Schicksalhafte Begegnungen - Page 4

Bild von Maik Kühn
Mitglied

Seiten

dabei war wieder aufzustehen, wurde Milka bereits von jemanden in den Lieferwagen gezerrt ...“
Das anfängliche Schluchzen steigerte sich schnell zur Hysterie und ließ den eigentlichen Anlass ihrer Rückkehr in Vergessenheit geraten.
„Hat sie sich das Kennzeichen gemerkt?! Welcher Paketdienst?! Ist eine Fahndung eingeleitet worden?!“
Während Marina die Worte herausschrie, trommelten ihre Fäuste auf Winfried ein.
„Tu doch was!!!“
Er packte sie am Arm, um die Schläge zu unterbinden, doch seine Frau schubste ihn von sich und brach dann völlig erschöpft neben dem Sofa zusammen.
„Bitte trink einen Schluck.“
Gott sei Dank kam Marina schnell wieder zu sich. Das Glas mit dem Leitungswasser fand derweil unangetastet seinen Weg zurück zum Wohnzimmertisch.
„Ich will jetzt nichts zu mir nehmen.“
„Die Polizei konnte am Tatort mit Debora reden und ihre Aussage protokollieren. Jemand war nämlich unmittelbar zur Stelle und hatte den Notruf abgesetzt … Wenig später bekam ich dann Besuch von zwei Polizisten. Sie sagten was von einer mutmaßlichen Lösegelderpressung … Wir können doch im Moment wirklich nur abwarten …“

Für Aaron war es an diesem Morgen völlig ungewohnt alleine zu frühstücken. Milka hatte es wie immer sehr eilig gehabt, Vater lag noch im Bett und seine Mutter befand sich wohl außer Haus. Lustlos schmierte er sich ein Brot, aß es jedoch nur beiläufig, denn die volle Aufmerksamkeit widmete der Teenager seinem Smartphone.
„Scheiße, ich muss los ...“
Den Rucksack umgeschnallt, die Turnschuhe geschnürt, das Handydisplay vor Augen und schon befand sich Aaron auf dem Weg zur Schule, als ihn völlig unerwartet jemand beiläufig ansprach.
„Du kommst doch eh wieder zu spät.“
„Kennen wir uns?“
Diese Frage konnte nur rhetorisch gemeint sein, denn ein solch hübsches Mädchen wäre mit Sicherheit nicht unentdeckt geblieben. Trotz seiner vierzehn Jahre interessierte sich Aaron erst seit kurzem für das weibliche Geschlecht, dafür aber umso intensiver.
„Na los, vergiss die Schule.“
Sie wickelte scheinbar verlegen eine lange tiefschwarze Haarsträhne um ihren Zeigefinger, schaute dabei aber selbstbewusst in seine Augen.
„Sorry, ich schreibe heute eine Matheklausur. Du bist doch bestimmt bei WhatsApp oder?“
„Tja, dann hast du eben Pech gehabt.“
Ein kalter Schauer glitt über Aarons Rücken. Die Fremde sah er in diesem Moment bereits nur noch von hinten, ihr Gang aufrecht, das Gesäß dabei figurbetont hin- und herschwingend.
„Hey, warte doch mal ...“
Ohne noch weiter nachzudenken, verließ er den Schulweg und folgte ihr in Richtung Schrebergartensiedlung. Im besten Wissen jemanden hinter sich zu haben, drehte sich das Mädchen ab diesem Zeitpunkt nicht mehr um. Immer wenn Aaron aufschließen wollte, wurde auch sie schneller, so dass der Abstand zwischen den beiden Teenagern exakt gleich blieb. Wie von Geisterhand öffnete sich ein Gartentor. Auf dem dahinter liegenden kleinen Grundstück stand ein Holzhäuschen, direkt davor luden Tisch und Stühle zum Verweilen ein.
„Setzt dich.“
„Schöner Garten. Gehört der etwa deinen Eltern?“
Er nahm Platz, während sie im Inneren verschwand und mit einem kleinen Kästchen in der Hand zurückkehrte.
„Greif zu, denn Besuchern soll man doch schließlich etwas anbieten.“
Ihre schlanken Finger glitten über das Mitbringsel. Dank zugehöriger langer schwarz lackierter Nägel, öffnete sich der simple Verschluss mit einer gezielten Bewegung. In dem Kästchen befanden sich grünliche Kügelchen, scheinbar aus angetrockneten Pflanzenteilen gerollt.
„Mund auf und dann lässt du es dir einfach auf der Zunge zergehen.“
„Sag mal, spinnst du?! Wir kennen uns noch nicht einmal und ich soll mit dir hier meine erste Drogenerfahrung machen?!“
„Mein Name ist Flaga. So, jetzt habe ich mich vorgestellt.“
Zwischen Daumen und Zeigefinger befand sich mittlerweile eines der Kügelchen. Langsam führte sie es zum Mund ihres Gegenübers.
„Ich will mit diesem Zeug echt nichts zu tun haben!“
„Braves Pastorenkind.“
Woher wusste sie eigentlich, dass er Sohn eines Pastors war? Ihre tiefdunklen Augen begannen zeitgleich damit, erfolgreich seine Hemmschwelle aufzuweichen.
„OK, dann geh halt. Hau ab, schreib deine Mathearbeit und sei weiterhin ein langweiliges Kind von Spießereltern. Mich siehst du dann aber nicht mehr wieder.“
Sein Mund stand jetzt vor lauter Staunen offen, nahm wehrlos das Kügelchen auf und schloss sich vorsichtig.
„Na also, geht doch.“
Keinerlei Reaktion machte sich breit und Flaga hatte ihn offensichtlich an der Nase herumgeführt.
„Ich dachte schon …“
Kaum sprach er diese Worte aus, als sich das Mädchen vor ihm in eine reife Frau im Alter seiner Mutter verwandelte. Genüsslich bleckte Flaga die Zähne und gähnte demonstrativ. Ihr Gebiss glich plötzlich dem eines Tigers und auch der restliche Teil des Kopfes schien sich entsprechend zu verändern.
„Ist doch lustig oder?!“
Eine Höhle befand sich jetzt an der Stelle, wo zuvor die Gartenhütte gestanden hatte. Dafür war Flaga wieder ein Teenager, nahm Aarons Hand und schritt mit ihm ins Innere. An den Wänden funkelten feurig rot leuchtende Zeichnungen, aber erst nach gefühlten Minuten begriff er deren Symbolik. Jede Malerei stand nämlich für einen tiefen Herzenswunsch des Jungen. So fiel ihm beispielsweise ein Pärchen ins Auge, stellvertretend für sein Bedürfnis nach der erfüllten ersten Liebe.
„Ich will hier raus!“
Das Ganze, zuvor noch interessant, wirkte jetzt immer bedrohlicher. Die Zeichnungen erwachten derweil nacheinander zum Leben und standen ihnen Spalier.
„Komm schon, wir geben dir endlich deine Freiheit zurück.“
Aaron war sich ganz sicher den Rucksack vorhin abgelegt zu haben, dennoch fühlte es sich in diesem Moment so an, als ob er eine bleischwere Last tragen würde. Mit jedem Schritt wirkte sein Gang müßiger. Stiche durchdrangen sein Herz und nachdem er in die Augen jenes unbekannten Wesens schaute, das bereits auf sie gewartet hatte, stand Flaga bereits allein zurückgelassen da.
Immer schneller wurden seine Schritte, da die scheinbar magnetähnliche Anziehungskraft abnahm, je näher er dem Ausgang kam. Aaron ließ den Schrebergarten hinter sich und lief in Richtung Schulweg, als er mit einer Hundebesitzerin zusammenstieß. Bei näherem Hinsehen schien die Dame absurderweise mit ihrem Haustier den Körper getauscht zu haben.
„Ein Hund kann doch nicht sein Frauchen ausführen …“
Als fachkundige Krankenschwester tätigte sie sofort einen Notruf, denn das gesamte Erscheinungsbild des jungen Mannes ließ auf nichts Gutes schließen.

Pünktlich zum ersten Augenaufschlag erhellte die Deckenbeleuchtung den Raum. Milka richtete sich langsam auf und musste nicht lange darüber nachdenken an welchem Ort sie gerade war. Im Winter fand nämlich das Hockeytraining in dieser Turnhalle statt.
„Lass uns spielen!“
Verärgert drehte sie sich um.
„Hast DU mich etwa hier her verschleppt?!“
„Wünsche einen erholsamen Schlaf gehabt zu haben! Das Betäubungsmittel scheint ja schon einmal nahezu perfekt von mir dosiert worden zu sein!“
Flaga sprach immer lauter, denn

Seiten

Mehr von Maik Kühn lesen

Rechtshinweis:
Dieser Beitrag ist urheberrechtlich oder durch Copyright geschützt und darf ohne Genehmigung nicht verwendet werden.

Interne Verweise