Jona - Page 5

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spannender Mensch und die Richtige dafür gewesen zu sein, aber in seinem Alter etwas anzufangen mit …
„Ich möchte dir gerne meinen Freund vorstellen und was mindestens genauso wichtig ist, wir möchten dir gerne mal etwas zeigen, was dich vielleicht weiterbringt. Nur, tu mir bitte den Gefallen und meide derart peinliche Auftritte wie neulich.“
Auf einen aus der Hosentasche gezogenen Kassenbon schrieb Theresa ihren Namen, den Ort und die Uhrzeit, zu der sie sich ein Wiedersehen wünschte. Kaum war der Zettel übergeben, spürte Jona zwei leichte Klopfer auf seiner Schulter. Noch bevor er reagieren konnte, war Theresa bereits mit ihrem Skateboard unter den Füßen auf und davon.

21:00 Uhr bestätigte eine der Glocken des historischen Turms mit neun Schlägen. Die dazugehörige Kirche war eine alte Zeitzeugin, deren Grundsteinlegung sich einst nahe des Datums der Stadtgründung ereignet hatte. Jona kannte das Gebäude gut, schließlich wurde er dort getauft und konfirmiert, nur eine mögliche Trauung sollte ihn bis dato vergönnt sein.
Mit quietschenden Reifen schoss der weiße Sprinter um die Kurve und kam gerade noch rechtzeitig vor ihm zum Stehen.
„Na, sind wir nicht pünktlich wie die Beamten?!“
Zähneknirschend unterdrückte er eine spitze Bemerkung und schaute sich den Fahrer des Wagens etwas genauer an.
„Darf ich vorstellen, Tobi, mein Freund. Tobi, das ist … einen Moment, ich komme gleich drauf ...“
„Du Scherzkeks. Ich heiße Jona, freut mich dich kennenzulernen.“
Theresa rutsche in die Mitte der Fahrerkabine und Jona konnte somit ihren Platz einnehmen. Er gab Tobi und dessen Freundin ein wenig zu förmlich die Hand.
„Jetzt bin ich ja mal gespannt, wo die Reise hingeht.“
„Ach, du hast echt noch keine Ahnung?“
Tobi schaute kurz sichtlich verunsichert zu Theresa hinüber.
„Bleib mal cool, einfach machen ist doch viel besser als drüber reden …“
Das schien ja ein interessanter Abend zu werden. Jona konnte ein spontanes Lächeln nicht unterdrücken und harrte der Dinge, die da kommen würden. Bereits nach wenigen Minuten war die Fahrt schon wieder beendet. Trotz sommerlicher Helligkeit wirkte diese kaum befahrene Seitenstraße nicht besonders vertrauenerweckend. An deren Rändern saßen obdachlose Männer und Drogenabhängige, wie er unmittelbar von Theresa aufgeklärt wurde. Der Sprinter schien bereits erwartet worden zu sein und auch nicht zum ersten Mal in dieser Gegend aufzukreuzen.
„Hey Charly, du wolltest doch weiterziehen. Schön, dass du geblieben bist, sonst hab ich ja gar keinen mehr, der mir was nettes sagt.“
Sowohl Tobi als auch die anderen Anwesenden überschlugen sich daraufhin mit Komplimenten. Die Seitentür des Busses öffnete sich und Jona bekam ungefragt einen Stapel T-Shirts in die Hand gedrückt.
„So du Weltenretter, jetzt tu mal was. Jeder bekommt übrigens nur ein Shirt.“
Am Anfang hatte er noch große Berührungsängste. Auch die zum Teil bissigen Kommentare machten ihn mehr zu schaffen als gedacht. Kurz angebunden und nahezu schweigsam erfüllte Jona schließlich seinen Auftrag.
„Beim nächsten Mal seid ihr gefälligst ein bisschen netter zu unserem neuen Freund! Verstanden?! Und vergesst nicht, übermorgen könnt ihr wieder im Treff duschen und eine Zahnbehandlung kommt auch noch gratis oben drauf!“
Nachdem alle Güter verteilt waren, ging es zum nächsten Zwischenstopp. Bereits zwei Jahre engagierte sich Theresa ehrenamtlich beim Treff. Dieser Verein finanzierte sich ursprünglich ausschließlich durch Geld- und Sachspenden. Nicht nur ihren Freund hatte sie dort kennen- und liebengelernt, sondern auch den Entschluss gefasst Sozialarbeit zu studieren.
„Wir müssten eigentlich noch viel mehr tun, aber uns fehlen da einfach die Helfer. Am Anfang sind die meisten Interessenten begeistert, doch schon nach wenigen Tagen oder Wochen springen dann ganz viele wieder ab. Immerhin haben wir jetzt einen tollen Zahnarzt, der in unregelmäßigen Abständen den Jungs und Mädels in den Mund schaut. Seine Praxis ist übrigens direkt über dem Treff. Cool oder?!“
Ihre frische jugendliche Entschlossenheit fing langsam an Jona zu begeistern. Beim nächsten Halt fiel ihm das Ganze schon ein wenig leichter und spätestens gegenüber dem letzten Grüppchen an diesem Abend wirke sein Auftreten bereits ansatzweise routiniert.
„Ach komm, wir fahren dich ausnahmsweise nach Hause, zumal du so toll geholfen hast und dunkel ist es ja mittlerweile auch schon geworden.“
In diesem Moment mussten alle laut lachen. Nach sehr langer Zeit kam bei ihm ein wohliges Gefühl auf, endlich etwas wirklich sinnvolles getan zu haben. Spätestens jetzt wusste er, wer von seinem Geldsegen profitieren würde. Die Fahrt zog sich in die Länge, da Tobi beinahe ausschließlich durch Seitenstraßen fuhr. Zu Fuß sollte man sich spät abends besser nicht mehr in dieser Gegend blicken lassen, die umgangssprachlich als Ghetto der Stadt galt.
„Halt mal an, da war was!“
Tobi bremste scharf.
„Wo denn?!“
„Fahr dort drüben rein!“
Die Hoffnung auf eine lediglich brennende Mülltonne, was hier häufiger vorkam, wich dem blanken Entsetzen. Auf dem Boden am Ende der Sackgasse lag eine vermutlich obdachlose Person, umgeben von mehreren Jugendlichen, die im sicheren Abstand das Spektakel genossen und kommentierten. Geistesgegenwärtig fuhr Tobi mit Vollgas auf den Mob zu, der sich daraufhin sofort auflöste.
„Los, ruf einen Rettungswagen!“
Während Theresa zitternd die Notrufnummer in ihr Smartphone tippte, versuchte ihr Freund mit dem kleinen Feuerlöscher des Sprinters zu löschen. Jona eilte ihm zur Hilfe, nachdem er die kurz andauernde Körperstarre überwunden hatte. Durch vorsichtiges Wälzen des entzündeten Körpers auf dem Boden und mithilfe ihrer T-Shirts erstickten die beiden Männer alle restlichen Flammen. Ohne wertvolle Zeit zu verlieren, wurde mit der Wiederbelebung des ohnmächtigen Obdachlosen begonnen. Genau in diesem Moment entdeckte Jona einen der Täter. Wutentbrannt lief er ihm hinterher, schloss zu ihm auf und warf den Jugendlichen schließlich zu Boden. Mehrere kräftige Faustschläge landeten in dessen Gesicht. Vielleicht wäre Jona zum Mörder geworden, hätten dem Jungen nicht im letzten Moment seine Kumpels geholfen.
„Jona!!!“
Glück gehabt, der Schlag mit dem Baseballschläger hinterließ nur eine Platzwunde an seinem Hinterkopf.
„Scheiße! Diese Arschlöcher!“
Theresa half ihm wieder auf die Beine.
„Wie geht es dem Mann?“
„Er atmet wieder. Die Rettungskräfte kümmern sich gerade um ihn, aber ganz ehrlich, es sieht nicht wirklich gut aus. Eigentlich hätte die Polizei auch erscheinen müssen …“
Jona drängte sie ein wenig unsanft zur Seite.
„Ist das etwa die Lektion, die ich eurer Meinung heute lernen sollte?!“
„Jetzt mach mich doch nicht so an!“
Vergessen waren die berührenden Momente an diesem Abend. Tiefster Hass nährte jetzt seine Worte, den drohenden Untergang der Stadt wieder bebildert vor Augen habend.
„Ja, du und dein Freund, ihr seid wirklich gute Menschen

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