Gefährlicher Sommer (Teil 27; Text 2)

von Annelie Kelch
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Zwischen Roggenfeld und Hecken
Führt ein schmaler Gang,
Süßes, seliges Verstecken
Einen Sommer lang.

Wenn wir uns von ferne sehen,
Zögert sie den Schritt,
Rupft ein Hälmchen aus im Gehen,
Nimmt ein Blättchen mit.

Finster kommt sie langsam näher,
Färbt sich rot wie Mohn,
Doch ich bin ein feiner Späher,
Kenn die Schelmin schon.
...
(Detlev von Liliencron; „Einen Sommer lang“)

Nächtlicher Besuch oder Tote leben länger (Teil 27; Text 2)

Je länger ich auf meiner Unterlippe herumkaute, mein schmerzendes Handgelenk rieb und über mein unfreiwilliges Schweigen nachdachte, desto froher wurde ich über die vorübergehende Stummheit, die mich angesichts des dubiosen Hoferben ereil hatte. Woher sollte ich wissen, dass Helge die Wahrheit gesagt hatte oder dass er uns nicht verpfeifen würde, falls er tatsächlich unschuldig war, was den Mord an Knut betraf?
Aber daran, dass letztendlich er es gewesen war, der mich ertränken wollte und Kora auf dem Hochsitz „in der Walachei“ aller Wahrscheinlichkeit nach hätte verhungern lassen, bestand nicht der geringste Zweifel. Zum Beweis dafür befanden wir uns in der glücklichen Lage, Kommissar Fuchs die schwarzen Klamotten zu präsentieren, die Hannes im Kuhstall gefunden hatte. Gleichwohl fühlte ich mich unzufriedener als vor Helges erneutem Rückzug – wohin auch immer. Ich verglich diesen Zustand mit einem freien Fall, den ich bei klarem Verstand und aus eigenem Willen herbeigeführt hatte. Aber während ich stürzte und die Erde keinerlei Anstalten machte sich aufzutun, um mich schmerzlos, sanft und ohne großes Federlesen auf das Karussell des natürlichen Kreislaufs zu befördern, sondern erheblichen Widerstand leistete, schossen mir Möglichkeiten durch den Kopf, die mir vorher nicht mal im Traum eingefallen wären.
Und woher konnte Helge wissen, dass wir Opas Nachtlager im Gemach der Gnädigsten aufgeschlagen hatten? Entweder gab es auf Lachau einen Verräter, oder er hatte irgendwo auf dem Hof einen Beobachtungsposten bezogen. Würde er Sonntag zur Kanzel kommen? Hatte er das Geld beisammen? Ich betrachtete mein geschwollenenes Handgelenk, betastete meinen noch unversehrten Hals, und beschloss nach minutenlangem Nachdenken, Helges Drohung ernst zu nehmen.

Beim ersten Hahnenschrei fuhr ich schweißgebadet aus dem Sessel. Bitterkalte Angst durchströmte mein Herz. Mir war zumute, als presste mir jemand den Schierlingsbecher zwischen die Lippen. Ich war mir nur noch nicht ganz klar darüber, ob die nächtliche Begegnung mit Helge einer dieser albverdächtigen Horrorträume gewesen war, die mich von Zeit zu Zeit heimsuchen, speziell nach einer spannungsgeladenen Lektüre jener Art, wie sie aus der Feder des genialen Edgar Allan Poe geflossen war. Als mein Blick jedoch auf mein mittlerweile blaugeflecktes Handgelenk fiel, schoss mir jede Kleinigkeit der letzten Nacht sofort wieder ins Gedächtnis.

„Ich gehe zum vereinbarten Treffpunkt; ich erklimme die morsche Kanzel“, versicherte Hannes tapfer und nickte wie zur Bekräftigung mehrmals mit dem Kopf.
Er schien es tatsächlich ernst zu meinen.
Um der Gerechtigkeit auf die Sprünge zu helfen, muss man sich opfern und nicht selten zu drastischen Maßnahmen greifen, dachte ich.
„Ich nehme eine Pistole mit“, fuhr Hannes fort, für meine Begriffe eine Spur zu pathetisch.
„Und du bist dir im Klaren darüber, was gerecht ist und was nicht, Hannes?“, erkundigte ich mich voller Zweifel.

„Du willst doch auch, dass der Mörder von Knut gefasst wird! Gerade du!“, schnauzte Hannes mich wütend an.
„Aber möglichst ohne Blutvergießen“, wandte ich ein.
„Erzähl das bitte dem Täter, sobald er dir gegenübersteht. Vielleicht lädt er dich zu 'ner Limo ein“, grinste Krögers rebellischer Sprößling.

„Ich mag keine Limo, das Zeug ist mir viel zu süß“, sagte ich gelangweilt.
„Immer das letzte Wort, nicht wahr, Fräulein Kleve?“, schnaubte Hannes.

„Nein, Hannes, ganz und gar nicht. Und du bleibst besser hier. Ich werde in den sauren Apfel beißen. Nach allem, was ich im Lachauer Forst erlebt habe, kann sich kaum noch Schlimmeres ereignen.“
Helges Drohung, die ich Hannes bei meinem „aktuellen Bericht zur Lage“ verschwiegen hatte, stand mir bei diesem Entschluss drastisch vor Augen.

„Dir würde er das Geld gewiss nicht überlassen. Ich glaube, er kann dich nicht besonders gut leiden.“
„Das beruht auf Gegenseitigkeit“, gestand Hannes ungerührt. „Mir war Helge Brandner schon immer irgendwie unsympathisch.“

Und wenn er dich nun einfach abmurkst, Katja? Dich kann er doch auch nicht besonders gut leiden. Dich nicht, mich nicht, Kora nicht, meinen Vater nicht und die herzensgute Tante Selma offenbar auch nicht ... allerhöchstens noch Heiner …
„... und den wollte er neulich verkloppen“, ergänzte ich.

„Aber weshalb sollte Helge mich umbringen wollen?“, versuchte ich Hannes zu überzeugen. „Das bringt ihm jetzt keinen Vorteil mehr, im Gegenteil: Er würde sofort in Verdacht geraten; denn du würdest dann doch gegen ihn aussagen.“
„Mmmh, vielleicht“, vielleicht auch nicht“, murmelte Hannes und feixte wie ein frisch lackiertes Holzpferd.
„Komiker!“, fauchte ich. „Außerdem habe ich letzte Nacht glaubhaft rübergebracht, dass wir Herrn Fuchs bislang nichts verraten haben und dass ich seinen nächtlichen Besuch unerwähnt lassen werde.“

„Klaro“, gab Hannes zur Antwort. „Das m u s s er ja glauben. Anderenfalls würde er längst steckbrieflich gesucht werden. Wir befinden uns hier ja im Wilden Westen, Kindchen.“

„Man ließe höchstens nach ihm fahnden – aufgrund eines Haftbefehls“,
stellte ich mit sanfter Stimme richtig.
„Meinetwegen auch so“, knurrte Hannes. „Wenn ich nur wüsste, was dieser Kerl gestern Nacht von dir wollte.“

„... sich vergewissern, dass wir nicht die Polizei einschalten, falls w i r die Erpresser sind? Genau scheint er es jedenfalls nicht zu wissen.“

Ich hütete mich davor, Hannes zu verraten, dass ich Helge gegenüber um ein Haar alles preisgegeben und Frieden mit ihm geschlossen hätte, obwohl ich mir nicht sicher war, ob der dubiose Hoferbe ernsthaft oder nur zum Schein darauf eingegangen wäre. Wenn überhaupt, dann ganz sicher nur zum Schein ..., grübelte ich.

„Der Typ weiß allem Anschein nach nicht, was er will oder machen soll“, stellte Hannes kopfschüttelnd fest. „Erst inszeniert er seinen Tod, und dann taucht er nachts auf dem Hof auf und nervt.“

Helge muss ziemlich verzweifelt sein, dachte ich voller Unruhe. In eine größere Patsche kann man sich gar nicht reiten. Hoffentlich kommt er nicht auf noch dümmere Gedanken.

„Vermutlich hat er seinen Tod nur deshalb in Szene gesetzt, damit er uns das Geld nicht zu übergeben braucht. Er wollte abhauen“, spann Hannes den Faden weiter.
„Ja, und dann könnte ihm etwas Besseres eingefallen sein“, ergänzte ich. „Du weißt, was er hier

Collage für Teil 27; Text 2

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Kommentare

20. Jan 2018

Stets spannend zu lesen,
ich werde wieder ein Kind beim Lesen,
erlebe mit, hoffe und bange ...

Liebe Grüße - Marie

20. Jan 2018

Liebe Marie, ganz lieben Dank für Deinen Kommentar. Ich habe heute Morgen noch schnell manches geändert und korrigiert und bin froh, dass ich noch rechtzeitig zu meinem Postfach kam, weil diese Poststelle kurz nach 12:00 Uhr schließt. Und siehe da (o Wunderwerk), das neue Buch von noé lag drin: "scheinbar Unscheinbares - Gedichte und mehr", sicher ebenso gut wie Dein Buch: "Mein purpurroter Cousinot" und Angéliques "Melancholie eines Gauklers".
Im nächsten oder übernächsten Teil wird es sehr kritisch für Katja. Sie kann dann wirklich froh sein, wenn sie mit dem Leben davonkommt. Ob sie tatsächlich mit dem Leben davonkommt, verrate ich nicht.

Liebe Grüße zu Dir und angenehme Lektüre der "Rundschau" und des "Spiegels",
an einem Wochenende, das Dir wunderschön beschert sei,
Annelie

20. Jan 2018

Dank, lieber Axel, Dir, für Deinen Kommentar:
Er war - wie stets - gekonnt - und wunderbar.

LG Annelíe

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