Jetzt rede ich:

von Annelie Kelch
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Die alte Gotel ahnte nicht, wie gern ich gesungen habe, sonst hätte sie mir zu meinem 13. Geburtstag gewiss nicht diese kleine silberne Scheibe geschenkt, die Musik macht. Ich habe immer erst mit dem Singen begonnen, wenn sie sich an meinen Flechten abgeseilt und aus dem Staub gemacht hatte. Dann war ich für den Rest des Tages mutterseelenallein im Turm. Seit das Fernsehen Daily Soaps und Talkshows sendet, knallt mir die Gotel das Essen auf den Tisch und macht sich hurtig vom Acker. Damals, im Turm, kannte ich nur ein einzi­ges Lied. Leider hatte ich keinen blassen Schimmer, was ich stundenlang arglos vor mich hin trällerte, anderenfalls hätte ich mir diesen Song verkniffen, darauf können Sie Gift nehmen. Wie das Lied hieß, wollen Sie wissen? Ach, seit ich erfahren habe, was der Text bedeutet, mag ich den Titel gar nimmer aussprechen, aber für Sie mache ich eine Ausnahme: Jedes Mal, nachdem die fette Gotel meine Haarflechten strapaziert hatte, trällerte ich voller Hingabe: „Ain't no sunshine when she’s gone“.
Die Ironie meines Schicksals, die in diesen we­nigen Worten lag, wurde mir erst bewusst, als Maxim mir Englischunterricht erteilte. Dabei war ich meistens froh, wenn sich die Gotel endlich „verpisst" hatte – verzeihen Sie bitte diesen ordinären Ausdruck, aber treffender lässt sich meine damalige Situation leider nicht beschreiben, obwohl ich, nach ihrem Abgang einsam und verlassen in dem gruseligen Gemäuer saß und Halluzinationen bekam.

Mittlerweile geht es mir wirklich gut ‑ endlich!, zum ersten Mal in meinem Leben ‑, nachdem Maxim und ich Wüstenei und Blindheit endgültig hinter uns gelassen haben. Maxim, mein Retter und Ehemann, war vor einigen Jahren noch König auf Zypern. Glücklicherweise hat er die Krise vorausgesehen und seine Millionen rechtzeitig von der Laiki Bank nach Deutschland auf ein Konto bei der HASPELTAGAR überwiesen, sonst hätten wir uns die Villa in Blankenese nicht leisten können. Dass ich es einmal so gut haben würde, hätte sich die Gotel ganz gewiss nicht träumen lassen. Ich mir übrigens auch nicht. Maxim hat eine hohe Steinmauer um das Grundstück ziehen lassen – einzig und allein der alten Gotel wegen. Falls die mal ausbricht. Die sitzt jetzt nämlich in Fuhlsbüttel ein, wegen Entführung eines Kindes (§ 235 (1) StGB) und Freiheitsberaubung (§ 239 StGB).
Länger als sechs Jahre lang vegetierte ich in diesem fürchterlichen Turm vor mich hin. Maxim sagt, das wäre durchaus mit einer katholischen Heimerziehung vergleichbar. Nur der Natascha aus Österreich sei es noch schlechter ergangen als mir. Die kannte nämlich, als sie gekidnappt wurde, fast schon die ganze Welt: Häuser mit Fenstern aus Glas, Städte, Geschäfte, Spielzeug ... während ich bis zu meinem zwölften Lebensjahr in der Schrebergartenhütte der Gotel hausen musste und höchsten mal in die Rapunzeln durfte. Aber die Natascha wusste, was sie entbehren musste und hat obendrein auch noch ihren Entführer ertragen müssen. Wenigstens ist mir die Gotel nie an die Wäsche gegangen, aber was nicht gewesen ist, hätte durchaus eintreten können. Ich mag gar nimmer daran denken.
Also, ich mag die Natascha sehr; mir gefällt ihre ruhige, sanfte Stimme mit dem Wiener Schmäh drin. Maxim hat mir kürzlich das Buch geschenkt, das sie geschrieben hat. Und wissen Sie was? Jetzt sind die Österreicher sauer, weil sie damit Kohle macht. Aber solche Marotten kenne man von denen ja zur Genüge, sagt Maxim, der gebürtiger Ungar ist.
Wussten Sie übrigens, dass die Österreicher sich laut neuester Umfrage einen „starken Mann“ wünschen? Zweiundvierzig Prozent der Befragten stimmten sogar der Aussage „Unter Hitler war nicht alles schlecht“ zu. Da bleiben einem doch vor Empörung die Rapunzeln im Halse stecken. Ich kann dieses Zeug eh nicht mehr sehen, seit die Gotel mir verraten hat, dass dies ihr Lieblingssalat sei. Sie nannte mich immer Rapunzel, Sie verstehen?
Also dieser Turm war ja sowas von asozial, von sanitären Anlagen mal ganz zu schweigen. Selbst im Winter, wenn es eiskalt war, musste ich meinen Hintern aus dem Fenster hängen, um meine Notdurft zu verrichten. Ich hatte jedes Mal wahnsinnige Angst, mitten im Geschäft in die Tiefe zu stürzen, von der Blamage mal ganz abgesehen; aber wer ging dort unten schon vorbei? Noch nicht einmal ein Student.
Die Gotel hat die Fäkalien eigenhändig mit einer Schiebkarre weggeschafft und als Dünger für ihre Rapunzeln verwendet.
Ab November, wenn die Tage kürzer und kühler wurden, blieben die hölzernen Fensterläden auch tagsüber ge­schlossen. Ich hockte dann vierundzwanzig Stunden lang beim Schein alter Kerzenstumpen, die mehr flackerten als wärmten. Arschkalt war es dort oben. Ich war ständig verkühlt. Aber das war der Gotel völlig schnuppe. Angeblich war ihr der Zauberspruch entfallen, der die Treppe in den Turm zurückgezaubert hätte. Typisch Alzheimer, wenn Sie mich fragen. Irgendwann hätte sie wahrscheinlich auch den dämlichen Spruch „Rapunzel, Rapunzel, lass dein Haar herunter“ vergessen; dann wäre ich dort oben jämmerlich verhungert.

Natürlich gab die Gotel mir die Schuld daran, dass die Scheibe zersprungen ist. Als ob ich was dafür konnte, dass sie heiser wurde und ihr Gekrächze nicht zu mir nach oben drang! Sie hat sich dann durch einen großen Stein bemerkbar gemacht, der prompt die Scheibe zerdeppert hat. Ich hätte ein Riesenschwein gehabt, dass ich den nicht an den Kopf gekriegt habe, sagt Maxim.
Die frische Luft täte mir gut, hat die Gotel immer gesagt und hämisch gegrinst. Mir ginge es viel zu gut. Man dürfe nicht in jedem Fenster Glas erwarten. Die Beduinen zum Beispiel … es folgte dann jedes Mal ein langer Vortrag, blah, blah.
Außerdem könne sie keinem Glaser zumuten, an meinen Flechten den Turm zu erklimmen. ‑ Was ich mir denn einbilde, was ich sei, ein Aufzug?, fragte dieses unverschämte Weib. ‑ Nee, ein Flaschenzug, für Flaschen wie dich, alte Knödelfee, hätte ich am liebsten erwidert.
Maxim sagt, es sei das reinste Wunder, dass meine Haare nicht sämtlicht ausgefallen sind. Die Gotel habe mit ihrem gesamten Gewicht gewiss mehr als zweitausendfünfhundert Mal drangehangen. Also echt jetzt, gegen die Gotel war Maxim leicht wie ein Suppenhuhn.
Die Gotel ist gleich nach meiner Befreiung getürmt. Von Türmen versteht sie was. Aber der Rudi Cerne hat in seiner XY-Sendung ein Phantombild gezeigt, und schon am nächsten Tag hat man die alte Vettel auf Sankt Pauli aufgestöbert, in irgendeinem Etablissement in der Herbertstraße, dass ich nicht lache!
Der Tag meiner Befreiung fiel übrigens auf einen Sonntag. Die Gotel kam erst gegen Abend – mit meinem Sonntagsdinner, einem Bund angefressener Karotten, die sie auf den Tisch geknallt hat. Sie faselte was „Lindenstraße“, irgendeiner Soap im Ersten, die sie auf keinen Fall versäumen dürfe.
Maxim war zu jenem Zeitpunkt auf Europareise und Gast bei Berlesconi. Er habe sich während einer Jagd auf zweibeinige blutjunge Häschen durch den Wald, wo mein Turm stand, verlaufen, verriet er mir und hat schelmisch dabei gegrient. Die Gotel habe sich gerade abgeseilt, und kurz darauf hätte ich zu trällern begonnen. Sie ahnen, was ich sang? Nun, ich sang, was ich immer sang, wenn die Gotel mir den Rücken zugekehrt hatte: Ain't no sunshine when she’s gone …
Maxim, der das böse Weib bei ihrem grotesken Abstieg beobachtet hatte, glaubte anfangs, ich sei lesbisch; ich hatte alle Hände voll zu tun, ihn vom Gegenteil zu überzeugen. Jacob und Wilhelm schrieben, ich sei das schönste Kind unter der Sonne gewesen. Haben Sie denen das abgekauft? Mal im Vertrauen: man sollte nicht alles glauben, was man liest. Dasselbe nämlich haben die Brüder von Allerleirauh auch behauptet.

Maxim und ich kommen jetzt viel herum in der Welt. Vorletztes Jahr begegneten wir auf einer Party dem damaligen Bundespräsidenten nebst Gattin Bettina. Die Vroni und der Maschmeyer waren auch auf der Fete. Maxim war überaus angetan: von Bettinas jugendlichem Charme und Vronis opulentem Dekolleté. Also, der Christian, der ist wirklich schwer in Ordnung: Weil Maxim schon längere Zeit arbeitslos war, bot er ihm einen leitenden Posten in seinem Mitarbeiterstab an; im Gegenzug wollte er dann mit Tina und den Kindern Gratis-Ferien auf Maxims Schloß in Ungarn machen. Maxim war sofort Feuer und Flamme.
Aber ich sollte nicht zuviel plappern. Ich habe mich schon einmal fast um Kopf und Kragen geredet, Sie erinnern sich? Als ich nämlich die Gotel indirekt wissen ließ, was für eine fette Schlampe sie doch gegen meinen Maxim sei.
Übrigens, falls es Ihnen Sonntags einmal langweilig werden sollte: Der Turm, in dem ich jahrelang von der Gotel gefangengehalten wurde, steht seit neustem unter Denkmalschutz und kann besichtigt werden.

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Kommentare

13. Nov 2016

An den Haaren herbeigezogen? Sicherlich nicht!
Märchenhaft gut gelungen, glänzt die Geschicht!
(Krause erzählte mir von dem Casus ja -
Putzfrau "Pechmarie" Verwandtschaft war ...)

LG Axel

13. Nov 2016

Krausen ist wirklich ein Unikum,
aber so ist es: Längst nicht jede Putzfrau ist dumm (ein Vorurteil);
selbst spätere Lehrkräfte während des Studiums Putzfrauen waren,
hab' ich vor langer Zeit an der Volkshochschule erfahren.

LG Annelie