AU 2010 Gestrandet in Singapur... - Page 3

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wir am Schalter unsere Boarding Cards abholten zeigte es sich, dass der Computer für meine Frau keine Boarding Card für den KLM-Flug von Amsterdam nach Göteborg herausgeben wollte. Die Schalterdame beruhigte uns. Die Plätze sind reserviert und wir sollten uns die fehlende Boarding Card am Transitschalter am Flugplatz Schiphol geben lassen. Eine gewisse Restunsicherheit blieb uns aber und es sollte sich zeigen, dass auch die Zwischenlandung in Amsterdam ein gar nicht so kleines Abenteuer für sich wurde.

Bevor wir zu unserem Flugsteig gingen, schickten wir noch einige E-Mails. Wir waren auf eine längere Wanderung zu unserem Flugsteig vorbereitet, dies ist normal auf großen Flugplätzen. Meistens bekommt man Gehhilfe durch lange Laufbänder, mit deren Hilfe man seine Gehgeschwindigkeit verdoppelt. Die gibt es natürlich auch hier. Aber dann entdeckten wir etwas Neues. Auf einem Schild stand "Shuttlebus", ein speziell angepasster Zug, der die Reisenden schnell an die weiter entfernten Flugsteige bringt. Die Bodenhöhe des Zuges ist auf gleicher Höhe mit den Gehsteigen und man rollt einfach mit seinem Gepäckwagen durch die breiten Türen und ab geht´s im Minutentakt. In Singapur ist nur das Beste und Bequemste gut genug. Der geplante Abflug (00:30 Uhr) verspätete sich um 45 Minuten.
Im Gegensatz zum Hinflug saßen wir diesmal in der unteren Etage des neuen Airbus -Jumbo. Wir flogen nach Westen, also mit der Sonne.

***
Dies kleine Land

Sie hat viel die feine Stadt,
von allem nur das Beste.
Es ist eine reine Stadt,
das lieben ihre Gäste.

Ein Inselstaat, ein reiches Land,
einst britischer Besitz.
Sein demokratisches Gewand:
Für viele nur ein Witz.

Dies kleine Land, ich mag es:
Die milde Freude ihrer Nacht,
in der warmen Luft des Tages
das Bestaunen ihrer Pracht.

Meist junge Leute sieht man hier,
gut gekleidet und gelaunt.
Selbst ist man alt und trinkt sein Bier,
beobachtet und staunt.

Schattenseiten, ganz offenbar,
hat sie wie wir, nicht nur Licht.
Doch diese sind fast unsichtbar,
wir Kurzzeitgäste sehn sie nicht.

Ich fühl mich wohl, wie in der Kur,
bei dir und der Äquatorwärme.
Du, Löwenstadt = Singapur,
von dir ich freudig schwärme.

***
Amsterdam Schiphol
Nach 12 Stunden Flug im Dunkeln waren wir in Amsterdam, Schiphol. Wir waren müde, Gullan schlief vielleicht 2 Stunden, ich, wie üblich wenn ich fliege, gar nicht. Es war jetzt Samstag der 24. April, früh am Morgen.
Kurz bevor wir das Flugzeug verließen, kam eine Durchsage, die wir noch bei keinem Flug vorher gehört hatten: "Mrs. und Mr. Grigor werden gebeten, sich am Ausgang des Flugzeugs bei einem dort wartenden KLM-Angestellten zu melden."
Wir trafen einen stattlichen Herrn in einem blauen KLM-Anzug. Er hieß uns willkommen und überreichte uns einen 15-Euro-Gutschein, den wir auf einem der Cafés einlösen konnten. Wir bedankten uns, verstanden aber nicht den Grund für diesen freundlichen Empfang, der Mann gab keine Erklärung. Wir fühlten uns wie VIPs, da wir die Einzigen waren, die er so empfing. (Meine Vermutung ist, dass Singapore Airlines eine Mitteilung geschickt hat. Vielleicht waren wir ja die Einzigen, die diesen Flug außerplanmäßig machten.) Um nicht nur wie Fragezeichen auszusehen erzählten wir, dass uns eine Boarding Card für den Weiterflug nach Göteborg fehlt, beide Sitze aber laut SIA reserviert sind und wir die erforderliche Boarding Card wohl am Transitschalter bekommen werden. Der freundliche Mann bestätigte dies und sagte, dass wir zum Transitschalter T6 gehen sollten. Gullan und ich waren uns einig, dass KLM offensichtlich einen hohen Servicegrad hat. Diese Meinung änderte sich aber am Schalter T6.

Der Flug nach Göteborg ging in 2,5 Stunden und wir gingen in raschen Schritten los. Wir waren darauf eingestellt, dass vieles noch nicht so richtig klappt nach einer Woche Flugstopp in ganz Europa. Es war ein Glück, dass der KLM-Mann uns gesagt hat, dass T6 unser Transitschalter ist. Es gab nämlich zehn Stück zur Auswahl: T1 bis T10.
Beim Gehen (eher Laufen) dachte ich an meinen allerersten Flug überhaupt. Den machte ich hier in Schiphol 1965, einen Rundflug mit einer DC3. Seitdem muss der Flugplatz unheimlich gewachsen sein. Einen Shuttlebus wie in Singapur gab es hier aber nicht, zumindest nicht auf unserer langen Wanderroute. Auf alle Fälle gingen wir zwei Kilometer bevor wir zu T6 kamen.

Hier standen bereits eine Menge Leute in einer Schlange. Wir sahen kein Personal, das die Schlange organisierte. Wir fragten einen Mann vor uns betreffend Wartenummern. "Vorne an der Maschine", sagte er. Wir gingen nach vorn zur Maschine und rätselten an dem für uns unbekannten Gerät herum. Da kam eine blonde KLM-Dame und sagte, unfreundlich und gereizt, dass diese Maschine nur von KLM-Personal bedient werden darf. Wir fragten, was wir tun sollten um hier bedient zu werden. Sie sagte, dass wir unseren Flug an den uns ebenfalls unbekannten Eincheckmaschinen überprüfen oder uns am Ende der Schlange anstellen sollen, die mittlerweile noch länger geworden war. Wenn wir dann an der Reihe sind, erhalten wir eine Nummer für einen der Schalter im T6-Raum hinter einer Absperrung.
Die Dame war eindeutig gestresst und überarbeitet, es war zu wenig Personal hier. Einige der Wartenden verloren die Geduld, da sie ihren Anschlussflug vermissen werden. Man ahnte einen sich anbahnenden Tumult in dieser ersten Schlange. Wir waren übermüdet und unruhig, dass die Zeit für uns bis zum Abflug nach Göteborg nicht reichen würde. Ich flunkerte ein bisschen und erklärte der Blondine, dass wir im Flugzeug ausgerufen und aufgefordert wurden, uns schnellstens am Schalter T6 zu melden. Das machte Eindruck auf sie und sie gab uns unmittelbar einen Nummernschein. Die Leute vorn in der Schlange schauten etwas ungläubig. Wieder Glück gehabt. Die größte Hürde, nämlich die längste erste Schlange, haben wir leicht übersprungen. Die zweite, für den Eintritt zum eigentlichen T6-Schalterraum, war kürzer, wir hatten zwar 15 Leute vor uns aber es bedienten vier Schalter. Hier waren Stühle und wir konnten relativ entspannt darauf warten, dass unsere Nummer A014 auf dem Bildschirm erschien.

Aber die Zeit war knapp. Ich machte mich auf, um das nächste Café zu finden. Es war gleich um die Ecke. Die 15 KLM-Euro reichten genau für zwei Kaffee und zwei belegte Brote. Wenn wir unsere Boarding Card bekommen haben, werden wir gleich hierher gehen. Ich schaute auch nach, zu welchem Flugsteig wir uns begeben mussten: Gate D15. Auf einem Schild las ich, dass der Spaziergang dorthin ca. 19 Minuten dauert. Das wird knapp, dachte ich.
Als wir endlich den Transitschalterraum betreten durften, waren wir immer noch unsicher, ob wir die Boarding Card ohne Probleme bekommen würden. Hier waren vier Schalter und wir waren vielleicht 10 Wartende in der dritten Schlange. Als wir an der Reihe waren und ich schon zum Schalter ging, an dem ein Passagier gerade abgefertigt war, stand die Dame auf und erklärte, dass sie Mittagspause hat aber eine Kollegin ihren Platz übernimmt. Spannung bis zuletzt. Die Kollegin kam aber gleich, installierte sich und gab uns innerhalb einer Minute die Boarding Card. Wir waren erleichtert, gingen hinaus, warfen einen mitleidigen Blick auf die erste Schlange, die immer länger wurde, gingen zu dem kleinen Café, tranken den Kaffee und aßen das Brot im Stehen und gingen mit schnellen Schritten zu unserem Flugsteig, den wir in nur 10 Minuten erreichten.

Nach Göteborg
Wir mussten noch einige Minuten warten, bis wir in das Flugzeug durften. Ich war mir nicht ganz sicher ob die Tochter die E-Mail aus Singapur erhalten hatte, dass wir über Amsterdam nach Göteborg kommen und dadurch etwas später. Ich nahm unser Handy, um sie anzurufen. Vielleicht war ja die Batterie noch nicht ganz leer. In Australien und Neuseeland konnten wir es nicht anwenden und Batterielader hatten wir auch nicht mit gehabt. Sie meldete sich und ich sagte: "Hallo hier ist Papa, wir sind etwas.." Danach ging nichts mehr. Jetzt mussten Karin und ihr Mann unruhig sein, da sie nicht wussten warum wir anriefen und wo wir sind.

Wir stiegen in das kleine KLM-Flugzeug, planmäßiger Abflug 10:05, voraussichtliche Ankunft 11:55 in Göteborg. Es war nur halb voll. Warum meine Frau, im Gegensatz zu mir, in Singapur keine Boarding Card bekam, verbleibt ein Rätsel. Obwohl viele Plätze frei waren, hatten wir unterschiedliche Plätze. Wir wollten uns nebeneinander setzen. Die Flugbegleiterin klärte uns aber auf, dass dies erst nach Erreichen der Reisehöhe erlaubt ist. Gullan saß neben einer älteren Dame. Der Pilot war ungewöhnlich gesprächig. Er hieß uns willkommen und erklärte mit Überzeugung, dass keine Gefahr aufgrund der Staubwolke mehr bestünde.
Ich erwähnte schon, dass Schiphol ein großer Flughafen ist, er hat fünf Start- und Landebahnen. Der Pilot hat von der Flugleitung die am weiteste entfernte Startbahn angewiesen bekommen. Die Rollzeit bis dorthin würde ganze 15 Minuten betragen. Er beschrieb uns die Flugroute und was man bis Göteborg von oben auf welcher Seite sehen könnte. Er hielt die lange Rede auf holländisch und anschließend noch einmal auf englisch. Es war eine sehr ungewöhnliche Flugzeug-Fahrt bis zum Startplatz. Nach einigen Minuten hatten wir das gewohnte Flugplatzmilieu verlassen. Wir saßen in einem Passagierflugzeug, fühlten uns aber wie in einem Bus, der durch Holland fährt. Unser Rollfeld war schmal wie eine Straße. Sie führte, durch einen Zaun abgegrenzt, durch grüne Wiesen, auf denen Kühe weideten. Zweimal überquerten wir stark befahrene Autobahnen. Als wir endlich in die Startbahn einbogen gab der Pilot Gas ohne vorher anzuhalten. Er hatte wohl die Fahrerei satt, er wollte fliegen. Ich fand diese 15 Minuten ganz erfrischend.

Die Nachbarin meiner Frau war eine ältere, schwedische Dame, die sich mit einem Kreuzworträtsel beschäftigte. Sie fragte Gullan ob sie wüsste, was man mit ungezuckerten Preißelbeeren kurieren konnte. Ich saß auf der anderen Seite des Gangs und konnte dem Gespräch folgen. Meine kluge Frau sagte spontan "Harnleiterinfektion", was sich als richtig herausstellte. (Sie sagte mir später, dass sie nicht wusste, warum sie dies wusste.)

Es folgte ein Gespräch, das sich fast in die unglaubliche Richtung entwickelte wie das mit der 102-jährigen Dame in einer Straßenbahn in Melbourne 2008, mit der Schwedischen Kirche und der besten Freundin meiner Frau in der Hauptrolle. (Dies wird eine separate und höchst unwahrscheinliche Erzählung.)
Die Dame, sie hieß Anna, erzählte, dass sie gerade aus dem warmen Afrika kam, aus Tansania. Dort arbeitet sie seit fünfzig Jahren für eine Mission der Schwedischen Kirche. Sie kümmert sich um elternlose Kinder. Sie hat ihr Elternhaus nördlich von Göteborg aber immer noch in Besitz und kommt seit sie pensioniert ist jedes Jahr für fünf Monate nach Schweden. Die restliche Zeit arbeitet sie weiterhin in dem Kinderheim in Tansania. Gullan wusste, dass ihre Freundin Bibi und ihr Mann vor 40 Jahren als junge Missionare in Tansania gearbeitet hatten (sie heirateten 1972 am Fuße des Kilimandscharo), und fragte Anna ob sie die beiden kennt. Nein, antwortete Anna, der Name Bibi sagt ihr nichts, aber sie kennt eine Carina, die auch in Tansania war, ihr Mann ist Priester. Gullan sprang fast auf: Bibi (eigentlich Siv-Britt Carina) nannte sich bei ihren verschiedenen Auslandsaufenthalten Carina, und sie ist mit einem Priester verheiratet. Sie hat auch in Liberia gearbeitet. Doch schließlich einigten sie sich darauf, dass es sich um verschiedene Personen handeln musste. Aber es war nahe dran.

Gullan setzte sich zu mir als ich ihr sagte, dass man Skagen im nördlichsten Dänemark sehr gut an meiner Seite sehen konnte. Danach kam die schwedische Küste mit den vielen Inseln. Wir waren im Sinkflug auf Göteborg, das wir bei bestem Wetter von oben betrachten konnten, und landeten nach einigen Minuten in Landvetter. Nach drei inhaltsreichen Monaten waren wir wieder in Schweden.

Ich hob Annas Koffer aus dem Gepäckfach und sie belohnte mich mit dem deutlichen und für alle hörbaren Hinweis, "dass es immer noch Kavaliere gibt". Wir gingen zusammen durch den Gang in Richtung Ausgang. Da wurden wir wieder Zeuge eines zufälligen Zusammentreffens: Anna sieht überraschend auf eine ihr offensichtlich bekannte Frau. Beide umarmten sich freudig. Diese Frau arbeitet auch für die Mission der Schwedischen Kirche in Tansania aber an einem anderen Ort. Sie haben sich schon lange nicht mehr gesehen. Beide waren schon die lange Strecke nach Amsterdam im gleichen Flugzeug, ohne von einander zu wissen. Beide gingen nun zusammen und redeten aufgeregt, bis wir sie an der Gepäckausgabe aus den Augen verloren.

Hier warteten wir auf unser Gepäck und waren gespannt ob Karin und ihr Mann auf der anderen Seite des Ausgangs auf uns warteten.

***

© Willi Grigor, 2010 (Rev. 2016)

Prosa und Gedichte:
https://www.literatpro.de/willi-grigor

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