Eine Wochenendliebe 1978-2020

Bild von Willi Grigor
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Wir sahen sie zum ersten Mal an einem kalten Frühlingstag

Von einem Makler erbaten wir fünf Adressen von Freizeithäusern, die nicht zu weit entfernt und nicht zu teuer sein durften. Das am weitesten entfernte - gut 40 km von unserem kommenden Wohnort entfernt - besuchten wir zuletzt. Auf dem Konsum-Parkplatz im Dorf nicht weit von diesem Häuschen trafen wir den Besitzer, Tommy. Mit ihm fuhren wir gut drei Kilometer auf einem Kiesweg durch den Wald, schwenkten rechts auf einen kleineren, abschüssigen Weg ab, passierten nach 200 Meter einen Bach und hielten kurz danach an einem kleinen Holzhaus, das offensichtlich aus einer früheren Epoche stammte. Rechts, hinter einer leicht abfallenden, schneebedeckten Wiese sahen wir einen großen "Eisfleck". Wir sollten bald erfahren, dass es ein kleiner, zugefrorener See von cirka 11 Hektar war.
Tommy ging in das Haus mit dem schwedentypischen roten Anstrich, in dem ein Geschwisterpaar wohnte. Er erklärte ihnen, dass er einen Interessenten für seine Hütte hatte und dass er sein Auto hier kurz stehen lässt. Er kannte die Geschwister gut. Der Bruder war die Besitzer des umliegenden Wald- und Ackergrundes. Vor einigen Jahren hatte dieser ein schön platziertes Grundstück am See für Tommy und seine Frau abgetrennt. Dort steht jetzt ihr Sommerhäuschen, das wir uns ansehen wollten.
Den kurzen Weg durch den Wald mussten wir gehen, der Schnee war nicht geräumt. Nach den letzten Tannen sahen wir einen offenen Himmel über uns, vor uns den zugefrorenen See. Um diesen streckte sich Wald bis zu der Wiese, die wir vom alten Haus aus gesehen haben. An diese, direkt neben Tommys Grundstück, lehnte sich eine kleinere Wiese an.
Noch bevor ich meinen Blick auf das neu gebaute Holz-Ferienhaus, das zum Verkauf stand, lenkte, sah ich die Birke direkt am See. Sie hatte ein besonderes Astwerk, wie ich es vorher noch nie gesehen habe. Zu dieser Birke bekam ich sehr bald ein besonderes Verhältnis.

Gleich nach den ersten Augenblicken,
war heimlich ich in sie verliebt.
Es war die äußere Erscheinung,
die mir Gefühle heut noch gibt.

Ihr Bau, die leicht gekrümmten Glieder
zeigen keine Symmetrie.
Ihr Unterteil ist kurz und bieder,
keine sieht so aus wie sie.

Sie heißt Birke, und wenn sie spricht,
hört es sich an wie simples Rauschen.
Doch wenn man lernt, sie zu verstehen,
wird man nicht müde, ihr zu lauschen.

Ich sah und wusste: dies ist der Platz, zu dem meine Seele sich sehnte.
Eine kleine Hütte, einige Meter von einem See - der nicht ausreichend groß ist, dass Motorboote sich auf ihm wohlfühlen würden - umrahmt von Wald und Wiesen. Wenn ich meine Augen schloss und die Ohren öffnete, konnte ich sehen, wie es im Frühling, Sommer und Herbst hier aussieht und sich anhört. Jetzt, an einem winterlichen Ostertag, herrschte totale Stille. Aber die Vögel waren vermutlich nicht mehr so weit entfernt.

Das mit dunkler Farbe gestrichene Häuschen - das mit seinen Fenstern in die Sonne blinzelte - kam 1972 zur Welt und hatte alles, was ein noch immer junges Paar sich wünschen konnte: ein Wohnzimmer mit großen Fenstern mit Blick auf den See, einen offenen Kamin, eine komplett eingerichtete Küche, zwei relativ kleine Schlafzimmer, eine Toilette mit Dusche - eingezwängt in eine Ecke, aber immerhin. Das Wasser kam via einer Pumpe von einem gegrabenen Brunnen. Das Abwasser floss in eine Dreikammergrube. Jedes Jahr musste sie leergepumpt werden.

Wir sagten Tommy, dass wir gerne die neuen Pflegeeltern seines "Kindes" werden wollten. Wir wohnen zwar ziemlich weit weg von hier, aber wir werden nächstes Jahr näher zum Geburtsort meiner Frau ziehen, ihre Eltern wohnen dort, 40 km von der Stelle an der wir gerade standen. Tommy antwortete, dass er sich melden wird. Mehrere Personen haben Interesse gezeigt.
Es stellte sich heraus, dass Tommys Frau und meine im gleichen Stadtteil der Kleinstadt aufgewachsen sind und sich gut kannten. Kurz nach unserem Treffen wurden wir stolze "Pflegeeltern" dieses sechs Jahre jungen "Kindes".
"Am Wasser, der Wiese und dem Wald rund um den See können wir dir eine geborgene und ruhige Kindheit geben" sagte ich zu unserem hübschen Mädchen, dessen Name "Hütte" nicht geändert wurde.

Das erste Jahr sahen wir uns leider nicht so oft, aber schrittweise kamen wir ihr näher. 1979 zogen wir in die Nähe von Karlstad, 1985 dann zum Endziel. Zur Hütte war es dann mit dem Auto eine halbe Stunde. Von da an besuchten wir sie so gut wie jedes Wochenende. Zwischen diesen ließen wir sie in Ruhe.
Der kurze Sommer war immer eine Ausnahme. Dann kamen Freunde und Verwandte aus Deutschland für einige Wochen zu Besuch, gaben der Hütte Abwechslung und den Besuchern Entspannung bei ihr und ihrer sanften Umgebung.
In den kommenden Jahren veränderte sich die Hütte, wurde größer, erwachsen. Wir halfen ihr bei der Geburt mehrerer "Kinder". Aus dem "Kind" wurde eine Familie.

Das Geschwisterpaar, unsere ehemaligen Nachbarn im alten Haus, sind schon vor vielen Jahren gestorben. Ihr kleines, ehemals rotes Haus steht seitdem leer und einsam, verlor seine Farbe, seinen Elan.

*
Unsere Kinder, ein Mädchen (ein halbes Jahr alt bei der Übernahme des kleinen Hauses im Wald) und ein Junge, wurden doppelt erzogen: an den Wochentagen in der Kleinstadt, am Wochenende in einem kleinen, stillen Paradies.
Das bereits pensionierte Geschwisterpaar waren sehr lieb zu uns. Die Schwester hatte ihren Bereich im Haus, Garten und dem Stall mit einigen Hühnern und zwei Kühen, von denen sie Milch bekamen. Unsere Tochter war oft dabei.
Ihr Bruder arbeitete in seinem Wald, machte Holz für den Winter, säte Kartoffel u. a. und kümmerte sich um seine zwei Wiesen, von denen die Kühe Gras und Heu bekamen. Unser Sohn durfte dabei sein beim Aufladen des Heus auf den alten Wagen. Er durfte oben aufsitzen und bis in die Scheune mitfahren.
Ich schaute zu und spürte ein Glück in mir - ich hatte das Gefühl, als säße ich auf dem Heuwagen. Das hat seinen Grund: einige Jahre nach dem Krieg lebte ich, ein kleiner Bub, mit Eltern und Geschwistern im Dorf Segringen in Bayern. Ich durfte im Sommer immer bei einem lieben Bauernpaar "mitarbeiten", bei dem ich gutes Essen bekam, einige Kühe hütete und eben auch auf dem Heuwagen bis zur Scheune mitfahren durfte.

Zurück zum Hof ich oft mich sehne:
ich riech das Heu, seh Wiesen, schöne,
ich sitze mit

© Willi Grigor, 2021

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Interne Verweise

Kommentare

29. Aug 2021

Friede den Hütten, Krieg den Palästen -
Dank den Birken - mit all ihren Ästen!

LG Axel

29. Aug 2021

Wo Bäume, Birken, Linden
sich still zusammenfinden,
die schwersten Fragen schwinden,
die tief im Herzen ruhn.

Die Birke dankt Dir, Axel, mit all ihren Ästen.

LG
Willi

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