AU 2010 03 Canberra - Hauptstadt im Buschland - Page 5

von Willi Grigor
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wir startklar für den Ausflug, zu dem Nachbar Jerzy uns eingeladen hatte. Wir standen am Fenster und als wir sahen, dass er die Haustür öffnete, gingen wir hinaus in die Wärme. Normalerweise stand sein alter Volkswagenbus, den er sonst immer benutzte, auf der Garageneinfahrt. Heute aber hat er seinen schicken, silbermetallenen Holden Commodore (einzige australische Automarke) aus der Garage geholt.

Jerzy wollte erst zu dem 20 km entfernten Deep Space Communication Complex, das zum
NASA Deep Space Network (DSN) gehört. Diese Anlage für Raumforschung interessierte mich natürlich.
Wir wohnten ein Stück weg vom Stadtzentrum in der Richtung wo die Anlage liegt und waren nach nur kurzer Zeit in unbewohntem Land.
Das Erste, auf das uns Jerzy aufmerksam machte, waren die noch immer sichtbaren Spuren des verheerenden Buschfeuers, das Anfang 2003 hier wütete.

Fakten: Die Buschfeuer in Canberra im Januar 2003 gehören zu den größten bekannten Naturkatastrophen in Australien. Sie verursachten schwere Schäden in den Außenbezirken der Hauptstadt Canberra, darüber hinaus verbrannte fast die gesamte Vegetation auf 70% der Fläche des Australian Capital Territory (ACT). (Das ACT ist ein Territorium des Australischen Bundes, in dem die Hauptstadt Canberra liegt. Das ACT ist eine 2.358 km² große Enklave und wird vollständig vom ostaustralischen Bundesstaat New South Wales umschlossen)
Die Buschfeuer hatten während einer Woche in der abgelegenen Wildnis westlich der Stadt gewütet, durchbrachen dann am 18. Januar 2003 die Eindämmungslinien und umschlossen einige Stadtteile. Insgesamt wurden 500 Wohnhäuser zerstört und vier Menschen kamen in den Flammen ums Leben, bevor ein Wetterumschwung den Großbrand unter Kontrolle brachte. Der Sachschaden betrug rund 300 Millionen australische Dollar. (Quelle: Wikipedia)

Ein besonders schwerwiegender Verlust war die fast vollständige Zerstörung des renommierten Mount-Stromlo-Observatoriums der Australian National University. Fünf historisch bedeutende Teleskope wurden zerstört; die Werkstätten, die Bibliothek und das Hauptverwaltungsgebäude wurden ein Raub der Flammen. Die von der Universität geforderten Versicherungsleistungen in der Höhe von 75 Millionen australischen Dollar sind womöglich die höchste Einzelforderung in der Geschichte Australiens. (Quelle: Wikipedia)

Jerzy erzählte, dass die Kommunikation der ersten Menschen auf dem Mond am 21. Juli1969 (ich arbeitete damals in Rosenheim und kaufte mir extra einen Fernseher um die Direktübertragung vom Mond mitverfolgen zu können) mit der Einsatzleitung der NASA über diese Anlage hier erfolgte. Folgerichtig war im Besucherzentrum auch viel darüber zu erfahren.

Wir fuhren wieder zurück Richtung Canberra und machten eine kurze Mittagspause zu Hause. Danach fuhren wir zum Fernsehturm und hatten von der Aussichtsplattform auf 850 m Höhe eine tolle Aussicht auf die Hauptstadt. Es war ein ungewöhnlicher Turm, eigentlich nur eine Turmspitze, die auf einem Berg stand.

Anschließend machten wir eine Sightseeing-Tour vorbei am Botanischen Garten, der Universität, dem Nationalmuseum (dem Gullan und ich schon einen Besuch abgestattet hatten), durch die Innenstadt, über die Prachtstraße ANZAC Parade auf den Berg Mount Ainslie, von wo man die beste Aussicht über die Stadt hat. Wir machten endlich das Photo, das wir an unserem Ankunftstag hier nicht machen konnten weil die Kamera streikte. Hier steht man direkt oberhalb des "Australien War Memorial", das seinerseits am Ende der ANZAC Parade liegt.

Australien War Memorial
Aufgrund der engen Verknüpfung mit Großbritannien hat Australien in seiner relativ kurzen Geschichte an vielen Kriegen teilgenommen, wohl an allen an, an denen England beteiligt war. Das Gedenken an die über 100 000 gefallenen Soldaten hat einen hohen Stellenwert in Australien, es ist sozusagen das zusammenbindende Glied dieses Landes, deren Bevölkerung ja aus Menschen aus allen möglichen Ländern besteht. Jede Stadt, ja jeder Ort in Australien hat sein eigenes "War Memorial", aber dieses nationale Kriegerdenkmal in Canberra ist gleichzeitig ein außerordentliches Museum, das wir laut Jerzy uns unbedingt ansehen müssen. Wir beschlossen, dies sofort zu tun. Jerzy fuhr den Berg wieder hinab und setzte uns an diesem imposanten Bauwerk ab und fuhr wieder nach Hause. Ich bin kein Freund von Kriegsdenkmälern aber sage schon jetzt, dass ich den Besuch dieser Gedenkstätte nicht vergessen werde. Als wir es verließen waren wir nachdenklich, betroffen und begeistert.

Fakten: Das Australian War Memorial ( Australisches Kriegsdenkmal) in Canberra ist das nationale Kriegerdenkmal Australiens. Es gedenkt jener Angehörigen der Australian Defence Force und unterstützender Organisationen, die in den Kriegen fielen, an denen Australien beteiligt war.
Es befindet sich im Stadtteil Campbell und bildet einen Teil der zeremoniellen Landachse, die vom Parliament House auf dem Capital Hill zum Gipfel des Mount Ainslie führt. (Quelle:Wikipedia)

Zur Anlage gehören ein Skulpturengarten, ein Gedächtnisbereich mit Hall of Memory (Halle der Erinnerung) und ein Innenhof mit zwei Säulengängen, sowie ein Museumsgebäude mit kreuzförmigem Grundriss.

Gleich nach der Eingangshalle kommt man in den Innenhof. Oberhalb des Innenhofs erstrecken sich auf beiden Seiten lange gedeckte Säulengänge mit dem Ehrenverzeichnis (Roll of Honour), bronzenen Gedenktafeln mit den Namen aller ca. 102 000 australischen Militärangehörigen, die im Einsatz ihr Leben ließen. In der gesamten Wand der einen Galerie sind die Namen derer eingraviert, die im Ersten Weltkrieg gefallen sind, in der anderen die Namen der Gefallenen des Zweiten Weltkriegs und späterer Konflikte.
Die beiden Wände mit den Namen waren eindrucksvoll rot gesprenkelt: An vielleicht jedem dritten der 102000 Namen war ein rote Blume der gleichen Sorte in einem dafür vorgesehenen senkrechten Schlitz in den beiden langen Wänden angebracht, von Angehörigen und Freunden.

Vom Innenhof gelangt man in den Kuppelbau mit der sakral anmutenden Hall of Memory (Halle der Erinnerung). Die Wände bestehen bis unter die Kuppel aus kleinen Mosaikziegeln. In diesem Kuppelbau befinden sich das Grabmal des unbekannten Soldaten und andere Denkmäler. Die Ost-, West- und Südwand sind mit Glasmalereien geschmückt. Wir saßen hier eine Weile und ließen die andächtige Ruhe auf uns einwirken.

Danach gingen wir durch das imposante Museum, ein zweistöckiges Gebäude mit einem kreuzförmigen Grundriss, unterhalb und rund um den Innenhof mit dem Gedächtnisbereich. Das obere Stockwerk ist hauptsächlich dem Ersten Weltkrieg (gesamter Westflügel) bzw. dem Zweiten Weltkrieg (gesamter Ostflügel) gewidmet. Hier sind, in zum Teil überdimensionalen Schaufenstern, detaillierte Modelle von Schlachtfeldern aufgebaut, die für Australien große Bedeutung haben, d. h. wo viele australische Soldaten ihr Leben lassen mussten. Auch viele Originalgegenstände und Dokumente sind hier ausgestellt. Die Besucher sind zum allergrößten Teil Australier. Wir sahen viele Eltern, die ihren Kindern von Angehörigen erzählten, die an diesen Kämpfen teilgenommen oder dort gestorben sind.

© Willi Grigor, 2010 (Rev. 2016)

Gedichte und Prosa:
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O Hauptstadt im Buschland, UL In diese Landschaft liegt Canberra eingebettet, M Jake, R Picknik mit Nachbar Jerzy im feinen Kulturzentrum. Fotos W Grigor

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