Weihnachtsfest mit Satansbraten/ Ein Weihnachtskrimi

von Annelie Kelch
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Er warf einen Blick aus dem Wohnzimmerfenster seines kleinen Appartements; draußen dämmerte es bereits. Die Bäume neben dem Bürgersteig warfen vage Schatten auf das Pflaster, das durch in großzügigen Abständen gesetzte Laternen, die seit wenigen Minuten ihre unverbindliche Helligkeit in den Äther schickten, in ein diffuses Zwielicht getaucht war.
Nun würde es nicht mehr lange dauern, bis seine große Stunde käme. Er war fest entschlossen, den Rachefeldzug, der auf einer jähen Eingebung beruhte, die ihn vor exakt einem Jahr überwältigt hatte, eiskalt durchzuziehen, mochte Larissa, arglos wie sie war, auch noch so theatralisch um Gnade winseln. Ihm freilich stand die größte Bescherung bevor, die das Christkind jemals für ihn bereit hielt. Die kurze Zeit, die ihn von der Durchführung seines Projekts mit der undurchschaubaren Parole „Unternehmen Tommy“ – er selbst hatte es so genannt ‑ noch trennte, würde er locker auf einer Backe absitzen. Lange genug hatte er auf diesen Tag gewartet, auf den für ihn in zweifacher Hinsicht göttlichsten und andächtigsten Tag im facettenreichen Verlauf des Jahres, auf diesen einen Tag, den man gemeinhin mit Frieden, Besinnlichkeit und der Erfüllung diverser Wünsche verknüpfte. ‑
„Sei gegrüßt, Heiliger Abend“, murmelte er, „gekommen ist die Zeit der Heimsuchung, gekommen ist die Zeit der Vergeltung. Nicht du, Israel, wirst es diesmal zu spüren bekommen, sondern Larissa. Amen.“
Er gestand sich ein, dass er aufgeregt war ‑ und nervös, so nervös wie schon lange nicht mehr ‑ aber ungeduldig?, nein, diesen Wesenszug wies er entschieden von sich. Wenn er etwas gelernt hatte in den drei Jahren nach seiner Scheidung, dann waren es Engelsgeduld und Hartnäckigkeit.
Er hatte die ganze Nacht wach gelegen und sich seinen Plan wieder und wieder ins Gedächtnis gerufen und durchgespielt. Auf das Gesicht von Tommy, wenn er gewahr würde, wer sich in diesem Jahr unter dem Kostüm des Weihnachtsmanns verbarg, freute er sich wie ein Schneekönig. Ihm kam nicht der geringste Zweifel, dass Tommy ihn wiedererkennen würde, obwohl der Bub bei der Scheidung von Larissa gerade mal zwei Jahre alt gewesen war und ihn seither nicht mehr zu Gesicht bekommen hatte. Abend für Abend, meist kurz vor dem Einschlafen, hatte er sich ausgemalt, wie Tommy vor Freude in Tränen ausbrechen würde, nachdem er, Nicolai, sich die Maske vom Gesicht gerissen hatte und ihm eröffnete, dass er es sei, sein Papa, der sich nichts sehnlicher wünsche, als ihn endlich in seine Arme zu schließen und dass nichts auf der Welt sie jemals wieder voneinander trennen könne, weder Larissa, seine Exfrau und Tommys Mutter, die sich nach der Scheidung in einem Maße verändert hatte, dass sich ihm die Frage, weshalb sich alte Freunde und Bekannte von ihr abgewandt hatten, gar nicht erst aufdrängte, und erst recht nicht ihr frisch gebackener Ehemann, der Tommy unmöglich in jenem Maße lieben könne wie er, sein leiblicher Vater.
Vorausgesetzt, sein Coup gelänge, woran für ihn kein Zweifel bestand, würde er noch am selben Abend mit Tommy das Land verlassen und nach Australien fliegen, um im Umkreis von Orange, eine Gegend, die dafür bekannt war, dass auf dem Küstentiefland der Weizen ganz hervorragend gedieh, eine Ranch zu erwerben und das mühselige, aber ausgefüllte Leben eines Farmers zu führen. Sein Blick, der voller Stolz war, blieb an den beiden Flugtickets hängen, die auf dem Couchtisch lagen. Hänschen Klöver, sein Komplize und ehemaliger Nachbar, den im Alter etliche tückische Gebrechen heimgesucht hatten, stand am heutigen außergewöhnlichen Heiligen Abend vermutlich vor der größten Aufgabe seines Lebens. Dieses Weihnachtsfest hatte es zweifellos auch für ihn in sich, obwohl oder vielleicht gerade deshalb, der religiöse Glaube, der jenen Tagen eigen war und, wie er erkannt zu haben glaubte, den Menschen immer mehr abging, erheblich zu kurz käme. Ein Drama jener Art, wie es in wenigen Stunden über die Bühne gehen würde, war dem guten Alten gewiss in seinem ganzen Leben noch nicht vor Augen gekommen, und er hatte einen Koffer voller Argumente ins Feld führen müssen, um Hänschen nicht nur von der Notwendigkeit seines Vorhabens zu überzeugen, sondern auch davon, dass er auf seine überaus geschätzte Hilfe nicht würde verzichten können, wenn sein Plan zum Wohle Tommys gelingen solle. Zu allererst würde der alte Mann, und er hoffte inständig, dass der spargeldünne Hänschen während der Abwicklung seiner bedeutsamen Aufgaben nicht zusammenklappte oder gar den Löffel abgab, den Weihnachtsmann befreien müssen, den Larissa jedes Jahr für Tommy anheuerte, und der, seines Amtes enthoben, demaskiert und gefesselt in Hänschens Gartenlaube zwischen alten Farbdosen und Humus läge, in einem seiner teuersten und wärmsten Jogginganzüge, ein Opfer, das er Tommy zuliebe gebracht hatte. Die Erfüllung dieser Pflicht stünde dem Alten freilich erst dann zu, wenn er und Tommy wohlbehalten im Flugzeug säßen und die Erde weit unter sich gelassen hätten. Im Anschluss daran käme Hänschen in den Genuss, und er bedauerte außerordentlich, dass er diese delikate Aufgabe nicht selbst würde wahrnehmen können, seine, Hänschens, gewiss schon im Minutentakt hysterisch keifende Nachbarin Larissa samt fast Neuvermähltem zu erlösen, die er an eines der Heizungsrohre zu ketten gedachte, von Angesicht zu Angesicht; das würde der jungen Ehe, die noch nicht allzu lange währte und fast taufrisch wie ein Frühlingsmorgen war, gewiss auf eine harte Probe stellen. Sein breites Grinsen, das diesen Gedanken begleitete, war nicht frei von Häme, obwohl er für Schadenfreude noch nie etwas übrig gehabt hatte.

Er hatte Hänschen den guten Rat erteilt, sich mit den Aufträgen, die seiner harrten, alle Zeit der Welt zu nehmen. Übertriebene Eile könne sich auf seine Gesundheit, die ohnehin nicht zum Besten gestellt war ‑ Hänschens Bewegungsapparat war fast vollständig von der Gicht vereinnahmt ‑, verheerend auswirken.

Das ganze letzte Jahr hindurch hatte er allein für den Triumph gelebt, Larissa die Lektion ihres Lebens zu erteilen – und er hatte gespart, soviel er ermöglichen konnte. Nach seinem glamourösen Abgang in Begleitung von Tommy würde seine gute Schwester Henny sein Autohaus verkaufen und ihm den Erlös in seine neue Heimat überweisen. Die Verkaufsanzeige hatte er bereits im Tageblatt aufgegeben. Er brauchte im fernen Orange nur noch ein Konto zu eröffnen. Auf das unbekannte Fleckchen Erde, das er mit Tommy erobern wollte, war er ähnlich gespannt wie ein

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Kommentare

09. Nov 2016

Danke sehr, die Story ist, das geb' ich zu, ein wenig überzogen;
doch so muss es sein, sonst wäre es gelogen (das Leben schreibt oft unbegreifliche Wahrheiten).

LG Annelie

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