Weihnachtsfest mit Satansbraten/ Ein Weihnachtskrimi - Page 7

Bild von Annelie Kelch
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Mann in das unerfreuliche Gespräch. „Wie wäre es, wenn du dem Weihnachtsmann erzähltest, was du vor einer Woche im Kinderhort angestellt hast, Tommy?“ –
„Pah“, sagte Tommy, „das geht den überhaupt nichts an.“ Er boxte Nicolai mit seiner kleinen Faust in die Hüfte.
„Halt ja deinen Mund, Anton.“ –
„Er hat ...“, begann Larissas Gatte ‑ und man sah ihm deutlich an, dass ihm die Worte, die sich in seinem Mund versammelt hatten, enormes Vergnügen bereiteten ‑, aber Nikolai hätte sich am liebsten die Ohren zugehalten, um nichts von den Schandtaten erfahren zu müssen, die sein Sohn an jenem harmlosen Ort ausgefressen haben sollte, als Tommy wie ein Verrückter zu kreischen begann. Das schrille Gezeter hörte sich qualvoller an als eine aus dem Takt geratene Kreissäge und brachte seinen empfindlichsten Nerv zum Schwingen – wie damals, während seiner Schulzeit, wenn einem Lehrer die Kreide abgebrochen und er für einen Bruchteil von Sekunden mit dem Daumennagel über die Tafel geschrammt war. Das hatte ihm jedes Mal Schmerzen bereitet.
Während sich Larissa bemühte, Tommy zu beruhigen, entknotete Nikolai mit zitternden Händen den Sack und hielt Tommy dessen Öffnung vors Gesicht, aus der die Weihnachtspäckchen regelrecht herauspurzeln wollten. „Hier sind deine Geschenke, Tommy“, sagte er mit belegter Zunge. Fast hätte er sich verplappert und „mein Sohn“ gesagt, obwohl ihm nach dieser vertraulichen Anrede keineswegs der Sinn stand. Er fühlte sich wie der Stargast eines Theaterstücks von Strindberg und hätte diesem Scheinidyll, das beklemmend auf ihn wirkte, am liebsten auf der Stelle den Rücken gekehrt. Das darf doch alles nicht wahr sein, dachte er, und es verlangte ihn sehnlichst zu wissen, wie es Mara da draußen in der kalten Laube erginge; aber Larissa tat mit einem Mal sehr liebenswürdig und schnurrte: „Machen Sie uns die Freude, lieber Knecht Ruprecht, und trinken Sie zur Feier des Tages ein Gläschen Sekt mit uns, und bevor er dankend ablehnen konnte, überreichte sie ihm eines der langstieligen, kostbaren Gläser, die Larissa und er von seinen Eltern zur Hochzeit geschenkt bekommen hatten. Wenigstens die hält sie in Ehren, dachte er mit einem vagen Anflug von Erleichterung. Er erkannte Larissa kaum wieder. Sie hatte sich nicht allein äußerlich verändert. Aus Larissa, dem lieblichen Engelchen, ist Larissa, das scharfe Luderchen geworden, fuhr ihm in den Sinn, und sein leidgeprüftes Herz grollte bei diesem Gedanken und schmerzte wie von einem Stein getroffen.
Tommy hatte seine Nasenspitze in den Sack getaucht und beförderte seine letzten Geschenke ans Licht. Nikolai wusste schon jetzt, dass Tommy das schöne bunte Papier, das die Gaben geheimnisvoll verhüllte, Larissa hatte sich mit dem Einpacken alle Mühe gegeben, achtlos entzweireißen würde. Er wartete regelrecht auf das ratschende Geräusch, während er an seinem Sekt nippte, der edel schmeckte. Er hoffte, dass ihn dieser Genuss, gepaart mit der Riesenenttäuschung, die Tommy ihm bereitet hatte, nicht würde rückfällig werden lassen. Sie standen vor dem Wintergarten, der auf die Terrasse führte, und Larissa präsentierte voller Stolz, sie hatte ihn noch immer nicht erkannt und hielt ihn nach wie vor für einen weltfremden Weihnachtsmann von „Engel für Bienchen und Bengel“, ihre japanischen Zwergbäumchen, als Tommy plötzlich schrie: „Hände hoch, Leute, oder ich schieße!“ Der kesse Knabe hockte aufrecht in dem Ledersessel, in dem Nikolais Vater früher so gerne gesessen hatte, und hielt Hänschens Revolver in der kleinen Faust. Und während das Kind wie wild mit dem Ding herumfuchtelte, überfiel ihn siedendheiß die Erinnerung. Nachdem er seinem alten Komplizen geschworen hatte, die Waffe, mit der Hänschen seine kostbare Briefmarken- und Münzsammlung gegen dreiste Einbrecher zu verteidigen jederzeit bereit war, nur bei drohender Lebensgefahr zu verwenden, hatte der alte Mann das verflixte Ding schweren Herzens herausgerückt. Nikolai hatte den Revolver kurzerhand in den Sack gesteckt, damit der „echte“ Weihnachtsmann ihn nicht zu Gesicht bekäme, wenn er seine Kleidung wechselte. Später, auf dem Weg durch Hänschens Garten, hatte er die Waffe, die er in die Innentasche der roten Weihnachtsjoppe stecken wollte, völlig vergessen.
„Tommy, wenn du jetzt die Pistole auf den Tisch legst und zu uns rüberkommst, habe ich eine ganz große Überraschung für dich“, schmeichelte Larissa mit sanfter Stimme, die vor unterdrückter Panik vibrierte.
„Will ich nichhihihicht, will ich nichhihihicht, will ich, will iiihich nichhihicht“, trällerte Tommy, wobei er schamlos die Melodie von „O du fröhliche ...“ missbrauchte, und obwohl Nikolai nicht umhin konnte, die frühkindliche Musikalität seines Sohnes zu bewundern, wünschte er Tommy zum Teufel. „Tommy, du bringst mir jetzt sofort diesen Revolver her, sonst versohle ich dir den Hintern", versuchte es Larissas Gatte auf die harte Tour, und als Tommy nicht reagierte, fuhr er deutlich moderater fort: „Das ist kein Spielzeug, Tommy. Die Pistole ist dem Weihnachtsmann gewiss versehentlich in den Sack mit den Geschenken gerutscht, weil er keinen Platz mehr in seiner Winterjoppe hatte. Die Taschen sind gewiss bis zum Rand mit Nüssen und Orangen gefüllt. Wollen wir mal nachschauen?“
„Gute Idee, kommt nur her“, sagte Nikolai und lächelte seinen Sohn freundlich an. „Nee“, spieh Tommy verächtlich aus. „Du bist auch gar nicht mein richtiger Vater, Anton. Ich will zu meinem echten Papa! Jetzt! Auf der Stelle!“
Nikolais Herz setzte aus – um Sekunden später erneut zu schlagen – für Tommy, den Satansbraten. Seine Augen standen voller Tränen, und er wollte sich gerade die Maske vom Gesicht reißen und sich zu erkennen geben, als er Larissa neben sich sagen hörte: „Mami kommt jetzt zu dir rüber, Tommy, Schatz, und dann gibst du mir brav diese dumme Pistole. Du bist doch ein gutes Kind, nicht wahr?“, und bevor Nikolai seine Exfrau zurückhalten konnte, war sie einen Schritt auf Tommy zugelaufen, der, während er zielte und den Hahn spannte, ein verächtliches Schnauben ausstieß. Ein ohrenbetäubender Knall entlud sich, und Larissa sank von einer Kugel getroffen zu Boden. Nikolai, der aus den Augenwinkeln wahrnahm, dass Anton Hals über Kopf durch den Wintergarten ins Freie getürmt war, warf sich mit einem Hechtsprung auf Tommy und entwand ihm die Pistole. Dabei löste sich ein zweiter Schuß, der seinen Oberschenkel streifte. Er achtete nicht auf den Schmerz und nahm seinen Sohn in den Arm, der laut nach seiner Mama rief und zu schluchzen begonnen hatte. Während Nikolai den weinenden Tommy in seinen Armen hielt und ihn sanft hin und her wiegte, legte er sich die wesentlichen Worte zurecht, mit denen er die Kriminalen überzeugen wollte, dass ganz allein er, Nicolai, an dem Unglück schuld sei, das über Larissa, Anton, Tommy und ihn hereingebrochen war. Er hoffte, dass Larissa noch am Leben sei, aber das viele Blut, das aus ihrem Körper strömte und über das Parkett floss, ließ andere Schlüsse zu. Nachdem er einen Krankenwagen gerufen und die Polizei alarmiert hatte, war Hänschen über die Terrasse zu ihm ins Haus geeilt, gefolgt von Mara, die zu seiner Erleichterung nüchterner war als ein leerer Magen. Beide saßen ihm zur Seite, bereit zu bezeugen, dass niemand anderer als er den vermutlich tödlichen Schuss auf Larissa abgegeben hatte, was zwar nicht der Wahrheit entsprach, aber sich als einzige Lösung darbot, um Tommy ein lebenslanges Trauma zu ersparen. Es stand außer Zweifel, dass er, Nikolai, seinem Sohn diesen furchtbaren Schicksalsschlag eingebrockt hatte.
Ohne Hänschen und Mara hätte er die Gegenwart schwerlich ertragen und er dachte voller Dankbarkeit, wie hilfreich es doch war, gute Freunde zu haben. Die Aufgabe, Anton davon zu überzeugen, dass Tommy nicht in dem Glauben weiterleben dürfe, auf seine Mutter geschossen zu haben, würde er nicht mehr wahrnehmen können. Vermutlich würden ihn die Kriminalen unmittelbar nach seinem Geständnis verhaften ‑ lange bevor Anton wieder aufgetaucht war, falls der sich überhaupt jemals wieder würde blicken lassen. Er hoffte, dass Hänschen mit seinem Reichtum an Erfahrung die richtigen Worte fände, um Anton von der Notwendigkeit seines Geständnisses zu überzeugen. Als Motiv wollte er anführen, dass Larissa ihm Tommy seit Jahren vorenthielt. Wenn das kein starker Beweggrund war ...
Tommy krallte sich an Nikolai fest, als wolle er ihn nie wieder loslassen. „Blut ist eben doch dicker als Wasser, Nikolai; aber man kann nicht alles haben“, schniefte Hänschen, dem vor Rührung die Tränen aus den Augen flossen, und Nikolai fragte sich, was das für altbackene Sprüche waren, die hochbetagte Männer manchmal draufhatten.
Als der Beamte, der sich mit Hauptkommissar Lindt vorgestellt hatte, ihn mit sanfter Gewalt abführen wollte, blieb ihm nichts anderes übrig, als den weinenden Tommy an Mara weiterzureichen, die sich fürs Erste um ihn kümmern wollte, während er sich auf dem wenig ruhmreichen Weg befand, als vermutlich einziger Weihnachtsmann, der je an einem Heiligen Abend verhaftet wurde, in die Chronik seiner dörflichen Heimatstadt einzugehen.
„Tommy, ich bin dein richtiger Papa, es wird alles gut“, flüsterte er seinem Sohn ins Ohr, bevor er ihn Maja übergab.
Die Nachricht des Kommissars, dass Larissa auf dem Weg ins Krankenhaus verstorben sei, gab Nikolai den Rest. Am liebsten hätte er darum gebeten, ihn in eines dieser doofen Länder zu verfrachten, wo man ihn zum Tode verurteilt hätte. Henny, die Nerven wie Drahtseile hatte, würde sich liebevoll um Tommy kümmern, wenn sie den ersten Schock überwunden hatte, daran bestand für Nicolai nicht der geringste Zweifel; aber noch wähnte sie ihn und Tommy hoch in den Lüften ‑ auf dem Weg in ein besseres Leben. Hänschen durfte weiterhin seine Freiheit genießen, worüber Nikolai sehr froh war. Er hatte über die Rolle, die der alte Mann bei dem gescheiterten Coup übernehmen wollte, geschwiegen und alle Schuld auf sich genommen. Mara gab sich dem Kommissar gegenüber als Hänschens entfernte Verwandte aus, die dem alten Mann mit ihrem Besuch über die Einsamkeit während der Feiertage hinweghelfen wolle. Kluges Kind und kein bisschen nachtragend, fand Nicolai. Von dem Verkaufserlös seiner Firma würde er sich einen hervorragenden Verteidiger leisten können ‑ und einen Killer, den er Anton vorbeischicken wollte, sollte der sich erdreisten, seinen Tommy mit auch nur einer Silbe zu belasten. Dort, wo er jetzt hinkäme, säßen genug Männer ein, schwere Jungs, die einschlägige Beziehungen nach draußen pflegten. ‑
„Nur keine Panik, Herr Lebrecht“, sagte Kommissar Lindt, dem Nicolais Überreiztheit, er war vor lauter Empörung ins Zittern geraten, nicht entgangen war. Eine echte Spürnase, dieser Cop, aber nicht unangenehm, dachte Nicolai. Auf soviel Verständnis hätte er nie im Leben zu hoffen gewagt. Er stieß einen tiefen Seufzer aus. ‑
„Ganz ruhig, Herr Lebrecht.“ Kommissar Lindt legte Nicolai seine Hand auf die Schulter. „Wir sind in wenigen Minuten am Ziel. Dort dürfen Sie Ihren Anwalt anrufen.“ ‑ Und Nikolai entspannte sich ...

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Kommentare

09. Nov 2016

Starke Story, die sich lohnt:
Witzig Spannung in ihr wohnt!

LG Axel

09. Nov 2016

Danke sehr, die Story ist, das geb' ich zu, ein wenig überzogen;
doch so muss es sein, sonst wäre es gelogen (das Leben schreibt oft unbegreifliche Wahrheiten).

LG Annelie

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