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Der freie Wille - Page 5

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und lass es doch einfach mal auf dich wirken.“
Ihre Anwesenheit schienen die leuchtenden Kinder tatsächlich nicht zu bemerken, stattdessen spielten sie seelenruhig weiter. Als sich ein Mädchen das Knie aufschlug, hätte Minea am liebsten sofort geholfen. Der Verletzten wurde jedoch schnell eine Frucht zum Essen gereicht und binnen Sekunden verheilte die Wunde.
„Total abgefahren ...“
Auch Seyma dachte in diesem Moment zwar exakt das Gleiche, rang aber sprachlos mit weit geöffnetem Mund nach Worten.
Wie auf Kommando, zogen sich die Kinder unangekündigt zurück, dicht gefolgt von den beiden Gestrandeten. Der Weg führte zum Ufer eines Flusses, dessen Verlauf jetzt in Richtung Quelle gefolgt wurde.
„Willkommen Zuhause ihr kleinen Geschöpfe! Seyma, jetzt guck mich doch bitte nicht wieder so böse an!“
Kreisrund war die mit roter Erde bedeckte Fläche, auf der sich immer mehr Wesen einfanden. Sie glichen jungen und alten Menschen unterschiedlicher Herkunft, doch es gab eine Gemeinsamkeit, denn die Rümpfe ihrer Körper leuchteten im goldgelben Licht. Der an dieser Stelle lediglich knietiefe Fluss, teilte den Ort in exakt zwei gleichgroße Hälften. Im Hintergrund fungierte ein steiler Berg als natürliche Grenze, die wohl nur mit entsprechender Ausrüstung überwunden werden konnte. Von den Wesen gingen jetzt nacheinander einzelne Lichtstrahlen aus. Jeweils auf beiden Halbkreisen gebündelt, entstanden somit zwei gigantische Kegel, deren Spitzen sich auf der Felswand des besagten Berges zu einer Projektion vereinten.
„Ludo?!!!“
Seyma rieb sich die Augen, doch das leuchtende Gesicht in der Ferne verschwand immer noch nicht.
„Unser Wiedersehen habe ich mir schon etwas anders vorgestellt ...“
Auch Minea schien mehr als beeindruckt, zumal jetzt alle Wesen wie auf Kommando erstarrten.
„Ihr habt Essen und Trinken im Überfluss und braucht euch um nichts zu sorgen. Es gibt hier weder Krankheiten, noch müssen sich die Alten unter euch wirklich darüber Gedanken machen, ob sie vielleicht einen nachteiligen Körper besitzen könnten. Alles, was benötigt wird, ist also reichlich vorhanden und alles, was benötigt wird, befindet sich in diesem Land, das sich vom Meer bis zu den Bergen erstreckt. Frei seid ihr und frei dürft ihr euch bewegen. Nur das Gebirge ist mein Reich und dort habt ihr nichts verloren, aber viel zu verlieren.“
Projektion, Lichtkegel und die vielen einzelnen Strahlen verschwanden in genau dieser Reihenfolge. Alle Wesen verließen daraufhin ehrfürchtig den Ort.
„Ludo spielt hier nicht wirklich den Obermacker oder?“
„Ich befürchte doch, Seyma.“
Gerade als der Letzte den roten Kreis verlassen wollte, gesellte sich ein völlig schwarz gekleideter Mann zu dem Wesen. Minea und Seyma erkannten in ihm den ominösen Nachrichtensprecher, der sie ebenfalls weder hören noch sehen konnte.
„Bleib doch mal kurz stehen!“
„Wer bist du und warum leuchtet dein Körper nicht?“
„Stimmt, ihr seid ja alle so gleich, wie langweilig und dann habt ihr auch noch Angst vor einem Anführer aus Licht, wie erbärmlich!“
Dem Wesen war sichtlich unwohl. Andererseits weckte der exotische Fremde seine Neugierde.
„Komm mit, ich führe dich dort oben hinauf und dann wirst du sehen, was niemand von den anderen hier jemals zu Gesicht bekommen wird. Dies ist ein einmaliges Angebot und du musst dich genau jetzt entscheiden.“
„Hast du es denn gerade nicht gehört? Es ist uns doch verboten …“
Der Fremde drehte sich um und entfernte sich langsam von seinem Gesprächspartner.
„Ein Anführer aus Fleisch und Blut könntest du werden. Aber bitteschön, dann bleib halt beliebig austauschbar und lass dir die wahre Freiheit entgehen.“
So sehr er sich auch dagegen wehrte, sein innerer Widerstand wich der Versuchung. Andere stellten sich ja schließlich ebenfalls die Frage, ob es hinter den Bergen weiterging oder die ihnen bekannte Welt dort wirklich endete.
„Warte bitte auf mich!“

Auf dieser Insel, wenn es denn eine war, schien es wohl niemals dunkel zu werden, denn die Sonne verharrte permanent an der gleichen Stelle. Gab es hier überhaupt ein Wetter im eigentlichen Sinne? Kein Wind, keine Wolken, allerdings eine lebensfreundliche Atmosphäre, denn der Himmel erstrahlte schließlich im vertrauten Blau.
Ohne sich richtig über das Erlebte austauschen zu können, folgten Minea und Seyma beiden Männern ins Gebirge.
„Ich bin mal gespannt, wie wir diese Felswand dort überwinden werden.“
„Für dich war ja bereits die Steilküste vorhin eine Herausforderung.“
Minea fand dies gar nicht lustig, biss sich jedoch auf die Zunge, um keinen Streit zu riskieren.
Der schwarz gekleidete Verführer ging voran. Als sie die ersten Ausläufer des Gebirges erreichten, geschah etwas Eigenartiges, denn langsam verlor das sich direkt hinter ihm befindende Wesen sein goldgelbes Leuchten.
„Ups! Er ist wirklich zweifelsfrei keine Frau …“
Die Jugendlichen schauten verlegen in die entgegengesetzte Richtung. Hastig bedeckte der Betroffene seine Scham provisorisch mit den Händen und lief dann zurück in die angrenzende Vegetation. Dort wurde aus großen Blättern und mithilfe von Schlingpflanzen ein Lendenschurz gebunden. Erst nachdem sich der gewünschte Erfolg einstellte, schloss er wieder zu dem schwarz gekleideten Mann auf.
„Was ist mit mir geschehen?“
„Ach, hatte ich dir das vorhin wirklich nicht gesagt? Du bist jetzt etwas Besonderes, im Gegensatz zu den übrigen Langweilern. Vielleicht sollten wir mit dem Aufstieg besser noch warten bis du dich an das Neue gewöhnt hast ...“
Er wurde daraufhin zu Boden geschubst und ein griffbereiter Stein sollte offensichtlich in Kürze seinen Kopf zertrümmern.
„Sehr schön. Los, schlag zu, denn nur die Starken werden am Ende überleben.“
Minea und Seyma sahen, wie sich der Verführer plötzlich in Luft auflöste und das veränderte Wesen den Heimweg antrat, völlig entsetzt über sein eigenes brutales Verhalten.
„Schau doch Seyma, sie bewegt sich!“
Die Position der Sonne hatte sich verändert und vom Meer herkommend, wehte jetzt ein angenehmer Wind.
„Ich warte noch auf eine logische Erklärung von dir für das Ganze hier. Also, was sagst du jetzt Minea.“
„OK, du hast gewonnen. Anscheinend gibt es Dinge, die gerade alles bisher Erlebte infrage stellen.“

Lediglich einige Stunden waren vergangen, doch die Welt vor dem Gebirge musste gefühlt Jahrzehnte, wenn nicht sogar Jahrhunderte gealtert sein. Alle Wesen hatten mittlerweile ihr Leuchten verloren, weshalb die Bezeichnung Menschen jetzt passender war. Fein säuberlich nach Ethnie getrennt, war das Land unter ihnen aufgeteilt worden. Die dadurch entstanden Gebiete setzten unterschiedliche Schwerpunkte. So gab es beispielsweise in der einen Region vorrangig das Bewirtschaften von Feldern, während sich das Nachbarland auf Tierhaltung spezialisierte. Auch Bodenschätze schienen in einer bestimmten Region entdeckt worden zu sein, deren Bewohner sich entsprechend auf Abbau und Weiterverarbeitung konzentrierten. Untereinander führten die Völker Handel

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