Jona - Page 7

von Maik Kühn
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endlos waren ihm die zwei Stunden vorgekommen bis es schließlich an der Tür geklingelt hatte. Jetzt saß er mit Theresa und Tobi in seinem Wohnzimmer, gespannt wie ein kleiner Junge auf die entsprechenden Reaktionen.
„Was ist das?“
„Jona, jetzt sag schon, warum wir so schnell zu dir kommen sollten und leg bitte diesen komischen Flyer beiseite.“
Mit verdrehten Augen schaute sie beiläufig ihren Freund an.
„Aber, darum geht es doch.“
„Geht’s noch?! Wegen dem Scheiß habe ich eine gute Freundin versetzt oder was!“
Warum war das Ganze bloß so schwer zu verstehen? Jona begann jetzt um die Beiden herumzuschleichen.
„Darf ich mich vorstellen?! Euer zukünftiger Oberbürgermeister!“
Zeitversetzt brachen die Gäste in lautes Gelächter aus. Theresa fand schließlich als erste ihre Fassung wieder.
„Also, erst einmal werde ich mich für gesund erklären lassen, parallel sammeln wir ausreichend Unterschriften, um noch zur Wahl zugelassen werden zu können und am Ende werden wir diese Stadt dann kräftig umkrempeln.“
Mit weit geöffneten Augen schaute Tobi seine Freundin an.
„Der meint es wirklich ernst oder?“
Theresa bekam keine Zeit zum antworten eingeräumt.
„Ich brauche lediglich zweihundert Unterschriften und die werden wir ja wohl in drei Tagen zusammenbekommen.“
Langes Schweigen folgte auf Jonas Optimismus. In Tobis Kopf wurde bereits ein fiktiver Aufruf über die sozialen Medien verfasst. Nur das Einholen der Unterschriften dürfte sich als etwas arbeitsaufwändiger gestalten.
„Echt blöd, dass die meisten Obdachlosen in dieser Stadt nicht registriert sind.“
„Obdachlose? Registriert? Tobi, du wirst dich doch nicht wirklich vor den Karren spannen lassen?!“
Ein lautes Wortgefecht folgte dem anderen. Erst als gefühlt sämtliche Argumente ausgetauscht waren, kehrte wieder Frieden ein. Jona hatte zwischenzeitlich in sicherer Distanz mit der Gesundheitsbehörde telefoniert und erfahren, dass man ihm eine Kandidatur nicht verwehren könne, schließlich benötige er ja keinen Vormund. Nach einer erfolgreichen Wahl würde man dann entsprechend weitersehen. Auf ausdrücklichem Wunsch sollte ihm diese Antwort auch noch einmal schriftlich zugestellt werden.
„Punkt eins ist bereits abgehakt!“
Ungläubig ließen sich Theresa und Tobi von dem Telefonat berichten.
„Euer Engagement in allen Ehren, aber das sind doch alles nur Tropfen auf heißen Steinen. Die Spielregeln müssen geändert werden, damit ihr wirklich etwas bewirken könnt … Versteht ihr denn nicht? Es ist meine Berufung diese Stadt zu retten, in dem ich sie als deren Chef verändere …“
Freudentränen perlten an Jonas Gesicht entlang und er strahlte wie ein Erleuchteter.
„OK, du bist zwar der abgefahrenste Spacko, der mir jemals über den Weg gelaufen ist, aber wir geben dir eine Chance. Die Uni kann mich mal in den nächsten Tagen. Stattdessen mache ich alles, damit du diese verfluchten zweihundert Unterschriften bekommst. Die Frage ist halt nur, warum man dir denn eigentlich zur Kandidatur verhelfen sollte ...“
Darauf fehlte ihm in diesem Moment noch die passende Antwort. Fest stand nur, dass weder Warnungen vor dem Untergang noch Drohungen zum Erfolg führen würden.
„Wir prangern die sozialen Missstände an und setzen der gesellschaftlichen Kälte unsere handelnde Wärme entgegen.“
Er zielte auf den Treff ab, so viel war ihr bewusst. Offiziell konnte der Verein unmöglich für ihn werben, aber sie könnten vielleicht ihr soziales Engagement mit ihm als Fokus einem breiteren Publikum vermitteln. Nur, was würde eigentlich geschehen, wenn die Kampagne genau das Gegenteil bewirken sollte? Andererseits hatte Jona ja vollkommen recht und auch ihr größter Wunsch war es noch viel mehr zu bewegen.
„OK Jona, auch wenn ich dich in drei Tagen höchst wahrscheinlich verfluchen werde, aber wer nicht wagt, der wächst auch nicht. Also, lasst uns keine Zeit verlieren!“

Manche Menschen hinterlassen mehr Eindruck, andere eher weniger. Zur ersten Gruppe durfte sich zweifelsohne Theresa zählen. Nach nur wenigen Fingerbewegungen auf dem Display ihres Smartphones hatte sie bereits einen befreundeten Hobbyfilmer gewinnen können, der noch am selben Abend für ein Werbevideo Zeit abzwacken konnte. Zuvor wurden bereits alle verfügbaren Kontakte mit ersten Informationen zur Kampagne versorgt, die unter folgendem Slogan stehen sollte: MIT ZWEIHUNDERT INS RATHAUS!
Statt wie üblich am Folgetag, begann heute kurz nach 21:00 Uhr außerplanmäßig die vorgezogene Treff-Tour. Nicht jeder Obdachlose und schon gar nicht ein überwiegender Teil der anderen Männer und Frauen gedachte als Kulisse für Jona zu fungieren. Einige reagierten sogar sehr ablehnend und Theresa bekam zwischenzeitlich Angst, dass die erfolgreiche Randgruppenarbeit darunter nachhaltig leiden könnte.
„So, dann wären wir jetzt bei über einer Stunde Filmmaterial für einen Fünfundvierzigsekundenspot.“
Zu einem Pferdeschwanz hatte er seine Haare zusammengebunden und verstaute die professionelle Handkamera in den vom Vater ausgeliehenen alten Wagen. Mit Sicherheit würde es die gesamte Nacht beanspruchen das Filmmaterial passend in Form zu bringen. Was man nicht alles tat für eine gute Freundin?
Jona winkte ihm hinterher und gesellte sich dann wieder zu Theresa und Tobi.
„Na, was sagt ihr jetzt?“
Anstelle der Begeisterung machte sich erst einmal erschöpfungsbedingtes Schweigen breit. Gut gelaunt summte er vor sich hin und freute sich schon auf die ersten Rückmeldungen zum hoffentlich sensationellen Video.
„Dir ist schon klar, dass wir heute Abend weder Wildgehege noch Zoos abgeklappert haben.“
Theresas Worte saßen tief und holten ihn wie ein starkes Magnet auf den harten Boden der Realität zurück.
„Ich tu das Ganze doch nicht für mich.“
Es klang wie eine Mischung aus sich ertappt fühlen und verletzter Eitelkeit.
„Unermesslich leiden scheinst du in deiner neuen Rolle aber auch nicht gerade oder?“
„Schatz, jetzt lass ihn doch in Ruhe ...“
Jona verabschiedete sich höflich und trat dann zu Fuß den kilometerlangen Heimweg an, was Theresa gerade recht zu sein schien. War es wirklich richtig, was er tat? Konnte er eigentlich seinen neuen Bekannten noch gegenübertreten, wenn die Sache scheitern würde? Oberbürgermeister einer Großstadt und dies ohne jegliche politische Erfahrung? Starke Zweifel neutralisierten Stück für Stück seine anfängliche Euphorie. Am nächstbesten Kiosk wechselte eine Flasche Schnaps den Besitzer. Großzügig portioniert, verschwand die hochprozentige Flüssigkeit in Richtung Magen eines Mannes, der so gut wie nie harte Sachen konsumierte. Nach einer kurzen launigen Phase ohne übermäßige Verhaltenskontrolle, machten sich schnell die unangenehmeren Folgen von deutlich zu viel Alkohol bemerkbar. Irgendwann gelangte Jona an dem Punkt, der seine letzte bewusste Erinnerung in dieser Nacht gewesen sein sollte.

„Jetzt steh endlich auf, ich muss mich mal kurz hinlegen.“
Langsam öffnete er die scheinbar verklebten Augen und verfluchte den immer stärker werdenden Schmerz in seinem Kopf.
„Charly? Du? Was ist passiert?“
Fassungslos starrte ihn der bereits bestens bekannte Obdachlose an.
„Ich hab echt was gegen Leute, die

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