Weihnachtsfest mit Satansbraten/ Ein Weihnachtskrimi - Page 3

Bild von Annelie Kelch
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Hänschens Laube geschlichen, um Larissa und Tommy stundenlang nicht aus den Augen zu lassen. Eines entsetzlichen Abends, er glaubte, er sehe nicht recht, musste er feststellen, dass sich jemand in den ledernen schwarzen Sessel geflegelt hatte, der noch von seinem Vater stammte, ein unsympathischer Jüngling, der sich von Larissa bedienen ließ – nicht allein, was Hauptspeisen anging. Es waren vielmehr die heißen Desserts, die Larissa diesem Kerl servierte und sein Blut in Aufruhr brachten.
Larissa, seine schöne Exfrau, die neuerdings in hautengen Miniröcken, knappen Tops und High Heels über das teure Parkett stöckelte, das er kurz nach der Hochzeit selber verlegt hatte. So aufgetakelt wie an jenem frostigen Heiligen Abend war sie früher nie durch die Gegend gezogen. Wie man sich doch in seiner eigenen Frau täuschen kann, hatte er gedacht, als er sie zum ersten Mal in diesem frivolen Outfit erblickte. Er hätte es niemals für möglich gehalten, dass Larissa sich in einer Weise entwickeln würde, die keine andere Bezeichnung als „ordinär“ verdiente.
Glücklicherweise ließ sich ihr neuer Kerl nur am Wochenende in seinem ehemaligen Haus blicken, das er Larissa, die nur wenige Schritte von dem Grundstück entfernt eine kleine Steuerkanzlei betrieb, nach der Scheidung großzügig überlassen hatte, damit Tommy in einem schönen Heim aufwachsen konnte. Der Detektiv, den er, Nikolai, noch am selben Abend beauftragt hatte, das Leben dieses Machos zu durchleuchten, hatte herausgefunden, dass Larissas Verehrer, dessen Alter er auf höchstens dreißig geschätzt hatte, was sein privater Sherlock Holmes umgehend bestätigte, schon dreimal geschieden war und für eine Speditionsfirma unter der Woche Warentransporte nach Frankreich unternahm.
Damals hatte er sich mehrmals am Tag gefragt, ob Tommy diesen Kerl „Papa“ nannte, ob das Kind überhaupt noch an ihn dachte oder ihn schon längst vergessen hatte. Es war lange her, seit er seinen Buben zum letzten Mal im Arm halten durfte. Hören konnte er das Trio ja nicht. Ist wohl auch besser so, hatte er damals gedacht, bevor ihn die Stunde der Wahrheit unangenehm überrascht hatte.
Allein der Anblick der kokettierenden, mit ihren falschen starren Wimpern klimpernden Larissa, die ihrem neuen Lover wie ein schillernder Vogel auf den Leim zu gehen schien, verursachte nicht nur arges Sodbrennen in seiner Kehle, sondern auch teuflische Bauchschmerzen. Vermutlich hatte er bereits ein Magengeschwür. Seine ehemals dunkelbraunen Haare waren indes fast grau, obwohl er im vergangenen Juni gerade mal vierzig geworden war, ein Alter, das man gemeinhin als die besten Mannesjahre bezeichnete.
Ein halbes Jahr lang hatte er keinen Tropfen Alkohol angerührt – bis zu jenem verflixten „zweiten Heiligen Abend nach der Kreuzigung“, wie er in dessen holder Morgenfrühe beim Rasieren in einem Anflug von schwarzem Humor seinem Spiegelbild zugeflüstert hatte. Und, als sei das Unglück, das über ihn hereingebrochen war, noch immer nicht komplett, hatte er im Laufe des Heiligen Abends erfahren müssen, dass Larissa Mitte Dezember mit diesem zwielichtigen jungen Kerl, dem sie gewiss schon während ihrer beider trauten Zweisamkeit schöne Augen gemacht hatte, die Ehe eingegangen war. Er befand sich gerade auf dem Heimweg, nachdem er sechs qualvolle Stunden lang im Sommerpavillion seines arglosen Nachbarn Hänschen auf der Lauer gelegen hatte, der damals nicht die leiseste Ahnung hegte, wer in seiner lauschigen, aber mittlerweile bitterkalten Laube den Voyeur machte, als ihm der gute Alte doch tatsächlich leibhaftig über den Weg lief, die behandschuhten Finger um die geriffelten Gummigriffe seines Rollators gekrallt. Sie waren ins Gespräch gekommen, und Hänschen hatte ihm brühwarm gesteckt, dass Larissa wieder unter der Haube sei. Er, Hänschen, habe wegen eines Gichtanfalls zwar nicht an der Feier teilnehmen können, aber der lauten Musik und dem Gekreische nach zu urteilen, habe dort drüben ein rauschendes Fest stattgefunden. Er hatte sich hastig von Hänschen verabschiedet und in fliegender Eile den nächsten Supermarkt aufgesucht, um zwei von den Whiskeyflaschen zu erstehen, die ihn damals nach der Scheidung mehr schlecht als recht getröstet hatten. Als er endlich zu Hause angekommen war, hatten seine Hände dermaßen gezittert, dass es ihm erst nach einer Viertelstunde gelungen war, den unkomplizierten Verschluss der apart geformten Flasche zu öffnen.
Es war bereits das siebte Glas „Racke Rauchzart“, das er durch seine Kehle fließen ließ, als er auf die verrückteste Idee kam, die ihn jemals ereilt hatte, und nach dem achten Glas stand für ihn fest, dass er die nächsten Weihnachtsfeste nicht allein verbringen würde, nie wieder. Noch ahnte er nicht, wie recht er damit behalten sollte, wenn auch deutlich unangenehmer, als er es sich jemals hätte vorstellen können.
Seit Larissa und er sich getrennt hatten, der wahre Grund hierfür wollte ihm immer noch nicht einleuchten – sie hatte vor Gericht zu Protokoll gegeben, zwischen ihnen bestünden unüberbrückbare Meinungsverschiedenheiten, obwohl sie im letzten halben Jahr ihrer Ehe, wenigstens ihm gegenüber, schweigsamer als eine „schweigende Mehrheit“ gewesen war ‑, bestellte Larissa für den Heiligen Abend bei der Agentur „Engel für Bienchen und Bengel“ Weihnachtsmänner für Tommy; er hatte vom Fenster der Laube aus zusehen müssen, wie die Kerle ins Wohnzimmer gestapft kamen und mit ihren arg verschmutzten Schneestiefeln das hochwertige Parkett verhunzten, dickwamstig und aufgebläht wie die vor Geschenken strotzenden braunen Säcke, die über ihren Schultern lagen, und sich gewiss schon danach sehnten, endlich geleert zu werden, um in die heimische Mühle oder sonstwohin zurückzukehren; er musste beim Anblick jener Behältnisse fast jedes Mal an das Gedicht von Wilhelm Busch denken: „Ein voller Sack, den Bauer Bolte, der ihn zur Mühle tragen wollte ...“, so begann es, das wusste er noch genau und auch, dass am Schluss die Ähren rauschten: „Du wärst ein leerer Schlauch, wenn wir nicht wären.“ Sein Vater hatte ihm zu seinem achten Geburtstag das Gesamtwerk des humorvollen Dichters und Malers geschenkt, und er hatte sich oft in die kleinen Geschichten und Zeichnungen vertieft. Jetzt wird es nicht mehr allzu lange dauern, bis Tommy alt genug ist, sich an dieser kurzweiligen, vergnüglichen Lektüre zu erfreuen, dachte er mit einem verschmitzten Lächeln auf den Lippen, das über sein ganzes Gesicht und in seine Augen kroch.
Am letzten Heiligabend freilich hatte Tommy noch ängstlich seinen Mund verzogen, als der Weihnachtsmann ihm zu nah auf die Pelle rückte und vermutlich die blödsinnigsten

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Kommentare

09. Nov 2016

Starke Story, die sich lohnt:
Witzig Spannung in ihr wohnt!

LG Axel

09. Nov 2016

Danke sehr, die Story ist, das geb' ich zu, ein wenig überzogen;
doch so muss es sein, sonst wäre es gelogen (das Leben schreibt oft unbegreifliche Wahrheiten).

LG Annelie

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