Jona - Page 8

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sich für etwas besseres halten und dann noch nicht mal auf sich selbst aufpassen können. Sturzbesoffen wurdest du heute Nacht von meinen Kumpels aufgegabelt. Kannst übrigens froh sein, dass die Bullen dich nicht gleich mitgenommen haben, denn Irre sollten hier nämlich besser nicht frei herumlaufen. Aber, keine Ursache, die bunten Scheine in deinem Geldsack reichen fürs Erste als Entschädigung.“
Peinlich berührt erhob sich Jona und gab das improvisierte Schlafquartier wieder frei.
„Das Schnuckelchen kommt gleich und dann lässt du uns hoffentlich erst einmal in Ruhe mit deinem Scheiß. Verstanden?!“
Er ging ein wenig auf Distanz zu Charly und wartete ungeduldig auf Theresa. Allerdings hatte das Ganze auch etwas Gutes, denn selbst der härteste Alkohol bescherte ihm allem Anschein nach keine Halluzinationen oder dergleichen mehr. Trotzdem würde es wohl noch ein paar Stunden dauern bis die Folgen behoben waren.
„Hallo Psycho. Ja danke, ich fühle mich auch ausgezeichnet. Los, ich fahr dich erst einmal nach Hause. Dort gehst du bitte sofort unter die Dusche, denn diesen Geruch überlebe ich nur im Freien.“
Ohne zu antworten eilte er in Richtung Sprinter des Treffs, setzte sich auf den Beifahrersitz und schwieg. Wieder in seinen eigenen vier Wänden angekommen, befolgte Jona ohne zu murren sämtliche Befehle der selbsternannten Frau Feldwebel.
„Ich bin hungrig.“
„Das muss jetzt warten. Hier, bitte zuerst einmal das Video belobigen.“
Der junge Mann mit dem Pferdeschwanz hatte ihm am Vortag anscheinend nicht zu viel versprochen und sein Talent förmlich zum Besten gegeben.
„Ich habe es an alle möglichen Leute gesendet. Außerdem wird es heute und morgen an fünf Orten, überwiegend Cafés, die Möglichkeit geben sich auf diversen Unterschriftenlisten für deine Kandidatur stark zu machen.“
Überwältigt von so viel Tatkraft weinte Jona vor Freude. Gerade einmal wenige Tage kannte er diese junge Frau und schon war sie ihm so ans Herz gewachsen wie schon seit sehr langer Zeit niemand mehr.
„Danke für alles.“

Neben dem Werbevideo existierte mittlerweile ein persönliches Profil von Jona im Internet, was er in der Vergangenheit immer strikt ablehnte. Gepflegt und betreut wurde die multimediale Seite von Tobi. Hunderte Freundschaftsanfragen kamen in den folgenden beiden Tagen zusammen, was jedoch noch nicht gleich die Summe entsprechender Unterschriften ergab. Trotz des immer noch sommerlichen Wetters, verließ Jona die Wohnung nur, um notwendige Dinge zu beschaffen oder Geschäfte zu erledigen. So ging beispielsweise beim Treff eine großzügige anonyme Spende ein.

Zehn Minuten vor Ende der Bewerbungsfrist betrat ein leger, aber seriös gekleideter Mann die Räumlichkeiten der Wahlkommission. Mit breitem Lächeln wurden portionierte Stapel mit Unterschriftenlisten auf die Empfangstheke gelegt. Exakt dreihundertdreiunddreißig wahlberechtigte Bürger dieser Stadt hatten schriftlich ihren Wunsch verbrieft, Jona als Kandidaten für das Amt des Oberbürgermeisters ins Rennen zu schicken.
„Der eine oder andere ungültige Eintrag wird sicherlich darunter sein, aber bei einem Puffer von einhundertdreiunddreißig Signaturen werden wir Ihnen die Kandidatur sicherlich nicht mehr verweigern.“
Pflichtbewusst streckte ihm die junge Beamtin ihre Hand entgegen und wünschte Jona alles Gute.
Ab jetzt begann der eigentliche Teil der Arbeit, wobei die letzten Tage bereits das Limit des Machbaren deutlich überschritten hatten.

Die kommenden Wochen wurden von intensiver Arbeit geprägt. Jona besuchte so viele Bürger wie möglich in deren Wohnungen, um für seine Kampagne zu werben. Hinzu kamen diverse Infostände an öffentlichkeitswirksamen Orten innerhalb der Stadt. Aufgrund des Geldsegens konnten ausreichend Plakate, Wurfsendungen und andere hilfreiche Dinge angeschafft werden. Auch das Aufhängen beziehungsweise Verteilen der Wahlwerbung stellte den Kandidaten vor keiner größeren Herausforderung. Unterstützt wurde der Kampf um das Rathaus durch gezielte Aktionen innerhalb der sozialen Medien und einem stetig wachsenden Unterstützerkreis. Einmal am Tag nahm sich Jona bis zu einer Stunde Zeit, um via Internet auf die Fragen der Interessenten einzugehen.
„Er ist einverstanden!“
Beinahe wäre das Wasser in seinem Mund wieder herausgesprudelt.
„Hättest du nicht warten können bis ich mit dem Trinken fertig bin?“
Theresa umarmte ihn vor Freude und wenig später wurden die überraschten Passanten Zeugen eines etwas holprig wirkenden Tanzes. Die heutige Aktion auf einem Supermarktparkplatz hätte man sich bis zu diesem Zeitpunkt wirklich ersparen sollen. Nicht viele Personen fanden nämlich innerhalb der vergangenen zwei Stunden den Weg zum Infostand des immer noch relativ unbekannten Kandidaten.
Ausgelöst hatte die plötzlich aufkommende gute Laune ein Anruf von Fritz auf Theresas Smartphone. Fritz war der Obdachlose, den vor nicht allzu langer Zeit ein paar Jugendliche beinahe umgebracht hätten und der sich aufgrund schwerer Verbrennungen noch immer im Krankenhaus befand.
„Die Ärzte sind nicht wirklich einverstanden, aber sie möchten es auch nicht verhindern. Zeichnen wir eigentlich das Ganze auf oder senden wir etwa live?“
„Ich möchte mit ihm während der Veranstaltung sprechen … Theresa, natürlich kann die Aktion nach hinten losgehen, aber eine Aufzeichnung kommt für mich nicht infrage.“

An diesem Abend drängten sich mehr Menschen als erwartet in die geräumige Stadthalle. Bürgermeister Klumpet hatte sich von seinem Team nur langsam davon überzeugen lassen, eine öffentliche Debatte mit den übrigen drei Kandidaten zu führen. Ein beinahe schon tattriger Greis, ehemals Chef des Sozialamtes, eine zugegeben sehr gut aussehende Uniprofessorin für Wirtschaftslehre und dann noch dieser seltsame Frührentner. Niemand würde ihm offensichtlich seine Wiederwahl streitig machen können, zumal es nur einen Urnengang gab und die relative Mehrheit aller abgegebenen Stimmen ausreichte. Es würde mit Sicherheit letztendlich auf eine Art Duell zwischen ihm und der Professorin hinauslaufen, weshalb Klumpet sich auf diese Person besonders gut vorbereitet hatte. Die Debatte wurde im Internet live übertragen. Beide Lokalradios und eine eher laienhaft sendende örtliche Fernsehanstalt waren ebenfalls vor Ort.
Einstudierten Nettigkeiten zur Begrüßung und einer kurzen Vorstellungsrunde folgte dann der erste Schlagabtausch. Klumpet hielt sich nicht mit Fachwissen auf, sondern erinnerte die Professorin direkt zu Beginn an deren kleinen Skandal, der sich vor einigen Jahren ereignete. Ein nicht wirklich legal beschäftigtes Au-pair-Mädchen und vor allem die Affäre mit einer Frau sorgten damals in dieser eher konservativ geprägten Stadt für Gesprächsstoff.
„Im Gegensatz zu Ihnen bin ich allerdings noch immer mit meinem Mann verheiratet, der mir übrigens ernsthaft verziehen hat.“
Eine Kamera schwenkte sofort in Richtung des vor Zustimmung nickenden Ehemanns, der Teil des Publikums war.
Sie spielte auf Klumpets Trennung kurz nach der letzten Wahl an, die in erster Linie von dessen Frau ausgegangen war. Schnell hatte er sich damals bereits nach wenigen Wochen wieder liiert und vor kurzem zum dritten

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