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Tote erzählen aus einem Friedhof im südlichen Lappland - Page 4

Bild von Willi Grigor
Bibliothek

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- ein Waldgebiet nahe Vilhelmina
Lyrikvännen (Lyrikfreunde) - Poesiezeitschrift
Karin Boye - war eine Poetin

Torsten Mannelqvist

Stockholm war Rom
und wir waren die römischen Provinzen.

Und so wie die Römer früher von dem
Rest des Römischen Reiches versorgt wurden,
wurden die Stockholmer von uns versorgt.

Wir trugen bei mit Wasserkraft, Wald
und mit unseren Kindern,
die nach ihrem Studium
südwärts reisten und Römer
mit römischen Gewohnheiten wurden.

Ein Römerweg wurde bis zu uns gebaut
in Form einer Inlandsbahn,
die nun wegrostet
und nur für den Touristenverkehr
im Sommer verwendet wird.

Wir lagen zu weit weg
hier oben im Teutoburger Wald.

Gewiss gab es Stimmen hier,
und Fernsehen und Radio
kamen einige Male von Stockholm
zu uns, aber es kamen
auch römische Reisende
in das Sumpfland.

Natürlich gaben wir einen Beitrag zur Literatur,
aber alle Schlaglochwege führten nach Stockholm,
und in Stockholm
schrieb man die Geschichte des Cäsar.

Tief in unserem Inneren wussten wir,
dass wir alle bald vergessen sein würden,
wenn Cäsar das Blatt wendet.

Olle Lindberg

Ich fuhr mit dem Schulbus
zwischen dem Wohnort und Vilhelmina.

Jeden Abend, wenn ich heim kam,
sagte Mama:
Du musst studieren,
du musst die Hausaufgaben machen,
du darfst nicht so werden
wie Papa.

Der Bus kam am
Tannenberg vorbei,
wo Papa an einem Wegbau arbeitete,
das war nachdem die Arbeit
im Wald für ihn beendet war.

Und jeden Tag
fuhr der Schulbus am Tannenberg vorbei,
und jedes Mal
wandte ich mich ab von dem Mann,
der dort unten im Graben stand.

Aber am Abend
lag ich im Bett mit den Knien
unter dem Kinn
und schämte mich,
ein Drahtpuzzle,
das nie seine Lösung bekam.

Berit Eriksson

Hier endet der öffenliche Weg,
stand auf dem Schild
dreißig Meter vor dem Haus westwärts,
und das war ja richtig
in mehrerer Hinsicht.

Auf der Nordseite eines Berges
wachsen die Menschen so langsam
wie das Tannenholz für eine Stradivari.

So sagte er,
und das wollte man ja glauben.

Aber ich wusste nichts
von seinen langen, dunklen Perioden,
da in seiner Nähe gar nichts
wachsen durfte,
und dass er mit seinem Gewehr
saß und auf mich zielte.

Und ich glaubte nicht,
dass dieses schlimmer
und schlimmer werden würde.

Monate und Jahre schaute ich auf das Schild.
Und eines Tages nahm ich meine Tasche,
ging Richtung Westen in den Wald,
in die Gegend der großen Moore.

Meine Augen waren ständig auf den
weit entfernten Marsberg gerichtet.
Aber er kam mir entgegen,
kurz vor dem Vogelweinberg.

Das Blut rann auf das Wollgras
und bekam rote Häupter,
die sich vor mir verneigten,
als ich hineinglitt in das Unbekannte.

Valdemar Andersson

Es ist schlimm, wie ein Mensch
sich selbst betrügen kann.

Ich glaubte immer, dass das Problem
die Weltentwicklung war,
und schrieb deshalb Lesebrief für Lesebrief
an die Zeitung Volksblatt,
die sie fast immer publizierte.

Ich zog Nixon an den Ohren,
und Reagan und diesen Bush.

Ich sparte kein Pulver betreffend
der Entwicklung in Norwegen,
und ich hatte auch Ansichten
was Kindertalkmittel betraf.
Ich schlug Kartoffelmehl vor!

Ich war wie eine zornige Wespe
an der Fensterscheibe der Welt,
durch die ich nie kam,
trotz meiner bestimmten Auffassung,
dass der Suezkanal geschlossen werden sollte!

Zum Schluss war keine Tinte mehr im Federhalter,
so wie das Wasser in einem Bach
beim ersten Schneefall im Herbst.

Ich legte alles zur Seite,
ging und schaute mich lange und genau
in den Spiegel, erfüllt von dem Gefühl,
dass unter all dem, was ich sagte,
etwas Einfacheres gab:

dass einmal in meinem Leben
mich jemand an der Hand gehalten hätte
und dies wirklich wollte.

Åke Svensson

Je mehr ich versuchte, mich selbst zu verstehn,
desto weniger begriff ich.

Wer war ich?
Wohin sollte ich?

Weshalb lebte ich?

Ich war nicht einer, ich war nicht zwei,
ich war, wenn ich genau hinschaute,
Hunderte und Aberhunderte Menschen,
unzählbar wie die Langhölze
unten in der Ablage am Vojmån.

Es war so, dass man vor sich selbst
Angst hatte.

Wer war ich?

Ich ging in den Kahlschlag,
stellte mich unter den Himmel und weinte,
denn ich begriff nichts von dem großen Rätsel,
das ich flüchtig Ich nannte.

Wer war ich?
Wohin sollte ich?

Weshalb lebte ich?

Ich bekam nie eine Antwort.

Aber es ist wohl mit dem großen Rätsel
wie mit dem großen Felsen am Lillsiksjön;
man muss um ihn herumgehen,
wenn man weiterkommen will.

Vojmån - Nebenfluss des Ångermanälven in der schwedischen Provinz Västerbottens län (der historischen Provins Lappland)
Lillsiksjön - ein kleiner See

Arvid Sjöberg

Habt ihr einen toten Elch
vorbeispringen sehn?

Ich saß auf einem Hochsitz, als er kam,
und traf ihn auf den Punkt,
er starb natürlich,
aber er sprang weiter, in den Tod,
so wie ein Hahn in den Tod fliegt,
wenn man ihm den Kopf abschneidet.

Habt ihr ihn gesehen?

Das ist die Frage, die ich stellte und stelle.

Ich war ja ein bisschen nervös in meinem Leben,
das will ich zugeben,

es war wohl mehr als einmal,
dass ich zurückging, um zu sehen,
ob ich den Herd zugemacht hatte.

Der Mensch hat eine Unruh in sich,
manche mehr,
manche weniger,
aber das bedeutet ja nicht,
dass man schlechter zielt.

Ich frage noch einmal:

Habt ihr einen toten Elch
vorbeispringen sehn?

Habt ihr einen gesehen, dann zeichnet einen Pfeil
hinten auf des Schullehrers Grabstein,
damit ich sehe in welche Richtung er sprang.

Rune Bäcklund

Erst reisten sie nach Amerika,
dann nach Kanada,
und als sie am Ende der Welt angekommen waren,
fuhren sie nach Uppland
und blieben dort, nahe einem Glockenstapel
und einer Steinkirche.
Ich hätte auch in die Welt reisen sollen.
Der Lohn war besser.
Der Boden war besser.
Der Frühling war lang und der Sommer warm.
Aber ich blieb hier
und wurde der größte Raufbold auf dem Tanzplatz.
Ich kämpfte, bis das weiße Hemd rot war.
Man hatte Angst vor mir.
Aber was half mir das,
da ich doch Angst vor mir selbst hatte
und nicht wagte, das Leben
dort draußen zu prüfen.

Uppland - ist eine historische Provinz Schwedens. Uppland liegt an der Ostsee und besteht aus der heutigen Provinz Uppsala län.

Hildur Wahlström

Es war ein Licht in mir,
ein brennendes Licht
in einer Leuchte innen in mir,

eine Leuchte, die an einem kleinen, dünnen
Nagel innen in mir hängte,

und die Leuchte schwang
vor und zurück, während
die Tage vorbeizogen, wie die Holztransporter,
die zum Sägewerk in Lycksele fuhren
und das Haus zum Schwanken brachten,

und die Leuchte schwang
und schwang,
aber der Nagel in mir hielt stand.

Und nun, hier zu Allerheiligen, fragen alle,
wer die Kerze an meinem Grab
aufgestellt hat.

Es ist kein Kerzenlicht,

es ist das Licht der Leuchte,
das immer in mir gebrannt hat.

Elin Mattsson

In mir war immer die falsche Jahreszeit

Anfang Juni wirbelte
bereits das gelbe Laub in meiner Brust, während
meine Kameradinnen auf der Badeklippe lagen und
in das sprudelnde Leben im Sandboden schauten,
wo im Schein der Sonne die Fischlarven spazierten.

Im September keimte
plötzlich ein Huflattich in mir, der gelb
und munter sich in den ersten Schnee erhob,
um gleich wieder zurückzufallen, so, wie wenn
ein Sandhaufen in der Kiesgrube in Bäsksele
sich nicht mehr halten kann
und abstürzt.

Ich war ein Kanalwähler an einem Radio,
der immer vergebens suchte.

Und ich schaffte es nie, mich auf die richtige
Jahreszeit einzustellen, bevor ich starb
draußen im Schneetreiben, leicht gekleidet
wie im Hochsommer.

Bäsksele - ein kleiner Ort in der Gemeinde Vilhelmina

Klas Ove Lövström

Ich will meinen Einsatz gleichstellen
mit Karl

© Willi Grigor, 2020
Übersetzung des Buches von 2020 "På kyrkogården i södra Lappland" des schwedischen Dichters Börje Lindström. Mit freundlicher Genehmigung des Autors.

Die Kirche in Latikberg, in der der Autor Börje Lindström aufgewachsen ist. Foto Börje Lindström

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Interne Verweise

Kommentare

13. Dez 2020

Leben, das in Worten steckt,
Wurde sofort stark geweckt!

LG Axel

13. Dez 2020

Tote, die für uns berichten
wie sie lebten, liebten, strebten,
können einen Hinweis geben
auf unsre eigenen Geschichten.

LG
Willi

14. Dez 2020

Wunderbare Geschichten stecken in den Gedichten, lieber Willi,
klingen so heimisch, die da schreiben, sind ganz bei sich.
Mit Freude gelesen, vielen Dank!

Herzliche Grüße,
Monika

14. Dez 2020

Das fand ich auch.
Deshalb habe ich das ganze Buch übersetzt, über 100 Gedichte.

Danke Dir, Monika
Willi

14. Dez 2020

Hoch interessant, was ich da lese - diese Gedichte so "kongenial" zu übersetzen - ist eine große Kunst, Hut ab davor, lieber Willi.

Liebe Grüße - Marie

14. Dez 2020

Schön, dass Du das so siehst, Marie.
Aber die Übersetzung ist nicht so schwer, wenn man einen Text hat, der einem unter die Haut geht. Und in diesem Buch gingen mir so gut wie alle 110 unter die Haut. Ich habe die letzten 4 Wochen nichts anderes gemacht als übersetzen.
Dazu kommt, dass Börje Lindström (68) ein spezieller Typ ist, meine ich. Ich kenne ihn nicht persönlich.
Sein Leben war wohl nicht ganz so einfach, wie man aus seinen Texten herauslesen kann.
Aufgewachsen in einem kleinen Nest in Lappland. Wich von der dortigen Norm ab." Flüchtete" nach Stockholm. Tauchte als Dichter für 30 Jahre ab. Dann hatte er im Mai 2017 "eine Serie starker Träume" und schrieb bis Ende August 27 Gedichte, aus denen das Büchlein "Björkarna" wurde.
2020 dann das Buch, das ich übersetzte.
Ich bin tatsächlich etwas traurig, dass es vorbei ist. Ich hatte Freude mit den Toten, obwohl die meisten der Personen ein nicht so einfaches Leben hatten.

Ich wünsche Dir eine gute Nacht, Marie
Willi

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