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DER KETZER VON SOANA - Page 27

Bild von Gerhart Hauptmann
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er mit schmerzenden Knien, ruhelos wie ein Raubtier, schritt,
entschlossen, falls man ihn nicht befreie, lieber, als so weiter zu
leben, den Schädel im Anlauf gegen die Mauer zu zerschmettern. Wie ist
es möglich, als Toter zu leben? fragte er sich, indem er Bewohner des
Dorfes durchs Fenster beobachtete. Wie mögen sie oder wie können sie
atmen? Wie tragen sie, da sie doch das nicht kennen, was ich genossen
habe und nun entbehre, ihr erbärmliches Sein? Und Francesco wuchs in
sich. Er sah auf Päpste, Kaiser, Fürsten und Bischöfe, kurz auf alle
Leute herab, wie sonst Menschen auf Ameisen. Selbst in seinem Durst,
seinem Elend, seiner Entbehrung tat er das. Freilich, er war nicht
mehr Herr seines Lebens. Eine übermächtige Zauberei hatte ihn zu einem
vollständig willenlosen und, ohne Agata, vollständig leblosen Opfer
des Eros gemacht, des Gottes, der älter und mächtiger ist, als Zeus
und die übrigen Götter. Er hatte in den Schriften der Alten gelesen
über dergleichen Zauberei und diesen Gott und beides geringgeschätzt
mit einem Lächeln. Jetzt fühlte er deutlich, daß sogar an einen
Pfeilschuß und eine tiefe Wunde gedacht werden mußte, mit der, nach
Meinung der Alten, der Gott das Blut seiner Opfer vergiftete. Diese
Wunde brannte, bohrte, flammte, fraß und nagte ja in ihm. Er fühlte
furchtbar stechende, Schmerzen -- bis er sich bei Dunkelwerden,
innerlich gleichsam schreiend vor Glück, auf den Weg nach derselben
kleinen Welt-Insel begab, die ihn gestern mit der Geliebten vereint,
und wo er seine neue Begegnung mit ihr verabredet hatte.

* * * * *

Der Berghirt Ludovico, den Bewohnern der Umgegend als »Ketzer von
Soana« bekannt, schwieg, als er bis zu der Stelle seines Manuskriptes,
wo es abbricht, gelesen hatte. Der Besucher hätte die Erzählung gern
bis zu Ende gehört. Als er indessen den Wunsch zu äußern so freimütig
war, eröffnete ihm sein Wirt, daß seine Handschrift nicht weiter
reiche. Er war auch der Ansicht, die Geschichte könne, ja, müsse hier
abreißen. Der Besucher war dieser Meinung nicht.

Was wurde aus Agata und Francesco, aus Francesco und Agata? Blieb die
Sache geheim oder war sie entdeckt worden? Fanden die Liebenden auf
die Dauer oder flüchtig Gefallen aneinander? Erfuhr die Mutter
Francescos von der Angelegenheit? Und endlich wollte der Hörer wissen,
ob eine wirkliche Begebenheit der Erzählung zugrunde liege oder ob sie
durchaus nur Dichtung sei.

»Ich sagte schon,« erwiderte Ludovico, sich ein wenig verfärbend, »daß
ein wirklicher Vorfall den Anlaß für mein Geschreibsel gegeben hat.« Er
schwieg hierauf eine lange Weile. »Man hat,« fuhr er später fort, »vor
etwa sechs Jahren einen Geistlichen mit Stockschlägen und Steinwürfen,
buchstäblich genommen, vom Altar fort aus der Kirche gejagt. Es wurde
mir jedenfalls, als ich von Argentinien nach Europa zurück und in diese
Gegend kam, von so vielen Leuten erzählt, daß ich an dem Geschehnis
selbst nicht zweifle. Auch haben die blutschänderischen Scarabotas,
allerdings nicht unter diesem Namen, hier am Generoso gelebt. Der Name
Agata ist erfunden, ich nahm ihn einfach von dem Kapellchen Sant Agatha,
über dem, wie Sie sehen, noch immer die braunen Fischräuber kreisen.
Aber die Scarabotas haben wirklich unter anderen Sündenfrüchten eine
erwachsene Tochter gehabt, und der Priester ist eines unerlaubten
Umgangs mit ihr bezichtigt worden. Er hat, wie man sagt, die Sache nicht
abgeleugnet, auch nie die geringste Reue gezeigt, und der Papst hat ihn,
behauptet man, deshalb exkommuniziert. Die Scarabotas mußten die Gegend
verlassen. Sie sollen -- die Eltern, nicht die Kinder -- in Rio am
gelben Fieber gestorben sein.«

Der Wein und die Erregung, die durch Ort, Stunde, Gesellschaft und
besonders durch das gelesene Gedicht, verbunden mit allerlei
mystischen Umständen, im Hörer hervorgerufen war, machte diesen noch
weiter zudringlich. Er fragte wieder nach dem Schicksal Francescos und
Agatas. Darüber konnte der Hirt nichts aussagen. »Sie sollen nur lange
Zeit ein Ärgernis der Gegend gewesen sein, indem sie die überall
verstreuten, einsamen Heiligtümer entweihten und schändeten und zu
Asylen ihrer verruchten Lust mißbrauchten.« Bei diesen Worten brach
der Anachoret in ein gänzlich unvermitteltes, lange nicht
einzudämmendes, lautes und freies Gelächter aus.

Gedankenvoll und seltsam bewegt trat der Übermittler dieses
Reiseabenteuers den Heimweg an. Sein Tagebuch enthält Schilderungen
dieses Abstiegs, die er hier jedoch nicht einrücken will. Die
sogenannte blaue Stunde, die eintritt, wenn die Sonne unter den
Horizont gesunken ist, war jedenfalls damals besonders schön. Man
hörte den Fall von Soana rauschen. Ganz so hatten ihn Francesco und
Agata rauschen gehört. Oder hörten sie am Ende jetzt noch sein Getön
und zwar in demselben Augenblick? Lag dort nicht der Scarabotasche
Steinhaufen? Hörte man nicht Laute fröhlicher Kinder, untermischt mit
dem Blöken der Ziegen und Schafe, von dort? Der Wanderer fuhr sich
übers Gesicht, wie wenn er einen verwirrenden Schleier abstreifen
wollte: war die kleine Erzählung, die er gehört hatte, wirklich, wie
eine winzige Enzianblume oder dergleichen, auf einer Matte dieser
Bergwelt gewachsen, oder war dieses herrliche, urgewaltige
Gebirgsrelief, diese erstarrte Gigantomachie aus dem Rahmen der
kleinen Novelle hervorgegangen? Dies und ähnliches dachte er, als sein
Gehör vom sonoren Klang einer singenden Frauenstimme berührt wurde. Es
hieß ja, der Anachoret sei verheiratet. Die Stimme trug, wie in einem
weiten, akustischen Saal, wenn die Menschen den Atem anhalten, um nur
zu lauschen. Auch die Natur hielt den Atem an. Die Stimme schien in
der Felswand zu singen. Manchmal wenigstens flutete sie, in weiten
Schwingungen voll süßesten Schmelzes und feurigen Adels, gleichsam von
dort heraus. Allein die Sängerin kam, wie sich zeigte, von ganz
entgegengesetzter Richtung den Pfad zum Würfel Ludovicos
heraufgestiegen. Sie trug ein Tongefäß auf dem Kopf, das sie mit der
erhobenen Linken ein wenig hielt, während sie mit der Rechten ihr
Töchterchen führte. Dadurch nahm die volle und doch schlanke Gestalt
jene grade, köstliche Haltung an, die so feierlich, ja, erhaben
anmutet. Irgendeine Vermutung schoß dem Beschauer bei diesem Anblick,
wie eine Erleuchtung, durch die Seele.

Wahrscheinlich war er nun entdeckt worden, denn plötzlich verstummte
der Gesang. Man sah die Steigende näherkommen, voll vom Glanze der
westlichen Himmelshälfte getroffen. Man vernahm das Kind -- die Mutter
mit ruhiger, tiefer Stimme antworten. Dann hörte man, wie die nackte
Sohle des Weibes klatschend die roh behauenen Stufen trat. Der Last
wegen mußte man fest und sicher auftreten. Für den Wartenden waren die
Augenblicke vor dieser Begegnung von einer nie gefühlten Spannung und
Rätselhaftigkeit. Die Frau schien zu wachsen. Man sah das
hochgeschürzte Kleid, sah bei jedem Schritte ein Knie sich flüchtig
entblößen, sah nackte Schultern und Arme hervortreten, sah ein rundes,
frauenhaftes, trotz stolzen Selbstbewußtseins holdes Gesicht, das von
starkem Haarwuchs, wie von rotbrauner Erde, urwesenhaft umgeben war.
War das nicht die Männin, die Menschin, die syrische Göttin, die
Sünderin, die mit Gott zerfiel, um sich ganz dem Menschen, dem Manne
zu schenken?

Der Heimkehrende war beiseite getreten, und die leuchtende Kanephore
schritt, seinen Gruß der Last wegen fast unmerklich erwidernd, an ihm
vorbei. Sie wandte beide Augen nach ihm, indes der Kopf geradeaus
gerichtet blieb. Über das Antlitz glitt dabei ein stolzes, ein
selbstbewußtes, ein wissendes Lächeln. Dann senkte sie den Blick
wiederum auf den Weg, während gleichzeitig ein überirdisches Funkeln
durch ihre Wimpern zu sprühen schien. Der Beschauer war vielleicht
durch die Hitze des Tages, den Wein und alles sonst noch Erlebte
überhitzt, aber das ist gewiß: er fühlte vor diesem Weibe sich ganz,
ganz klein werden. Diese vollen, in aller betörenden Süße fast
höhnisch gekräuselten Lippen wußten, es gab gegen sie keinen
Widerspruch. Es gab keinen Schutz, keine Waffe gegen den Anspruch
dieses Nackens, dieser Schultern, und dieser von Lebenshauchen
beseligten und bewegten Brust. Sie stieg aus der Tiefe der Welt empor
und stieg an dem Staunenden vorbei -- und sie steigt und steigt in die
Ewigkeit, als die, in deren gnadenlose Hände Himmel und Hölle
überantwortet sind.

ENDE

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