Jona - Page 6

Bild von Maik Kühn
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und habt reine Herzen, aber der überwiegende Rest dieses Abschaums hier ist einfach nur böse und gehört vernichtet! Wie kann man nur einfach so aus Spaß jemanden anzünden und sich daran ergötzen?! Wie kann man nur so viel Elend in einer Stadt zulassen, in der die meisten Millionäre des Landes wohnen?! Wie kann man das alles hier nur ignorieren und munter seinem Alltag nachgehen?! Aber jetzt wird mir alles klar! Ich kann endlich sehen, obwohl auch ich eigentlich blind bin …“
Theresa erschrak über das Weiß in seinen Augen, durchzogen von zahlreichen Äderchen.
„Wir werden so viele Menschen wie möglich retten und dann …“
Warm fühlte sich ihr Handabdruck in seinem Gesicht an und erfüllte schließlich den gewünschten Zweck.
„Jetzt mach mal halblang, du selbstgerechter Psycho! Vielleicht hast du ja recht, aber ich finde, dass jeder sich ändern kann, was mir zugegeben bei diesen Jugendlichen sehr schwer fällt zu glauben! Ich habe irgendwann einmal aufgehört Trübsal zu blasen und mich dann konsequent für das Leben entschieden …“
An beiden Armen befanden sich Narben, die auf einen vermeintlichen Selbstmordversuch hindeuteten.
Schweigend gingen beide zu Tobi zurück, der völlig erschöpft an dem Sprinter lehnte. Der Rettungswagen befand dich auf dem Weg zum Krankenhaus, was den einen Funken Hoffnung am Glimmen hielt, in dieser Nacht vielleicht doch ein Leben gerettet zu haben.
Ohne jegliche Worte zu verlieren, verließen sie den Ort des Grauens und setzten nach einer gefühlten Ewigkeit Jona direkt vor seiner Haustür ab. Kurz und kommentarlos war die Verabschiedung, ohne ein mögliches Wiedersehen zu vereinbaren. Im letzten Moment nannte er ihnen noch seine Festnetznummer und verschwand dann im Inneren des Mehrfamilienhauses.
Völlig aufgewühlt gelang es ihm zu diesem Zeitpunkt nicht in den Schlaf zu finden. Was für ein Abend. So bereichernd die vielen Begegnungen auch waren, alles wurde letztlich von der perfiden Tat überschattet. Theresa war schon beneidenswert und er konnte ihren Ansichten sogar zum Teil etwas abgewinnen. Aber nein, mit so viel Idealismus und Optimismus konnte sie einfach nicht richtig liegen. Für Jona stand fest, es gab lediglich eine Minderheit, die er retten konnte beziehungsweise sollte. Alle anderen Bürger dieser Stadt mussten ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen. Vielleicht war es ja unter dem Strich auch nur eine notwendige Säuberung … Sein letzter Gedanke hüllte ihn plötzlich in Traurigkeit.
„Ich denke ja schon wie ein dreckiger Faschist.“
Vielleicht sollte er einfach einen großen Teil seines Geldes an den Treff spenden, einmal die Woche dort mitarbeiten und alles andere in das Reich der Mythen und Legenden befördern. Immerhin hatte es keine einzige Situation seit seiner Ankunft am vergangenen Morgen mehr gegeben, die einer mutmaßlichen Halluzination glich.

Wer in aller Welt hatte nur ein solch großes Herz? Am liebsten wäre er auf der weichen Oberfläche gelandet, aber zwischen ihm und dem Organ befand sich eine dicke Schicht aus durchsichtigem Eis. In unmittelbarer Nähe kam unangekündigt Nebel zum Vorschein, der sich schließlich zu einer Art drehende Galaxie formte. Direkt aus dem Zentrum des Gebildes steuerte jetzt etwas auf Jona zu. Erst als sich die Projektion direkt vor ihm befand, kam es zu einem Dé­jà-vu-Erlebnis.
„Herzlich willkommen im Körper eines erkalteten Menschen.“
Die Person sah heute Jona nicht nur ähnlich, sie hätte gut und gerne sein eineiiger Zwilling sein können.
„Dich werde ich wohl nie los.“
„Wir haben hier drinnen keine Zeit für blöde Scherze. Lass uns doch mal nachsehen, wie es unserem Jugendlichen ergehen wird. Gerne hätte ich dir ja auch die Außenansicht gezeigt, aber ihr kennt euch ja bereits.“
Echt abgefahren, er befand sich wohl im Körper des jungen Mannes, der mutmaßlich in der vergangenen Nacht zum Mörder geworden war.
Zuerst Schlug das Herz noch rhythmisch, dann wurde es immer langsamer und verfärbte sich schwarz. Völliger Stillstand folgte, bevor der Eispanzer explodierte und unzählige Eissplitter alles in der näheren Umgebung bombardierten.
„Siehst du, wegen solchen Leuten wird diese Stadt untergehen. Also, vollende endlich deinen Auftrag.“

Schweißgebadet erwachte Jona, ging auf die Toilette und beruhigte sich danach erst wieder, als er ein Glas Leitungswasser getrunken hatte.
Kaum schlossen sich wieder im Bett liegend seine Augen, wurde der Traum erneut von Anfang an durchlebt. Dieses Mal erschien jedoch eine Person, die dem gequälten Obdachlosen ähnelte. Ohne lange zu zögern, umarmte dieser Mann den Eisblock und brachte ihn dadurch zum Schmelzen. Das so entstandene Tauwasser saugte er dabei auf wie ein Schwamm, ohne jedoch an Volumen zuzunehmen.
„Liebe ist der Schlüssel zur Umkehr und Vergebung wie das geöffnete Tor zum friedlichen Miteinander.“
Jona wurde mit geöffnetem Mund Zeuge, wie der Mann zuerst immer näher kam, sich dann rasend schnell in einen angenehmen unsichtbaren Duft verwandelte und anschließend in diesem Zustand verweilend seine Lunge füllte.

Sichtlich erholt fiel es ihm nicht schwer das Bett zu verlassen. Jona bestellte sich eine Pizza, die er gerade noch im Rahmen des Mittagsangebotes erwerben konnte. Nach ausgiebiger Dusche wurde die Zeit bis zur Ankunft des Essens unter anderem mit einem Gang zum Briefkasten überbrückt. Bis auf Werbung befand sich jedoch rein gar nichts in dem metallfarbenen Kasten.
Pünktlich nach vierzig Minuten händigte man ihm die Fungi aus, was mit einem großzügigen Trinkgeld honoriert werden sollte. Das Leben konnte doch manchmal so schön sein. In einem bequemen Sessel sitzend, die Beine auf dem Wohnzimmertisch ruhend, genüsslich den Magen füllend und beiläufig die Werbung durchschauend.
„Ach, ist es schon wieder so weit?!“
Oberbürgermeister Klumpet strahlte Jona von einem Wahlwerbeflyer an, den er ohne lange zu zögern zerknüllte und in die Ecke warf.
Ideen entstehen als kleine Blitze im Gehirn und suchen ihren Weg durch die schier endlosen Windungen dieses Organs, in der Hoffnung, am Ende umgesetzt zu werden.
„Das ist die Lösung!“
Freudestrahlend griff er zum Hörer und wählte Theresas Nummer.
„Theresa! Wir müssen uns unbedingt treffen. Am besten gleich und bring bitte auch Tobi mit … Intensivstation? Oh, dass klingt nicht gut … und die Polizeiwache hat euch einfach so abblitzen lassen? Unglaublich …“
Seine Freude wurde ein wenig gedämpft, denn der Obdachlose befand sich immer noch in einem kritischen gesundheitlichen Zustand und die Polizei hatte allen Anschein nach kein Interesse zu ermitteln.

„Dafür, dass du nicht mehr arbeiten musst, lebst du doch gar nicht schlecht.“
„Glaub mir, ich werde bald wieder etwas sinnvolles tun. Noch Kaffee oder ist alles soweit OK?“
Schier

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