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Der freie Wille - Page 8

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richten.
„Folgt der Kraft tief im Inneren eurer Herzen, denn nur als Teil eines großen Ganzen erlebt ihr eure wahre Vollendung und eben nicht dadurch, dass sich einer über den anderen erhebt. Zwölf Länder statt eines, die Menschen getrennt nach Ethnien und sonstigen Merkmalen. All das schafft Unfrieden und führt letztendlich zum Recht des Stärksten, der am Ende übrigbleiben wird, um rücksichtslos zu herrschen. Ihr jedoch seid als gleichwertige und gleichberechtigte Menschen erschaffen worden ...“
In sicherer Entfernung, gut getarnt hinter einer Hauswand, stand ein schwarz gekleideter Mann. Er lauschte aufmerksam Ludos Worten und machte sich umgehend auf zur Königin von Aurorien, dem Land, wo sich diese Dinge gerade ereigneten.

Der Saal suchte seinesgleichen. Gestützt auf reichlich verzierten Säulen, thronte ein steinernes Dach mit üppigen Malereien. Beide Seitenwände des Gebäudes beinhalteten jeweils zwölf riesige verglaste Fenster. Am entgegengesetzten Ende des Eingangsbereiches befand sich eine Erhöhung, die man über sieben Stufen erreichen konnte. Exakt in deren Mitte stand Königin Kyrelias goldener Thron.
„Ich höre!“
Purpur wallte vom Hals abwärts und ergoss sich über einen Teil des Marmorbodens vor dem königlichen Sitz. Erst als sie aufstand, bekam er ihre mit Edelsteinen besetzten Schuhe zu Gesicht.
„Danke Majestät, dass ihr euch Zeit für mich nehmt.“
„Willst du mich langweilen oder erfahre ich den Anlass deines unangekündigten Besuches?“
Sie schritt würdevoll die Stufen hinab um bäumte sich vor dem schwarz gekleideten Mann wie ein Pfau mit gespreizten Federn auf. Kyrelias Kopf zierte ein in den Farben des Regenbogens leuchtendes Diadem. Darunter hatte man ihr das scheinbar knielange rote Haar zu einem Zopf gebunden, den sie jetzt in die Hand nahm, um damit zu spielen.
„Es gibt da jemand, der euch Ärger bereiten wird …“
Aufmerksam zuhörend, ließ sie den Zopf wieder los und legte einen Zeigefinger auf den Mund. Mit der Spitze des langen blutrot lackierten Nagels konnte derweil problemlos die eigene Nase berührt werden.
„Nur, weil dieser Fremde auf einem Marktplatz zu den dort anwesenden Leuten gesprochen hat, stellt er doch noch lange keine Gefahr für mich da.“
„So versteht doch Majestät, dieser Mann pilgert durch euer Reich und zettelt Schritt für Schritt eine Revolution an.“
Die Königin schätze ihr Gegenüber. Sie jedoch vor einem mutmaßlichen Spinner warnen zu wollen, der ja noch gar nichts Verbotenes getan hatte, schien ihr in diesem Moment aber mehr als deplatziert zu sein.
In den dunklen Augen des Mannes wuchs plötzlich ein rotes Leuchten. Als sich ihre Blicke kreuzten, verharrte Kyrelia und sah darin ein Flammenmeer. Sichtlich benommen, ließ sie sich ungewollt in seine Arme fallen und verlor kurz darauf das Bewusstsein. Als Kyrelia wieder erwachte, fehlte von ihm jede Spur.
In unregelmäßigen Abständen trafen sich seit einiger Zeit die Herrscher der zwölf Staaten, was zur Folge hatte, dass untereinander keine Kriege mehr geführt wurden. Da demnächst wieder eine solche Zusammenkunft anstand und sie als Gastgeberin fungierte, sollte das Unterhaltungsprogramm dieses Mal auf gar keinen Fall zu kurz kommen, denn in ihrem Inneren ging jetzt die Saat eines perfiden Plans auf ...

Wochen waren bereits vergangen. Ausschließlich immer nur von einer Person wahrgenommen zu werden, ließ Minea und Seyma zwischenzeitlich selbst an der eigenen Existenz zweifeln. Andererseits konnten die beiden Jugendlichen somit eine konkurrenzlose Beobachterrolle einnehmen, was gleichzeitig so etwas wie Narrenfreiheit bedeutete. Zwar wurde täglich die Kleidung gewechselt, doch sobald der neue Stoff am Körper der Frauen getragen wurde, schien er sich für Außenstehende in Luft aufzulösen. Lediglich Ludo bekam nach wie vor alles mit.
In dieser Zeit waren sie durch unzählige Ortschaften gereist. Da sich die Bewohner ausnahmslos als sehr gastfreundlich erwiesen, war immer für Nahrung, Kleidung und Unterkunft gesorgt. Seine beiden Begleiterinnen profitierten ebenfalls, nur deren Outfits mussten anderweitig beschafft werden, vorzugsweise von wohlhabenden Bürgerinnen, denen der Verlust nicht wehtat.
„Du bist ja mittlerweile echt so eine Art Rockstar geworden!“
Seyma war über beide Ohren in ihn verliebt, hielt sich jedoch mit entsprechenden Signalen zurück.
Jeder Gedanke an Zuhause schmerzte sehr, aber sie waren halt nun einmal in dieser surrealen Welt gefangen und konnten nur darauf hoffen, irgendwann wieder in ihr altes Leben zurückkehren zu dürfen.
Die vergangene Nacht wurde bei einem jungen Ehepaar am Rande der Hauptstadt von Aurorien verbracht. Kurz nach Sonnenaufgang schlug jemand plötzlich mehrfach gegen die Tür der Dachkammer, wo Ludo und seine unsichtbaren Begleiterinnen gastierten.
„Du musst sofort fliehen! Sie sind hinter dir her!“
Im Halbschlaf öffnete er die Tür und sah in das Gesicht des Hausherrn.
„Ludo, die Königin hat angeordnet, dich lebendig gefangen nehmen zu lassen. Anscheinend ist ihr zu Ohren gekommen, dass du bei ihren Untertanen so gut ankommst und ihr in Sachen Aufmerksamkeit den Rang ablaufen könntest.“
Minea und Seyma drängten ihn förmlich zur Flucht. Sie ließen alles zurück, mit Ausnahme der am Körper getragenen Kleidung. Doch bereits zwei Straßen weiter lief Ludo in die Arme einer gut getarnten Einheit der königlichen Palastwache.

Zwischen den Gitterstäben hindurch drang Sonnenlicht in den Raum. Er saß in einer Ecke auf dem verdreckten Boden des Gefängnisses. Die beiden Frauen liefen vor ihm nervös auf und ab.
„Warum sind wir nicht da draußen geblieben, dann wärst du jetzt bestimmt schon wieder ein freier Mann?! Sobald die Tür wieder geöffnet wird …“
„Nicht ärgern, Minea. ICH habe euch schließlich das alles hier eingebrockt und sonst niemand.“
Derweil hatte sich ein schwarz gekleideter Mann zu ihm gesellt.
„Führst du etwa Selbstgespräche?“
Ludo erschrak, stand sofort auf und wendete sich angeekelt von dem Eindringling ab.
„Entschuldige bitte, ich habe mich ja noch gar nicht vorgestellt. Blaise ist mein Name ...“
Minea und Seyma hörten dem Mann gespannt zu, der zuerst als Nachrichtensprecher in Erscheinung getreten war und dann durch sein Eingreifen das Schicksal dieser Insel oder was es auch immer war nachhaltig beeinflusst hatte.
„Warum ausgerechnet ich?“
„Hey Ludo, jetzt sei mal nicht so undankbar … Wir brauchten jemand, der auch empfänglich für andere Realitäten ist, die manchmal gerne als Halluzinationen abgetan werden ... Bei der Aktion in der Familiengruft haben sich unsere Tricktechniker übrigens selbst übertroffen … Aber um dir zu antworten, manche Daten infrage kommender Personen werden förmlich auf dem silbernen Tablett serviert. Deine Wohngruppe sollte sich da mal besser professioneller schützen …“
Mittlerweile standen sich die beiden Männer direkt gegenüber.
„Um es kurz zu machen, wir haben dich betäubt und dann heimlich in unser Institut

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