Eine Wochenendliebe 1978-2020 - Page 2

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dem Heu im Wagen -
noch kannte ich das Wort nicht: klagen

Das Leben gab mir Freud und Pflichten,
wie allen uns: Lebensgeschichten.
Das Schicksal gab mir neue Nahrung,
ein neues Land, neue Erfahrung.

Ein Bauernpaar, auch hier gibt's diese,
gab mir zurück den Duft von Wiese.
Mein Kind im Heu, hoch auf dem Wagen...
Ich flog zurück, Gedanken tragen...

Mein Blick sich trübt, ich spür die Träne -
am Kindheitshof, im Glück mich wähne.

Die Jahre vergingen. Die Kinder wurden erwachsen, hatten ihren Beruf, der sie von ihren Eltern und ihrer Jugendzeit weglockte - den Sohn auf die andere Seite der Welt, die Tochter weit genug, dass sie mit Mann und Kind nur selten in unser/ihr kleines, stilles Paradies kommen konnten.
Wir alterten mit ihnen, nur etwas schneller. Mit unserer "Hütte" war es umgekehrt, sie wurde hübscher, war gewachsen und hatte eigene "Kinder", als wir uns im Sommer 2020 für immer von ihr verabschiedeten.

Mein letzter Blick zurück galt meiner Birke am Seerand. Ihr galt auch mein erster Blick, als wir ihren Geburtsort erstmals betraten.

***

Die folgenden Gedichte hat mir unsere Wochenendliebe beschert:

Die Gabe zu leben

Ich steh auf dem Hügel,
ins Leben ich schau
und wünsche mir Flügel,
zu fliegen ins Blau.

Die Grille spielt leise,
- ich höre sie laut -
den Himmel ich preise,
dass Er sich getraut,
dem "Nichtsnutz" zu geben
Gefühl und den Sinn,
die Gabe zu leben -
ich dankbar Ihm bin.

Sie heißt Birke

Gleich nach den ersten Augenblicken,
war heimlich ich in sie verliebt.
Es war die äußere Erscheinung,
die mir Gefühle heut noch gibt.

Ihr Bau, die leicht gekrümmten Glieder
zeigen keine Symmetrie.
Ihr Unterteil ist kurz und bieder,
keine sieht so aus wie sie.

Sie heißt Birke, und wenn sie spricht
hört es sich an wie simples Rauschen.
Doch wenn man lernt, sie zu verstehen,
wird man nicht müde, ihr zu lauschen.

Seitdem verging ein halbes Leben,
wir beide sind ersichtlich älter.
Die Liebe hat sich nicht gegeben,
in keinem Falle wurd' sie kälter.

Der Sturm nahm uns ein' Teil der Haare,
sie sind nun etwas grau gesprenkelt.
Wir haben beide in den Jahren
ein bisschen hin und her gekränkelt.

Doch wenn ich komme und du winkst
mit deinen Zweigen leicht im Wind,
und hör ich leis dein Blätterrauschen -
ich weiß, dass wir am Leben sind
Sie heißt Birke

Die Zeit, die ich so mag

Auf dem Wasserstreifen vor dem Eis,
das dünn ist, dem die letzte Stunde schlägt,
ein Haubentaucher landet, taucht.

Ein Enterich mit seiner Dame
von links zur andren Seite schwimmt.
Ein Vogellaut mich fröhlich stimmt.

Die Luft ist unbeweglich, still,
ein Falter übt den Flügelschlag,
der See sich aus dem Joch befreit...
Dies ist die Zeit, die ich so mag.

Ich schau nach vorn, fühl mich gefeit,
bin auf das, was kommt bereit.
Und wenn sie geht, des Herbstes Zeit,
schau ich zurück in Dankbarkeit.
Des Winters letzter Atemzug

Drei Brüder

Drei Brüder, fast achtzig, ein Leben lang Bauern,
in Demut mit Fleiß unsre Zeit überdauern.
Geboren, gelebt, und wohl bald auch gestorben
im Haus ihrer Ahnen, von keiner umworben.
Drei Männer, ein Haushalt ohne Frau ohne Kind.

Ihr Hof liegt im Wald, dieser ist auch ihr Leben.
Der Wald ihnen gibt und sie dem Wald geben.
Sie sind ein Relikt aus verschwundener Zeit,
zum Leben geschaffen, zum Sterben bereit.
Drei redliche Brüder unsre Landnachbarn sind.
*
Nachtrag 2019:

Ich hör nicht mehr den Schrei der Säge.
Der Traktor - ob sein Herz noch schlägt?
Der Badesteg, nun alt und träge -
ich sehe, dass er sich noch trägt.

Drei Brüder, gut achtzig, ihr Leben lang Bauern,
sind Rentner geworden, ohne zu trauern.
Sie lebten ihr Leben ohne Frau ohne Kind,
es halfen die Mutter, der Wald und der Wind.

Die Liebe der Brüder zum Bruder, den Wäldern,
vier Kühe, sechs Schafe auf zwei satten Feldern
- und einige Hektar mit wachsendem Wald -
genügten zum Leben zusammen, zu dritt.

Geh ich durch den Wald nun, nur um zu spazieren,
mir kommen Gedanken die vorwärts mich führen.
Mit friedlicher Stille umhüllt mich ihr Wald ...
Ich zähle die Schritte - ein Buntspecht zählt mit.

Edel und schlicht

Ich kenn einen Baum,
er ist eine Sie.
Sie wird mich überleben,
doch sterben auch sie.

Ihr Name ist Birke,
kein Adelsgeschlecht.
Doch hat sie Charisma,
ist edel und schlicht.

Wir brauchen nicht Worte,
um uns zu verstehn.
Sie winkt mit den Blättern,
wenn ich zu ihr geh.

Wir werden uns scheiden
einmal, vielleicht bald.
Doch sie wird hier bleiben,
am See vor dem Wald.

Ein guter Morgen

Ein Allerbester-Güte-Morgen
wurde gestern mir beschert.
Doch er begann mit leichten Sorgen:
'Was mach ich heute wohl verkehrt?'

Denn morgens bin ich nicht in Form,
einer, der sich selbst verliert.
Bin mit dem Tag erst dann konform,
wenn er den Abend konzipiert.

Die besten Trümpfe heute saßen
gut gebündelt in der Hand.
Die kleinen Fische aus ihr fraßen,
ein gutes Zeichen, ich verstand.

Der Vogel mit dem roten Kehlchen
setzte sich auf meinen Fuß.
Die Birkendame, dieses Seelchen,
leis wisperte zum Morgengruß.

Die Ehefrau, die Allerbeste,
zeigte freundlich ihre Art:
'Zum Abendessen gibt es Reste.'
(Das hat viel Arbeit ihr erspart.)

Es war ein wunderbarer Morgen,
doch der Abend ziemlich schal.
Ich dachte ständig und mit Sorgen:
'Morgen wieder wie normal.'

Ein neuer Tag

Nur zögernd eine fahle Helle
durch dichte Nebelwolken bricht.
Ein Sonnenstrahlenbündel glänzt,
ein Hoffnungsschimmer scheu sich zeigt.
Dann ist der Himmel wieder dicht.

In Dunst gehüllte Morgenlichter
verbergen schüchtern ihr Gesicht.
Ein Rest vom milden Abendwind
die Schleier auseinandertreibt.
Ein neuer Tag füllt sich mit Licht.
Ein neuer Tag füllt sich mit Licht

Ein Sommer-Tagtraum

An einem hellen Sommertag
- beglückend war des Lichtes Fülle -
vor einem stolzen Stamm ich lag,
sah hoch zum laubgeschmückten Baum,
in dem der Sonne Kinder spielten.

Ein kleiner Strahl verirrte sich
im Blattgeflecht von einem Ast.

Ein Vogel pfiff: "Ich rette dich!"
und zeigte dem verwirrten Wicht
den Weg zurück in seine Welt
der Helligkeit aus Sonnenlicht.

Es war ein sonderbarer Traum -
ich wachte auf und freute mich.

Ein Tag im Paradies

Fast wach,
die Beine wissen den Weg.
Die innere Freude schläft noch.
Ich kenne ihr Gebaren
nach all den Jahren -
der Sprung ins Wasser weckt sie auf.

Ein Feld
mit schlafenden Blumen.
Ein früher Sonnenstrahl weckt die Blüte.
Ein Tautropfen,
gezeugt von Licht und Luft,
rollt in den Blütenkelch -
die morgendliche Kettenreaktion
beginnt.

Ein Stuhl
mit Blick in die Welt.
Die Welt ist so klein.
Die Welt ist so still.
Sie lässt uns in Ruh,
bis wir wieder heimwärts ziehn.

Ein Tag
wie alle bisher
hier -
im Paradies.
Immer gleich,
immer anders,
immer still,
immer froh.

Das Glück
bleibt nicht für immer.
Es zieht sich zurück,
so wie das Leben.
Wir danken dem Glück,
dem freundlichen Leben.
Wir trauern nicht nach,
schaun lächelnd zurück
von dort, wo wir dann sind,
wo irgendwann - alle sind.

Elfentanz

Sommerabend, die Luft wird kühler,
die Sonne blinzelt hinter Zweigen.
Noch hört man Grillen, Solospieler,
bald verstummen ihre Geigen.

Der leichte Wind ganz leise fächelt
den grünen Vorhang im Baumgeäst.
Die Birke weiß, sie freudig lächelt:
Elfen sammeln sich zum Fest.

Der Bäume lange, dunkle Schatten
überdecken Wiesenglanz.
Dunst steigt aus den feuchten Matten,
es beginnt der Elfentanz.

Elfenwesen verschlungen schweben
im Nebelhauch, nur

© Willi Grigor, 2021

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Interne Verweise

Kommentare

29. Aug 2021

Friede den Hütten, Krieg den Palästen -
Dank den Birken - mit all ihren Ästen!

LG Axel

29. Aug 2021

Wo Bäume, Birken, Linden
sich still zusammenfinden,
die schwersten Fragen schwinden,
die tief im Herzen ruhn.

Die Birke dankt Dir, Axel, mit all ihren Ästen.

LG
Willi

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