Die Sache mit Raphaela - Page 3

von Mark Read
Mitglied

wild sprießenden Dreitagebart. "Darf man fragen, wohin die Reise geht?"
"Ich … wollte spazieren gehen", erwiderte ich. "Aber warum wollen Sie das überhaupt wissen? Darf man nicht mehr an die frische Luft gehen?"
"Doch, natürlich." Das kam von Polizist Nummer zwei, der im Gegensatz zu seinem Kollegen glatt rasiert war und geradezu bubenhaft wirkte. "Aber erstens gehen nur die wenigsten Leute nachts mit einer Sonnenbrille und mit einem Reisekoffer spazieren. Zweitens gibt es da etwas, über das wir gerne mit Ihnen reden würden." Sie drängten mich zurück in meine Wohnung und setzten mich mit sanfter Gewalt in den Sessel.
"Wissen Sie, wir haben da einen anonymen Hinweis bekommen. Sie haben doch heute sicherlich die Nachrichten gehört, nicht wahr?", fragte der Bärtige.
Ich nahm die Sonnenbrille ab und versuchte, möglichst ruhig zu wirken.  "Leider nicht. Was ist denn passiert?"
"Eine Bank in der Innenstadt, Nähe Rosenheimer Straße, ist überfallen worden. Und der Täter, der einen auffälligen gelben Anorak trug und eine Sporttasche, wurde gesehen, wie er bei Ihnen klingelte und in Ihre Wohnung ging. Sie erlauben doch?" Der andere Polizist öffnete den kleinen Reisekoffer und holte Tasche und Anorak heraus. "Na, da schau her. Das ist ja eine erfreuliche Überraschung", höhnte der Bärtige.

"Ich kann das erklären", stammelte ich, obwohl ich keine Ahnung hatte, was es hier noch zu erklären gab. Die Faktenlage war eindeutig. Niemand hatte das Gesicht des wirklichen Bankräubers gesehen, und sowohl seine Kleidung als auch die Tasche mit der Beute waren hier bei mir. Ich entschied mich zur Flucht nach vorne.
"Ich bin hereingelegt worden", hob ich an. "Von einem Schulfreund. Einem früheren Freund, meine ich. Wir waren in der Schule eng befreundet, aber haben schon lange nicht mehr viel miteinander zu tun. Vorhin stand er mit Anorak und Tasche vor der Tür. Thomas Liebherr ist sein Name. Er wirkte sehr nervös und bat mich um einen Gefallen. Er musste verreisen und ließ die Tasche hier bei mir. Wenn ich gewusst hätte, was da drin ist, hätte ich natürlich abgelehnt. Aber wissen Sie, dieser Kerl will sich an mir rächen. Er will, dass ich für ein Delikt in den Knast wandere, das ich gar nicht begangen habe."
Der bartlose Polizist räusperte sich. "Warum glauben Sie, dass sich dieser Herr Liebherr an Ihnen rächen will?" Es war offensichtlich, dass meine Geschichte unglaubwürdig klang.
"Das will ich Ihnen erzählen. Es geht um einen dummen Jugendstreich. In der zehnten Klasse. Zugegeben, rückblickend war das wirklich eine sehr blöde Aktion, und ich kann verstehen, dass sie Thomas immer noch belastet. In unserer Klasse war damals ein Mädchen namens Raphaela, die Tochter eines angesehenen Kunsthändlers, ein Mädchen aus bestem Hause. Sie war nicht besonders hübsch, sie hatte Sommersprossen und eine dicke Nase. Doch in ihrer etwas abgehobenen Art wirkte sie durchaus anziehend auf uns pubertierende Jungs. Jeder wusste damals, dass Thomas in sie verknallt war. Er war nur zu schüchtern, um sie überhaupt anzusehen, geschweige denn normal mit ihr zu reden. Sie müssen wissen, dass wir uns damals immer auch ein wenig über Thomas lustig machten, denn er gehörte mit seiner stillen, verschlossenen Art nicht unbedingt zu den coolen Jungs.
Eines Tages mussten ich und zwei Mitschüler länger in der Schule bleiben, ich glaube, es war wegen eines Wahlfachs. Jedenfalls kamen wir an unserem verlassenen Klassenzimmer vorbei, und da bemerkten wir, dass Raphaela die edle Halskette, die sie immer trug, auf ihrem Tisch hatte liegen lassen. Es war eine teure Kette mit einem dicken Edelstein darin. Doch für Schönheit hatten wir damals überhaupt keinen Blick. Es ging uns auch nicht um den Geldwert der Kette. Wir nahmen das Ding aus einem anderen Grund mit. Am nächsten Tag steckten wir das Stück in Thomas’ Schulranzen, während er auf dem Klo war. Raphaela war natürlich außer sich, als sie bemerkte, dass ihre Kette nicht mehr da war. Doch sie bekam während des Unterrichts einen Zettel gereicht, auf dem ein anonymer Informant ihr verriet, dass Thomas das Schmuckstück eingesteckt hatte. Sie ging noch in der großen Pause zum Direktor, der anschließend vor versammelter Klasse Thomas nach vorne zitierte und in seinem Ranzen die Kette entdeckte. Thomas stritt natürlich alles ab, doch kurzzeitig sah es tatsächlich übel für ihn aus. Er war damals schon strafmündig, er hätte sogar in das Jugendgefängnis kommen können. Doch weil es keine endgültigen Beweise für seine Schuld gab, Thomas bis dahin nie auffällig geworden war und Raphaelas Eltern die Sache auf sich beruhen lassen wollten, kam er mit einem Verweis davon."
"Interessant", sagte der bärtige Polizist. "Sie haben Recht, das war wirklich eine sehr blöde Aktion. Aber ich nehme an, Sie haben Ihren Freund dann später über diesen lustigen Scherz aufgeklärt?"
"Natürlich. Sobald sich der Rauch verzogen hatte, erzählten wir es ihm. Na gut, er war mächtig sauer, und das auch völlig zu Recht. Aber es dauerte nicht allzu lange, bis wir alles vergessen hatten. Wissen Sie, immer wenn ich ihn zuletzt sah, lachte Thomas über die ganze Sache. Ich war mir sicher, dass das alles längst vergeben und vergessen war. Bis heute, als er urplötzlich vor meiner Tür stand und versuchte, mich damit zu erpressen."
Die Polizisten sahen einander an. Meine Geschichte kam ihnen scheinbar nicht mehr so abwegig vor. Der Bärtige musterte mich mit strengem Blick.
"Sie haben es ihm also erzählt. Fein. Aber haben Sie sich jemals bei Ihrem Schulfreund für das entschuldigt, was Sie ihm angetan haben? Ich meine, Sie hätten ihm um ein Haar seine Zukunft verbaut."
Ich überlegte kurz. "Nein", gab ich zu. "Ich habe mich nie bei Thomas dafür entschuldigt."
In meinem Innersten setzte sich eine Kette von Gedanken in Gang, die noch nie den Weg in mein Bewusstsein gefunden hatten. Warum eigentlich hatte ich mich nicht entschuldigt? Plötzlich sah ich viele Dinge klar, die ich zuvor bestenfalls verschwommen wahrgenommen hatte. Die Augen auf den Boden gerichtet, sprach ich weiter.
"Ich war damals jung und so dumm. Wir alle waren so, meine Clique und ich. Wir haben eigentlich über gar nichts nachgedacht, es ging uns nur um den Spaß. Besonders den Spaß auf Kosten anderer. Mich zu entschuldigen, habe ich damals einfach nicht auf die Reihe gekriegt. Dabei hätte eine kleine Geste genügt, um die Sache aus der Welt zu schaffen. Ein Händedruck und wenige aufrichtige Worte, das wäre vielleicht schon genug gewesen. Denn ich mochte Thomas ja gerne. Aber dafür war ich zu feige", sagte ich. Nie zuvor hatte ich so ehrlich über mich selbst gesprochen. Ich spürte, wie ein morsch gewordener Damm in meinem Innersten brach.
"Je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr schäme ich mich. Ich schäme mich, und es tut mir unglaublich leid. Für uns war es nur ein dummer Jungenstreich, aber Thomas hätten wir damit fast hinter Gitter gebracht. Schlimm genug, dass ich das damals lustig fand. Noch schlimmer ist, dass ich nie den Mut hatte, meinen alten Schulfreund um Verzeihung zu bitten. Ich habe in meinem Leben überhaupt noch nie jemanden um Verzeihung gebeten."
Die Tränen schossen mir in die Augen. Nicht einmal bei der Beerdigung meiner Mutter hatte ich geweint. Doch nun war es zu spät.
"Verdammt, Thomas war damals in das Mädchen total verknallt. Einmal zeigte er mir sogar einen Liebesbrief, den er ihr geschrieben hatte, den zu überreichen er sich nie gewagt hatte. Wissen Sie, der Brief war eigentlich sehr schön. Offenherzig und ehrlich! Thomas muss Raphaela wirklich geliebt haben. Ich Idiot! Er hat mir vertraut! Und ich? Habe ihm alles verbaut! Nach der ganzen Sache hat ihn Raphaela gehasst. Sie hat ihm auf dem Schulgang eine runtergehauen, und einmal hat sie ihn im Pausenhof angespuckt. Wir haben ihn vor der ganzen Schule bloßgestellt! Wir haben ihm auch noch die letzte Chance auf das Mädchen genommen und tief in das Schlamassel geritten. Kein Wunder, dass er mich hasst! Ich Idiot!"

Wie Sturzbäche rannten die Tränen meine Wangen hinab. "Er war mein Freund, und ich habe ihn behandelt wie Dreck. Es tut mir leid, so leid! Vielleicht hatte er Recht, mich in seinen Bankraub hineinzuziehen. Vielleicht hat jemand wie ich das Gefängnis wirklich verdient." Schluchzend vergrub ich den Kopf in meinen Händen. Minutenlang presste ich alles aus mir heraus. Das war es nun also. Die gerechte Strafe, mit vielen Jahren Verspätung. Im Geiste verabschiedete ich mich vorerst von meiner Wohnung, von den Spaziergängen durch die Innenstadt, von den Kneipenbesuchen mit den Kollegen aus dem Büro. Während ich weinte und mich elend fühlte, sagten die Polizisten kein Wort.
Als ich schließlich wieder aufblickte, sah ich als Erstes die Tasche, die nun nicht mehr auf dem Boden lag. Einer der beiden Polizisten hielt sie in der Hand. Stimmt, fiel mir in diesem Augenblick ein, bis jetzt hatte niemand den Inhalt überprüft. Ohne hineinzusehen, drehte der Polizist die Tasche um und ließ Zeitungsschnipsel zu Boden fallen. Die Polizisten lachten. "Geht doch", sagte Thomas, der am Türrahmen lehnte.

Dieser Text entstand für einen Kurzgeschichtenwettbewerb auf der Plattform www.bookrix.de. Er wurde 2014 erstmals veröffentlicht.
2015 erschien er im Sammelband des Autors: "Zufällige Bekanntschaften".

Ashley Campbell Photography / flickr.com (Creative Commons CC BY-SA 2.0)
Veröffentlicht / Quelle: 
Veröffentlicht im Sammelband "Zufällige Bekanntschaften" des Autors (Taschenbuch / eBook)

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