In Krottenmühl und Rosenheim - Page 3

Bild von Willi Grigor
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Fischerstüberl, er kannte den Wirt gut. Albert erklärte die Sachlage und sich schuldig. "Ein 'echter' Diebstahl war nie geplant, wäre reine Idiotie gewesen. Wir waren die letzten im Raum, wohnen im Ort, sind gute Kunden. Es war eine Reflexhandlung, ein dummer Streich. Dein Bier ist mitschuldig. Du hättest unsere Rückkehr abwarten sollen und nicht gleich die Polizei rufen." Der Wirt sah dies ein, meinte aber, dass er es nicht wieder rückgängig machen könnte.
Am nächsten Morgen fuhren wir nach unserem bewegten Kurzurlaub wieder zur Arbeit in Rosenheim. Albert ging aber zuerst zur Polizei und erzählte seine Geschichte. Der Beamte meinte, dass die Verfolgung des Falls wohl wegen Geringfügigkeit eingestellt wird. Albert sagte später zu mir, dass das "wohl" im Satz des Polizisten gestrichen werden kann. "Er hatte nämlich ein Lächeln im Gesicht".

Erstmals Menschen auf dem Mond - Ich war dabei
Am Mon(d)tag, den 21. Juli 1969 um 3:56 Uhr MEZ sprach Neil Armstrong auf dem Mond seine berühmten Worte, nach einem Sprung von der letzten Stufe der Ausstiegleiter. Kurz danach folgte ihm Buzz Aldrin. Sie waren die ersten Menschen auf dem Mond.
Und wir waren dabei.
Ich war schon immer ein Weltall-/Raumfahrtbegeisterter, verschlang alles, was ich über das erste bemannte Raumfahrtprogramm der USA (1958 bis 1963) und die ersten sieben Mercury-Astronauten vor die Augen bekam.
Der Zufall wollte es, dass ich zur Zeit des Fluges zum Mond und dem ersten Betreten des Trabanten von Menschen in Krottenmühl wohnte. Die Mondlandung sollte im Fernsehen übertragen werden. Obwohl ich eigentlich kein Geld dafür hatte, sah ich mich gezwungen, einen Fernseher zu kaufen. Albert und Margrit hatten einen - in ihrer Erlanger Wohnung.
Ein Fachgeschäft in Rosenheim bekam die Ehre, mir einen "tragbaren Schwarz-Weiß-Fernseher mit integrierter Antenne" zu verkaufen. (Damit hatte ich sozusagen in die Zukunft investiert. Diesen kleinen Apparat schleppte ich fortan mit mir zu den verschiedenen kommenden beruflichen Einsatzorten, bzw. meinem Zimmer in dem jeweiligen. Erst 1975, nach meiner Hochzeit in Schweden und der ersten eigenen Wohnung, trennte ich mich von ihm.)
Am Sonntagabend, den 20. Juli trug ich dieses, mein einziges eigenes Mobiliar, von meinem Zimmer im Haus der freundlichen Besitzerin, in Margrits Küche und stellte ihn vorsichtig auf den Tisch. Mit Hilfe der "Tagesschau" stellte ich die Antenne in den Winkel, der den besten Empfang bot. Damit war der Tag für uns beendet. Um 02 Uhr morgen früh geht es raus aus den Federn, wir wollen nichts von der Übertragung versäumen. Wir waren aber pünktlich auf der Arbeit.
Die meisten Älteren werden sich an diese historischen Stunden erinnern. Die Bildqualität war schlecht, wen wundert's. Aber das erhabene Gefühl, dass ich eines der größten Augenblicke der Menschheit live miterlebt habe, ist für mich immer noch lebendig.

Allein
Auch wenn wir - Margrit, Albert und ich - wie eine harmonische, kleine Familie in Krottenmühl lebten und viel zusammen unternahmen, hatte ich starken Bedarf ab und an allein zu sein.
Nach meinen freitäglichen Saunagängen nach Büroschluss und der anschließenden Fahrt mit dem Zug von Rosenheim nach Krottenmühl ging ich langsam die Hauptstraße nach oben bis zu der zünftigen Bauernwirtschaft auf der linken Seite. Dort aß ich einen herrlichen Wurstsalat mit Essig und deftigem Bauernbrot und trank zwei Flaschen Bier. Oder ich nahm alles mit in mein Zimmer im Haus am Wiesenweg.
Ich genoss es auch, in der schönen Umgebung spazieren zu gehen, über den See zu schwimmen und wieder zurück und dabei meinen Gedanken freien Lauf zu lassen.
Solche Freiheiten nahm ich mir schon immer, auch heute noch.
Aber hier in Krottenmühl kam zum ersten Mal etwas Neues hinzu: Ich fühlte mich einsam. Allein sein zu dürfen ist ein Privileg, sich einsam zu fühlen eine Qual.
Ich war 26 Jahre alt, sehnte mich nach einer Partnerin mit ähnlichen Interessen. Wann werde ich sie finden? Wo werde ich sie finden? Werde ich sie finden?

An einem Wochenende - Albert und Margrit waren in Erlangen - verbrachte ich den Tag am Strand des Simssees. Am frühen Abend ging ich zum Fischerstüberl, um zu essen und ein gutes Weizenbier zu trinken. Einige Bekannte waren da, es wurde ein entspannter Abend. So langsam leerte sich der Raum. Ich saß allein mit der Frau am Tisch, mit der ich mich gut unterhielt. Ich kannte sie nicht, sah sie hier zum ersten Mal. Auch an einigen anderen Tischen waren noch Gäste. Es war schon nach Mitternacht. An den Samstagen im Sommer kam der Wirt erst früh am Morgen ins Bett.
Vielleicht so gegen zwei Uhr fragte ich meine nette Gesprächspartnerin, ob ich sie nach Hause begleiten sollte in der Dunkelheit. "Gerne", sagte sie, "aber ich wohne ein Stück außerhalb des Ortes, auf dem Land im wahrsten Sinne des Wortes." "Kein Problem", antwortete ich, "ich bin ein geübter Spaziergänger".
Es war eine warme Nacht mit einem klaren Sternenhimmel. Wir gingen langsam, wohl eine gute halbe Stunde auf einem Weg gesäumt von Wiesen und Feldern. Wir sprachen wenig, es war wie eine feierliche Prozession von zwei Personen. Man ahnte den Sonnenaufgang.
"Hier wohne ich, allein", sagte die Frau. Ich sah ein kleines Haus nicht weit vom Weg, im Hintergrund ein Wäldchen. Ein paar Meter von der Haustür stand eine Bank.
Die Frau, sie war vielleicht 10 Jahre älter als ich, schaute mir in die Augen und sagte: "Danke, dass Du mich begleitet hast an diesem Abend und dieser Nacht. Der Morgen kommt. Ich würde Dir, uns, gern ein einfaches Frühstück machen. Bist Du einverstanden." "Ja, gerne, es war ein langer Weg." Sie lächelte und ging ins Haus. Ich setzte mich auf die Bank, schaute mich um. Was ich sah, gefiel mir. Ich dachte: "Ein schönes, ruhiges Plätzchen. Hier kann man leben. Aber ganz allein?"

Die Frau kam mit Kaffee, belegten Brötchen und Kuchen. Meine herannahende Müdigkeit legte eine Pause ein. Nach dem Frühstück machte mir die sympathische Dame ein nicht auszuschlagendes Angebot: "Du siehst müde aus. Leg Dich auf die Bank, mit dem Kopf auf meinen Schoß." So saßen/lagen wir auf der Bank. Wir schwiegen. Sie streichelte mein Haar. Ich fühlte mich gleichzeitig wohl und unwohl. Einerseits wie ein Kind in Mutters Schoß, andererseits wie ein Betrüger. Ich hatte nicht den Drang, sie zu umarmen, etwas zu "beginnen" Ich forderte aber auch nichts. Und sie war wahrscheinlich ein ähnlicher Typ: Sie forderte nichts. Sie saß auf der Bank und streichelte mein Haar. Ich spürte, dass ich nicht wollte, dass sich dieser ruhige Morgen "weiterentwickelt".
Nach einer Weile stand ich auf, umarmte sie und sagte: "Danke für den schönen Abend und die schöne Nacht. Ich werde sie und Dich nicht vergessen."
Ich machte mich auf den Weg zu meinem momentanen Zuhause, das ich in gut einem Monat wieder verlassen werde.
Die Sonne begann ihr wärmendes Spiel. Meine Gedanken drehten sich um die Fragen: "Wann werde ich sie finden? Wo werde ich sie finden? Werde ich sie finden?"

Ich konnte nicht wissen, dass ich in acht Monaten "Sie" "in jenem Blumenmai", in Ravensburg, finden werde. Ich bekam die Lebenspartnerin, von der ich in Krottenmühl begann zu träumen. Wir gingen zusammen den Weg in ein neues Leben, in mein neues Land.

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Spur in einem Wanderherz

Manche Orte mag man leiden,
andre will man lieber meiden.
Städte, die man an sich bindet,
sucht man nicht, man sie nur findet.
Solche gibt's im Land, am Meer,
folgende ich gern mag, sehr:

Düsseldorf und Dinkelsbühl
- mit Segringen, dem Kindheitsort -
gaben mir das Menschgefühl.
In Hamburg sowie Rosenheim,
Biblis, Worms und Krottenmühl
war ich fremd und doch daheim,
in Erlangen noch jung, nicht zahm,
in Ravensburg die Liebe kam,
das erste Heim war Königstein.

Deutschland gab mir viel, nicht alles,
so folgte ich dem Ruf des Schalles.

Zum Norden mich die Liebe nahm,
ganz leis wurd alles und ich zahm.
Gimo und dann Östhammar,
gar nicht weit von Uppsala.
Karlstad, Molkom, diese beiden
sind für mich zwei Augenweiden.
Vallda, Falun, Oskarshamn,
Säffle auch, in Gottes Nam'n.
Du, Åmål, mein Endpunkt bist,
die Liebste hier geboren ist.

Auch weit weg von diesen Ländern
gibt es Städte, wer will's ändern.
Städte, die mich an sich zogen,
die ich liebe, ungelogen.
Canberra, Noosa, Adelaide
Sydney, Melbourne, Brisbane, Perth,
Hobart, Redcliffe, Singapur,
Auckland, Nelson, Wellington
legten alle eine Spur
- wie die andren Freunde schon -
fühlbar in mein Wanderherz.

© Willi Grigor, 2018

Das komplette Einleitungsgedicht "Ein Plätzchen, wo er leben kann" lesen Sie hier:
literatpro.de/gedicht/181218/ein-plaetzchen-wo-er-leben-kann

Außendusche, Blick durch das Küchenfenster Fotos: Albert, Karte Google Earth

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Interne Verweise

Kommentare

06. Jan 2019

Danke, lieber Willi, für diesen schönen "Ausschnitt" aus Deiner Autobiografie.

Liebe Grüße, auch an Gulan,
Annelie

06. Jan 2019

Danke, Annelie. Freut mich, dass Du ihn gelesen hast.

Viele Grüße, auch von Gullan.
WIlli

06. Jan 2019

Von Krottenmühl aus sind wir nach Rosenheim gefahren -
Aufs große Volksfest - vor sehr vielen Jahren.
(Die Leute haben Salz und Pfeffer auf den Käse gestreut -
So mache ich das noch bis heut ...)

LG Axel

06. Jan 2019

Da haben wir ja einiges gemeinsam, Axel.
Wenn Du auch im Fischerstüberl warst, hast Du sicherlich auch die Hechtköpfe, die an der Wand hingen, gesehen.
Unser Diebstahl hätte schlimmer ausgehen können.

06. Jan 2019

Wär KRAUSE mit vor Ort gewesen -
Könnt man vom "BIER-Diebstahl" wohl lesen ...

LG Axel

06. Jan 2019

Ein Stück Deines Lebens, spannend erzählt, teilweise sehr lustig – das gesattelte Pferd in der Küche! – danke, dass ich daran teilnehmen darf, lieber Willi …

Liebe Grüße - Marie

06. Jan 2019

Ich danke Dir, dass Du daran teilnehmen willst, liebe Marie.

Noch einen schönen Abend wünscht Dir
Willi

07. Jan 2019

In deiner Erzählung (und sogar in den Fotos) wohnt so vieles, so Erfreuliches, Humor, Lebensmut, ernstes Sinnen, Liebe, Aufbegehren und Begehren...
Danke für die Freude, es zu lesen!
LG Uwe

07. Jan 2019

Mich freute es, Deinen Kommentar - eine treffende Zusammenfassung - zu lesen.
Danke Dir Uwe!

LG
Willi

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