Schicksalhafte Begegnungen - Page 2

Bild von Maik Kühn
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wohl diesen Ort erreicht hatte, als sich von weitem ein Hubschrauber bemerkbar machte.
„Genug für heute. Ich muss jetzt wieder zurück.“
Der Mann deutete unmissverständlich in Richtung Himmel.
„Jetzt weiß ich wieder, was ich sagen wollte … Angenommen, sein Leben würde sich spürbar verschlechtern …“
„Also gut, ich bleibe dann wohl doch noch ein wenig bei Ihnen.“
Ohne jegliche augenscheinliche Kommunikation mit dem Piloten, drehte der Hubschrauber ab und flog wieder in die Richtung zurück aus der er gekommen war.
„Eine tolle Familie, nett im Einfamilienhaus mit Garten untergebracht und nicht zu vergessen, der berufliche Erfolg … Bei so viel Glück kann man doch einfach nur sein erfülltes Leben genießen und schwache Menschen für eure Ideale begeistern …“
Ihre Worte schienen den Mann traurig werden zu lassen.
„Flaga, Ihnen geht es doch nur um Macht. Sie möchten Menschen manipulieren und nach Ihren Wünschen gefügig machen, sie also letztendlich beherrschen.“
Zornig setzte sich die Frau zu ihm an den Tisch. Die dunklen Augen wirkten jetzt wie zwei schwarze Löcher, in denen man die gesamte Erde hätte verschwinden lassen können. Im Kontrast dazu das auffällig helle Gesicht mit dem unnatürlich rotbraun geschminkten Mund.
„Warum sollte ich denn auch anders handeln? Der freie Wille basiert nun einmal auf Triebe und ausgerechnet dieses großartige Geschenk macht ihr den Menschen madig. Wenn man schon einen Mechanismus in Gang setzt, dann muss man ihn auch gewähren lassen, damit am Ende genau das herauskommt, was herauskommen soll.“
Winfried staunte ein wenig, denn der ältere Herr hatte mittlerweile versöhnlich seine Hand auf Flagas Schulter gelegt.
„Nein, am Ende blieben, Ihrer Theorie folgend, lediglich wenige seelenentkernte Wesen übrig und die würden dann folgerichtig den Rest der Menschheit unterdrücken.“
Gezielt schlug Flaga seinen Arm zur Seite, erhob sich, baute sich dominant vor ihm auf und schaute verächtlich auf ihr Gegenüber herab.
„Raphael, du bist ein Quacksalber. Rate doch mal, warum es im Tierreich weitaus besser läuft … Bereitet es euch eigentlich Freude die Menschheit mit der Hoffnung auf das Jenseits abzuspeisen, statt ihr irdisches Weiterkommen zu fördern? Du wirst schon sehen …“
Jetzt erhob sich Raphael ebenfalls, nahm wieder seinen Bogen auf und spannte ihn so lange bis die Sehne riss.
„Seien Sie gewarnt, denn genau das passiert, wenn man den eigenen bis auf weiteres geduldeten Gestaltungsspielraum überreizt. Ich möchte übrigens gerne beim Sie bleiben.“
Wie aus dem Nichts tauchte der Hubschrauber ein zweites Mal auf, landete souverän neben Raphael und flog mit ihm davon.
Flaga stellte sich auf den Tisch und ließ ihre Blicke kreisen. Das Land glich einer Steppe. Hin und wieder kamen vereinzelt ein paar Büsche zum Vorschein, ansonsten wuchsen ausschließlich jene Gräser, die sich offensichtlich erfolgreich den örtlichen Begebenheiten angepasst hatten. Der unbewölkte Himmel wurde langsam dämmrig, allerdings nicht nur von Westen her, sondern ringsherum. Genüsslich widmete Flaga der verwaisten Zielscheibe am Boden ihre volle Aufmerksamkeit.

„Sind denn wirklich schon zwei Stunden vergangen?“
Winfried schaute mehrmals auf die Uhr oberhalb der Tür, wo ihm in analoger Manier wiederholt fünf nach zehn angezeigt wurde. Der Inhalt des anonymen Briefes lag mittlerweile auf dem Boden vor seinem Schreibtisch. Weder Ringe in unterschiedlichen Größen noch chaotisch angeordnete Striche waren mehr darauf zu sehen.
Tagträume dauern manchmal länger als ihre nächtlichen Schwestern, aber dieser hier schien alles bisher Erlebte in den Schatten zu stellen. Sämtliche Szenen blieben vor dem geistigen Auge präsent, vor allem der Dialog zwischen Raphael und Flaga.
Winfried öffnete auf dem Computerbildschirm den Text seiner für den Abend vorgesehenen Ansprache und löschte ihn bis auf ein paar wenige Sätze. Zu unangemessen empfand er auf einmal jene Zeilen, die ursprünglich lediglich ein letztes Mal überarbeitet werden sollten. Stattdessen sprudelten jetzt viele Gedanken wie bei einer frisch angestochenen Ölquelle und wurden schnell von flinken Fingern in Wörter gekleidet. Nach weiteren zwei Stunden schien die Arbeit aus seiner Sicht zufrieden vollendet, was mit einem Gang zum Mittagstisch des geschätzten Stammrestaurants belohnt wurde.

Seine Erwartungen sollten am Anfang sogar noch übertroffen werden. Es kamen zwar nicht die gehofften Hundertschaften, doch immerhin trafen neben den üblichen Gemeindemitgliedern circa dreißig Fremde ein. Aus Sicht der bekannten Gesichter eher ungewöhnlich, richtete Winfried ausschließlich weltliche Worte an seine interessierten Zuhörer. Ein paar Alteingesessene konnten es folglich kaum erwarten, dass ihr Pastor endlich als Missionar in Erscheinung trat.
Deutlich verspätet und sichtlich ohne Schamgefühl, betrat in der zweiten Hälfte seiner Ansprache eine Frau den Saal. Demonstrativ setzte sie sich in die letzte Reihe und zog genüsslich einige verärgerte Blicke auf sich. Schneeweiß war ihr Kleid, wobei die darauf großzügig verteilten dunklen Punkte das Ganze auch als Dalmatinerkostüm hätten durchgehen lassen können. Dezent geschminkt wirkte ihr Gesicht aus der Ferne, ansehnlich gerahmt von langen glatten Haaren in tiefem Schwarz. Der Hut auf ihrem Kopf wäre allerdings in halber Größe besser zum Tragen gekommen.
Zuerst amüsierte sich Winfried ein wenig über den mutmaßlich letzten Gast an diesem Abend und überlegte, diese Person spontan von der Bühne aus anzusprechen, doch dann erkannte er sie plötzlich wieder. Es folgte ein langes Schweigen und die Zuschauer begannen sich langsam fragende Blicke zuzuwerfen. Mit größt möglicher Selbstdisziplin nahmen seine Worte dann wieder langsam an Fahrt auf, allerdings nur in Fragmenten, da der rhetorisch brillante Redefluss einem Stottern wich. Winfried schaute zu seiner Frau, die wie versprochen in der ersten Reihe saß und gerade in diesem Moment den Mund weit öffnete. Noch wäre ein guter Zeitpunkt gewesen, um die Ansprache zu beenden, aber der Pastor war nicht mehr Herr seiner Gedanken, geschweige denn jener Sätze, die noch folgen sollten.
Völlig wahllos begann nämlich die Beschimpfung einiger anwesender Gemeindemitglieder. In vergangenen Seelsorgegesprächen anvertraute Geheimnisse gelangten auf diesem Weg an die Öffentlichkeit, was großes allgemeines Entsetzen hervorrief.
„Es reicht jetzt!“
Verärgert stand ein Mann aus dem mittleren Bereich des Gemeindesaals auf und verließ wütend das Gebäude. Davon völlig unbeeindruckt, nahm sich Winfried zeitgleich die fremden Gäste vor und machte sich über sie lustig.
„Euch kann man wohl alles erzählen, ihr naiven Kleingläubigen!“
Nicht nur die Fremden quittierten seine Beleidigungen zunehmend mit Buhrufen. Nacheinander kehrte jetzt das gesamte Auditorium dem Redner den Rücken zu und strömte in Richtung Ausgang.
„Dann verschwindet doch! Haut ab!! Ich will euch hier nie wieder sehen!!!“
Nachdem man ihm das Mikrofon abgedreht hatte, eilte jemand aus dem Gemeindevorstand auf die

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