Nachtragende Partnerin

von Bernd H. Schulz
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René ist mit Karin im Edeka-Markt einkaufen, denn Karin möchte heute Abend für sie beide ein 3-Gänge-Menü zubereiten. Weil René seine Tabletten konsequent eingenommen hat, ist die Manie relativ schnell schwächer geworden. Im Edeka-Markt ist er mit seinen Gedanken weniger bei den Zutaten für das Menü, sondern mehr bei dem, was es nach dem Menü geben könnte. Welcher Wein passt zu dem Menü und welcher Champagner passt anschließend zu dem Wein? Welche Pralinen passen zu dem Abend und was könnte er, für ein opulentes Frühstück am nächsten Morgen, kaufen? Eigentlich müsste er bis zur Fälligkeit seiner ersten Lebensversicherung bescheidener leben, doch das ist nicht sein Ding. Mindestens einmal im Monat kann er einem genussreichen Abend nicht widerstehen und gerade in einer manischen Episode sitzt das Geld bei ihm sehr locker. Besonders dann, wenn er eine neue Partnerin hat.
„Meine Kindheit war scheiße, darum muss ich den Rest meines Lebens intensiv genießen“, ist seine Rechtfertigung für das oft ausschweifende Leben. Wenn er dann wieder in einer depressiven Episode ist, hat er Angst, dass er irgendwann noch als Versicherungsvertreter für seine ehemals eigene Versicherungsagentur arbeiten muss.
Nach längeren Überlegungen und Umplanungen haben sie sich für die Zutaten und den richtigen Wein und Champagner entschieden. Hand in Hand schieben sie den Einkaufswagen zum Auto. Dabei kommt ihnen Doris entgegen. René will hier kein Aufsehen haben und nickt Doris nur kurz zu.

Karin sucht nach einer Wasserflasche im Kofferraum ihres Autos und René entfernt ein Werbeflyer unter dem Scheibenwischer, als völlig unerwartet ein Ei auf der Motorhaube aufklatscht. Verschreckt zuckt er zusammen und kann gerade noch zur Seite springen, als das nächste Ei auf der Windschutzscheibe zerplatzt. Jetzt hört er auch das Gefluche und Geschimpfe von Doris, die mit einem Sechserpack Eier wenige Meter vor dem Auto steht und das dritte Ei gut gezielt auf René wirft. Die ersten Zuschauer bleiben verwundert stehen und gucken sich voller Freude den Racheakt an, denn aus dem aufgebrachten Geschimpfe geht hervor, dass sie sich von René verarscht vorkommt und ihn und seine neue Freundin zum Teufel wünscht. Während er versucht hinter dem Auto Schutz zu finden, landet das vierte Ei auf seinem Rücken. Karin hat die Eierattacke bemerkt und hockt verstört und etwas verängstigt hinter ihrem Auto. Es klatschen noch zwei Eier auf das Dach des Autos und mit einem geschrieenen „Arschloch“ verschwindet Doris in der Reihe der geparkten Autos.
Einige der stehengebliebenen Zuschauer lachen, einer klatschen sogar kurz und eine Frau ruft voller Überzeugung „richtig so!“
Karin spürt, dass der Angriff vorüber ist und kommt langsam aus ihrer Deckung hervor. Nachdem sie sich wieder gefasst hat und René sieht, der von vorne und hinten mit laufendem Eigelb besudelt ist, fängt sie aus Erleichterung und Verlegenheit lauthals an zu lachen. „So kommst du mir nicht ins Auto“, sind ihre ersten Worte nach diesem Schock.
René steht sprachlos und bewegungslos neben dem Auto. Den Überfall kann er noch nicht wirklichen begreifen. Sein Gesicht drückt eine Mischung aus geschockt sein und peinlich berührt sein, aus.
„Die kanntest du doch, wer war das?“ stellt Karin ihn mehr vorwurfsvoll als fragend zur Rede.
René antwortet, noch immer sichtlich geschockt „Das war Doris.“
„Und? Woher kennst du die?“ bohrt Karin, ohne auf seinen Zustand Rücksicht zu nehmen, mit einem ärgerlichen Unterton nach. Ihr dämmert, dass es eine ehemalige Freundin von René sein muss und fragt sich, was er wohl mit ihr angestellt hat, dass sie dermaßen wütend auf ihn ist. Droht ihr das gleiche Schicksal?
Es dauert ein wenig, bis René antwortet. „Ich war mal mit ihr zusammen. Doch das ging nicht gut und wir haben uns getrennt“, bekennt er kleinlaut.
„Und deswegen macht die so einen Aufstand.“
„Die war mit ihrer aufbrausenden Art total anstrengend und auch eifersüchtig. Hast du ja gerade selber erlebt.“ René sucht nach einer Möglichkeit, wenigstens grob die Eier von seinen Sachen entfernen zu können. Karin ist mit der Antwort erst einmal beruhigt und packt die gekauften Zewa-Rollen aus, um René eine zu geben. Endlich kann er sich das Eigelb abputzen, während sie versucht das Ei von der Windschutzscheibe abzuwischen. Doch es verschmiert mehr als dass es sauberer wird. „So geht das nicht, wir müssen sofort in eine Waschstraße fahren“, beschließt sie, inzwischen völlig beruhigt und ganz sachlich.
René weiß sich keinen besseren Rat, als sich das Oberhemd auszuziehen und steht mit nacktem Oberkörper neben dem Auto. „Lässt du mich so in dein Auto?“, fragt er mit einem ironischen Ton in der Stimme und muss lachen.
Karin guckt hoch und muss erst einmal vor Überraschung schlucken, bevor sie antwortet. „Nur wenn du die Hose auch ausziehst!“
Verdutzt guckt René sie an, er weiß nicht ob es ernst gemeint ist oder ob sie ihn nur irritieren will.
„Guck nicht so, mach hinne, wir müssen in eine Waschstraße bevor das Zeug antrocknet.“ und nach einer Pause „dein Hintern ist auch voller Eigelb!“
Ihm ist jetzt klar, dass sie es ernst meint, doch er steht noch immer wie ein begossener Pudel, verwirrt und beschämt neben dem Auto. Nur langsam registriert er, dass er sich die Hose wirklich ausziehen muss. Er guckt sich unsicher um, ob er hier zwischen den parkenden Autos gesehen werden kann und bückt sich, um die Schuhe auszuziehen. Fast heimlich zieht er seine Hose aus und bemerkt in dem Moment, dass sein Hartgeld aus der Tasche fällt und ein Teil unter die Autos rollt. „Scheiße!“, flucht er, knüllt die Hose zusammen und kniet sich, nur mit Socken und Shorts bekleidet, zwischen die Autos.
Karin bekommt das mit und kann sich vor Lachen kaum noch halten. „Gut, dass diese Doris das nicht sieht, die hätte ihren vollen Triumph. Steig ein, ich fahre den Wagen aus der Parklücke, dann kannst du das Geld unter dem Auto auch einsammeln.“
So schnell ist René wohl noch nie in ein Auto gestiegen. „Danke.“ sagt er voller Erleichterung.
Sie fährt ein Stück aus der Parklücke und bleibt stehen. Wartend guckt sie René an. „Was, ich kann doch jetzt nicht hier aussteigen und Geld einsammeln“, fragt er in einer Mischung aus Schock, Ungläubigkeit und Verwirrtheit. Karin guckt ihn noch ein paar Sekunden ernst an, bevor sie ihm ein Küsschen auf die Wange drückt und loslacht. Sie steigt aus und sammelt das restliche Geld ein.
René ist ein Stein vom Herzen gefallen, er hat es überstanden. Während Karin auf dem Weg zur Waschstraße mit dem Lachen gar nicht aufhören kann, ist es René weniger zum Lachen zumute. Ihm ist das alles nur peinlich und unangenehm. „Hoffentlich ist es in der Waschstraße leer“, wünscht er sich, denn fast nackend im Auto möchte er nicht von anderen gesehen werden.
Karin fährt nicht, womit René fest gerechnet hat, in die Selbstwaschboxen, sondern direkt zur Waschstraße. Dem Jungen, der zu ihr kommt um zu kassieren, steht das Staunen im Gesicht, doch er sagt nichts.
René wäre am liebsten unter den Sitz gekrochen, auch, weil ihm einfällt, dass am Ende der Waschstraße ein Helfer steht, der die letzten Wassertropfen entfernt. Heute ist absolut nicht sein Tag, denn am Ende der Waschstraße steht die Frau des Pächters mit einem Ledertuch in der Hand. René und sie kennen sich flüchtig. Während Karin inzwischen Seitenstiche vor Lachen hat und ihr die Tränen laufen, weiß René nicht wie ihm geschieht und grinst die Pächterin nur blöde an.
Nicht zu ihrer Wohnung sondern zur Wohnung von René fährt Karin. Dieser wird immer nervöser und als Karin auch noch eine Parkplatz direkt vor dem Hauseingang findet, befallen ihm Zweifel, ob er nicht doch besser mit Doris zusammen geblieben wäre. Er rutscht wieder ganz tief in den Sitz und hofft, dass ihn keiner seiner Nachbarn siehst. Gleichzeitig ist er froh, dass Karin ihm nun saubere Sachen aus seiner Wohnung holen kann.
„Mach hinne!, sagt Karin laut zu ihm, denn sie denkt an die Lebensmittel, die hinten im Auto liegen.
Völlig erschrocken guckt René sie an. „Wie mach hinne? Soll ich etwa so in mein Haus und mit dem Aufzug zu meiner Wohnung fahren.?“ Sein Augen sind ganz groß und sein Mund bleibt offen. Sein Herz bleibt ihm fast stehen.
„Nur wenn du willst, ansonsten solltest du mir deinen Wohnungsschlüssel geben.“
An einem uneinsichtigen Straßenrand zieht er seine frischen Sachen an und fängt an, sich auf den bevorstehenden Abend zu freuen.

Der Text ist ein Ausschnitt aus meinem Roman >Sie leben trotzdem<. Oktober 2017
Pitch: Der Text erzählt authentisch gegen welche Einschränkungen und Widerstände an Depressionen, an Phobien oder an Psychosen erkrankte Menschen täglich kämpfen müssen, um ihrem Leben etwas Lebenswertes abzuringen.

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Kommentare

14. Okt 2019

Hallo Bernd,

wie schön, du hast hierher gefunden.

Bis morgen in der Schreibwerkstatt.

Viele Grüße, Jana ( noch Sabine )