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Tote erzählen aus einem Friedhof im südlichen Lappland - Page 5

Bild von Willi Grigor
Bibliothek

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Alenius' Fischernetz,
das im Herbststurm
im Bomsee davontrieb.

Jahrelang fischte es, ohne dass es entleert wurde,
man fand es an einem Julitag im Osten des Sees.

Tausend Fische verfingen sich im Netz,
aber von diesen verblieb nur ein abgenagtes
Skelett vom Maul eines Hechtes.

Tausend Projekte setzte ich in Gang,
darunter die Skifabrik in Rörmyrkullen
und den Wohnwagenplatz in Ulvoberg.

Und das, während meine Ehefrau sagte:

Du bist kein Geschäftsmann, Kalle.

Ich antwortete:

Liebe Frau, ich baue
ein Imperium!

Ja, ich knüpfte mein Finanznetz
so sorgsam, wie ein Maränennetz
von AG Grönlunds Fischereigeräte!

Aber mein Netz zerriss,
und in den Konkurswogen verschwand alles.

Das einzige, was übrigblieb,
war ein weißer Wohnwagen
mit einem punktierten Reifen,
und die Tür hing
auf halb acht,
ein Hechtmaul
wiegte sich im Wind.

Ich höre das Knirschen,
wenn der Wind kommt
von Nordost
und über mein Grab bläst,
indem ich liege,
und überlege, ob ich
Angelwürmer verkaufen sollte.

Olle Andersson

Ich ging zurück in meinen Heimatort
und kaufte Jonnys Haus,
und bekam die schönste Aussicht
auf den Marsberg.

Aber miemand wusste mehr,
wer Ludvig Larsson war, der Landstreicher,
der einsam auf dem Berg wohnte.
Niemand erinnerte sich an Qvarnström,
den Lehrer, und niemand an mich.

Natürlich redete ich
mit den wenigen, die noch im Ort wohnten,
und es kam auch einer, der meine
Schneeschaufel leihen wollte,
aber ich war einsam hier
in meinem Geburtsort, ohne Wurzeln.

Ich rief meine Bekannten in Stockholm an
und lud sie alle ein,
aber niemand wollte kommen.

Ich konnte nicht begreifen, dass ein ganzer Ort
so aussterben konnte.

Es war wie in Eddan,
das Vieh stirbt, Freunde sterben -
mit dem Unterschied, dass auch
die Erinnerung an die Toten gestorben ist.

Als ich vor unserem alten Haus stand,
starrte ich durch die zerschlagenen Fenster,
und als ich zwischen den Schlaglöchern
der Landstraße ging und mit meinem Stock
das Signal unserer Clique gab,
bekam ich keine Antwort.

Eines weiß ich, was ganz sicher stirbt:
die kleinen Orte im ländlichen Raum.

Eddan - eine Sammlung nordischer Gedichte mit göttlicher und mythologischen Motiven.

Eva Eliasson

Der Veteran-Astronaut Niel A. Armstrong
setzte als erster Mensch
der irdischen Menschlichkeit
seinen Fuß auf den Mond.

Ein kleiner Schritt für einen Menschen -
ein großer Sprung für die Menschheit!

Armstrongs Fußabdruck im Mondstaub
wird durch Sonnenwind, Strahlung und Meteoriten
in 500 000 Jahren verschwunden sein.

Dennoch war dieser Schritt
von weniger Bedeutung
als mein Sprung hinaus in den Schneematsch
an jenem Frühlingstag im April,
als ich endlich meinen Ehemann verließ,
der ständig soff
und mich mit dem Gürtel schlug.

Und meine Fußspur lag wohl nur
eine knappe Minute,
bevor sie verschwand - so wie ich!

Agnes Bergström

Auch wenn Tausend mich mochten,
suchte ich
nach dem Tausendundersten,
der mich hasste.

Auch wenn Tausend mir trauten,
suchte ich
nach dem Tausendundersten,
der mir misstraute.

So lebte ich mein Leben
in ständiger Jagd auf das Dunkle -
und fand es überall.

Ich habe nie verstanden,
warum es so sein sollte,
wie es war.

Inez Eliasson

Vom ersten Tag an wurde ich verhöhnt,
als ich in diesen Ort kam.

Ich wurde verhöhnt
für meine Frisur,
für meine Art zu gehen,
für meine Art zu reden.

Und am meisten wurde ich verhöhnt
von ihm, den ich heiratete.

Ich kam von besseren Verhältnissen,
wir hatten zwei Kühe mehr als sie.
Das war ja lächerlich, aber
das meinte weder er noch seine Verwandtschaft.

Und kein Wasser gab es an diesem Ort,
keine Verbindung hinaus in die Welt.

Ich war an den Fluss Vojmån gewöhnt,
aber hier gab es nur ein Moor,
ein langgestrecktes Sumpfgebiet,
in dem einmal Wasser stand.

Hier gab es nur Kälte, Dunkel und seinen Hohn.

Man sagte, dass ich zu weit weg
von der Wirklichkeit aufgewachsen bin,
obwohl mein Kindheitsort
nur zehn Kilometer entfernt war.

Oh, wie ich es bereue,
dass ich nach hier kam!

Und nun liege ich in meinem Grab
hier im Friedhof,
obwohl ich begraben werden wollte
in Vilhelmina.

Dies war der letzte Hohn!

Harald Nilsson

Es galt zu wissen,
wo es Schnaps gab.

Das Abholzen im Wald die ganze Woche
war ein einziger Kampf,
immer wieder dieser verteufelte Kampf.

Wer schlug das meiste Holz,
wer verdiente am meisten?

Niemand trieb uns zum Wetteifern an,
das machten wir freiwillig,
zum Teil wegen des Geldes,
aber hauptsächlich,
um einen Gewinner des Kampfes zu haben.

Wir schlugen und schlugen,
und unsere Seelen wurden dunkler und dunkler.

Und am Ende der Woche
kam der Schnaps,
und wir wetteten, wer am meisten trinken kann,
und plötzlich spürten wir,
wie wir leichter wurden
und in den Himmel stiegen
wie die Heiligen in den biblischen Erzählungen.

Aber wenn kein Schnaps mehr da war,
sanken wir nach unten,
in den Wald, in den Schnee
und in die Hütte -

Nun galt es zu wissen,
wo es Schnaps gab,
und Elsa Lidberg per telefon zu wecken
und ein Taxi zu bestellen,
und nach Bäsksjö, Ulvoberg,
Risträsk zu fahren,
und in abgelegenen Häusern zu gehen
um Schnaps zu leihen,
um weiter fliegen zu können
über des Lebens Elende.

Es galt zu wissen,
wo es Schnaps gab.

Stig Lindberg

Ich schikanierte alle!

Saßen wir in der Waldhütte
und aßen, schüttete ich die Milch
auf den Tisch und schob
den Finger über die Scheibe,
sodass ein Milch-Rinnsal
auf John Lindgrens Knie floss.

Gott, was ich lachte.

Ich betrug meinen besten Freund,
verführte seine Frau,
verlobte mich mit ihr
und lachte ihm
ins Gesicht,
als er weinte.

Doch hatte ich für Frauen nichts übrig,
schmiss sie raus,
die eine nach der anderen.

Ich bekam Geld,
ich erbte
und wohnte im schönsten Haus des Ortes,
und hatte Bagger,
Traktor und Schneefräse,
es sah aus wie im Spielzeugkasten
eines Kindes.

Bei der Elchjagd schoss ich die Mützen
von den Leuten auf dem Hochsitz
und lachte,
wenn jemand klagte.

Das war ja mein Wald!

Ab und an sagte ich zu mir,
dass ich ein Drecksack bin, und wollte
mir das Leben nehmen. Dummheiten!
Aber so war es!
Aber meistens soff und prügelte
und tyrannisierte ich,
bis zu dem Tag, da ich zum Arzt ging,
der mir sagte,
dass es schlecht um mich bestellt ist.

Dann starb ich Knall und Fall,
und nun liege ich hier im Grab, und wenn
ich mein Leben noch einmal leben dürfte,
würde ich alles wieder so tun, wie ich es tat,

mit einer Ausnahme -

Ich würde dem Doktor auf die Schnauze hauen,
er war der Anlass,
dass es mit mir ging wie es ging!

Tage Mannelqvist

Ich verlor einen Arm im Steinbrecher
und bekam eine Protese.

Es ging einigermaßen,
außer, wenn es juckte in der Hand,
die gar nicht da war.

Da nahm ich die Protese ab und kratzte
am Armstumpf,
aber die Hand, die unsichtbar
und seit Langem weg war,
juckte dennoch.

Das mit dem Arm war wohl so
wie mit dem Leben selbst:
man verlor eine Liebe für immer,
aber dennoch sitzt man da
und schreibt Briefe
und hat Zukunftsgedanken,
ohne einsehen zu wollen,

dass alles vorbei ist,
und man in der leeren Luft
das Vergangene sucht.

Ich glaube den Buddhisten, die sagen:
Die Welt ist eine Illusion.

Katarina Gebart

Ich baute eine Stadt
auf dem Spielzeugtisch.
Ein Taschenspiegel
war der kleine See in der Stadt.

Ich hatte Brücken,
Menschen und Tiere,
und die Menschen in der Stadt
waren meine Menschen.
Sie kamen nie betrunken heim,
sie stritten sich nicht,
und richteten nie ein Gewehr in den Magen
derer, die zu Besuch kamen.

Sie fuhren in dem roten Bus,
und machten Urlaub
an dem kleinen See
mit ihren kleinen, blauen Taschen.

Manchmal, wenn Wolken und

© Willi Grigor, 2020
Übersetzung des Buches von 2020 "På kyrkogården i södra Lappland" des schwedischen Dichters Börje Lindström. Mit freundlicher Genehmigung des Autors.

Die Kirche in Latikberg, in der der Autor Börje Lindström aufgewachsen ist. Foto Börje Lindström

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Interne Verweise

Kommentare

13. Dez 2020

Leben, das in Worten steckt,
Wurde sofort stark geweckt!

LG Axel

13. Dez 2020

Tote, die für uns berichten
wie sie lebten, liebten, strebten,
können einen Hinweis geben
auf unsre eigenen Geschichten.

LG
Willi

14. Dez 2020

Wunderbare Geschichten stecken in den Gedichten, lieber Willi,
klingen so heimisch, die da schreiben, sind ganz bei sich.
Mit Freude gelesen, vielen Dank!

Herzliche Grüße,
Monika

14. Dez 2020

Das fand ich auch.
Deshalb habe ich das ganze Buch übersetzt, über 100 Gedichte.

Danke Dir, Monika
Willi

14. Dez 2020

Hoch interessant, was ich da lese - diese Gedichte so "kongenial" zu übersetzen - ist eine große Kunst, Hut ab davor, lieber Willi.

Liebe Grüße - Marie

14. Dez 2020

Schön, dass Du das so siehst, Marie.
Aber die Übersetzung ist nicht so schwer, wenn man einen Text hat, der einem unter die Haut geht. Und in diesem Buch gingen mir so gut wie alle 110 unter die Haut. Ich habe die letzten 4 Wochen nichts anderes gemacht als übersetzen.
Dazu kommt, dass Börje Lindström (68) ein spezieller Typ ist, meine ich. Ich kenne ihn nicht persönlich.
Sein Leben war wohl nicht ganz so einfach, wie man aus seinen Texten herauslesen kann.
Aufgewachsen in einem kleinen Nest in Lappland. Wich von der dortigen Norm ab." Flüchtete" nach Stockholm. Tauchte als Dichter für 30 Jahre ab. Dann hatte er im Mai 2017 "eine Serie starker Träume" und schrieb bis Ende August 27 Gedichte, aus denen das Büchlein "Björkarna" wurde.
2020 dann das Buch, das ich übersetzte.
Ich bin tatsächlich etwas traurig, dass es vorbei ist. Ich hatte Freude mit den Toten, obwohl die meisten der Personen ein nicht so einfaches Leben hatten.

Ich wünsche Dir eine gute Nacht, Marie
Willi

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