Eine Wochenendliebe 1978-2020 - Page 6

Bild von Willi Grigor
Bibliothek, Mitglied

Seiten

Wind verstärkt Naturgesänge,
ein unsichtbarer Vogel übend singt.
Das Schilf steht still und lauscht dem Ton der Klänge,
der unaufdringlich durch das Laubwerk dringt.

Der Bach erinnert sich an seine Kindheit,
sein Bruder war ein stürmischer Gesell.
Er hatte Angst vor ihm, der steten Wildheit
und seinem Ton, der schaudernd war und grell.

Der Tag entschläft und lässt die Stille leben
am hellen Abend und der dunklen Nacht.
Das Licht der Sonne wird wieder ihn beleben -
und er es hören: das Kinderherz, das lacht.

Gegebene Bahnen

Noch zögernd zeigt das Tageslicht
am Waldrand sein Gesicht.
Erst wenn der letzte dunkle Strich
der Nacht der Helle wich,
der Tag sich durch den Nebel bricht
und zeigt sein wahres Ich.

Sein Licht kann früh die Wendung ahnen:
der Abend kommt, es naht die Nacht.
Der Tag muss nicht sich selbst ermahnen,
zu folgen den gegeb'nen Bahnen -
die Sonn' läuft mit, sie hält die Wacht.

Geschaffen von Frühtau und Sonne

Man sagt aus gegebenem Grunde,
dass scheinbar ein bisschen ich spinne:
Ich liebe laut bellende Hunde,
fast mehr noch die friedliche Spinne.

Ich mag ihre Netze, ihr "Handwerk"
auf Wiesen, auf Büschen und Bäumen.
Sie warten geduldig im Netzwerk,
von reichlicher Mahlzeit sie träumen.

Die Baldachinspinnen im Grasreich
der Wiese aus Gräsern und Blüten.
In diesem, dem eigenen Weltreich,
sie Kunstwerke bauen und hüten.

Am Morgen mich weckt eine Wonne
von zigtausend Fäden mit Glanz,
geschaffen von Frühtau und Sonne -
kein menschlicher Künstler wohl kann's.

Keine Antwort

An einem schönen Tag im Herbst

Ich sitz an einem kleinen See,
- was ich wohl 1000 Male tat -
um ihn herum der stolze Wald
mit seinen Ästen zu mir winkt.

Manchmal ich mich schuldvoll frage:
"Darf man eigentlich so froh sein,
wenn man von all dem Elend weiß,
das auf der Erde es doch gibt?"

Dann sitze ich noch eine Weile
und versuche,
eine Antwort zu finden.

Blattlos, grau

Nun zeigen Birken stolz ihr Grün,
Blätterbabys haben sie geboren.
diese recken, neugierig, kühn,
zum Himmel ihre "Mäuschenohren".

Die Tannennachbarn grimmig schauen,
schätzen nicht der Birken Frühlingspracht.
Blätterwechsel ist für sie ein Grauen,
Tannen tragen immergrüne Tracht.

Der See wiegt lächelnd seine Abendwellen,
er kennt das Spiel der Bäume ganz genau.
Im Winter werden Tannen nicht mehr bellen,
und Birken sind dann wieder blattlos, grau.

Laute der Stille

Ich hab mich nach Lauten der Stille gesehnt,
nach Lauten mit gebender Fülle.
Ich werde im Frühling mit Stille verwöhnt,
mit Lauten aus hörbarer Stille.

Die Fischlein, die jungen, kann wieder ich sehn,
ganz nahe am Steg sie sich zeigen.
Sie warten auf Futter, sehn sie mich dort stehn,
ich höre ihr bittendes Schweigen.

Ich höre das lautlose Ziehen im See
der Wildgänse mit ihren Jungen.
Ich hör es, obwohl ich den Zug doch bloß seh,
bei Stille ist es mir gelungen.

Zwei Prachttaucher treiben bei tagheller Nacht
im Stillstand auf glänzendem Spiegel.
Ich hör wie die Seele - fast kindlich sie lacht -
die Ohren befreit von dem Zügel.

Ich hab mich an Laute der Stille gewöhnt,
es gibt keine lautlose Stille.
Man hört es mit Freude - wenn leis es ertönt -
der Tiere Getue bei Stille.

Ein jeder, der sehn kann, kann Stummes auch hör'n,
in einer natürlichen Stille.
Es kann doch ein menschlicher Laut sie zerstör'n,
die brechliche Hülle der Stille.

Nacht hinter Nebel

Wenn strahlend am Morgen
der Wind - noch leicht schläfrig -
zum Tagwerk sich frisch macht,
die Wellen im See sich
beginnen zu regen,
die Nacht hinter Nebel
ihr Häuschen verriegelt -
die Dämm'rung im Morgen
verborgen sich spiegelt.

Rettung einer Birke

Der Brief, den ich ihm schrieb,
- dem Biber, meinem Nachbar -
hat ihn nun doch bewegt,
zu gehn, uns zu verlassen.

Dem See ein Tier jetzt fehlt,
ein scheues, stilles, stolzes.
Und ich, denk ich gequält,
bin schuldig, denn ich wollt es.

Der Mensch steht vor der Wahl,
ein Anlass gibt den Ausschlag.
Er wählte dieses Mal:
die Rettung seiner Birke.

Man sieht, wenn man will

Vom Häuschen sind's zum Lieblingsplatz
nur Schritte, vielleicht zehn.
Dort kann, wenn ich die Laune hab,
das was ich will auch sehn.

Ich seh wie Blüten morgendlich
weit öffnen ihren Mund,
wie Hummeln holen freundschaftlich
den Nektar aus dem Schlund.

Ich sehe ihren Flügelschlag,
als wär die Zeit gedehnt.
Ich seh die Welt, wenn ich denn mag,
wie man sie sich ersehnt.

Ich seh der Gräser letzten Glanz,
wie er ganz leis erlischt,
der Elfen schwebend leichten Tanz,
wie Duft mit Luft sich mischt.

Ich geh zurück und bleib kurz stehn...
Ein Prachttaucher schreit schrill.
Ich werd ihn morgen vor mir sehn
an meinem Platz, ich will.

Morgengedanken am See

Der allererste Sonnenstrahl
gibt dem Morgen seinen Glanz,
weckt auf das Leben in dem Tal,
bricht der Nebelschwaden Tanz.

Blumen zeigen ihre Farben,
Glitzertau im Gras ich seh.
Winde, die am Abend starben,
streicheln liebevoll den See.

Vogelstimmen preisen Stille,
freudig steh ich und hör zu,
glaubend, dass ein Schöpferwille
demonstriert mir Himmelsruh.

Spielende Winde

Wenn Winde Purzelbäume schlagen,
zeigt sich im See ein Phänomen:
Kräuselwellengrüppchen wagen,
im Wirbeltanz um sich zu drehn.

Sie schwirren rund in einer Weise
wie Flammen einer Feuersglut,
wenn Windekinder spielen leise
wild über'm See im Übermut.

Die letzte Zuflucht

Ein Platz, an dem du atmen kannst
und Birken mit dir reden,
wo Wasser an das Ufer schwappt
und Fische auf dich warten
aufs morgendliche Spiel.

Wo Wasservögel zu dir schauen,
Musikanten Nester bauen,
wo Grillen sich im Gras verstecken
und Blumen sich mit Gräsern necken,
wo Winde ihre Späße treiben
mit Wolken, Wellen, Bäumen...
Hier möchte man für immer bleiben -
es ist erlaubt zu träumen.

Ein Platz, der eine Zuflucht war
seit über vierzig Jahren.
Ein Platz, wo Schweigen eine Tugend war
und Stille ein Gesang.

Wir wussten es von Anfang an:
wir werden ihn verlassen.
Doch wollen wir nicht traurig sein,
Erinnerungen bleiben.
Wir wollen lieber dankbar sein
und froh zurück oft blicken.

Und sollt' es dazu kommen,
dass alles man vergisst -
Vergessenheit dann übrigbleibt,
die letzte Zuflucht ist.

Melancholie

Ich sitz am Wasser,
die Wellen blinken,
wenn Sonnenstrahlen
zu ihnen winken.

Ich sitz am Wasser,
ich hör es rauschen.
Ich hör es singen,
ich will ihm lauschen.

Ich sehe Enten
vorüberschwimmen.
Zwei munt're Vögel
ein Lied anstimmen.

Ich sitz am Wasser
und glaub zu wissen,
dass ich es bald schon
werde vermissen.

Träume im Frühling

Die junge Tanne
steht ganz alleine
am steilen Hang
vor "meinem" See.

Sie schaut aufs Wasser
die Babywellen
im Lichtlanz wandern
an ihr vorbei.

Ein Wildganspärchen
mit wachen Augen
zieht seine Runden
zu zweit, allein.

Auch ich steh allein,
auf beiden Beinen,
lausche der Stille,
die sich bewegt.

Ich schau zum Tännchen
es schaut zu mir hin.
Wir beide denken
(sind wir Verwandte?)
genau das Gleiche:

"Wir sind allein
jedoch nicht einsam.
Wir sind zusammen
mit all den andern
die ihre Träume
für sich alleine
im Frühling träumen."

Nur diese Bitte

Er hat sein halbes Leben
voll Freud mit ihr verbracht.
Sie konnte ihm was geben,
hat was aus ihm gemacht.

Er wusste es schon immer:
Auch Glück hat seine Zeit.
Im Aug' der feuchte Schimmer
verrät: Bald ist's soweit.

"Ich werd sie nicht vermissen,"
- sein Wort klang rein und klar -
"ich werd mich froh erinnern,
wie schön es mit ihr war!"
*
Das "Sie" ist eine Hütte
am Wald, am kleinen See.
Er hat nur diese Bitte:
"Dass es ihr wohl ergeh'."

Wiesen, die am Seerand liegen

Sie kommen gern am frühen Abend,
wenn keine Winde sich mehr regen.
Dann sieht man, weiße Häubchen tragend,
wie Schleier über Gräser schweben.

Sie kommen mit dem Licht, schon grauen,
zu Wiesen, die am Seerand liegen,
um über grünen, feuchten Auen
sich in der Dämmerung zu wiegen.

Sie wiegen und bewegen sich
in schönster Eleganz.
Sie zeigen mir, fast feierlich
den Elfen-Abendtanz.

Zu leben ist ein Traum

Wir trafen uns an einem See
umsäumt von einem Wald.
Sie stand so still, ich mochte sie,
ihr Freund wurde ich bald.

Seit vielen Jahren stand sie hier,
die Dame war nicht jung.
Sie alterte sehr vorsichtig -
im Gegensatz zu mir.

Wir wurden beide älter,
ich merkt' es nicht an ihr.
Mein Schwung, die Kraft wurd' schwächer
im Gegensatz zu ihr.

Die Jahre kamen, gingen,
mein Lebensziel ist nah.
Noch hör ich in ihr singen
der Vögel Lieder klar.

Die Dame, meine Birke,
wie lang ist sie noch mein?
Ein anderer wird kommen,
ein guter Freund ihr sein.
**
Die Jahre sind gegangen,
die meine, ihre kaum.
Die Bäume wachsen langsam...
Zu leben ist ein Traum.

Abschiedsbrief an eine Lebensgefährtin

Liebe Hütte, unsere langjährige Lebensgefährtin,
du bist erwachsen geworden und wir alt.
Ein anderes Paar, das dich und deine Umgebung mag,
wird dir in Zukunft Gesellschaft leisten.
Wir, sowie der Rest unserer Familie, hatten eine lange
und schöne Zeit zusammen mit dir, dem Wasser,
der Wiese, den Bäumen, meiner Birke -
zweiundvierzig lange, schöne Jahre.
**
Die Zeit verrinnt, für Menschen und alles andere.
Wir, deine Pflegeeltern, sind alt geworden.
Du - unser Glück in Liverud, im Leben -
bist nun erwachsen.
Mit unserer Hilfe hast du eigene Kinder bekommen,
die stolz hinter dir und deinen beiden Seiten stehen.
Ihr seid so ungleich
in Alter und Form,
aber gleichzeitig gleich
im Ausdruck, der Farbe.

Man sieht, dass ihr eine Familie seid,
die sich versteht, zusammenhält.

Wir werden es finden
das Paar, das euch mag,
euch wird es noch geben,
wenn wir nicht mehr sind,
werden freudig uns erinnern
solang es uns gibt.

Avskedstankar

En liten stuga
som växte till sig
blev vår kamrat,

ett stillsamt vatten
med in- och utlopp
en trogen vän.

En vilsam himmel
med sol och molndans
och dimma, regn.

Tre tysta grannar
var skogen, träden,
en liten äng.

Miljoner stjärnor
på vintergatan
gav ljus vår natt.

Nu skall vi skiljas
från det som varit
så som en dröm.

Men vi skall mötas
i vackra tankar
som ej förgår.

***

© Willi Grigor, 2021

Seiten

Rechtshinweis:
Dieser Beitrag ist urheberrechtlich oder durch Copyright geschützt und darf ohne Genehmigung nicht verwendet werden.

Interne Verweise

Kommentare

29. Aug 2021

Friede den Hütten, Krieg den Palästen -
Dank den Birken - mit all ihren Ästen!

LG Axel

29. Aug 2021

Wo Bäume, Birken, Linden
sich still zusammenfinden,
die schwersten Fragen schwinden,
die tief im Herzen ruhn.

Die Birke dankt Dir, Axel, mit all ihren Ästen.

LG
Willi

Seiten