Schicksalhafte Begegnungen - Page 6

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vorfinden wird, denn DU kommst jetzt schön mit mir.“

Ein absoluter Blackout im Job, die Tochter entführt, Aaron wegen Drogenmissbrauch zur Beobachtung im Krankenhaus und jetzt wollte ihn Marina ernsthaft wegen einer Frau verlassen, die bekanntlich der Auslöser für den Fauxpas am gestrigen Abend gewesen ist? So extrem konnte sich ein Lebenslauf doch nicht einfach binnen vierundzwanzig Stunden in das krasse Gegenteil verkehren.
Ungeachtet seiner Suspendierung betrat Winfried das Gemeindebüro. Auf die Putzfrau war leider wie immer Verlass gewesen, denn der Fußboden strahlte eine perfekte Sauberkeit aus. Im Papierkorb gähnende Leere.
„Wann kommt noch mal die Müllabfuhr? Mist!“
An der Straße stand gut sichtbar ein Karton, gefüllt mit alten Zeitungen, Pappe und dergleichen.
„Gott sei Dank!“
Aufgrund des Feiertages am vergangenen Montag hatte sich der Abholtermin auf Samstag verschoben. Im unteren Drittel befand sich das gesuchte Din-A4-Blatt. Winfried räumte den Rest wieder zurück in den Karton und saß bereits wenig später erneut am Steuer seines Wagens.
Die Fahrt sollte erst nach einer Stunde enden. Frische Landluft spendete ausreichend Sauerstoff für den kleinen Marsch, der jetzt vor ihm lag. Es ging stellenweise sehr steil bergauf, durch bewaldetes Gebiet hindurch und am Ende des Weges befand sich das ersehnte Ziel, ein Felsvorsprung, von wo aus man hinunter auf die entfernte Stadt schauen konnte. Hier hatte Winfried als Teenager jenes intensive Erlebnis, das letztendlich seine Berufswahl prägen sollte.

Bärbel hieß damals jene Mitschülerin, die sich von diesem Ort aus in die Tiefe stürzen wollte. Was sie genau dazu bewegt hatte, erfuhr er im Laufe eines bis in die Nacht hinein dauernden intensiven Gesprächs. Der Felsvorsprung fungierte für den damals Achtzehnjährigen eigentlich als Rückzugsort. Dank der guten Zuganbindung lagen gut zwei Stunden zwischen dem elterlichen Haus und diesem sagenhaft schönen Fleck Natur. Sicherlich ein Tagesausflug, aber immerhin lohnenswert und meistens an Wochenenden oder in den Ferien aufgesucht.
Eigentlich hatte Winfried damals nur zugehört, aber genau dies hielt das Mädchen offensichtlich davon ab ihren traurigen Plan in die Tat umzusetzen. Was aus ihr wohl geworden ist?
Bis dato gab es zu jener Zeit keine konkreten Vorstellungen für die Zeit nach dem Abitur. An diesem Tag jedoch tat sich der Vorhang auf und brachte tendenzielle Klarheit in Form eines Psychologiestudiums. Winfried schrieb sich ein Jahr später entsprechend an der heimischen Universität ein, absolvierte zwei Semester und lernte dann Marina kennen. Sie war religiös, nahm in mit zu ihrer Kirchengemeinde, der auch er bald angehören sollte und bereits ein paar Monate später begann die Ausbildung zum Pastor an einer freien theologischen Akademie.

Sein Smartphone blieb stumm, obwohl das heimische Telefon entsprechend umgeleitet worden war, um für die mutmaßlichen Entführer seiner Tochter erreichbar zu sein.
Warum zog es ihn ausgerechnet jetzt an diesen Ort, seit mehr als zwanzig Jahren? Andererseits wäre er zu Hause sicherlich verrückt geworden oder aber völlig lethargisch. Winfried setzte sich auf den Felsen, legte das mit einem Stein beschwerte DIN-A4-Blatt vor sich auf den Boden und wartete ab. Es passierte jedoch wider Erwarten nicht das Geringste.

„Hab ich doch gewusst, dass ich dich hier finden werde.“
Ein älterer Herr gesellte sich zu Winfried. Erst nach bewusstem Hinschauen erkannte er Raphael, den Mann, der mit Flaga beim Bogenschießen von ihm beobachtet worden war. Eigentlich konnte es sich ja gestern nur um einen abgedrehten Traum gehandelt haben, doch als die entsprechende Dame dann leibhaftig am Abend im Gemeindesaal erschien und vor wenigen Stunden in seiner Wohnung auftauchte, halluzinierte Winfried entweder zu bestimmten Zeiten oder es musste doch in irgendeiner Form real sein.
„Mir ist völlig egal, ob du jetzt wirklich neben mir sitzt oder ich vielleicht nur einem Trugbild meine Aufmerksamkeit schenke.“
Raphael öffnete seine Hand, in der sich ein kleiner Goldklumpen befand. Das Edelmetal verflüssigte sich wie auf Kommando und bildete einen Ring, der dampfend aushärtete und anschließend in vier etwa gleich große Teile zersprang.
„Deine Familie droht als stabile Einheit zu zerbrechen … Beziehung ist letztendlich pures Gold und hält die Menschheit zusammen … Genau wie du damals aus eigenen Stücken mit Marina die Ehe eingegangen bist, sind erfüllende Bindungen aber nur auf freiwilliger Basis möglich. Dies wünscht sich übrigens auch jenes höhere Wesen, das wie ein Ring kein Anfang hat und niemals enden wird.“
Jetzt erinnerte sich Winfried wieder wortgetreu an jenen Dialog zwischen Flaga und Raphael.
„Flaga verführt, um wie in diesem Fall deine Familienmitglieder Schritt für Schritt von ihr abhängig zu machen. Sie will herrschen, nicht lieben, doch damit ist jetzt Schluss …“
Die beiden Männer schauten sich wieder direkt in die Augen.
„Wo ist meine Tochter?!“
„Sie ist wieder zu Hause. Marina hat sich für sie als Tausch angeboten …“
Verärgert stand Winfried auf und bäumte sich vor seinem Gesprächspartner auf.
„Du redest hier auf mich ein, wohlweislich, dass ich vor lauter Sorgen um Milka …“
„Winfried, so hör mir doch zu! In euch thronen die Flammen der Liebe und dieses Feuer ist leidenschaftlicher als das Eis auf dem Grund einer jeden Seele, worin Dinge schlummern, die letztendlich zu Einsamkeit und völliger Leere führen, wenn sie erst einmal entfesselt worden sind.“

Das Auto sauste über die Straße und der dazugehörige Fahrer konnte es kaum erwarten daheim zu sein. Ein schlechtes Gewissen war schon vorhanden, denn er hatte Raphael einfach kommentarlos am Felsvorsprung zurückgelassen.

„Milka!!!“
Es wurde keine Zeit verschwendet die Haustür zu schließen, denn seine auf dem Sofa liegende Tochter sollte einfach schnellst möglich von ihm umarmt werden.
„Geht es dir gut?!“
Völlig aufgeräumt berichtete die Teenagerin im späteren Verlauf von jenen Stunden in der Turnhalle. Winfried klärte sie im Gegenzug über Aarons Drogenmissbrauch auf, verschwieg jedoch Flagas Besuch und konnte nicht wirklich beantworten, wo sich derzeit seine Frau befand.
„Ich verstehe das alles nicht.“
„Mir geht es ähnlich, aber Hauptsache du bist wieder bei uns ...“
Irgendetwas zwackte wiederholt in der Hosentasche seiner Jeans. Winfried griff mehrfach hinein und förderte vier goldene kurvenähnliche Einzelteile zutage, von denen sich in diesem Augenblick zwei zum Halbkreis vereinten. Raphael hatte ihm wohl offensichtlich heimlich das zerteilte Schmuckstück untergejubelt.
„Los, wir fahren in die Klinik.“

Die beiden Frauen saßen sich an einem festlich gedeckten Tisch gegenüber. Elitär schien dieses Restaurant zu sein, in dem sich keine weiteren Gäste aufhielten. Direkt neben ihnen befand sich eine großzügig angelegte Fensterfront, die den Blick auf das offene Meer freigab. Im Hintergrund ein malerischer Sonnenuntergang.
„Na, schmeckt es dir etwa nicht?“
Marina stocherte auf ihrem Teller herum, doch der Vorspeisensalat interessierte sie in diesem Moment überhaupt nicht.
„Magst du etwas anderes essen? Ich kann dir wirklich jeden Wunsch erfüllen.“
Angewidert landet das Besteck zwischen Tomaten und Paprika, im Anschluss verhüllt dank einer kunstvoll gestalteten Stoffserviette.
„Bring mich wieder zu meiner Familie zurück!“
„Es gibt einen Deal und meinen Teil des Versprechens habe ich bereits eingelöst.“
Mehr Mut erhoffte sich Marina durch das Leeren des Glases zu ihrer Rechten, gefüllt mit edlem Roséwein.
„Eher bringe ich mich um …“
Flagas Augen funkelten jetzt wieder auf einer sehr bedrohlichen Art und Weise.
„Du hast dich entschieden.“
„Um meine Tochter zu retten.“
„Wie süß, eine altruistische Mutter opfert sich für ihr Kind. Merk dir mal eins, so etwas wie uneigennützige Hingabe gibt es nicht. Dahinter steckt in Wirklichkeit purer Egoismus, denn du hast Milka schließlich das Leben geschenkt und sein Eigentum möchte man natürlich niemals entrissen bekommen.“
Zeitversetzt begann ihre Wange zu schmerzen. Mit dieser Ohrfeige hatte Flaga nicht gerechnet, auf jeden Fall nicht so schnell.
„Ja, lass deine Wut ruhig raus. Schau, mit diesem Messer kann man Fleisch schneiden, also was hindert dich daran …“
„Menschen sind kein Eigentum ...“
Langsam machte sich ein Gefühl in Marina bemerkbar, mit dem sie in dieser Situation niemals gerechnet hätte. Ihr wurde auf einmal wohlig warm, Gelassenheit löste die zuvor herrschende aggressive Verzweiflung ab und … ja, es war tatsächlich ehrlich empfundenes Mitleid.
„Hasse mich oder verehre mich, aber …“
„Lass dir helfen.“
Für einen kurzen Moment wandelten sich Flagas Gesichtszüge. Aus der herrisch auftretenden Frau schien ein deutlich zarteres Wesen zu werden. Ihre Hände näherten sich und griffen auf halben Weg über dem Tisch ineinander.
„Was ist da bei dir eigentlich unter Tonnen von Geröll verschüttet worden?“
Der Schmerz hätte Marina beinahe zerrissen, ausgelöst von einer Art Stromstoß.
„Hör endlich auf und halt gefälligst deinen Mund!!!“
Flagas Augen funkelten ohne Vorankündigung rot wie zwei feurige Rubine. Sie stand auf, wandte ihrem Gegenüber verächtlich den Rücken zu und schleifte an der Fensterfront entlang. Zeitgleich wich die schöne Abendröte einer düsteren bewölkten Nacht. Das Meer, aufgepeitscht durch orkanartige Stürme, gebar etwas Drachenähnliches. Dessen Kopf schoss durch die Glasscheibe und verschlang Flaga mit einem Bissen, bevor es sich dann wieder unterhalb der Fluten zurückzog. Die See wurde ruhig und erste Sterne funkelten am Firmament.

Das Schmuckstück war jetzt zu drei viertel wiederhergestellt. Auf eigene Verantwortung hatten sie Aaron aus der Klinik geholt und befanden sich nur noch wenige Minuten von ihrem Haus entfernt. Warum Winfried gerade jetzt Gedanken an seinen Job verschwendete erschloss sich ihm nicht wirklich. Es musste sich, falls er denn überhaupt wiederkommen durfte, einiges ändern. Nicht die Bühne sollte mehr in erster Linie Ausgang zukünftiger beruflicher Highlights sein, sondern das Individuum. Den Menschen in und außerhalb der Gemeinde zuhören, ihre Sorgen und Nöte ernst nehmen, für sie da …
„Pass auf!!!“
Beinahe wäre es geschehen, doch der Wagen konnte gerade noch rechtzeitig ausweichen. Eine völlig durchnässte Frau, die Haare zerzaust, stand mittlerweile scheinbar orientierungslos wenige Meter hinter ihnen.
„Mama?!“
Milka umarmte sie zuerst, dicht gefolgt von Aaron, der aber schnell den Platz für seinen Vater freimachte. Es vergingen einige Minuten. Der Verkehr zog in dieser Zeit an Familie und haltendem Auto vorbei. Einige schauten sich die Situation neugierig an, aber niemand hielt an.
Winfried holte instinktiv das jetzt wieder vollständig zusammengefügte Rund aus der Hosentasche und steckte es Marina unbewusst an den entsprechenden Finger der linken Hand.

Er schreckte gerade ein paar braune Eier unter fließendem Wasser ab, als die Vorhut den Esstisch erreichte.
„Paps, alles klar? Hey, du bist ja echt süß.“
Winfried hörte sofort auf damit an seinem Ehering zu drehen und ließ die Küchenarmatur verstummen.
„Die müssen ja verdammt heiß gewesen sein. Bestimmt zehn Minuten habe ich es von oben aus plätschern gehört, aber auf meine dezenten Hinweise reagierst du ja anscheinend nicht.“
Milka verschlang mit wenigen Bissen ein schnell geschmiertes Marmeladenbrot, bevor sie die große Umhängetasche in die Hand nahm und in Richtung Haustür eilte.
„Milka, welcher Tag ist heute?“
„Paps, bist du schon leicht dement oder so?“
„Bitte?!“
„Also gut, heute ist Donnerstag und dies ist zwar ein besonders innovativer Versuch von dir, aber ich werde heute Abend trotzdem nicht in die Gemeinde kommen können, weil das Hockeytraining leider wichtiger ist.“
Erleichtert schaute er zu, wie seine Tochter das Haus verließ.
„Hey Winnie, jetzt guck ihr doch nicht so traurig hinterher.“
Entsetzen löste schnell jenes unbeschreibliche Glücksgefühl ab, das ihn durchströmt hatte. Nach einer kurzen Phase der Dunkelheit öffneten sich dann wieder vorsichtig die beiden Augenlider.
„Du bist es Marina?! Gott sei Dank! Ich dachte schon, da wäre gerade jemand anderes vor mir …“

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