Jona - Page 4

von Maik Kühn
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in dieser schönen Stadt Opfer einer Strafe, die allein ich zu verantworten habe.“
„Sie gehören in die Psychiatrie oder besser für immer weggesperrt.“
Eine Schlüsselszene seiner nächtlichen Albträume wurde Jona plötzlich in Erinnerung gerufen. Er hatte die Bilder jetzt klar vor Augen.
„Vor der Stadt neben der Kapelle in Richtung Bergdorf ist ein schwarzes Pferd angebunden. Bringen Sie mich bitte dorthin. Sobald ich weggeritten bin, wird die Seuche so schnell wieder verschwinden wie sie gekommen ist.“
Der Beamte spürte eine deutlich voranschreitende mysteriöse Veränderung in seinem Inneren.
„Wer bist du Fremder?“
„Ein Feigling.“
Starkes Vertrauen erfüllte Jonas Gegenüber, risikobereit einen mutmaßlichen Terroristen ohne Begründung wieder laufen zu lassen.
So schnell wie möglich fuhren sie zu der besagten Kapelle. Dort war allerdings von einem schwarzen Pferd weit und breit nichts zu sehen.
„Was bin ich doch nur für ein verdammter Vollidiot und wie konnte ich dir bloß dieses erbärmliche Märchen glauben?!“
Jona überkamen große Zweifel. Entsprang diese Katastrophe dem Zufall oder hatte vielleicht wirklich jemand einen Anschlag verübt? Während er noch nachdachte, legte ihm der Polizist wieder Handschellen an, von denen er zu Beginn des vorangegangenen Verhörs befreit worden war.
„Los jetzt, zurück ins Auto und dann geht es auf direktem Weg in die Zelle!“
Wie eine Erlösung wirkte das plötzliche Wiehern. Es musste also doch alles wahr sein, denn hinter dem Gebäude stand das erhoffte schwarze Pferd. Jemand hatte es an einem kleinen Bäumchen angebunden.
„Na, glaubst du mir jetzt endlich? Wir haben keine Zeit zu verlieren, also nimm mir die Handschellen ab und lass mich von hier fortreiten. Fahr dann sofort wieder zurück in die Stadt, denn dort wird es allen Menschen wieder gutgehen!“
In diesem Moment brachte ihn sein Verstand nicht mehr weiter. Die Stimme im Inneren war einfach dominanter, außerdem hatte der Fremde nachweislich die Wahrheit gesagt. Ohne zu zögern folgte er Jonas Anweisungen, fuhr aber erst zurück, sobald das schwarze Pferd inklusive Reiter nicht mehr zu sehen war.
In der Stadt angekommen, schien alles so wie immer zu sein und von einer angeblichen Seuche wusste niemand etwas zu berichten. Er quittierte für diesen Tag seinen Dienst und betäubte seine Fassungslosigkeit in einem nahegelegen Wirtshaus mit Alkohol.

Drei Tage und Nächte ritt Jona auf dem Rücken des Pferdes nach Hause und dies, ohne auch nur eine einzige Pause einzulegen. Die Zeit war jedoch wie im Fluge vergangen, da er sich von Anfang bis Ende der ungewöhnlichen Reise in einem komaähnlichen Zustand befand. Erst als die Skyline seiner Heimatstadt in der Morgendämmerrung sichtbar wurde, schlug er wieder die Augen auf.

Mehrere belegte Brötchen und zwei große Flaschen Mineralwasser konnten nur annähernd das Defizit der vergangenen Tage ausgleichen. Andererseits hatte sich sein Körper in einem Stadium mit sehr niedrigem Energieverbrauch befunden. Von dem schwarzen Pferd war weit und breit nichts mehr zu sehen, was ganz im Sinne des Kioskbesitzers gewesen sein dürfte.
„Sie bekommen wohl zu Hause nichts mehr zu essen?“
„Ich hatte eine lange Heimreise.“
Der ältere Mann hinter der Theke lachte.
„An der Verpflegung sollten Sie besser beim nächsten Mal nicht mehr sparen.“
Jona kehrte Verkäufer und Stehtisch den Rücken zu und ging an der Flussuferpromenade entlang. Die Luft an diesem Morgen war sehr angenehm und unverbraucht, konnte aber nicht mit der entsprechenden Qualität seines letzten Aufenthaltsortes konkurrieren.
Wie ging es jetzt eigentlich weiter? Plumpes Warnen der Bevölkerung schied ja schließlich genauso aus wie eine erneute Flucht.
Niemand der spontan angesprochenen Passanten schien von einer Epidemie in jener Kleinstadt gehört zu haben und auch die Printmedien schwiegen sich aus. Aus Prinzip besaß Jona kein Smartphone, was ihn in solchen Situationen wie dieser schon ein wenig ärgerte. Hatte er etwa die vergangenen Ereignisse nur halluziniert? Aber, beim Absetzen derartiger Medikamente müssten eigentlich deutlichere Nebenwirkungen auftreten. Da dies bisher nicht der Fall war, sollte doch wenigstens ein Hauch von realistischer Wahrnehmung vorliegen.
„Ach ne, wen haben wir denn da?!“
Gekonnt stoppte Theresa ihr Skateboard und verschränkte die Arme.
„Du schon wieder. Darf ich dich mal etwas fragen?“
„Na los, hau es raus.“
Jona schaute sich um und vergewisserte sich, dass in diesem Moment auch wirklich niemand zuhören konnte.
„Bin ich da neulich eigentlich wirklich beim Brunnen gewesen und habe …?“
„Sag mal, was bist du eigentlich für einer? Die Psychiatrie auf der anderen Seite des Flusses ist echt besser als ihr Ruf ...“
„Ich meine es ernst.“
Theresa schüttelte amüsiert den Kopf.
„Also, wenn es dich weiterbringt. Ja, du hast den Leuten abgefahrene Sachen erzählt … Was sollte das eigentlich? Bist du in so ´ner komischen Sekte oder wie?“
Ohne zu antworten ging ihr Gesprächspartner zur Flussuferbegrenzung hinüber, setzte sich auf den Boden und lehnte sich mit dem Rücken an.
„Hey, jetzt sei doch nicht so empfindlich.“
Unübersehbare Tränen flossen über sein Gesicht und hinterließen leicht gerötete Augen. Nahezu verzweifelt erzählte er Theresa die jüngsten Ereignisse von Anfang an.
„Klingt echt nach einer krassen Psychose.“
Sie legte ihm einen Arm auf die Schulter. Entweder war dieser Mann wirklich auffällig psychisch krank oder etwas ganz besonderes. Seine Schilderungen ähnelten den von Propheten, wie sie beispielsweise im Alten Testament der Bibel nachzulesen waren.
„Angenommen, du hast wirklich diesen Auftrag von wem auch immer bekommen ... Wir Menschen sind es doch letztendlich selbst, die ihren eigenen Untergang herbeiführen werden. Es sei denn, wir bekommen gerade noch mal rechtzeitig die Kurve ...“
„Genau darum geht es doch. Wir sollen unser Verhalten … uns ändern, bevor es zu spät ist.“
Theresa dachte einen kurzen Moment lang nach.
„Wer lässt sich denn in der heutigen Zeit noch mit dem Holzhammer etwas aufdrängen? Das ist doch der komplett falsche Weg ... Sag mal, was tust DU denn eigentlich so, damit sich etwas in dieser Stadt ändert?“
Jona schaute sie verärgert an. Eigentlich mochte er ja dieses ihm fast unbekannte junge Ding, aber das lose Mundwerk gegenüber einem Mann, der mutmaßlich ihr Vater hätte sein können …
„Du bist bestimmt nicht einmal zwei Jahrzehnte auf dieser Welt und meinst wohl schon alles besser zu wissen.“
„Einundzwanzig.“
Mittlerweile standen sich beide Gesprächspartner wieder gegenüber.
„Warum einundzwanzig?“
„Von wegen nicht einmal zwei Jahrzehnte auf dieser Welt … Ich bin einundzwanzig Jahre alt … Sag mal, hast du eigentlich heute Abend schon etwas vor?“
In was hatte er sich an diesem Morgen bloß hineinmanövriert? Ja, seine unglaubliche Geschichte bedurfte eines Zuhörers und ja, diese Person schien ein

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