielleicht habe ich alles nur geträumt...

Nein, ich habe an ihn nur gedacht,
den Freund aus vergangenen Tagen.
Elebtes von damals ist in mir erwacht -
Zwei Herzen in mir fühlt' ich schlagen.

*****
In unserer "Bierzeitung zum Kommers der Klasse sex - Dora", die wir unseren Lehrern Ende März 1960 in einer Kneipe vortrugen, haben wir diesen eine nicht übel gemeinte "dichterische" Standpauke gehalten (Link siehe unten). Aber auch jeder Schüler wurde in Kurzform mit einem Augenzwinkern beschrieben.
Hans-Helmut Esser:
Mit Nietenhosen, Texashemd
und Rock'n-Roll-Visage
war Hans in seinem Element
und brachte uns in Rage.
Er sang uns vor
Chris Howlands Melodeien
und bracht' uns oft zum Lachen
mit seinen Flegeleien.

Willi Grigor:
Du bist so voll Frohsinn und voll Humor,
dir ist geneigt auch ein schwerhörig Ohr.
Doch wehe es sitzt dir im Nacken der Schalk,
dann stürzt dieser Kobold, genau wie ein Falk
auf sein Opfer, um mit Witz und Humor und fröhlichem Lachen,
sich selber und anderen Freude zu machen.

***

© Willi Grigor, 2019

Hans-Hellmut und ich waren zwei der Schüler, die aus drei übervollen Klassen zu einer vierten, vollen Klasse - der Vier-Dora - exportiert wurden. Die 4D wurde die "Rabaukenklasse" der Schule. Nur 16 "überlebten" die Abschlussklasse 6D, darunter Hans-Hellmut und ich.
Hier der Link zur Erzählung über diese Klasse, einschl. eines tatsächlich geführten Telefongesprächs mit dem 92jährigen (2017) Klassenlehrer Theodor Vychodil:
literatpro.de/prosa/120117/de-die-vier-dora-die-bierzeitung-und-deren-auswirkungen

Zugehörige Gedichte:
literatpro.de/gedicht/050516/es-dreht-sich-um-gefuehle
literatpro.de/gedicht/210518/dank-an-das-meer

Rechtshinweis:
Dieser Beitrag ist urheberrechtlich oder durch Copyright geschützt und darf ohne Genehmigung nicht verwendet werden.

Interne Verweise

Kommentare

06. Mär 2019

Vielen Dank für die schöne Geschichte, lieber Willi. Es gibt wohl in jeder Klasse so einen "Hans-Hellmut; aber dieser war wohl ein ganz besonderes Kaliber, sehr originell. Schön, dass Du noch Kontakt zu alten Klassenkameraden hast.

Liebe Grüße,
Annelie

06. Mär 2019

Leider sind die Kontakte schon seit vielen Jahren eingeschlafen.
Desto wichtiger werden die Erinnerungen.

Danke für Deinen Kommentar, Annelie.

Herzliche Grüße
Willi

06. Mär 2019

Deine lebendige und witzige Erinnerungsgeschichte an einen alten Schulfreund gefällt mir sehr, Willi, und sie erinnert mich daran, dass auch ich vor langer Zeit einmal die Rolle des Klassenclowns hatte, Du nennst es Lustigmacher, auch schön, da haben wir etwas gemeinsam …

liebe Grüße - Marie

06. Mär 2019

Schön, wenn man Parallelen findet. Das finde ich auch.

Ich war ein Flüchtlingskind, eher ein scheuer Typ in der neuen Umgebung.
Die "Zusammenarbeit" mit Hans-Hellmut war wichtig für mich, hat mich etwas abgehoben.

Danke für Deinen Kommentar, Marie,
und liebe Grüße zurück,
Willi

06. Mär 2019

ICH ließ es nie als Klassen-Kasper krachen!
(Schreib ja auch NUR seriöse Sachen ...)

LG Axel

06. Mär 2019

Deine "Sachen" SIND seriös -
wer's anders sieht ist freudlos bös.

LG
Willi

07. Mär 2019

Die Lustigmacher waren oft die Besten. Der strenge Schulalltag bot nicht viel zum Lachen, daher waren die Lustigmacher meine Helden. Sie waren mutig und boten den Lehrern Paroli, wobei sie die Konsequenzen in Kauf nahmen. Für mich, Helden, die oft, auf lustige Art und Weise, Wahrheiten aussprachen, die jeder dachte, die aber kaum jemand wagte auszusprechen.

Liebe Grüße
Ella

07. Mär 2019

Das freut mich, dass Du das so siehst, Ella.
Und wir boten den Lehrern Paroli, und waren nicht immer so nett wie sie wollten.
Wenn du meine Erzählung "Die Vier-Dora, die Bierzeitung und deren Auswirkungen" (Link siehe oben) gelesen hast, dann weißt Du was ich meine.
Danke für den Kommentar!

LG
Willi