Gefährlicher Sommer (Teil 15; 1. Hälfte) - Page 5

von Annelie Kelch
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hörten wir sie schnarchen. Es klang wie die Nachtmusik eines von der Arbeit erschöpften Holzfällers. Ich wusste gar nicht, dass Leni über Mittag schläft beziehungsweise schnarcht“, griente Hannes.
„Kein Wun­der, dass sie nachts nicht zur Ruhe kommt und die Katzen sie stören ...“ Ich warf ihm einen warnenden Blick zu. Hannes blieb davon unbeeindruckt und trug sein übliches breites Grinsen zur Schau.
„Hellhörig ist es hier bis zum Gehtnichtmehr“, sagte er.
„Deshalb dürfen wir auch nur flüstern, Hannes“, murmelte ich. „Sonst wacht Leni womöglich noch auf.“
„Diese Puppe hier guckt noch dämlicher als die Dietrich beim Auf- und Abgehtest vor Jo“, sagte Hannes und zeigte auf eines der Mannequins. Ich sah ihn verständnislos an.
„Na, wie Marlene Dietrich, als sie für die Hauptrolle im ,Blauen Engel' vor Jo auf- und abgehen musste.“
„Wer ist Jo?“, fragte ich und schämte mich für meine Unwissenheit.
„Na, Josef von Sternberg, der berühmte Hollywood-Regisseur“, klärte mich Hannes ungeduldig auf.
„Die hatten ein Verhältnis, obwohl die Dietrich verheiratet war. Mein Vater sieht sich mit Vorliebe uralte Filme an.“
„Meine Mutter auch“, sagte ich. „Ich glaube, sie kann gar nicht genug davon bekommen. ,Die Fischerin vom Bodensee' zum Beispiel (… .ist eine schöne Maid, juchhe', ergänzte Hannes kennerisch), mit Gerhard Riedmann und Marianne Hold. Und meistens heult sie dabei, vor allem, wenn sie sich kriegen und wenn sie sich nicht kriegen, heult sie die halbe Nacht und manchmal sogar noch am näch­sten Morgen.“
„Sag ich doch“, grinste Hannes. „Die beiden passen zusammen wie die Faust aufs Auge.“
„Wieso, heult dein Vater etwa auch?“ Diesmal zeigte i c h ihm einen Vogel.
„Nee, den hab ich noch nie heulen sehn. Mein Alter ist ein ganz cooler Typ.“
„Apropos Verhältnis“, flüsterte mir Hannes ins Ohr, legte seinen Arm um meine Schul­ter und drückte mich an sich.
„Vergiss es“, rief ich empört und sprang auf.
„Leise, Katja! Hör auf der Stelle mit dem Geschrei auf!“
Hannes war ebenfalls aufgesprungen und presste seine Hand auf meinen Mund. Ich wehrte mich mit aller Kraft und wir landeten auf meinem Bett. Im selben Moment hörte Leni auf zu schnarchen.
„Hoffentlich war das jetzt kein Aussetzer“, flüsterte Hannes. „Man kann daran sterben.“
„Miststück“, zischte ich. Wir hiel­ten den Atem an und rührten uns nicht. Mir tat mein rechter Arm weh, der unter Hannes Rücken lag. Seine spitzen Knochen drückten auf irgendeinen Nerv. Aber ich wagte keinen Mucks. Am Geräusch der Sprungfedern erkann­ten wir, dass Leni aufgestanden war. Wenig später ging ihre Tür. Als sie an meinem Zimmer angekommen war, blieb sie stehen, wie wir vermuteten, denn ihre Schritte verstummten. Sie rüttelte ein paarmal heftig am Türgriff. Hannes schob vorsichtig mit dem linken Fuß, der über meinem Bett hing, den Erpresserbrief unter die Kommode. Er sah sich hektisch im Zimmer um, als suche er nach einem geeigneten Versteck, in das er hineinkriechen konnte.
Hannes, mein großer Held, mein Macheath, dachte ich spöttisch. In meine Gedanken schlichen sich Gefühle von großer Zärtlichkeit und Rührung, ge­paart mit leiser Verachtung. Endlich ließ Leni, die Beschwörungsformeln in ihren Bart brummelte, die Türklinke los und stapfte nach unten.
Hannes atmete auf. Ich sah ihm an, wie erleichtert er war.
„Mensch, das ist aufregender als ein ,Durbridge'. Ich sage nur zwei Worte, Katja: ,Das Halstuch'!“
„Hannes“, begann ich streng. „Du schleichst jetzt die Treppe hinunter, schlenderst zu Leni in die Küche und tust so, als seist du gerade über die Veranda gekommen. Ich bringe dies hier zu Ende und lege den Brief nach dem Abendessen unter Helges Bettdecke, damit nie­mand anderer ihn findet. Hast du mich verstanden?“
Hannes nickte kleinlaut. Er ließ meine Tür geöffnet, und ich hörte Leni ihn fragen, ob er die Post in der Veranda schon durchgesehen hätte.
„Nein, mein Schönste“, schmeichelte Hannes. Ich sah Leni deutlich vor mir, dahinschmelzend wie Butter im Kamin.
„Ach, falls ihr Katja sucht ... die ist bei Tante Selma“, sagte Hannes beiläu­fig. Er machte seine Sache gut.
„Und seit wann schließt Kathinka ihre Türe ab, wenn sie ihre Kammer verlässt?“, fragte Leni in einem Ton, als seien damit für sie noch längst nicht alle Ungereimtheiten aus der Welt geräumt.
„Ach, wun­dere dich doch nicht darüber, meine Liebste“, säuselte Hannes und mir stieg das Lachen schon wieder ganz gefährlich in die Kehle.
„Du weißt doch, wie die jungen Dinger heutzutage sind: Heute so, morgen so, Teenager eben, Leni.“
Ich hörte ihn verächtlich schnauben.
Was soll aus dem bloß noch wer­den?, dachte ich, während ich Leni vergnügt kichern hörte. Ich stellte mir den Blick vor, mit dem er Leni maß: bewundernd und dahinschmachtend, wie das Mannequin unter dem großen „K“ die Flammen im Kamin.
Casanova, auf ständiger Flucht vor den Bleikammern, kam mir plötzlich als Antwort auf Hannes weiteres Wachsen und Gedeihen in den Sinn, und ich klebte stillver­gnügt und in aller Seelenruhe den Brief an Helge zu Ende.
Den letzten Buch­staben, das kleine „e“, entnahm ich dem Wort „Erntezeit“. Das unter diesem Motto abgebildete Mannequin trug unsinnigerweise einen Cowboyhut und lange, braune Leinenhosen, die an den Seiten tief geschlitzt und nach unten hin extrem weit ausgestellt waren. Ich stellte sie mir bei der Ernte vor. Wie ihr das Lachen plötzlich verging, weil ihr der Herbststurm an den Beinen und bis zum Hintern empor­fegte, bevor er mit dem Hut das Weite suchte. Aber was ging mich das an? Für Mode war ich nicht zuständig. Das war Muttis Problem.
Ich beförderte den Brief unter die Matratze meines Bettes, wo er bis zum Abend schlummern durfte und verstaute sämtliche Modezeitschriften in meinen leeren Koffer, den ich sorgfältig verschloss. Dann kletterte ich aus dem Fenster. Knut hatte für die Efeuranken richtig gutes Holz verwendet. Ohne großes Risiko und lediglich der Gefahr ausgesetzt, dass mich jemand beobachten könnte, hangelte ich mich aus dem zweiten Stock auf die kleine Terrasse, die an der Gartenseite vorgelagert war, und sprang die Freitreppe hinunter. Weil ich schon seit einer Stunde dringend aufs Örtchen musste, rannte ich zum Außenklo, das wir manchmal in der Sommerzeit benutzten. Eine Biene hatte sich in das Bretterhäuschen verirrt. Sie drehte mit zornigem Gebrumme und Gesumme und wahrscheinlich ohne die geringste Hoffnung, jemals wieder in Freiheit und zu ihrem Volk zu gelangen,

Collage von mir

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Kommentare

29. Aug 2017

Lesenswert, so wie zuvor -
Starke Spannung trifft Humor!
(Krauses Dino-Fahrrad-Test fand eben statt -
Jetzt sind nicht bloß die Reifen platt ...)

LG Axel

29. Aug 2017

"Dino Krause", auf dem Fahrrad durch den Wald,
lässt nicht mal die coolste Wildsau kalt.

Dank, Axel, dir, für deinen Kommentar,
der heute wieder mal sehr witzig war.

LG Annelie

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