Jona - Page 10

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Kandidaten teilten sich die verbliebenen dreißig Prozent, wobei die Professorin deutlich vor dem letztplatzierten Greis lag. Es ging an diesem Abend und in der folgenden Nacht hin und her. Mal war Klumpet wiedergewählt, mal schien Jona sich sein neues Büro im Rathaus einrichten zu dürfen. Drei Nachzählungen wurden vorgenommen bis am heutigen Dienstagmorgen endlich das offizielle Endergebnis feststand. Mit nur sieben Stimmen Vorsprung gewann die knappste aller Wahlen der alte und jetzt auch neue Bürgermeister.
„Jona, wir müssen das Ganze jetzt in Würde beenden.“
Der Wagen hielt vor dem Eingang der örtlichen Fernsehanstalt. Unbemerkt öffnete Jona die Tür und ließ sich von der Empfangsdame in die Maske führen, bevor eine studentisch wirkende Moderatorin ihn dort abholte und auf dem Weg ins bescheidene Fernsehstudio letzte Vorbereitungen traf.
„Liebe Leute, schön, dass ihr euch an diesem Morgen für unser Lokalprogramm entschieden habt. Frau und Mann, was war das nur für ein Krimi … und dieses Herzschlagfinale erst … na ja … “
Jona bekam ein Zeichen und setzte sich auf einen der beiden bereitstehenden Stühle. Der Hintergrund war grün und ließ darauf schließen für die Fernsehzuschauer entsprechend digital verändert zu werden.
„Dieser Mann ist so ein cooler Typ und ich freue mich, dass er trotz seiner bitteren Niederlage den Weg zu uns gefunden hat …“
Nach mehreren Versuchen Jona aufzubauen und gute Stimmung zu verbreiten, erteilte sie ihm endlich das Wort.
„Ich habe verloren, aber damit werde ich leben müssen. Mein größter Dank richtet sich an alle, die meine Kandidatur unterstützt haben und an …“
Er hielt einen Moment lang inne und die schlanke Moderatorin zog reflexartig ihre Finger aus einer der langen blonden Strähnen, denn seine Augen verfärbten sich langsam in trübes Weiß.
„Geht es Ihnen gut!“
„Alle, die mir geholfen haben und jeder, der für mich gestimmt hat wird leben, wenn er diese Stadt so schnell wie möglich verlässt. Der Rest ist dem Untergang geweiht, denn es wird Feuer vom Himmel fallen und alles vernichten …“
Geistesgegenwärtig unterbrach der Programmdirektor ohne Vorankündigung die Übertragung.
„Was labern Sie denn da plötzlich für ein wirres Zeug?“
Hilfe suchend drehte die Moderatorin an ihrem auffälligen Ring, umarmte dann instinktiv einen Kameramann und begann hysterisch zu weinen. Zu diesem Zeitpunkt befand sich Jona bereits auf dem Weg zum Ausgang. Theresa und Tobi hatten alles in dem Übertragungsraum mit ansehen müssen und liefen völlig verärgert hinter ihm her. Unmittelbar vor dem Gebäude wurde Jona von Theresa eingeholt und grob zu Boden geschubst.
„Du blödes Arschloch! Was fällt dir eigentlich ein! Ganz viele Menschen haben sich für dich den Arsch aufgerissen und du machst jetzt einen auf schlechter Verlierer oder wie! Komm mir nie wieder vor die Augen und lass dich bitte sofort in eine psychiatrische Klinik einweisen …“
Langsam erholte sich Jona von der überraschenden Attacke und richtete sich vorsichtig wieder auf.
„Bitte versteh doch endlich … Ich habe diesen Auftrag bekommen und beinahe wäre es uns doch auch gelungen diese Stadt zu retten, aber das Schicksal hat sich nun einmal anders entschieden … Flieht so schnell ihr könnt und nehmt so viele Menschen wie möglich mit, denn die Strafe …“
Theresa schlug ihn jetzt mehrmals mit der flachen Hand ins Gesicht.
„Du erzählst uns allen was von freien Herzen, Mitgefühl, Hilfsbereitschaft … dass wir unser Schicksal zum Guten wenden können, wenn wir uns ändern und einander vergeben … und jetzt soll einfach so alles zerstört werden? Nur wer für dich ist und von hier abhaut soll verschont werden? Das ist doch alles nur noch Oberschwachsinn und der Höhepunkt deiner krassen Psychose …“
Bevor Jona antworten konnte, legte sie nach.
„Weiß du was? Ich habe bis gerade eben wirklich an dich geglaubt. Klar, du bist ein Psycho, hast aber in den letzten Wochen schier unmögliches bewirkt. Hast Leute motiviert für dich zu kämpfen. Randgruppen in den Fokus gerückt. Menschen emotional erreicht und Hoffnung vermittelt … bis in deinem kranken Hirn wieder ein Schalter umgelegt worden ist, so wie damals, als wir uns zum ersten Mal begegnet sind … Komm Tobi, lass uns abhauen, bevor ich noch kotzen muss!“
Jona blickte gerade in die Rücklichter des Wagens, mit dem Theresa und Tobi eilig davonfuhren, als er halbwegs das zuvor Gehörte verarbeitet hatte. Einer inneren Eingebung folgend, wurde jetzt auf direktem Wege jener Kiosk am Flussufer angesteuert, wo Jona damals nach seiner Rückkehr mit dem schwarzen Pferd gestrandet war.
Die Nachricht von dem abgebrochenen Interview verbreitete sich wie ein Flächenbrand im Internet, nachdem einige Fernsehzuschauer das Video online gestellt hatten. Der Kioskbesitzer schien von alldem nichts mitbekommen zu haben und auch Politik gehörte wohl nicht zu dessen vorrangigen Interessen. Ganz anders fiel die Reaktion eines Passanten aus, der Jona ins Gesicht spuckte.
„Dich wähl ich nie wieder, du Spacko …“
„Hey, jetzt lass mal gut sein …“
Dank des Kioskbesitzers blieb es bei ein wenig Speichel und dieser Beleidigung. Jona nahm eine Papierserviette und wischte sich die Wange sauber, leerte den Kaffeebecher, bezahlte und folgte dann weiter der Flussuferpromenade.

Am Anfang wurden nur wenige auf ihn aufmerksam. Je weiter er jedoch seinen Weg vorsetzte, desto mehr Menschen äußerten ihren Unmut oder machten sich einfach über Jona lustig. Irgendwann war der kritische Punkt erreicht, an dem sich immer mehr Passanten zusammenrotteten und hinter ihm hergingen. Der Pöbel wuchs jetzt unaufhaltsam und drängte den Verfolgten dazu beide Beine in die Hand zu nehmen. Sehr vertraut wirkte die Situation auf ihn und bereits in kürzester Zeit würde es wohl geschehen …
So sehr er es auch verhindern wollte, sein freier Wille wich einer scheinbaren Fremdkontrolle. Jona kletterte über die Begrenzung und tunkte seine Füße in das Wasser des Flusses, aber nichts geschah. Die Verfolger versperrten ihm jetzt den Fluchtweg, vermieden es aber die Barriere zu überschreiten. In den Fluss springen oder sich einer wütenden Menge ergeben, schienen nur noch die beiden letzten Optionen zu sein.
Ein paar unscheinbare Kreise breiteten sich unerwartet auf der Wasseroberfläche aus, gefolgt von Bläschen und einem wiederholt schnaubenden Kopf. Ohne weiter nachzudenken, erklomm Jona den Rücken des mittlerweile entsprechend weit aufgetauchten schwarzen Pferdes und ließ sich von seinem wohl einzig verbliebenen Freund an das andere Flussufer bringen.

Einsam und verlassen stand die kleine Blockhütte inmitten dichter Bäume. Ohne sich ein wenig Erholung zu gönnen, verschwand das schwarze Pferd sofort nach der Ankunft wieder und ließ ihn dort allein zurück. Die Tür war zu Jonas Erstaunen nicht abgeschlossen und im Inneren befanden sich ausreichend Lebensmittel, um hier für einige Tage untertauchen zu können.
Am dritten Tag, einem Donnerstag, wurde die Ruhe dann abrupt gestört.
„Du?!“
Jona erschrak und lief sofort in den Wald hinein, aber egal wie schnell und in welche Richtung er auch eilte, der Abstand zur Blockhütte blieb immer gleich.
„Lass den Unsinn und setz dich zu mir!“
Vor dem kleinen Gebäude befand sich ein massiver Tisch mit zwei entsprechenden Bänken an den Seiten.
„Gratuliere, du hast es ordentlich vergeigt.“
Es war sein mutmaßlicher Zwilling, der ihm aufgrund mehrerer nachhaltiger Begegnungen bereits wohlbekannt war.
„Hast du dich eigentlich schon gefragt, warum vorgestern nichts passiert ist? In der Stadt herrscht nämlich weiterhin munteres Treiben …“
Jona atmete tiefer und spürte jetzt ein schneller werdendes Pochen an seinem Hals.
„Kein Feuer, keine Vernichtung … Ach ja, du bist übrigens nicht mehr wirklich Gesprächsthema. So schnell wird man vergessen … Gestern noch ein Star, dann verflucht und heute wie ein bedeutungsloses Sandkorn in der Sahara …“
Was wollte dieser Mann eigentlich noch von ihm? Wohlweislich hatte er zweifelsohne mit Jona die falsche Person zum Propheten berufen.
„Noch gestern hieß es: Alle wegen einem! Aber schon morgen soll es heißen: Einer anstelle aller!“
Der mutmaßliche Zwilling setzte sich jetzt direkt neben Jona.
„Keine Sorge, schon ganz bald bist du nicht mehr allein mit deinem Schmerz …“
Noch ehe darüber nachgedacht werden konnte, schien der Mann in dem Körper seines Sitznachbarn einzutauchen. Zuerst die Hände, Arme, Kopf, dann der Rumpf und schließlich die restlichen Gliedmaßen. Jona fühlte sich wie eine leere Flasche, die mit Mineralwasser gefüllt wurde. Es prickelte an sämtlichen Stellen seiner sterblichen Hülle, vor allem aber in den schier endlosen Windungen seines Gehirns. Parallel wuchsen ihm die Haare auf Schulterlänge und dort, wo einst Stoppeln waren, befand sich jetzt ein Vollbart.

Nur noch wenige Schritte und das Ganze würde endlich ein Ende finden. Die Kulisse entsprach der sich abzeichnenden Dramatik. Es blitze, donnerte und regnete wie bei einer bevorstehenden Sintflut. Mehrere nasse lange Haarsträhnen hafteten an seinem Gesicht, als er die Brück betrat. In der Nähe des angesteuerten Ziels fuhr plötzlich ein Wagen langsam neben ihm her und jemand rief seinen Namen. Ohne jegliche Reaktion zu zeigen, wurde der Marsch jedoch bis zur Brückenmitte fortgesetzt. Dort angekommen, zog Jona die Schuhe aus, erklomm das Geländer und war bereit sich in den aufgewühlten Fluss zu stürzen.
Im letzten Moment riss ihn jemand zu Boden. Alles Weitere folgte dann wie im Zeitraffer. Theresa stand in seiner Nähe und ein junger Mann, den er nicht kannte … Die Beiden begleiteten ihn zu dem Wagen, den er ebenfalls noch nie gesehen hatte … Jona saß in der letzten Sequenz auf der Rückbank und starrte die Mittelkonsole an ...

Entweder hatte sich das Gewitter schnell wieder verzogen oder sie waren bereits längere Zeit unterwegs gewesen, er wusste es nicht. Als ihnen dann ein Linienbus entgegenkam, nutzte Jona die Gelegenheit, öffnete die Hintertür und stürzte sich mit ganzer Kraft auf die Gegenfahrbahn. Der Bus konnte nicht mehr ausweichen, geschweige denn noch rechtzeitig bremsen ...
Theresa war als Erste vor Ort und beugte sich weinend über ihn.
In dem Bus saßen nur sehr wenige Personen. Der Fahrer stand unter Schock, genau wie die hinter ihm sitzende Frau. Ein Jugendlicher öffnete geistesgegenwärtig per Nothebel die Seitentür und lief zu dem Schwerverletzten.
„Ich habe den Notruf abgesetzt!“
Es war einer von den jungen Tätern, die Fritz angezündet und sich aller Appelle zum Trotz nicht der Polizei gestellt hatten. Jona war ihm damals am Tatort hinterhergelaufen.
„Ein freies Herz …“
Auf halben Weg fiel der ausgestreckte Arm abrupt zu Boden und Jonas Kopf drehte sich im selben Moment leblos zur Seite. In seinem Inneren verwandelte sich der bis dato mit ihm vereinte mutmaßliche Zwilling in schwarzen Rauch, entwich durch die Nasenöffnung und versickerte anschließend als ätzende Flüssigkeit in dem Asphalt, bevor sich die Substanz dort entzündete und in Form einer Stichflamme kurz in die Höhe schoss. Es folgte weißer Rauch aus dem geöffneten Mund des Toten, der langsam als kleines Wölkchen in die Höhe schwebte.
Tief berührt lief der Jugendliche davon, wählte aber noch am selben Abend die Nummer der örtlichen Polizei, um sich den Behörden zu stellen.

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