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Tote erzählen aus einem Friedhof im südlichen Lappland - Page 7

Bild von Willi Grigor
Bibliothek

Seiten

in den Herbst,
wiederholte ich mein Badebuchtwunder!

Aber eines Tages
kam der Nüchternheitsausschuss
und verschloss das Loch.

War es verwunderlich, dass ich starb?

Systembolaget - die staatlichen Alkoholgeschäfte in Schweden

Fridian Jonsson

Ich wanderte immer einsam
die Landstraße entlang.

Ich war dafür bekannt.

Und Autos von Osten hielten an
und fragten mich:

Wie komme ich nach Vilhelmina?

Geradeaus, sagte ich.

Und Autos von Westen hielten an
und fragten mich:

Wie komme ich nach Vilhelmina?

Geradeaus, sagte ich.

Und ich ging
von der Kirche zur Schlachterei
und wieder zurück.

Wo liegt Umeå, Paris,
der Nordpol, der Südpol,
Amerika und Gott?

Geradeaus!

Und es kamen Raggare aus Hoting,
Ärzte aus Lycksele
und Elchjäger aus Uppland,
und alle
wolten das Wort hören:

Geradeaus!

Denn der Mensch will gerne
eine Antwort haben,
auch wenn er weiß, dass sie falsch ist.

Wo liegt mein Schicksal,
im Westen, im Osten,
im Süden oder Norden?

Geradeaus!

Dies war meine Antwort,
so war es immer
und so sollte bleiben.

Geradeaus!

Raggare - Meist junge Männer, die mit amerikanischen Oldtimer durch die Straßen fahren.
Hoting - ist eine Ortschaft in der schwedischen Provinz Jämtlands län und der historischen Provinz Ångermanland in der Gemeinde Strömsund.

Alma Persson

Es braucht so wenig,
eine Umarmung,
eine Berührung mit der Hand,
das reicht.

Aber seine Hände waren
so hart wie die Tannenrinde,
und seine Augen waren leer.

Ich tat alles, was ich konnte.
Ich gebar seine Kinder.
Ich pflegte seine Mutter.

Ich kochte,
ich flickte die Kleidung.

Ich tröstete ihn,
wenn er voll war,
und ich wischte mit
dem Handtuch seinen
Schweiß aus der Stirn.

Ich saß lange Sonntage
und wartete auf ein
einziges freundliches Wort,
ein einziges Danke.

Es braucht so wenig,
eine Umarmung,

eine Berührung mit der Hand,
das reicht.

Das Einzige, was ich bekam,
war ein hönisches Grinsen.

Kristina Andersson

Wie wunderbar war doch mein Leben!

Ich hatte zwei Beine,
ich konnte gehen, wohin ich wollte.

Ich hatte zwei Arme,
ich konnte greifen, das was ich wollte.

Ich hatte einen Kopf,
ich konnte meine eigenen Gedanken denken.

Ich war glücklich!

Johan Petter Lindström

Bevor ich starb, schliff ich alle Äxte,
die auf einem Brett an der Tür des Stalles hängten,
und jede Sense, bis sie scharf wie eine Rasierklinge
war, legte jeden Nagel geordnet in die roten
Kaffeedosen, auf denen Gevalia Kaffee stand.
Dann ging ich hinaus in den Wald, machte die
Grenzlinien deutlicher und nahm das Unterholz weg.

Danach ölte ich die Motorsäge,
stellte sie in die Werkzeugbude und ging dann
in die Brennholzbude, die bis unter dem Dach
voll von gespaltenem, trockenem Birkenholz war.

Und als ich den Holzofen geschwärzt hatte,
was üblicherweise im Sommer gemacht wurde,
lag ich etwas Holz und Anzündstäbe hinein und
stellte eine Streichholzschachtel auf die kalte Platte,
damit man sie gleich sah, wenn man in die Küche kam.

Dann schaute ich zum letzten Mal in den Rinderstall,
in dem alles glänzend sauber war.

All dies tat ich deshalb,
damit derjenige, der an meine Stelle kommt,
es einfacher hat
in Gang zu kommen.

Aber keiner ist gekommen.

Elsa Jonsson

Es war ein Montag,
ein ganz gewöhnlicher Montag.

Er hieß Roy und hatte
ein Motorrad Husqvarna, mit Seitenwagen.
Mein Fahrrad hatte einen Platten,
diesseits der Eisenbrücke in Bäsksele,
als er kam.

Seine Hände waren geschmeidig
und seine Augen blau,
und das Haar war zerzaust
von einem Wind
am Vinga Leuchtturm.

Komm mit nach Göteborg, sagte er,
ich habe einen Job bei Volvo.

Aber ich war verlobt.
Wir trennten uns als Freunde
jenseits der Eisenbrücke.

Es war ein Montag,
ein ganz gewöhnlicher Montag.

Jedes Jahr
male ich Blumen um den Tag
im Landwirtschaftskalender.

Bäsksele ist ein Dorf im schwedischen Lappland.
Vinga ist die westlichste, am weitesten im Meer liegende Insel des Göteborger Schärengartens westlich von Göteborg.

Ingrid Hagelberg

Denk, soviel es einmal gab
in diesem Ort,
Schule, Bootswerft, Café im Obergeschoss
von Sven Lidbergs Haus, zwei Geschäfte,
Post, Fahrradwerkstatt,
Landwirtschaftskasse,
Sägewerk, Bäckerei
und noch mehr.

Und dann gab es nichts mehr.

Zum Sommer
kamen die Rückkehrer,
und der Ort lebte auf
für eine Weile.

Aber wenn man im Winter
im Dunkeln auf den Ort schaute, sah man
nur einige wenige beleuchtete Fenster.
Es war wie ein Universum,
in dem Stern für Stern erlischt,
und alles langsam schwarz wird.

Man blieb im Haus
und wartete auf sein eigenes Dunkel,
kochte etwas Kaffee
und sah sie im Fernsehen,
sie, die so viele Kerle hatte.

Sie lächelte so freundlich,
aber rauf zu uns
kam sie nie.

Ulf Jonsson

Ich begriff nie, von was sie sprachen.

Auf der einen Seite
sollte man den Heimatort bewahren
und auf der anderen die ganze Welt.
Man sollte an die Umwelt denken,
an die alleinkommenden Kinder
und engagiert sein.

Ich arbeitete, wie ich es immer tat,
und wenn ich nach Hause kam
und saß vor der Garage mit dem Hund
und trank mein Bier,
kam der Schullehrer vorbei und sagte:

Ja, wenn man es doch so gut hätte wie du.

Im Winter reiste ich immer einige Wochen
nach Thailand,
da war es warm
und das Bier billig.

Wohl sah ich,
dass die Welt um mich
dabei war, auseinanderzufallen,
aber ich arbeitete, wie ich es immer tat,
und scherte mich um nichts anderes,
außer um das Bier und den Hund
und die Thailandreise.

Krank war ich nie,
gestresst war ich nie.

Froh war ich immer.

Wenn ich es richtig verstanden habe, dann war ich
ein Mensch, den niemand mochte,
aber alle dennoch so sein wollten.

Teresia Gustafsson

Wenn selbst du nichts zum Leben hast,
dann lebe für die Wolken
und die Rindenboote im Bäsk-Fluss
und für den Fischadler, der unten im
Lillsiks-See sein Nest baut.

Lebe für das Laub, das im Herbst
im Fensterrahmen festsitzt
und zu dir hineinschaut.

Selbst lebte ich für den ersten Huflattig im
Frühling und für das Fladenbrot
von Bäsksele,
zu der Zeit als Edit es buk!

Dann wurde es wohl dunkler,
aber darauf brauchen wir ja jetzt nicht eingehen.

Bäsksele - ein Ort im südlichen Lappland

Bo Göran Svedberg

Unser Dialekt hatte für alles
in Wald und Flur einen Namen.

Sogar die Tannennadel hatte
zwei besondere Worte: auf dem Baum
hieß sie Dargnadel, aber im Fall
änderte sie den Namen
von Dargnadel in Darg,
Darg war eine Tannennadel,
die auf dem Boden lag.

So rasierklingenscharf war unsere Sprache,
so schimmernd klar.

Aber als ich in die Schule ging,
bekam ich andere Worte, Worte,
die man in Vilhelmina sprach.

Und ich kam nach Umeå
und Uppsala,

und nach und nach
wurde meine Sprache eine andere,
als die, die ich als Kind hatte,
wenn ich mich am Ofen verbrannte.

Nach und nach kletterten die Worte aufwärts
vom Stall in Lappland, und Schneeweiß -
das Fjäll-Rind, das so furchtbar schleckte -
wurde erst Kuh, dann Vieh,
schließlich Produkteinheit.

Und ich folgte meiner Sprache auf der
Himmelsleiter hoch zum Bomsjö-Berg,
und je höher ich in der Karriere kletterte,
desto leerer wurden die Worte,

und ich kam so hoch,
dass ich durch die Wolken stieg,

und dort unten auf dem Boden,
weit unter den Wolken,
stand der wild glühende Herd,
an dem ich mich als Kind verbrannte.

Dies wurde meine Sorge:
Dass ich meine Sprache aufgab
und mein Leben lebte
als eine Abstraktion.

Märta Almqvist

Hier, wo früher viele wohnten,
ist es nun leer und still.

Autos fahren vorbei, ohne anzuhalten.

Was wissen sie
vom Leben eines Mondscheinbauers,
Waldarbeit im Winter, Flößen im Frühling,
die Nacht bleibt zum Bau des Stalles.

Schindeldach legen.
Hobelarbeit.
Torf stechen.
Gräben graben.

All dieses notwendige Wissen
benötigt keiner mehr.

Der Ort ist entvölkert,
aber die Häuser sind noch da.

Sie sind nun Sommerhäuser
für Kinder, Enkel, Urenkel
zwei, drei Wochen im Juli.

Dann stehen sie da,
still, mit stummen Augen
und Vorjahresgardinen.

Manchmal, zur Nacht,
sammeln sie sich unten am See,
wie Vieh.

So sagen die,
die sie gesehen haben.

Sven Sjölund

Ich machte draußen die Moorernte,
und wenn der Sommer vorbei war,
und es Zeit war für die Waldarbeit
und alles war gefroren
und die Schmetterlinge nicht mehr flogen,
war ich einer in der Mannschaft.

Ich lag eingeklemmt zwischen den anderen
auf der langen Pritsche in der Holzhütte,
und kam ich als Letzter in die Hütte,
rasselte es in den Körpern,
wenn ich mich ganz außen auf die Pritsche legte.

Ich lag da und bohrte mich in den Traum,
wo das Wasser in die Gräben floss,
und die Butterblumen standen gelb.

Im Traum, und nur im Traum,
sah ich die Schönheit und den Sinn,

alles andere
war das, was man ertragen musste.

So war es wohl
nicht nur für mich.

Monica Risberg

Das Mädchen, das in das Krankenhaus
von Vilhelmina gebracht wurde,
hatte sich in den Arm geritzt
und geschrieben:

Ich bin wertlos.

Selbst habe ich dies nie schreiben müssen,
es war schon da seit meiner Kindheit,
eingebrannt unter meiner Lebensrinde.

Nach außen hin war ich die Ordentliche
und Erfolgreiche,
aber in mir wusste ich,
dass ich - wie gut ich mich auch wusch -
die Schrift nie wegbekommen würde.
Sie drang tiefer und tiefer,
bis zu jenem Tag, als ich
auf das Eis ging und hindurchfiel,
so wie Uno Alenius
einmal.

Hinter mir hinterließ ich
eine ganz gerade Fußspur im Schnee,
genau so ordentlich wie das Leben,
das ich gelebt habe.

Erik Näslund

In meiner Kindheit
roch jedes Haus anders, und jeder Satz,
den man sagte, war schwer wie eine Eisenkette,
oder so leicht wie eine Seifenblase.

Die Welt war zeitlos,
und die Augenblicke hatten tiefe Taschen,
in die man an den Abenden
jeden Flügelschlag einer Hummel
stecken konnte.

Wenn jemand fragte,
wie es einem ging,
konte man nicht darauf antworten.

Ludvig Larsson

Ich baute meine Hütte ganz oben am Berg,
hoch über dem Blaugas,
das hertrieb vom Schlachtfeld in Flandern.

Ich hörte es knistern unten am Berg,
wie den Unterrock der Frau, mit der ich
in Borås war, im Hotel Lilja.

Ich nagelte Sägeblätter um meine Hütte,
die das Gas zersägen sollten,
so wie ich zersägte die Frau
im Hotel Lilja in Borås.

Doch es half nichts,
und ich legte ein Zelt um mein Bett
und schliff die Axt
und jagde die Schulmädchen,
wenn sie über den Berg kamen,
und da legte sich das Gas wie ein Nebel
und verschwand.

Aber es suchte sich in den Traum hinein
und wickelte sich um meine Beine,
als ich dort stand
mit der toten Frau
im Hotel Lilja in Borås.

Zum Schluss schickten sie mich
in ein Pensionärsgebäude unten im Ort.
Das Haus war neu
und das Zelt hatte keinen Platz.

Ich machte alle Platten des Elektroherdes an
und ließ sie glühend stehen.

Und seht ihr, wie es leuchtet von meinem Grabstein,
so brenne ich,
so brenne ich weg das Blaugas
und denke
an die Frau im Hotel Lilja,
die sagte:

Euch lieben, welch unverschämter Scherz!

Dies geschah am Tag nach dem
Ausbruch des großen Krieges.

Birgitta Lundkvist

Wir gingen auf der Landstraße, Papa und ich,
unter dem Sternenhimmel
an einem dunklen Abend.

Schau, sagte Papa,
und zeigte auf die Maschinennaht,
die still in gelben, kurzen Stichen heranwuchs
dort oben am Himmel.

Sieh, dort zieht Sputnik, den die Russen hochschickten!

Und ich sah in den Himmel,
und ich holte Atem,

aber nicht wegen dem Sputnik,
sondern wegen Papas Hand,
die so enorm wie der Weltraum war,
und ich lag in ihr.

**
Dies waren 58 Personen (von 108), die hier zu Wort kamen.
Fortsetzung folgt

© Willi Grigor, 2020
Übersetzung des Buches von 2020 "På kyrkogården i södra Lappland" des schwedischen Dichters Börje Lindström. Mit freundlicher Genehmigung des Autors.

Die Kirche in Latikberg, in der der Autor Börje Lindström aufgewachsen ist. Foto Börje Lindström

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Interne Verweise

Kommentare

13. Dez 2020

Leben, das in Worten steckt,
Wurde sofort stark geweckt!

LG Axel

13. Dez 2020

Tote, die für uns berichten
wie sie lebten, liebten, strebten,
können einen Hinweis geben
auf unsre eigenen Geschichten.

LG
Willi

14. Dez 2020

Wunderbare Geschichten stecken in den Gedichten, lieber Willi,
klingen so heimisch, die da schreiben, sind ganz bei sich.
Mit Freude gelesen, vielen Dank!

Herzliche Grüße,
Monika

14. Dez 2020

Das fand ich auch.
Deshalb habe ich das ganze Buch übersetzt, über 100 Gedichte.

Danke Dir, Monika
Willi

14. Dez 2020

Hoch interessant, was ich da lese - diese Gedichte so "kongenial" zu übersetzen - ist eine große Kunst, Hut ab davor, lieber Willi.

Liebe Grüße - Marie

14. Dez 2020

Schön, dass Du das so siehst, Marie.
Aber die Übersetzung ist nicht so schwer, wenn man einen Text hat, der einem unter die Haut geht. Und in diesem Buch gingen mir so gut wie alle 110 unter die Haut. Ich habe die letzten 4 Wochen nichts anderes gemacht als übersetzen.
Dazu kommt, dass Börje Lindström (68) ein spezieller Typ ist, meine ich. Ich kenne ihn nicht persönlich.
Sein Leben war wohl nicht ganz so einfach, wie man aus seinen Texten herauslesen kann.
Aufgewachsen in einem kleinen Nest in Lappland. Wich von der dortigen Norm ab." Flüchtete" nach Stockholm. Tauchte als Dichter für 30 Jahre ab. Dann hatte er im Mai 2017 "eine Serie starker Träume" und schrieb bis Ende August 27 Gedichte, aus denen das Büchlein "Björkarna" wurde.
2020 dann das Buch, das ich übersetzte.
Ich bin tatsächlich etwas traurig, dass es vorbei ist. Ich hatte Freude mit den Toten, obwohl die meisten der Personen ein nicht so einfaches Leben hatten.

Ich wünsche Dir eine gute Nacht, Marie
Willi

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