Wie der Weihnachtsmann zu seinen Rentieren kam

von Michael Dahm
Mitglied

Vor sehr, sehr langer Zeit, als es die Zeit selbst noch nicht so lange gab, die Flüsse noch klar und die Luft noch sauber war, als die Menschen noch mit den Hühnern schlafen gingen und mit den Hähnen aufstanden … zu jener Zeit begab sich diese zauberhafte Geschichte.
Irgendwo in Lappland war er zu Hause, der Weihnachtsmann. Damals war er noch jung, erst einige Jahre dem Stimmbruch entwachsen, und kein gewaltiger Rauschebart zierte sein Gesicht, sondern nur ein dünner Flaum. Er zog seinen Schlitten noch selbst durch die Lüfte und darum war er viel länger unterwegs als heute. Die Wichtel und Elfen wollten ihm bei der Mission des Geschenkeverteilens nicht helfen, denn sie alle sind erbärmliche Frostbeulen und gehen kaum einen Meter vor die Tür. Da der Weihnachtsmann aber auch damals schon ein guter Kerl war, freute er sich, dass sie ihm wenigstens bei der Herstellung all der wunderbaren Spielzeuge halfen, die er dann den artigen Kindern am Heiligen Abend brachte.
Und auch dieses Mal war es wieder kurz vor Weihnachten, es war klirrend kalt und die Wichtel hatten sich wieder tief in die Werkstatt zurückgezogen und arbeiteten emsig, um warm zu bleiben und die letzten Spielzeuge pünktlich fertig zu stellen.
Der Weihnachtsmann hatte seine Stiefel geputzt, seinen roten Anzug gewaschen und gebügelt und den Schlitten wie jedes Jahr auf seine Lufttauglichkeit untersucht. Alles war in heller Aufregung, wie jedes Jahr um diese Zeit.
Einige Tage vor dem Heiligen Abend machte er sich auf den Weg, um vom Polarkreis in die weite Welt zu gelangen. Er machte den ersten Schritt auf die Himmelsstraße, die ihn um die ganze Welt führt, deren genaue Lage nur er kennt, und von der noch viele Nebenstraßen abgehen. Immer höher stieg er und schon bald lag die Milchstraße neben ihm. Den Schlitten zu ziehen strengte ihn sehr an, obwohl er noch jung war. Der Schlitten war über und über mit den schönsten Geschenken beladen und war sehr, sehr schwer. Die Vorstellung der strahlenden Kinderaugen aber gab ihm Kraft. Von Zeit zu Zeit musste er sich ausruhen und sich den Schweiß von der Stirn wischen. Jedes Mal, wenn seine Schweißtropfen durch die eiskalte Luft zur Erde fielen, schneite es dort … und der Weihnachtsmann schwitzte oft.
Doch gerade als er über Grönland hinwegziehen wollte, traf der Halleysche Komet die rechte Kufe seines Schlittens und zerschmetterte sie. Der Weihnachtsmann zerrte den Schlitten unter Aufbietung all seiner Kräfte auf einer sehr abschüssigen Nebenstrecke zum Boden und mußte aufpassen, dass keines der vielen Geschenke herunterfiel, denn sonst würde eines der guten Kinder sehr traurig sein.
Es herrschten zu dieser Zeit ein besonders grimmiger Frost und ein ganz schlimmer Schneesturm. Der Weihnachtsmann fror sehr unter seinem dicken Wintermantel. Bevor er sich an die Reparatur seines Schlittens machen konnte, baute er sich schleunigst einen großen geräumigen Iglu, um dem Sturm zu entgehen und sich etwas auszuruhen.
Er kochte sich mit Schneewasser einen schönen heißen Pfefferminztee, den er nie ausstehen konnte, aber hier in der Einöde war es auf einmal das herrlichste Getränk, das er sich vorstellen konnte. Draußen heulte der arktische Sturm und der Weihnachtsmann fand, dass er es gar nicht so schlecht getroffen hatte, ja es war sogar richtig gemütlich hier drinnen. Er freute sich, dass ihm die kälteempfindlichen Wichtel ein paar Holzscheite mitgegeben hatten. Für alle Fälle, hatten sie gesagt. Sogar den Schlitten hatte er mit eingebaut, so dass er in Sicherheit war.
Der Weihnachtsmann hatte gerade zwei Stunden geschlafen, als er plötzlich durch ein Geräusch geweckt wurde.
Es hörte sich an, als würde jemand versuchen, hereinzukommen.
Es kratzte und kratzte und scharrte und gerade, als der Weihnachtsmann ein Spielzeugschwert ziehen wollte, schaute eine rote Rentiernase in den Iglu. Sie nieste eine gewaltige Ladung Schnee hinein und er musste zurückniesen und niemand sah mehr etwas.
"Wer bist du?" fragte er.
"Ich bin Rudolph und meine Kumpel und ich haben uns im Schneesturm verirrt. Weil uns so langweilig war, wollten wir noch einmal die Erde umrunden und dann zu Bett gehen, aber nun ist uns so kalt, dass wir Angst haben zu erfrieren."
Der Weihnachtsmann lud alle Rentiere ein und freute sich sehr, dass er nicht mehr allein war. Sie verbarrikadierten den Eingang wieder, tranken Pfefferminztee und spielten Mikado. Als sie alle so richtig in Form waren, fragte der Weihnachtsmann, warum sie denn Langeweile hätten und Rudolph antwortete: ,,Wir haben einfach keine Lust mehr, nur immer in der kalten Tundra zu stehen und zu äsen. Das ist doch nur was für Spießer, wir suchen das Abenteuer, das Außergewöhnliche, wir sind für mehr berufen … äh … was machst denn du eigentlich hier?"
Der Weihnachtsmann erklärte seine Situation, dass sein Schlitten kaputt war und er sich nun in arger Bedrängnis befand, um die Geschenke rechtzeitig auszuliefern.
Rudolph und die anderen Rentiere steckten die Köpfe zusammen und beratschlagten. Nach einer Weile des Gemurmels drehte sich Rudolph um und sprach: ,,Wir wollen dir sehr gerne helfen, und weil wir ja so abenteuerlustig sind und uns immer so langeilig ist, wollen wir für immer bei Dir bleiben und mit dir die Geschenke für die Menschen austragen. Wir sind übereingekommen, dass Comet dir eine Stange seines Geweihes leiht, um den Schlitten zu reparieren."
Der Weihnachtsmann war so gerührt, dass er sofort ja sagte .
Am nächsten Morgen wurde der Schlitten repariert, der Weihnachtsmann und die Rentiere unterschrieben den Vertrag für die Ewigkeit und damit können auch sie durch die Luft reisen.

Wie wir alle gemerkt haben, schneit es heute nicht mehr so häufig wie früher, das liegt einzig und allein daran, dass der Weihnachtsmann nicht mehr so viel schwitzt, weil er den Schlitten ja nicht mehr selber zieht.
Er schwitzt nur noch selten, nur dann, wenn er meint, dass er die Geschenke nicht rechtzeitig austeilen kann.
Fragt mal eure Großeltern, wie oft es früher schneite ...
Dieses war die Geschichte, wie der Weihnachtsmann zu seinen Rentieren kam.

Buchempfehlung:

154 Seiten / Taschenbuch
EUR 10,61
Rechtshinweis:
Dieser Beitrag ist urheberrechtlich oder durch Copyright geschützt und darf ohne Genehmigung nicht verwendet werden.

Interne Verweise

Mehr von Michael Dahm online lesen

Kommentare